Die Pädagogin Uljana Bauer ist stellvertretende Leiterin des Bildungszentrums Schweinfurt der Handwerkskammer für Unterfranken

Die Pädagogin Uljana Bauer ist stellvertretende Leiterin des Bildungszentrums Schweinfurt der Handwerkskammer für Unterfranken (Foto: © Isabel Heine Fotografie)

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"Mir ist aufgefallen, dass es dir nicht gut geht"

Psychische Belastungen wie Depressionen, Ängste oder Auswirkungen von ADHS beeinflussen den Ausbildungsalltag vieler junger Menschen und stellen auch Ausbildungsbetriebe vor neue Herausforderungen.

Wie lassen sich Warnsignale erkennen? Wie gelingt ein sensibles Gespräch? Und welche Unterstützungsmöglichkeiten können Betriebe überhaupt leisten? Darüber sprach die Pädagogin Uljana Bauer, stellvertretende Leiterin des Bildungszentrums Schweinfurt der Handwerkskammer für Unterfranken, auf der Ausbilderkonferenz 2026 im HBZ Münster. Sie beschäftigt sich mit psychischen Einschränkungen und Neurodivergenz bei Auszubildenden und hat einen Lehrgang für Ausbilder entwickelt.

DHB: Welche psychischen Einschränkungen begegnen Ihnen bei Auszubildenden derzeit besonders häufig?
Bauer:
Besonders häufig sind Depressionen und Ängste, etwa Prüfungsängste oder soziale Ängste. Daneben spielen auch ADHS, Autismus oder andere Formen von Neurodivergenz eine Rolle. Dabei ist wichtig: Neurodivergente Menschen bringen nicht nur Einschränkungen mit, sondern oft auch besondere Stärken, zum Beispiel Kreativität oder eine andere Art, Probleme zu lösen.

DHB: Woran können Ausbilder erkennen, dass ein Auszubildender psychisch belastet ist?
Bauer:
Das hängt stark davon ab, welche Beziehung man zum Auszubildenden hat. Viele Betroffene können ihre Belastung gut verbergen. Wenn aber eine gute Basis besteht und Ausbilder sensibel sind, können Veränderungen auffallen: plötzlicher Rückzug, Isolation, Leistungsabfall oder ungewohntes Verhalten. Bei einer guten Beziehung öffnet sich ein Auszubildender eher.

DHB: Welche Veränderungen im Verhalten sollten Betriebe besonders ernst nehmen?
Bauer:
Sehr ernst nehmen sollte man Aussagen wie: "Mein Leben ist nicht mehr lebenswert", "Ich mach Schluss mit allem" oder "Wir sehen uns nicht mehr." Diese Wortwahl in Kombination mit verändertem Verhalten oder vielleicht sogar mit einer bekannten Depression kann ein Hinweis auf Suizidgedanken sein. Dann sollte man nicht wegsehen, sondern ins Gespräch gehen und sich Unterstützung holen. Entscheidend ist, dass Ausbildende, Personalverantwortliche und auch Kollegen sich trauen, auf solche Signale zu reagieren.

DHB: Wie unterscheiden sich normale Ausbildungsschwierigkeiten von psychischen Problemen?
Bauer:
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt keine einfache Checkliste. Leistungsabfall, Demotivation oder Konzentrationsprobleme können viele Ursachen haben – etwa private Belastungen, ADHS, Ängste oder auch andere Lernschwierigkeiten. Deshalb ist das Gespräch so wichtig. Ausbildende sollten Sicherheit geben und signalisieren: Wir schauen gemeinsam, was los ist.

DHB: Wie gelingt ein sensibler Gesprächseinstieg?
Bauer:
Hilfreich sind klare Ich-Botschaften: "Mir ist aufgefallen, dass …", "Ich habe das Gefühl, dass es dir gerade nicht gut geht." Danach sollte man Raum geben, Zeit lassen und fragen: "Wie siehst du das?" Wichtig ist, offen zu sprechen, ohne zu drängen.

DHB: Was sollten Ausbilder im Umgang mit psychisch belasteten Auszubildenden vermeiden?
Bauer:
Nicht hilfreich sind Bagatellisierungen oder vorschnelle Ratschläge wie: "Morgen sieht die Welt schon besser aus", "Andere haben das auch geschafft" oder "Reiß dich einfach zusammen". Solche Sätze geben dem Gegenüber das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden.

DHB: Wie können Ausbilder sensibel reagieren, ohne zu bevormunden?
Bauer:
Zunächst sollten sie sich selbst reflektieren: Kann ich dieses Gespräch offen führen? Habe ich Verständnis für das Thema? Wenn nicht, ist es in Ordnung, sich Unterstützung im Team zu holen. In vielen Betrieben gibt es Menschen, die dafür ein gutes Gespür haben. Wichtig ist, das Thema nicht zu ignorieren, nur weil es unangenehm oder mit Unsicherheit verbunden ist.

DHB: Was können Betriebe ganz praktisch tun?
Bauer:
Hilfreich sind feste "Check-in-Zeiten" als Start in den Tag oder die Woche: regelmäßige Gespräche mit der Ausbilderin oder dem Ausbilder oder Führungskräften, in denen besprochen wird, wie es dem Auszubildenden geht und welche Aufgaben anstehen. Solche Termine können auch als "Check-outs" vor Prüfungen, nach belastenden Phasen oder vor den Ferien sinnvoll sein. Wichtig ist Verlässlichkeit, um psychologische Sicherheit zu schaffen.

DHB: Wie wichtig sind feste Ansprechpartner?
Bauer:
Sehr wichtig. Auszubildende sollten wissen, an wen sie sich wenden können. Noch besser ist es, wenn Betriebe vorher klären: Wer im Team kann solche Gespräche gut führen? Wer kennt externe Beratungsstellen? So ist man vorbereitet, wenn eine schwierige Situation entsteht.

DHB: Welche Rolle spielen Struktur, Verlässlichkeit und klare Kommunikation?
Bauer:
Eine sehr große. Gerade psychisch belastete Auszubildende profitieren von klaren Absprachen, regelmäßigen Rückmeldungen und verlässlichen Strukturen. Wichtige Dinge nicht zwischen Tür und Angel im Flur besprechen. Das wirkt oft oberflächlich. Besser sind feste Gesprächszeiten mit Ruhe.

DHB: Wie können Berufsschule, Betrieb und Eltern besser zusammenarbeiten?
Bauer:
Wichtig ist das Verständnis, dass der Betrieb nur eine Ebene von mehreren ist. Auch Berufsschule und Eltern spielen eine Rolle. Es hilft nicht, wenn jeder sagt: "Dafür bin ich nicht zuständig." Wenn jeder seinen Beitrag leistet und transparent kommuniziert, kann viel erreicht werden.

DHB: Wann sollten Betriebe externe Hilfe suchen?
Bauer:
Wenn die Belastung deutlich wird, wenn es um Suizidalität geht oder wenn die Ausbildung gefährdet ist. Dann sollten Betriebe nicht allein bleiben. Sie können Beratungsstellen, die Berufsschule oder auch die Ausbildungsberatung der Handwerkskammer einbeziehen. Wichtig ist, frühzeitig in Kommunikation zu gehen. Im Notfall bitte die 112 wählen.

DHB: Wie können Teams sensibilisiert werden?
Bauer:
Betriebe sollten sich rechtzeitig mit dem Thema beschäftigen – nicht erst im Krisenfall. Man kann das mit einem Erste-Hilfe-Kurs vergleichen: Man hofft, ihn nicht zu brauchen, aber wenn etwas passiert, ist man vorbereitet. Psychische Belastungen sollten kein Tabuthema sein.

DHB: Welche Bedeutung hat Wertschätzung für psychisch belastete Auszubildende?
Bauer:
Wertschätzung ist zentral. Viele Betroffene brauchen das Gefühl, als Mensch gesehen zu werden – nicht nur über Leistung bewertet zu werden. Das bedeutet nicht, alle Anforderungen fallen zu lassen. Aber es bedeutet, klar, respektvoll und unterstützend zu kommunizieren.

DHB: Welche Botschaft möchten Sie mitgeben?
Bauer:
Ich möchte Betriebe ermutigen, sich mit psychischen Einschränkungen und Neurodivergenz frühzeitig und im gesamten Team auseinanderzusetzen. Es geht nicht darum, dass Ausbildende Therapeuten werden. Aber sie können aufmerksam sein, Gespräche ermöglichen, Unterstützung kennen und einen Rahmen schaffen, in dem junge Menschen ihre Ausbildung besser bewältigen können.

 

Hintergrund: LehrgangHintergrund Zum Lehrgang "PsychE – Psychische Einschränkungen bei Teilnehmenden" der HWK für Unterfranken geht es hier entlang.

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Text: / handwerksblatt.de

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