"Vertrauen kennt keine Grenze"
Wer mit dem Gedanken spielt, in den Niederlanden Geschäftskontakte zu knüpfen, muss nicht sofort exportieren oder eine Niederlassung gründen. Oft reicht der erste Schritt: zuhören, lernen, begegnen.
Servaas van der Avoort ist gebürtiger Niederländer, hat in den Niederlanden und in Deutschland Rechtswissenschaften studiert und beidseits der Grenze gearbeitet. Der Jurist lebt mittlerweile im Münsterland, ist Abteilungsleiter der Handwerkskammer und Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Gesellschaft mit gleicher Adresse.
DHB: Herr van der Avoort, was raten Sie Betrieben, die erst einmal in die Niederlande reinschnuppern wollen – ohne sofort grenzüberschreitend tätig zu werden??
van der Avoort: Jeder Betrieb, der ins Ausland gehen will, sollte sich erst mal mit Sprache, Kultur und Gepflogenheiten beschäftigen. Das ist ganz wichtig. Man muss die Sprache nicht perfekt können, darum geht es nicht. Aber Höflichkeit, Gesten, dieses Sig-nal: Ich gebe mir Mühe. Das wird gesehen. Grundkenntnisse, ja, die kann man sich aneignen, zum Beispiel an der Volkshochschule. Es geht vor allem darum, die Berührungsangst zu verlieren. Kontakte außerhalb der eigenen Umgebung zu suchen. Wer interkulturell unterwegs ist, lernt solche Dinge ganz automatisch. Viele gehen mit einer bestimmten Erwartungshaltung ran. Niederländer sprechen ja Deutsch, denken viele Deutsche, also passen die sich schon an. Umgekehrt gibt es auch Klischees: große Autos, protziges Auftreten. Das kommt nicht gut an. Man sollte wissen: Wie ticken die Niederländer? Wo muss man vorsichtig sein? Welche Themen lieber nicht gleich am Anfang? Und warum reagiert jemand so und nicht anders? Das lernt man nicht aus dem Lehrbuch, das merkt man nur im Kontakt.
DHB: Wo zeigen sich aus Ihrer Sicht die größten kulturellen Unterschiede?
van der Avoort: Kulturunterschiede kann man eigentlich nicht pauschal festmachen, die zeigen sich im Umgang. In den Niederlanden wird man schnell geduzt, man stellt sich mit Vornamen vor. Das ist nichts Persönliches, hat nichts mit Freundschaft zu tun, das ist einfach so, der angloamerikanische Einfluss. Für Deutsche war das lange ungewohnt, die sind eher formell. Im Geschäftlichen ist es ähnlich. Deutsche bestehen stärker auf Vorschriften, auf Regeln. Niederländer sind pragmatischer. Die Niederlande waren immer weltoffener, ein kleines Land, eine Handelsnation. Man musste schon immer über den Tellerrand schauen, sonst konnte man gar nicht erfolgreich sein. Fremdsprachen gehören dazu. Deutsch wird heute weniger vermittelt, man konzentriert sich mehr auf Englisch oder Spanisch. Trotzdem bleiben die Nachbarländer wichtige Wirtschaftspartner. Und natürlich ist es immer schöner, wenn man sich auch in der jeweiligen Sprache begegnet.
DHB: Gibt es typische Situationen, in denen es leicht zu Missverständnissen kommt?
van der Avoort: Ja, zum Beispiel bei der Geschäftsanbahnung. Ein deutscher Unternehmer kommt mit einer großen Mercedes-S-Klasse in die Niederlande, parkt direkt vor der Tür. Das erzeugt sofort eine gewisse Stimmung. So nach dem Motto: Ich zücke jetzt mein Portemonnaie und kaufe den Laden. Darauf legen die Niederländer keinen Wert. Wichtig ist erst mal: Wie geht man miteinander um? Erst mal einen Kaffee, ein bisschen Smalltalk. Über Gott und die Welt reden, über das Wetter, über den Urlaub auf Ameland, Smalltalk betreiben. Niederländer sagen dazu »Over koetjes en kalfjes praten« (»Über Kühe und Kälber reden«). Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. »Zeit ist Geld« – das gilt so nicht. Das braucht eine Weile.
DHB: Welche Rolle spielt dabei die Deutsch-Niederländische Gesellschaft Münster?
van der Avoort: Die Gesellschaft ist nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergegründet worden. In den 1930er-Jahren gab es eine vergleichbare Vereinigung, die sich aber kriegsbedingt aufgelöst hatte. In der Nachkriegszeit wollten viele wieder grenzüberschreitenden Kontakt, gerade im Münsterland. 1949 gab es eine deutsch-niederländische Juristenkonferenz, 1951 wurde die Gesellschaft als Verein gegründet – mit Unterstützung der Stadt Münster und der Wirtschaftskammern. Es ging darum, Vertrauen aufzubauen. Vielen Kaufleuten, Unternehmern aus der Textilbranche, Familienunternehmen beiderseits der Grenze war das ein Anliegen. Die Gesellschaft bietet keine Wirtschaftsförderung, keine Beratung an. Das ist nicht unsere Aufgabe. In der Satzung steht Völkerverständigung und Kultur. Die Idee ist: Wenn sich Menschen privat kennen, wenn sie sich austauschen und verstehen, dann entsteht Vertrauen. Und das ist die Grundlage für alles Weitere. Auch für wirtschaftliche Beziehungen.
DHB: Was erleben Unternehmer bei den Veranstaltungen der Gesellschaft?
van der Avoort: Viele merken erst hier, wie unterschiedlich die Nachbarländer sind. Man denkt ja: Die alten Währungen Mark und Gulden waren etwa gleichwertig, alles liegt nah beieinander. Aber schon beim Grenzübertritt sieht man Unterschiede, wie Häuser gebaut sind, wie sie eingerichtet sind und so weiter. Unsere Gesellschaft bietet Vorträge, Konzerte, Museumsbesuche, Lesungen. Ziel ist immer: Menschen zusammenbringen. Seit ein paar Jahren gibt es auch Tagesfahrten, bewusst nicht in die großen Städte, sondern in die Region. »Wo kommst du her?« – das ist die Idee. Jeder kann zeigen, wo er verwurzelt ist. Die Veranstaltungen finden im Wechsel in Deutschland und in den Niederlanden statt. Der fünfköpfige Vorstand ist binational besetzt, der Vorsitz wechselt. Das ist uns wichtig, dass beide Seiten gleich vertreten sind.
DHB: Warum sind persönliche Begegnungen für die deutsch-niederländischen Beziehungen so wichtig?
van der Avoort: Weil man nur so von Klischees wegkommt. Niederländer essen Käse, Deutsche trinken Bier – das ist zu einfach, das ist zu flach. Wenn man sich kennt, wenn man sich begegnet, dann entsteht Vertrauen. Vertrauen kennt keine Grenze. Und unter Freunden macht man keinen Unsinn. Deshalb ist es wichtig, dass auch jüngere Menschen dazukommen, dass mehr niederländische Mitglieder dabei sind. Im Moment haben wir rund 230 Mitglieder, die Zahl ist stabil. Aber für die Zukunft braucht es Nachwuchs.
Hintergrund: Deutsch-Niederländische Gesellschaft e.V. Hintergrund Hier geht es zur Online-Präsenz der Deutsch-Niederländischen Gesellschaft e.V.
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Text:
Handwerkskammer Münster /
handwerksblatt.de
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