Harald Esser, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, sieht in einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz eine echte Hilfe für die Betriebe. Denn der Lockdown ging für viele Sa

Harald Esser, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, sieht in einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz eine echte Hilfe für die Betriebe. Denn der Lockdown ging für viele Salons an die Substanz. (Foto: © ZV Friseurhandwerk/Barbara Frommann)

"Unsere größte Befürchtung ist ein weiterer Lockdown"

Politik

Im Interview: Harald Esser, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, über die Öffnung der Salons und die Folgen der Pandemie.

Die Politik hat den bundesweit rund 80.000 Friseursalons wegen der Pandemie bereits zweimal ein Berufsverbot beschert. Harald Esser, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, ist froh, dass sie wieder ihre Dienstleistungen anbieten dürfen. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig dieses Gewerk ist. Um die Folgen von Corona besser schultern zu können, brauchen die Salons weiter Hilfe, so der Friseurpräsident.

DHB: Seit 1. März dürfen Sie wieder in Ihrem Salon arbeiten. Was ist das für ein Gefühl?
Esser: Das ist ein befreiendes Gefühl, wieder arbeiten zu dürfen. Und es macht nach so langer Zeit aus vielerlei Gründen Spaß: Zum einen, weil man wieder seine Kunden sieht und feststellt, wie gut denen das tut. Zum zweiten natürlich, weil jeder Saloninhaber wieder etwas für das Geschäftskonto tun kann.

DHB: Das ist ja auch bitter nötig.
Esser: Allerdings. Denn die Dimensionen sind gewaltig: In den letzten zwölf Monaten waren wir 16 Wochen "außer Betrieb". Das heißt auch: 16 Wochen ohne Umsatz, das geht an die Substanz. Die Salons haben das vergangene Jahr mit bis zu 30 Prozent Umsatzrückgang abgeschlossen. Und wenn Sie am 1. März den ersten Arbeitstag des neuen Jahres haben, können Sie ausrechnen, wie lange Sie brauchen, bis Sie die Vorjahreszahlen wieder erreichen.

DHB: Wie schätzen Sie denn generell die Lage in Ihrer Branche ein?
Esser: Sie finden die ganze Bandbreite, also von denen, die es noch mit einem blauen Auge geschafft haben, bis zu denen, die ihr gesamtes Vermögen aufgebraucht haben und vielleicht ihre Türen gar nicht mehr öffnen. Wie es im Endeffekt aussieht, ist aber noch nicht klar. Die Bilanzen liegen noch nicht vor, es gibt vorübergehende Veränderungen im Insolvenzrecht. Nehmen Sie die vielen Kleinstunternehmen, die noch nicht lange auf dem Markt sind. Sie haben kaum Rücklagen und brauchen ihr Geld jede Woche, jeden Monat.

DHB: Es gibt Stimmen, die sagen, dass der Lockdown gerade mit Blick auf die Kleinstbetriebe zu einer gewissen Marktbereinigung führt. Stimmen Sie dem zu?
Esser: Diese Stimmen gibt es, wobei wir dafür noch keine Bestätigung haben. Und ganz so einfach ist es nicht: Wir haben viele Familienunternehmen, in denen der Chef und die Chefin die Hauptumsatzträger sind. Wenn es aber über 16 Wochen keinen Umsatz gibt, ist es auch für sie schwer. Wir werden mit Sicherheit so manche böse Überraschung erleben, wen die Pandemie voll getroffen hat. Weil das Geld von irgendwo kommen muss, gehen manche an ihre Altersversorgung. Denn die staatlichen Hilfen sind ja noch nicht eingetroffen, wie sie versprochen waren.

DHB: Viele haben bislang noch nichts bekommen …
Esser: … weil wir ja den Februar noch abwarten sollten. Jetzt wird erst einmal gerechnet, was von der Ü3 noch übrigbleibt. Versprochen ist ja, binnen einer Woche nach Antragstellung eine Abschlagszahlung von 50 Prozent der Forderungen auszuzahlen. Warten wir ab, ob das dann auch so kommt.

DHB: Wie beurteilen Sie generell die Hilfestellungen der Politik?
Esser: Die Soforthilfe im vergangenen Jahr konnte problemlos beantragt werden und wurde ebenso problemlos ausgezahlt. Einen Haken gab es: Für welche Monate die Soforthilfe fließt, war festgelegt, und die Antragsteller mussten vorher bestimmen, für welche Monate sie sich entscheiden. Sie haben dann die Hilfen für die Monate März, April und Mai beantragt. Nur haben sie sich durch den Umsatz, den sie im gesamten Monat Mai gemacht haben, den ganzen vorherigen Schnitt kaputt gemacht. Ich kann es Ihnen nicht auf den Prozentpunkt genau sagen, aber sehr viele der Friseure haben die Soforthilfe zurückgezahlt oder müssen es noch.

Zitat "Wenn es eine wirkliche Hilfe für unsere Branche sein soll, sollten wir über einen ermäßigten Steuersatz für unsere Friseurbetriebe nachdenken." Harald Esser, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Frisuerhandwerks 
DHB: Wie haben sich die Pandemie und der Lockdown auf das Image der Friseure ausgewirkt?
Esser: Der Verbraucher hat festgestellt, wie wichtig der Friseur ist. Ein Indiz dafür, wie wichtig das für die Menschen ist, waren die vielen Versuche, die Friseure zu überreden, das Verbot zu umgehen und in Schwarzarbeit die Haare zu schneiden. Aber genau das war verboten. Ein Haarschnitt in dieser Zeit also ein doppeltes Vergehen: ein Verstoß gegen die Corona-Maßnahmen und eben Schwarzarbeit. Im Falle einer Aufdeckung traf es dann beide: Denjenigen, der unerlaubt gearbeitet hat und denjenigen, der die Leistung in Anspruch genommen hat.

DHB: Sie erfahren also eine neue Wertschätzung?
Esser: Ja, das sehen wir heute am dritten Tag nach der Wiedereröffnung (Anmerkung der Redaktion: Das Interview fand am 3. März statt), wie sich die Kunden freuen, dass sie einen Termin bekommen haben. Gestern Nachmittag saß noch eine Kundin, die etwas zu früh dran war, draußen in der Sonne. Eine ihrer Bekannten, die vorbeikam, hat ihr gratuliert, dass sie schon einen Termin hat. Da sieht man, wie wichtig der Friseur für Menschen ist, etwas, was in der Bevölkerung vielleicht bisher gar nicht so wahrgenommen wurde.

DHB: Den Friseuren sagt man ja auch gerne eine therapeutische Wirkung nach.
Esser: Ja, manchmal wird mehr das Gespräch gesucht als der Friseur. Wir haben uns jetzt entschlossen, in den ersten drei Stunden morgens ganz speziell unsere älteren Kunden zu bevorzugen. Darunter sind welche, die sich nicht selbst die Haare waschen können. Gerade ihnen sollte man entgegenkommen. Das haben wir mit der Gestaltung der Kurzarbeit – weil wir ja nicht alle gleichzeitig arbeiten können – bewusst so gelenkt. Wenn man dann die glücklichen Gesichter der Kunden sieht, dass sie nach langer Zeit mal wieder die Haare gewaschen bekommen, das motiviert wirklich.

DHB: Haben die Friseure die Gelegenheit genutzt, um am Preisgefüge etwas zu ändern, weil das Verständnis mit Sicherheit da ist?
Esser: Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr haben die Friseure die Preise im Durchschnitt zwischen sechs und sieben Prozent angehoben. Die Veränderungen, die wir jetzt haben, nicht die aktuelle Hygieneverordnung, die wir sowieso schon haben, ist das Tragen einer medizinischen Maske, was von beiden Personen verlangt wird, wobei wir davon ausgehen, dass der Kunde eine eigene Maske mitbringt. Problematisch ist eher die Platzanzahl. Die Vorgabe des Bundesarbeitsministeriums von zehn Quadratmetern pro Person wirkt sich natürlich auf die Anzahl der Mitarbeiter aus. Immerhin: Nordrhein-Westfalen macht es "weicher" und sagt, zehn Quadratmeter für Kunden. Das beeinträchtigt viele Unternehmen, auch wenn es den Kunden ein sehr sicheres Gefühl im Friseursalon gibt. Es versteht sich von selbst, dass wir darauf achten, aber man muss auch kostendeckend arbeiten. Daher könnte es schon noch zu Anpassungen kommen.

DHB: Wie hat sich Corona auf die Ausbildungssituation im Gewerk ausgewirkt?
Esser: Die Nachwuchsförderung ist für die nächsten Jahre das allergrößte Problem. Bei denjenigen, die jetzt in der Ausbildung waren, sind wir andere Wege gegangen. Wir haben sie mit allen Materialien ausgestattet, täglich mit ihnen kommuniziert, deren Arbeiten bewertet und die Tipps und Tricks vermittelt. Daher dürften die Auszubildenden für die Prüfungen gewappnet sein. Ich weiß von Kollegen, dass die Prüfungen im Winter nicht schlechter ausgefallen sind als sonst üblich.

DHB: Problematisch dürfte aber die Nachwuchswerbung ausfallen?
Esser: Die Situation ist nicht nur durch Corona schwerer geworden. Ich habe Zeiten erlebt, da bekam ich für eine Ausbildungsstelle 100 Bewerbungen. Davon kann man jetzt nur träumen. Es fehlt das Matching, das persönliche Kennenlernen und das aktive Erleben unseres Berufs. Im Praktikum gibt es ein Gefühl für den Job, aber das ließ die Situation nicht zu. Wenn wir die Chance haben, gehen wir wieder auf Ausbildungsbörsen. Man muss unser Können sehen, erfahren und erleben.

DHB: Blicken wir auf das Jahr 2021: Was erwarten Sie von diesem Jahr?
Esser: Die Erwartungen sind auch Hoffnungen. Mit jedem Tag, an dem geimpft wird, erhoffe ich mir etwas mehr Normalität. Und mit jedem Tag, an dem wir an dieser Stelle weiterkommen, werden wir auch wieder entspannter arbeiten können. Und ich bin wirklich optimistisch, dass wir das hinbekommen, auch wenn wir dieses Jahr kaum mit einer Umsatzsteigerung abschließen können. Die größte Befürchtung ist ein weiterer Lockdown. Das wäre das schlimmste, was dem Friseurhandwerk passieren könnte, wenn es in drei oder vier Wochen noch einmal heißt, wir müssten schließen. Aber ich habe die Hoffnung, dass uns das erspart bleibt und wünsche mir, dass die Bevölkerung weiter mitzieht und sich an die Vorschriften hält.

DHB: Sind keine Hilfen oder Unterstützungen von der Politik mehr notwendig?
Esser: Wenn es eine wirkliche Hilfe sein soll, dann sollten wir über einen ermäßigten Steuersatz für unsere Friseurbetriebe nachdenken. Das liegt vielen auf dem Herzen, und wir hätten das auch gerne – am liebsten dauerhaft. Aber selbst eine Lösung, wie sie jetzt der Gastronomie angeboten wurde, zumindest bis 2022 mit einem ermäßigten Steuersatz zu arbeiten, das wäre wirklich eine der größten Unterstützungen für das Friseurhandwerk.

Die Fragen stellte Stefan Buhren.

Text: / handwerksblatt.de

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