Auf dem Gelände der ehemaligen Textilfabrik von Izrael Poznański eröffnete 2006 das Einkaufs- und Erlebniszentrum "manufaktura". (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Auf dem Gelände der ehemaligen Textilfabrik von Izrael Poznański eröffnete 2006 das Einkaufs- und Erlebniszentrum "manufaktura". (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Lodz – Geschichtsträchtig in die Zukunft

Die drittgrößte polnische Stadt war einst das Zentrum der Textilindustrie und wurde "Manchester des Ostens" genannt. Heute erfindet sie sich neu.

Stolz erhebt sich der wie eine Burg anmutende rote Backstein-Gigant an der Ulica Ogrodowa gen Himmel, über der gusseisernen Pforte prangt in großen Lettern "manufaktura". Nichts deutet darauf hin, dass hier mit dem Aufschwung der Textilindustrie seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Tausende von Arbeitern wie Sklaven schufteten, während die Fabrikanten Geld scheffelten und riesige Paläste bauten. Von über 3000 Handwerkern aufwändig restauriert, beherbergt der Komplex heute eines der größten Einkaufszentren des Landes und das Viersterne-Hotel "Vienna House Andel's Lodz".

Vorbild Pariser Louvre

20 Jahre wurde an dem Poznański-Palast nach dem Vorbild des Pariser Louvre gebaut. (Foto: © Jürgen Ulbrich) 20 Jahre wurde an dem Poznański-Palast nach dem Vorbild des Pariser Louvre gebaut. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Errichtet wurde die gigantische Baumwollfabrik von dem polnisch-jüdischen Textilbaron Izrael Kalmanowicz Poznański (1833-1900). 20 Jahre wurde an seinem benachbarten Palast nach dem Vorbild des Pariser Louvre gebaut – heute Sitz des Museums der Geschichte der Stadt Lodz. Als die drei beauftragten Architekten Poznański fragten, in welchem Stil sie planen sollten, brüllte der nur: "Ich kann mir alle Stile leisten".

Anfänglich auf maximalen Gewinn und Expansion ausgerichtet, entdeckte der Fabrikant später sogar seine soziale Ader: Er baute Schulen, Arbeitersiedlungen, Waisen- und Krankenhäuser, so etwa das Jüdische Krankenhaus, heute Universitätskrankenhaus. "Lodzermenschen" nannte man Unternehmer wie Poznański, die mit ausgefallenen Ideen, Mut zur Gründung, dem notwendigen Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen ihr eigenes Universum schufen. Denn im 19. Jahrhundert galt Lodz, das sich vom bedeutungslosen Flecken zur Industriemetropole entwickelte, als "Das gelobte Land".

Eine der bedeutensten Filmschulen der Welt

Stolz präsentiert die Mitarbeiterin der Staatlichen Hochschule seltene Filmrollen von Polens Regie-Ikone Andrzej Wajda, der im Oktober 2016 starb. (Foto: © Jürgen Ulbrich) Stolz präsentiert die Mitarbeiterin der Staatlichen Hochschule seltene Filmrollen von Polens Regie-Ikone Andrzej Wajda, der im Oktober 2016 starb. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

So lautet auch der Titel des 1897 erschienenen Romans von Literaturnobelpreisträger Władysław Reymont, der die literarische Figur des jüdischen Protagonisten an Poznański anlehnte. Angesiedelt im Lodz des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zeigt Reymont die Stadt als Schmelztiegel für Polen, Deutsche, Russen und Juden. Alle suchen von dem aufkommenden Industriekapitalismus zu profitieren – auch auf Kosten der Arbeiter. 1974 wurde "Das gelobte Land" von Polens im Oktober 2016 verstorbener Regie-Ikone Andrzej Wajda, verfilmt. Der hatte von 1949 bis 1953 an der Staatlichen Hochschule für Film, Fernsehen und Theater Lodz, eine der bedeutendsten der Welt, studiert.

Manchester des Ostens

Der aus Berlin stammende Textilfabrikant Ludwik Geyer baute von 1835 bis 1839 die Weiße Fabrik mit der ersten mechanischen Baumwollspinnerei und –weberei von Lodz, die zudem von der ersten Dampfmaschine der Stadt angetrieben wurde. (Foto: © Jürgen Ulbrich) Der aus Berlin stammende Textilfabrikant Ludwik Geyer baute von 1835 bis 1839 die Weiße Fabrik mit der ersten mechanischen Baumwollspinnerei und –weberei von Lodz, die zudem von der ersten Dampfmaschine der Stadt angetrieben wurde. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Poznański war nur einer der vielen Fabrikanten, die Lodz (deutsch: Boot), polnisch "Wuuhdsch" ausgesprochen, im 19. Jahrhundert zum "Manchester des Ostens" machten. Zuvor hatten bereits der aus Berlin stammende Ludwik Geyer (1805-1869) und der im Eifel-Städtchen Monschau geborene Karl Wilhelm Scheibler (1820-1881) dem rasant wachsenden Lodz ihren Stempel aufgedrückt. Schon sie bauten hochherrschaftliche Wohnhäuser und gewaltige Fabrikkomplexe, in denen Baumwollstoffe für Russland und Mitteleuropa unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen und fantastischen Gewinnaussichten produziert wurden.

Prachtstraße Ulica Piotrkowska

Die über vier Kilometer lange Prachtstraße Ulica Piotrkowska am frühen Nachmittag. Einheimische und Touristen benutzen gern die typischen Rikschas, um sich in der Fußgängerzone befördern zu lassen. (Foto: © Jürgen Ulbrich) Die über vier Kilometer lange Prachtstraße Ulica Piotrkowska am frühen Nachmittag. Einheimische und Touristen benutzen gern die typischen Rikschas, um sich in der Fußgängerzone befördern zu lassen. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Da Lodz im Gegensatz zum 130 Kilometer entfernten Warschau im Zweiten Weltkrieg nur gering beschädigt wurde, sind viele der palastartigen Stadthäuser auf der über vier Kilometer langen Prachtstraße Ulica Piotrkowska erhalten. Schnurgerade zwischen Plac Wolności (Platz der Freiheit) mit dem Denkmal des Nationalhelden Tadeusz Kościuszko und Plac Niepodległości (Platz der Unabhängigkeit) gelegen, restaurierten Handwerker in den vergangenen Jahrzehnten die historischen Gemäuer, richteten Jugendstil-, Neo-Gotik- und Neo-Romantik-Fassaden auf einer der längsten Einkaufsstraßen und Fußgängerzonen Europas her.

Rubinstein kam aus Lodz

Rund um die Ulica Piotrkowska locken hunderte Läden, Restaurants, Cafés und Clubs die Besucher. In den verwinkelten wie beschaulichen Innenhöfen trifft sich das junge, dynamische und feierfreudige Lodz, das Essen ist deftig, das Bier schmackhaft. (Foto: © Jürgen Ulbrich) Rund um die Ulica Piotrkowska locken hunderte Läden, Restaurants, Cafés und Clubs die Besucher. In den verwinkelten wie beschaulichen Innenhöfen trifft sich das junge, dynamische und feierfreudige Lodz, das Essen ist deftig, das Bier schmackhaft. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Rund um die Ulica Piotrkowska locken hunderte Läden, Restaurants, Cafés und Clubs die Besucher. In den verwinkelten wie beschaulichen Innenhöfen trifft sich das junge, dynamische und feierfreudige Lodz, das Essen ist deftig, das Bier schmackhaft. Beim Bummel fällt Besuchern nicht nur der ausgefallene Architektur-Mix auf, sondern auch ein Metall-Pianist, der an einem Metall-Flügel sitzt: Artur Rubinstein (1887-1982), legendärer Klavier-Virtuose und bekanntester Sohn der Stadt. Ihm sind im Stadt-Museum mehrere Räume gewidmet, zahlreiche seiner Goldenen Schallplatten, diverse Auf- und Auszeichnungen sind zu sehen – darunter ein Oscar sowie ein Emmy-Award für den Rubinstein-Dokumentarfilm "L’amour de la vie".

Geschichte des Kinos

Blick in das Museum für Kinematographie, das in dem ehemaligen Privatpalast von Karl Wilhelm Scheibler seine Heimat gefunden hat. (Foto: © Jürgen Ulbrich) Blick in das Museum für Kinematographie, das in dem ehemaligen Privatpalast von Karl Wilhelm Scheibler seine Heimat gefunden hat. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Bronzen hingegen sind die Sterne auf der Ulica Piotrkowska, die wie in Hollywood im Boden eingelassen sind. Gewidmet sind sie Filmgrößen, die an der Staatlichen Hochschule für Film, Fernsehen und Theater studiert haben, neben Wajda etwa Roman Polanski, Krzysztof Zanussi oder Krzysztof Kieślowski. Die Hochschule liegt auf dem Gelände des 1827 von dem Chemnitzer Christian Friedrich Wendisch gegründeten, ehemaligen Industriegebietes Księży Młyn (deutsch: Pfaffendorf). 1870 erwarb es Karl Wilhelm Scheibler, in dem von ihn gebauten Privat-Palast hat das Museum für Kinematographie seine Heimat gefunden.

Ein besonderer Höhepunkt erwartet Lodz-Besucher übrigens vom 29. August bis zum 1. September. Dann heißt es wieder Vorhang auf für das "Light Move Festival" auf der Ulica Piotrkowska. Ab den frühen Abendstunden werden die gewaltigen historischen Gebäude in ein futuristisches Meer aus Bewegung, Licht, Projektionen, Animationen, Klängen und Farben getaucht werden. Ein unvergessliches Erlebnis, in dem Vergangenheit und Zukunft zu einer Einheit werden!

"Light Move Festival"-Impressionen

Tipps und Infos

Holocaust Gedenkstätte

Am Ende des Tunnels in der Holocaust Gedenkstätte Radegast erwarten Besucher ein Orginal-Zug sowie das kleine, aber erschütternde Museum im hölzernen Bahnhofsgebäude. (Foto: © Jürgen Ulbrich) Am Ende des Tunnels in der Holocaust Gedenkstätte Radegast erwarten Besucher ein Orginal-Zug sowie das kleine, aber erschütternde Museum im hölzernen Bahnhofsgebäude. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Die Holocaust Gedenkstätte Radegast erinnert seit 2005 an die Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten, die von 1939 bis 1944 das jüdische Ghetto Litzmannstadt in Lodz errichteten. Von den ursprünglich 250.000 Lodzer Juden überlebten nur rund 900 den Holocaust. Vom Bahnhof Radegast wurden zwischen dem 16. Januar 1942 und dem 29. August 1944 mehr als 150.000 Juden in die Vernichtungslager Kulmhof, Auschwitz II, Majdanek, Treblinka und Sobibor abtransportiert. Erhalten sind das hölzerne Bahnhofsgebäude, das ein Museum beherbergt, ein Zug der Reichsbahn, sowie ein Tunnel mit den Namen der Deportierten, der zu einem Denkmal führt, das dem Schornstein eines Krematoriums gleicht.

Neuer Jüdischer Friedhof Lodz

Selbst die letzte Ruhestätte der Lodzer Textil-Barone sind Monumente: hier das Mausoleum von Karl Wilhelm Scheibler in Form einer neogotischen Kirche, das auf dem evangelischen Friedhof alle anderen Grabmäler überragt. (Foto: © Jürgen Ulbrich) Selbst die letzte Ruhestätte der Lodzer Textil-Barone sind Monumente: hier das Mausoleum von Karl Wilhelm Scheibler in Form einer neogotischen Kirche, das auf dem evangelischen Friedhof alle anderen Grabmäler überragt. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Der größte jüdische Friedhof Europas wurde auf einer von Izrael Poznański gestifteten Fläche von rund 40 Hektar mit etwa 180.000 Grabstätten und 65.000 Grabmälern angelegt. Der Stifter selbst fand seine letzte Ruhe in einem eigens für ihn errichteten, palastartigen Mausoleum. Einen Besuch wert sind auch der evangelische und katholische Friedhof an der Ulica Srebrzyńska und Ulica Karskiego. Auf dem evangelischen Friedhof überragt das Mausoleum von Karl Wilhelm Scheibler in Form einer neogotischen Kirche alle anderen Grabmäler.

manufaktura

"manufaktura“ bietet eine große Auswahl von Boutiquen, Outlet-Stores und Restaurants. Zu dem Komplex gehört weiterhin das Kunstmuseum ms2 mit einer der größten polnischen Sammlungen von Kunstwerken aus dem 20. Jahrhundert, darunter Arbeiten der Klassischen Moderne mit Werken von Pablo Picasso und Joseph Beuys. Sehenswert ist das Fabrikmuseum, das einen Einblick in die Arbeitswelt der Textilindustrie im 19. Jahrhundert gibt.

Off Piotrkowska

Off Piotrkowska ist als alternatives Zentrum für Kreative aus Kunst, Design und Architektur mit Concept Store, Musikclubs, Cafés und Boutiquen entstanden und besonders bei jungen Leuten angesagt. (Foto: © Jürgen Ulbrich) Off Piotrkowska ist als alternatives Zentrum für Kreative aus Kunst, Design und Architektur mit Concept Store, Musikclubs, Cafés und Boutiquen entstanden und besonders bei jungen Leuten angesagt. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

In der ehemaligen Baumwollfabrik an der Ulica Piotrkowska 138/140 ist ein alternatives Zentrum für Kreative aus Kunst, Design und Architektur mit Concept Store, Musikclubs, Cafés und Boutiquen entstanden und ist besonders bei jungen Leuten angesagt.

Das Zentrale Textilmuseum in der sogenannten "Weißen Fabrik", die einst Ludwik Geyer baute, bietet einen umfassenden Überblick über die Textilproduktion im 19. Jahrhundert. Auf über 5.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in der Ulica Piotrkowska 282 sind Wandteppiche, Industrietextilien, Mode und Technik zu bewundern. Besonders beliebt ist die Präsentation der arbeitenden Webmaschinen. Das Museum war zu Beginn Mitveranstalter der Internationalen Textil-Triennale und ist seit 1982 alleiniger Veranstalter dieses größten Schauwettbewerbs zeitgenössischer Textilkunst, der alle drei Jahre stattfindet und zuletzt 2016 in der "Weißen Fabrik" zu Gast war.

Weitere Infos zu Lodz (Deutsch/Englisch)

Anreise
Entweder mit dem Zug oder dem Flugzeug nach Warschau, von dort mit dem Zug zum Lodzer Bahnhof Fabryczna. Mit dem Auto erreichen Sie Lodz über die polnische Autobahn A 2 (E 30), die Verlängerung der deutschen A 12.

Essen

Traditionell: Restaurant Galicja auf dem Manufaktura-Gelände, Ogradawa 19 a.
Fusionsküche: Restaurant Delight im Vienna House Andel's Lodz.

Schlafen
Vienna House Andel's Lodz Ulica Ogrodowa 17, Telefon.: 0048-422791000, E-Mail: info.andels-lodz@viennahouse.com, Doppelzimmer mit Frühstück ab 93 €, Wochenend-Tarif ab 84 Euro. Günstiger ist das Themen-Hotel "Stare Kino" (deutsch: Altes Kino) in der Piotrkowska 120, Telefon: 0048-422072727, E-Mail: booking@cinemahotel.pl. Das ganze Haus und alle Zimmer sind mit Motiven aus Hollywood-Klassikern wie "Manche mögen's heiß", "Der große Gatsby" oder "Singin’ in the Rain" ausgestattet. Doppelzimmer mit Frühstück ab 45 €.

Stadtführungen
Boguslaw Szubert bietet Themenführungen in deutscher Sprache, Kontakt:Biuro Central Point, Narutowicza 86, 90-139 Lodz, Telefon: 0048-506057671, E-Mail: boguslaw.szubert@gmail.com

Text: / handwerksblatt.de

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