Auf dieser Collage sind verschiedene Stationen aus dem Leben von Kammerpräsident Rudi Müller zu sehen.

Auf dieser Collage sind verschiedene Stationen aus dem Leben von Kammerpräsident Rudi Müller zu sehen. (Foto: © Collage: HWK Trier)

"Man muss immer hungrig sein!"

Dialog mit Rudi Müller zum 70. Geburtstag: War früher alles besser? Was führt zu Erfolg? Warum Ehrenamt? Einblicke in ein Leben voller Tatendrang

Rudi Müller wurde am 27. April 70 Jahre alt. Seit 1965 arbeitet er im Schreinerhandwerk. Lang ist auch die Liste seiner Ehrenämter. Der umtriebige Kammerpräsident ist ein Macher – über sein Handwerk und die Grenzen der Region hinaus.

Herr Müller, Sie sind seit mehr als 50 Jahren Schreiner. War früher alles besser?
Müller:
Früher war man mit den Kollegen und Kunden intensiver verbunden. Heute ist alles viel schnelllebiger geworden, und die psychischen Herausforderungen sind gestiegen. Hinzu kommt, dass die Kunden anspruchsvoller sind. Sie haben mehr Auswahl, nicht zuletzt durch industriell hergestellte Produkte. Umso wichtiger ist es, unter Kollegen und mit Kunden im Gespräch zu bleiben. Zudem hat sich das Handwerk geändert, etwa durch die Digitalisierung. Die körperliche Belastung ist geringer als früher. Nach wie vor bin ich mit Leib und Seele Schreiner. Wir haben so vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten, und Holz ist ein ganz besonderer Werkstoff.

Als dritte Generation im Familienbetrieb haben Sie schon in den 70er Jahren auf biologische Schreinerei umgesattelt. Wie kam es dazu?
Müller:
Als junger Meister wollte ich eigene Ideen einbringen, eine besondere Firmenphilosophie und ein Alleinstellungsmerkmal. Ökologische Themen steckten damals noch in den Kinderschuhen. So musste ich als Jüngster im Betrieb erst noch Überzeugungsarbeit leisten. Die HWK-Betriebsberater und meine Frau haben mich in der neuen Ausrichtung bestärkt und unterstützt. Mit Erfolg: 1997 waren wir der erste registrierte Öko-Audit-Betrieb im rheinland-pfälzischen Schreinerhandwerk. Ein Jahr später wurden wir mit dem Umweltpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet.

Ob im Junghandwerk, in der Innung, der Kreishandwerkerschaft oder im HWK-Präsidium: Was hat Sie dazu bewogen, sich ehrenamtlich im Handwerk zu engagieren?
Müller:
Für meine Ideen und Gedanken brauchte ich als junger Unternehmer erfahrene Ansprechpartner. Die fand ich dann im Trierer Junghandwerk. Dort habe ich nicht nur vom fachlichen Austausch profitiert, sondern auch von der Kollegialität. Auch die Zusammenarbeit unter den Handwerksorganisationen ist fruchtbarer, als wenn jede nur ihr eigenes Süppchen kocht. Vieles lässt sich bewegen und verändern, indem man die Interessen Gleichgesinnter bündelt und gemeinsam an einem Strang zieht! Es ist wichtig, am Puls der Zeit zu bleiben und neue Entwicklungen voranzutreiben. Denn wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Fortschritte und Erfolge zu erzielen – das ist der Motor, der mich antreibt.

Ehrenamtlich im Einsatz sind Sie auch als Präsident des Interregionalen Rats der Handwerkskammern. Warum ist Ihnen der Zusammenhalt in der Großregion ein besonderes Anliegen?
Müller:
Grenzkontrollen zu unseren Nachbarn waren früher an der Tagesordnung. Hier wurde viel bewegt! Mit den Schlagbäumen ist so manch andere Hürde gefallen. Die Freizügigkeit in Europa eröffnet uns viele Chancen. Und die sollten wir nutzen, gerade auch im Handwerk! Herausforderungen wie etwa Klimaziele, Bürokratie oder Digitalisierung lassen sich gemeinsam besser anpacken. Die große Politik hat die kleinen und mittleren Betriebe zu wenig auf dem Schirm. Sie muss stärker auf deren Bedürfnisse eingehen. Wir müssen die Großregion mehr im Bewusstsein politischer Entscheider verankern. Auch hier ist schon viel erreicht worden: Im Handwerk der Großregion ist das gelebte Miteinander längst Realität. Aus Nachbarn sind Freunde geworden.

Wie gelingt es, im Handwerk auf Dauer erfolgreich zu sein? Was raten Sie dem Nachwuchs?
Müller:
Ob selbstständig oder angestellt: Ich muss mich für meine Arbeit, den Betrieb und die Kunden begeistern. Erfolg zu haben, bedeutet auch, ihn laufend zu suchen und interessiert zu bleiben, am Ball zu bleiben, sich lebenslang weiterzubilden. Man muss Augen und Ohren offenhalten, positive Dinge aufgreifen und sie noch verbessern. Wichtig ist, dass man stolz auf seine Arbeit und seinen Beruf ist und immer mit seinen Kollegen in Kontakt ist. Wer im Handwerk langfristig Erfolg haben will, muss Interesse, Leidenschaft und Hingabe entwickeln. Man muss hungrig sein!

Betrieb, Familie, Netzwerkarbeit und zahlreiche Ehrenämter – finden Sie trotz des vollen Programms überhaupt noch Zeit für andere Dinge?
Müller:
Ja, ich reise sehr gerne und genieße es, der Natur nah zu sein, etwa auf ausgedehnten Trecking- oder Paddeltouren sowie längeren Segeltörns. Im Wald übernachten, morgens um vier Uhr die Sonne aufgehen sehen und einfach nur Mensch sein – da tanke ich wieder auf. Solche Auszeiten helfen mir, aus gewohnten Denkmustern auszubrechen. Grundbedürfnisse rücken wieder mehr ins Bewusstsein. Mit müden Knochen nach einer anstrengenden Etappe wird mir die Wertschätzung für einen warmen und trockenen Schlafplatz oder eine sättigende Mahlzeit bewusster als im Arbeitsalltag. Von solchen Touren kehre ich oft geerdet zurück. Allerdings sind die Grenzen meist fließend: So manche bei der Arbeit umgesetzte Idee habe ich von meinen Touren mitgebracht.

 

Stationen eines bewegten Lebens Kammerpräsident Rudi Müller Foto: © Foto BraitschKammerpräsident Rudi Müller Foto: © Foto BraitschAm 27. April 1951 wurde Rudi Müller in Trier geboren. In der obigen Collage sind unterschiedliche Stationen aus dem Leben des Kammerpräsidenten zu sehen. Das Einschulungsfoto zeigt ihn mit seiner Zwillingsschwester Marianne. Die beiden wuchsen mit den Geschwistern Margret und Gerhard auf. Seine Ausbildung zum Schreiner absolvierte Rudi Müller von 1965-68. Mitte der 70er Jahre bildete er sich in drei Semestern an der Fachschule für Schreiner und Holzgestaltung in Garmisch-Partenkirchen weiter. Den Meisterbrief erhielt er 1976. Vor der Übernahme des elterlichen Betriebs in dritter Generation studierte er am Institut für Baubiologie in Rosenheim. Das Foto bei der Marine entstand 1971. Der Seefahrt und dem Element Wasser ist der Schreinermeister bis heute treu geblieben – wenn auch im kleineren Rahmen als Freizeitsportler. Auf dem 2014 bei einem Segeltörn von London nach Brügge entstandenen Foto (o. r.) zieht das Handwerk an einem Strang. Das ist nicht nur im seemännischen Sinn zu verstehen. Vielmehr zieht sich dieses Anliegen, für das Rudi Müller seit 1984 auch in zahlreichen Ehrenämtern unermüdlich engagiert ist, symbolisch durch sein Leben. Das Bild zeigt von links Schreiner Winfried Feller, Zimmerer Herbert Tschickardt, Rudi Müller und den ehemaligen Kreishandwerksmeister (MEHR) Willi Ziewers. Weitere Herzensangelegenheit ist ihm die Qualität der Ausbildung. Die Fotos unten zeigen ihn als Ausbilder mit einem seiner damaligen Lehrlinge, Daniel Wilgers (Mitte), und einem Teilnehmer eines Auszubildungsprojekts in Ruanda, das der Verein Handwerk hilft e. V. unterstützt. Als einer der ersten im Schreinerhandwerk der Region produzierte Schreiner Müller umweltverträgliche Produkte. Unten links sind Teile einer Küche, die der Betrieb Anfang der 80er Jahre angefertigt hat, zu sehen.

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Text: / handwerksblatt.de

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