Das Projekt "mach.werk" der Uni Oldenburg und FH Münster ist beendet. An der Zusatzqualifikation zum nachhaltigen Wirtschaften im Lebensmittelhandwerk haben auch Azubis der Biovollkornbäckerei cibaria teilgenommen. Zu ihren Projektideen gehörte unter anderem die Nutzung der App "Too Good To Go". Der Lehrgang soll künftig als Online- und Präsenzveranstaltung an der ADB Nord angeboten werden. (Foto: © Dmytro/123RF.com)

Zusatzqualifikation zum nachhaltigen Wirtschaften wird fortgeführt

Bildung

Die Zusatzqualifikation "mach.werk" wurde in Präsenz und online erprobt. Auszubildende der Biovollkornbäckerei cibaria haben an beiden Formaten des Projekts teilgenommen. Forschung und Handwerk ziehen eine Bilanz.

Das Lehrgangskonzept von "mach.werk" haben ein Team der Universität Oldenburg und der FH Münster entwickelt, erprobt und wissenschaftlich evaluiert. Ursprünglich war die 60-stündige Zusatzqualifikation zum nachhaltigen Wirtschaften im Lebensmittelhandwerk zur Durchführung in Präsenz angelegt.

Innerhalb von rund zwei Monaten sollten die Auszubildenden einmal die Woche von 9 bis 17 Uhr an der jeweiligen Hochschule unterrichtet werden. In Oldenburg konnte der erste Durchlauf im September 2020 noch beendet werden. In Münster wurde aufgrund des Lockdowns vorerst unterbrochen und zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt. Danach mussten die Forscherinnen corona-bedingt umdisponieren. Im Mai 2021 wurde die Zusatzqualifikation als Online-Format erneut angeboten.

Online-Format: Pro und Contra

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"Ich habe während meiner eigenen Ausbildung viel gelernt und durfte viel ausprobieren. Dies wollten wir auch unseren Auszubildenden aus der Backstube und aus dem Verkauf ermöglichen", begründet Bäckermeisterin Ute Kaulitz die Teilnahme der Biovollkornbäckerei cibaria. Zwei Auszubildende haben 2020 den Präsenzkurs in Münster belegt. Eine weitere Auszubildende ist online eingestiegen – die angehende Bäckereifachverkäuferin Franziska Höggemann.

"Meike und Sabine haben die Online-Sitzungen sehr gut vorbereitet, sie waren immer zu erreichen und hatten immer ein offenes Ohr für unsere Ideen", lobt die Auszubildende im dritten Lehrjahr die Dozentinnen Meike Panschar und Sabine Scholle. Mit dem kursbegleitenden Arbeitsheft habe sie sich dagegen schwergetan. Einige Fragen seien so kompliziert formuliert worden, dass auch Ausbilderin Lisa Hagen ihr nicht weiterhelfen konnte.

Anspruchsvolles Lehrbuch

Die Kritik nimmt Meike Panschar an. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Uni Oldenburg hat das Forschungsprojekt "mach.werk" von Anfang an betreut und beide Formate als Dozentin begleitet. "Die Inhalte aus dem 'machbook' selbstständig neben Ausbildung und Berufsschule zu erarbeiten, war schon eine ziemliche Herausforderung."

Am Online-Format schätzt sie, dass Auszubildende aus ganz Deutschland an der Zusatzqualifikation teilnehmen konnten. Als Manko sieht sie hingegen die fehlende Nähe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. "Beim persönlichen Austausch vor Ort haben sich lebhaftere Diskussionen als online entwickelt. Dabei sind ganz viele Ideen entstanden."

Willensstärke zahlt sich aus

Die räumliche Distanz hat sich auch negativ auf die Beteiligung ausgewirkt. "Online haben acht von 16 Auszubildenden die Zusatzqualifikation beendet und erfolgreich abgeschlossen", resümiert Sabine Scholle, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Berufliche Lehrerbildung der FH Münster. In den Präsenz-Durchläufen habe es dagegen nur vereinzelt Abbrüche gegeben. "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von 'mach.werk online' mussten selbstständiger und strukturierter arbeiten. Bis zum Schluss sind diejenigen geblieben, die den Abschluss auch wirklich wollten", sagt Meike Panschar.

Projektideen der Azubis

Als Abschlussprüfung mussten die Auszubildenden beider Formate eine Projektidee entwickeln, die in ihrem Ausbildungsbetrieb später idealerweise umgesetzt wird.

Stoffbeutel ersetzen Papiertüten

Die Wahl von Franziska Höggemann ist auf das Thema Verpackungen gefallen. Sie bedauert, dass im Verkauf sehr viele Papiertüten verwendet werden. Ihre Projektidee: Die Papiertüten sollen durch Stoffbeutel ersetzt werden, der Prototyp hierfür existierte bereits. "Ich habe entsprechende Werbemaßnahmen und Aktionen entwickelt, mit dem der Stoffbeutel für Kunden attraktiver wird, ihr Brot und ihre Brötchen zu transportieren und zu Hause aufzubewahren", erklärt die Auszubildende zur Bäckerei-Fachverkäuferin im dritten Lehrjahr. So soll auf den einmaligen Gebrauch von Papiertüten verzichtet werden. Die Umsetzung ihrer Projektidee steht noch aus.

App "Too Good To Go" nutzen

Ihre Kollegin Hannah Bohnenkamp ist schon einen Schritt weiter. Die Teilnehmerin des Präsenz-Lehrgangs hat angeregt, dass die Biovollkornbäckerei cibaria die App "Too Good To Go" nutzt. Dabei geben Betriebe unverkaufte Lebensmittel für kleines Geld in einer Überraschungstüte ab. "Das ist richtig gut eingeschlagen", hat Ausbilderin Lisa Hagen beobachtet. "Sobald wir die Überraschungstüten einstellen, sind sie auch schon weg!" Die Projektidee bringt für sie gleich zwei Vorteile mit sich: Die Reste aus dem Verkauf finden einen Abnehmer und neue Kunden werden auf cibaria aufmerksam. Ihr Fazit: "Nachhaltigkeit und gute Werbung – was will man mehr?!".

Alternative zu Plastikverpackungen

Die Projektidee von Marcel Horlacher ist ebenfalls schon umgesetzt worden. Gemeinsam mit Ausbilderin Ute Kaulitz hat er nach einer umweltfreundlichen Alternative zu Plastikverpackungen gesucht. "Wir sind auf kompostierbare Zellglasbeutel gestoßen und haben damit experimentiert", so die Bäckermeisterin. Darin sollten Lebkuchen und Cracker abgepackt werden. "Bei den Crackern hat es leider nicht funktioniert, weil durch die Zellglasbeutel zu viel Feuchtigkeit verloren ging und die Cracker nicht mehr knusprig waren." Für einzeln verpackte Lebkuchen und Hexenhäuser hat sich die Projektidee dagegen als praktikable Lösung erwiesen.

Marcel Horlacher ist mit seiner Ausbildung zum Konditor inzwischen fertig und arbeitet bei cibaria als Geselle. "Sollten wir uns wieder mit dem Thema Verpackungen beschäftigen, können wir sein Know-how nutzen", freut sich Ute Kaulitz.

Zukunft von "mach.werk"

Die Forschungsarbeit ist beendet. "Aber mit mach.werk geht es weiter", kündigt Meike Panschar an. Die Akademie Deutsches Bäckerhandwerk Nord (ADB Nord) wolle die Zusatzqualifikation in ihr Seminarprogramm aufnehmen. Pro Jahr seien von "mach.werk" vier Online-Durchführungen und zwei Durchführungen in Präsenz an den Standorten der ADB Nord in Hamburg und Hannover geplant.

Darüber hinaus könnten die Inhalte der Zusatzqualifikation sich künftig auch in den Ausbildungsordnungen der Konditoren und Bäcker wiederfinden. "Das ist aber noch nicht spruchreif", erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Oldenburg.

Projekt "mach.werk" Auf handwerksblatt.de haben wir in den Online-Artikeln "Azubis werden zu Experten für nachhaltiges Wirtschaften" und "Zusatzqualifikation mach.werk nun auch als bundesweites Online-Format" ausführlich über das Projekt "mach.werk" berichtet. 

Ausbildung im Umbruch

Wie es bei der Biovollkornbäckerei cibaria mit "mach.werk" weitergeht, ist noch offen. Die Ausbildung der Fachverkäuferinnen und Fachverkäufer befindet sich im Umbruch. "Inzwischen sind wir auf sehr vielen Wochenmärkten vertreten. Darauf muss sich unser Ausbildungsteam erst einstellen", erklärt Lisa Hagen. Ihre Kollegin aus der Produktion würde die Zusatzqualifikation gerne weiterhin ermöglichen.

Zusatzqualifikation eher online

Ute Kaulitz tendiert dabei zurzeit jedoch eher zum Online- als zum Präsenzformat. "Wir können unsere Auszubildenden nicht für eine Fortbildung in Hamburg oder Hannover freistellen", begründet die Ausbildungsverantwortliche der Bäcker und Konditoren. Zumal die Personaldecke im Verkauf und in der Backstube momentan sehr dünn sei. "Wir müssen schauen, wie die Teilnahme der Azubis an der Zusatzqualifikation künftig in die betrieblichen Abläufe passt."

Azubis vollwertige Teammitglieder

Von der Grundidee der Zusatzqualifikation ist Ute Kaulitz überzeugt. Ausbildung bedeutet für sie mehr als die reine Vermittlung von Wissen. Arbeit müsse auch sinnstiftend sein. Vom Austausch mit den Auszubildenden und ihren gemeinsamen Begehungen der Backstube auf der Suche nach Projektideen habe sie selbst viel gelernt. "Junge Menschen haben eigene Ideen, wie es mit der Umwelt und ihrer Zukunft weitergeht. Die sollen sie bei uns als vollwertige Mitglieder des Teams einbringen können."

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Text: / handwerksblatt.de

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