Berufsbildung nicht länger stiefmütterlich behandeln
Anlässlich der Bildungskonferenz von Arbeitgebern und Gewerkschaften fordert das Handwerk eine Stärkung der beruflichen Bildung. Auch sie sei wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum in Deutschland.
Bei ihrer gemeinsamen Bildungskonferenz setzen sich die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) für eine Verbesserung der Bildung in Deutschland ein. Ziel müsse es sein, die Zahl der jungen Menschen, die die Basiskompetenzen nicht erreichen, keinen Schulabschluss oder keinen Berufsabschluss haben, deutlich zu reduzieren. Der Staat müsse dafür mehr Geld in die Hand nehmen, um die Bildungsqualität zu erhöhen.
Jeder junge Mensch müsse die Chance auf eine erfolgreiche Bildungsbiografie, gesellschaftliche Teilhabe und einen guten Übergang in das Berufsleben haben. Bildungserfolg dürfe nicht von der sozialen Herkunft, dem Wohnort oder den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängen. Dafür brauche es im Bildungssystem klare Ziele, verbindliche Verantwortlichkeiten, qualifizierte Fachkräfte, wirksame Maßnahmen sowie konsequentes Nachhalten und Nachsteuern. Bildungsqualität und Chancengleichheit müssten dringend verbessert werden und Priorität haben.
Bildung als Wirtschaftsfaktor
"Wenn Arbeitgeber, Gewerkschaften und Forschung gemeinsam über Bildung sprechen, dann rücken sie die Erkenntnis in den Mittelpunkt, dass eine gute Bildung und Ausbildung nicht nur eine Frage individueller Chancen, sondern ein wesentlicher Faktor für Wachstum, Wertschöpfung und die Sicherung von Fachkräften in Deutschland ist", sagt Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, anlässlich der Konferenz. "Wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum beginnen in der Schule und setzen sich in der beruflichen Bildung fort."
Lesen, Schreiben und Rechnen seien die Grundlage für eine erfolgreiche Ausbildung. Berufliches Können könne daraus jedoch erst dann entstehen, wenn Ausbildungsbetriebe, moderne Bildungsstätten und eine leistungsfähige überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) zusammenspielen. Dittrich: "Gerade für die vielen kleinen und mittleren Betriebe im Handwerk ist die ÜLU unverzichtbar. Sie vermittelt Ausbildungsinhalte und Fertigkeiten, die einzelne Betriebe allein nicht abdecken können. Dafür braucht es eine auskömmliche und verlässliche Finanzierung."
Infrastruktur nicht auf Verschleiß fahren
Auch die Bildungsstätten müssten mit der technischen Entwicklung Schritt halten. "Wer Fachkräfte für eine sich wandelnde Wirtschaft ausbilden will, kann die dafür notwendige Infrastruktur nicht dauerhaft auf Verschleiß fahren. Berufliche Bildung darf deshalb nicht länger stiefmütterlich behandelt werden. Sie muss als wesentlicher Teil der Bildungs- und vor allem auch der Wirtschaftspolitik verstanden und entsprechend ausgestattet werden. Dazu gehört dann auch, erfolgreiche Instrumente zu sichern, statt sie zur Disposition zu stellen oder gar abzuschaffen", so Dittrich.
Ein Beispiel sei das Projekt "Passgenaue Besetzung". Es trage dazu bei, Ausbildungsplätze zu besetzen. "Wie kann es sein, dass ein solches Projekt, das sich bewährt hat, nun gestrichen werden soll? Wenn Bildung ein Wachstumsfaktor ist, muss auch dort investiert werden, wo aus schulischen Grundlagen berufliche Qualifikation und aus Qualifikation Fachkräfte werden. Das Handwerk bildet aus, qualifiziert und eröffnet berufliche Perspektiven. Dafür braucht es eine durchgängige Bildungskette, die von guten Schulen und früher Berufsorientierung über die Ausbildungsbetriebe bis hin zu einer leistungsfähigen und ausreichend finanzierten beruflichen Bildung reicht."
Zehn Forderungen von BDA und DGB
- Schulpflicht sichern, Demokratie stärken Bildung ist die Grundlage für individuelle Chancen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftliche Stärke. Eine starke Demokratie braucht Bürgerinnen und Bürger, die kritisch denken und verantwortungsbewusst handeln. Sie braucht ein Bildungssystem, das die Werte unserer freiheitlich-demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnung weitergibt und erfahrbar macht. Toleranz, Respekt, Vielfalt und Weltoffenheit sind wesentliche Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben und die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Bildungseinrichtungen sind Orte, an denen Kinder und Jugendliche gemeinsam lernen, unterschiedliche Lebenswelten kennenlernen, Werte vermittelt bekommen und ein offenes und respektvolles Miteinander einüben. Wer an der Schulpflicht rüttelt, der will, dass Kinder aus diesem gemeinsamen Bildungs- und Erfahrungsraum herausfallen. Die Sozialpartner sagen deutlich: Die allgemeine Schulpflicht ist unverzichtbar! Der Beschluss des Bundesrats zur Bekräftigung der Schulpflicht setzt hier ein klares positives Signal.
- Konsequent in Bildung investieren Bildung ist eine gemeinsame Investition in die Zukunft unseres Landes und muss dauerhaft ausreichend öffentlich finanziert werden. Bildungspolitik muss sich mehr als bisher an klaren Zielen orientieren, wissenschaftsbasiert handeln und die Wirkung ihrer Maßnahmen stärker reflektieren. Neben kurzfristig wirksamen Ansätzen braucht es endlich eine langfristige Strategie, verlässliche Prioritätensetzungen und eine bedarfsgerechte Ausstattung mit den notwendigen Ressourcen. Die von Bund und Ländern vereinbarte "Roadmap" für bessere Bildungsqualität und mehr Chancengleichheit muss weiter konkretisiert, mit verbindlichen Meilensteinen unterlegt und entschlossen umgesetzt werden. Das Erreichen der vereinbarten Ziele setzt eine Bildungssteuerung voraus, die Handlungsbedarfe frühzeitig erkennt, Fortschritte transparent macht und eine wirksame Ressourcensteuerung ermöglicht. Datenbasierte Erkenntnisse sollen Lehrkräfte und Schulen bei der individuellen Förderung wirksam unterstützen.
- Gemeinsam handeln Die Verbesserung der Bildungsqualität und die Förderung der Chancengleichheit erfordern ein gemeinsames Verständnis der zentralen bildungspolitischen Ziele sowie ein abgestimmtes Handeln der Länder untereinander und mit dem Bund. Angesichts der Größe der Herausforderungen gewinnen gemeinsame Vereinbarungen, verbindliche Absprachen und konsequentes Umsetzen an Wichtigkeit. Die Kommunen sind als zentrale Akteure und Träger der lokalen Bildungslandschaft eng einzubeziehen. Sozialpartner und Zivilgesellschaft sollten systematisch an der Entwicklung und Umsetzung bildungspolitischer Maßnahmen beteiligt werden. Gute Bildung gelingt, wo Verantwortung geteilt, Expertise zusammengeführt und gemeinsame Ziele konsequent verfolgt werden. Auch die Sozialpartnerschaft leistet einen wichtigen Beitrag dazu, Verantwortung zu übernehmen, Interessen auszugleichen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln.
- Bildungserfolg für alle ermöglichen Die Sicherung und Weiterentwicklung der Schulqualität müssen sich konsequent daran orientieren, dass alle Schülerinnen und Schüler die grundlegenden Kompetenzen erwerben, die sie für ihre persönliche Entwicklung, ihren weiteren Bildungsweg und das Berufsleben benötigen. Dazu gehören fachliche, soziale, demokratische und digitale Kompetenzen gleichermaßen. Besondere Aufmerksamkeit muss Kindern und Jugendlichen mit ungünstigen Startbedingungen gelten, deren Bedarfe frühzeitig erkannt und gezielt gefördert werden sollten. Eine datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung darf nicht bei der Analyse stehen bleiben, sondern muss positiv auf das Unterrichten und die Lernergebnisse wirken. Lehrkräfte müssen sich auf eine wirksame Unterstützung bei der individuellen Förderung aller Schülerinnen und Schüler verlassen können. Sie brauchen eine praxisnahe Ausbildung und mehr bedarfsorientierte Fortbildungen, die auch das geforderte gezieltere Umgehen mit Daten und das Lernen sowohl mit als auch über KI einschließen.
- KI-Kompetenzen verbindlich vermitteln Die dynamische Entwicklung von KI stellt das Bildungssystem und die Bildungspolitik vor neue Aufgaben. Ziel muss es sein, dass junge Menschen KI kompetent, verantwortungsvoll und kritisch nutzen können. KI bietet erhebliche Chancen für individualisiertes Lernen, die Unterstützung von Lehrenden und die Verbesserung von Bildungsprozessen. Die Bildungspolitik muss dafür jetzt die Voraussetzungen schaffen. Dazu zählen klare rechtliche Rahmenbedingungen, passende Lernangebote, die Qualifizierung des Personals und Investitionen in digitale Infrastrukturen. Der Digital Pakt 2.0 muss jetzt in den Ländern zügig umgesetzt werden, damit Schulen die nötigen Mittel und Unterstützungen erhalten. Für den Umgang mit KI sind in neuem Maße Schlüsselkompetenzen gefordert. Kritisches Denken, Teamfähigkeit, Kreativität, Eigen- und Mitverantwortung gilt es zu entwickeln und entlang der Bildungskette – in den Curricula wie in der Praxis – auszubauen. Der Einsatz von KI muss immer an pädagogischen Kriterien ausgerichtet werden. Digitale Lernumgebungen und KI können unterstützen, echte pädagogische Fach- und Lehrkräfte aber nicht ersetzen.
- Kein Kind ohne gute frühe Bildung Frühkindliche Bildung legt den Grundstein für den weiteren Bildungs- und Entwicklungsweg. Kindertageseinrichtungen sind heute neben der Familie der wichtigste Bildungsort. Sie leisten einen entscheidenden Beitrag zu individueller Förderung, sozialem Lernen, Sprachbildung und Chancengleichheit. Auch wenn der Betreuungsbedarf in einzelnen Regionen demografisch bedingt zurückgeht, besteht insgesamt weiterhin ein hoher Bedarf an Kitaplätzen. Der weitere Ausbau der Kindertagesbetreuung und die Sicherung der Qualität müssen daher prioritäre Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen sein. Kinder, die bisher nicht von früher Bildung in einer Kita profitieren können, müssen gezielter als bisher erreicht werden. Dafür gilt es bestehende Zugangshürden abzubauen und allen Familien einen niedrigschwelligen Zugang zu qualitativ hochwertigen Angeboten der frühen Bildung zu ermöglichen.
- Ganztag mit Qualität umsetzen Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder ist ein wichtiger Schritt für mehr Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Damit aus dem Rechtsanspruch flächendeckend ein verlässliches und qualitativ hochwertiges Angebot wird, sind weitere Anstrengungen von Kommunen, Ländern und Bund erforderlich. Neben dem bedarfsgerechten Ausbau muss der Fokus auf der Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität liegen. Dazu braucht es einen gemeinsamen Qualitätsrahmen, tragfähige pädagogische Konzepte und ausreichende Fachkräfte. Ganztagsangebote eröffnen zusätzliche Chancen für individuelles Lernen, Förderung, Teilhabe und soziale Entwicklung. Im Ganztag sind kulturelle, sportliche und kreative Bildungsangebote wie auch erste Begegnungen mit Berufen gut integrierbar. Die Einbindung des Sozialraums (wie Verbände, Betriebe, Ehrenamt) bildet eine sinnvolle Ergänzung des schulischen Angebots.
- Fachkräfte gewinnen, Bildung sichern Der Mangel an Fach- und Lehrkräften im Bildungssystem beeinträchtigt zunehmend die Bildungsangebote und die Bildungsqualität. Um Personal zu gewinnen, zu qualifizieren und zu halten, braucht es attraktive Arbeitsbedingungen, gute Entwicklungs- und Aufstiegsperspektiven sowie eine längerfristig angelegte Personalstrategie. Gleichzeitig sind wirksame Maßnahmen zur Entlastung der pädagogischen Fachkräfte und der Lehrkräfte erforderlich, damit mehr Zeit für die unmittelbare Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gewährleistet ist. Multiprofessionelle Teams als Bestandteil der Qualitätsentwicklung sind auszubauen. Sie sind wichtige Ansprechpersonen für Kinder und Jugendliche und unterstützen ihr Lernen und ihre Gesundheit. Ein förderliches Lernsetting ist für die Nachhaltigkeit des Lernens und die Leistungsbereitschaft unabdingbar.
- Berufliche Orientierung muss Standard werden Junge Menschen sollen ihren beruflichen Weg selbstbewusst und informiert gestalten können. Dafür braucht es eine frühzeitige, systematische und stärkenfokussierte berufliche Orientierung, die Perspektiven eröffnet und klischeefreie Entscheidungen ermöglicht. Die Schule hat die Aufgabe, junge Menschen dabei zu unterstützen, ihre Stärken und Interessen zu entdecken und auszubauen, fundierte Vorstellungen von Berufen und Bildungswegen zu entwickeln sowie eigene Zukunftspläne zu schmieden. Praxiserfahrungen – vor allem in Betrieben – sowie die enge Zusammenarbeit von Schulen mit Unternehmen, Sozialpartnern, Berufsberatung und weiteren regionalen Partnern sind dafür unverzichtbar. Jugendberufsagenturen und vergleichbare Strukturen müssen gestärkt werden und junge Menschen nach dem Verlassen der allgemeinbildenden Schule ohne Anschlussperspektive aktiv ansprechen und begleiten, wenn möglich bis zum Ausbildungsabschluss. Auch die Sozialpartner leisten hierzu mit ihrem Engagement einen wichtigen Beitrag.
- Berufliche Schulen fit für die Zukunft machen Berufliche Schulen sind unverzichtbarer Partner der dualen Ausbildung und Orte der Berufsvorbereitung, des Nachholens von allgemeinen Schulabschlüssen sowie der schulischen Ausund Weiterbildung. Sie tragen zur Fachkräftesicherung und zur beruflichen und persönlichen Entwicklung junger Menschen bei. Sie vermitteln Kompetenzen, die für ein erfolgreiches Berufs- und Arbeitsleben sowie für gesellschaftliche Teilhabe erforderlich sind. Um dieser Aufgabe auch künftig gerecht werden zu können, brauchen sie eine moderne Ausstattung, ausreichend qualifizierte Lehrkräfte sowie attraktive Lern- und Arbeitsbedingungen. Die enge Zusammenarbeit von beruflichen Schulen, Ausbildungsbetrieben, Sozialpartnern und weiteren Akteuren der beruflichen Bildung ist eine besondere Stärke in Deutschland und muss kontinuierlich weiterentwickelt werden.
Quellen: DGB, ZDH
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Text:
Lars Otten /
handwerksblatt.de
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