Handwerk

Lena Strothmann, Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. (Foto: © deteringdesign)

"Erst einmal nachholen, wofür zu wenig Zeit war"

Lena Strothmann war 21 Jahre lang Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe. Im Juni ist sie aus dem Amt geschieden. Im Handwerksblatt-Interview blickt sie auf diese Zeit zurück.

Nach 21 Jahren scheidet Lena Strothmann Ende Juni als Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld aus dem Amt. Mit der Neuwahl des ZDH-Präsidiums im November endet für die 67-Jährige auch die letzte große Aufgabe als langjähriges Mitglied dieses Kreises. Ihren Ausstieg aus dem Ehrenamt im Handwerk hat Lena Strothmann über mehrere Jahre konsequent vorbereitet und frühzeitig kommuniziert. Im Deutschen Handwerksblatt blickt sie zurück auf ihre Arbeit in der Kammer, in den Gremien der Handwerksorganisation und als Politikerin der CDU, die sie von 2003 bis 2017 im Bundestag vertrat.

Handwerksblatt: Frau Strothmann, drei Eigenschaften, die ein guter Präsident haben sollte?
Strothmann: Er sollte den Mitgliedern zuhören, ihre Bedürfnisse kennen. Er sollte moderieren können. Und er sollte vor allem motivieren und die gesamte Handwerksfamilie mitnehmen können. Es werden sich ja in Zukunft viele Dinge ändern, schon durch die Digitalisierung, die bei vielen noch gar nicht richtig angekommen ist. Und die Themen Qualität der Ausbildung und Dienstleistungskultur sind daneben wichtig. Da müssen die Betriebe den Anschluss halten, natürlich mit Unterstützung der Kammer. Da gilt es, alle in der Handwerksfamilie mitzuziehen.

Handwerksblatt: Hatten oder haben Sie ein Vorbild?
Strothmann: Im Arbeitsleben hatte ich an sich nie ein Vorbild. In der Politik war Angela Merkel immer ein Vorbild, nachdem ich sie kennengelernt hatte.

Handwerksblatt: Welchen besonderen Reiz hat die Arbeit im und für das Handwerk?
Strothmann: Ich habe mein Handwerk von der Pike auf gelernt und eine Ausbildung zur Damenschneiderin gemacht. Nach zweijähriger Gesellenzeit habe ich Modedesign studiert und dann die Meisterprüfung abgelegt. Für mich waren damals Organisieren, das Managen und Kundenberaten mein vorrangiges Thema. Mit Menschen zu arbeiten hat mir immer am meisten Spaß gemacht. Bei mir stand auch immer die Tür offen. Vielleicht liegt das auch an meiner Familie: Ich war die älteste von fünfen und musste immer den ganzen Laden schmeißen, der musste ja laufen. Im Ehrenamt haben mich später dann die Veränderungsprozesse gereizt. Das kommt vielleicht auch aus der Kreativität. Ich wollte schon immer etwas bewegen. Und im Handwerk hat man dann ja schnell ein Amt …

Handwerksblatt: Was konnten Sie in 14 Jahren im Bundestag für das Handwerk erreichen?
Strothmann: Es gab ja kaum Handwerker im Parlament, als ich 2003 in den Bundestag einzog. Ich habe direkt versucht, das Handwerk wieder sichtbar zu machen. Und ich habe in jeder Diskussionsrunde damals mein Statement so begonnen: "Wir sind eine Million Betriebe, rund 5,5 Millionen Mitarbeiter und 365.000 Auszubildende." Das war fast immer ein Aha-Effekt bei den anderen, das habe ich fast gebetsmühlenartig wiederholt. So habe ich versucht, das Image des Handwerks aufzupolieren, das Gewicht unseres großen Wirtschaftszweigs deutlich zu machen – freundlich und bestimmt. Auch mit dem wöchentlichen Handwerksfrühstück im Bundestag. Zum Schluss war ich in der Fraktion das Gesicht des Handwerks. So habe ich dann auch Mehrheiten gekriegt, wenn es galt, Gesetzesentwürfe zu ändern. Viel Unterstützung bekam ich aus dem ZDH.

Handwerksblatt: Welches Ereignis bleibt Ihnen aus Ihrer Zeit als Präsidentin besonders im Gedächtnis?
Strothmann: Die Eröffnung des Hauses hier, des Campus Handwerk. Als das geschafft war, nach vielen Jahren intensiver Planung, und wir endlich nach zwei Jahren Bauzeit das Ergebnis vor uns stehen hatten, da war ich erleichtert und richtig froh. Es gab damals ja auch Kritiker, auch im eigenen Haus. Da ging es dann ums Mitnehmen, in den Vorstandssitzungen und Vollversammlungen. Das hat mir, trotz kleinerer Probleme, immer sehr viel Spaß gemacht. Und wir haben das gut hingekriegt, der ganze Bau lag im Zeitrahmen und unterhalb des geplanten Kostenrahmens. Darauf können wir stolz sein.

Handwerksblatt: Über wen oder was haben Sie sich in Ihrer Zeit als Kammerpräsidentin am meisten geärgert? Und was hat Sie am meisten gefreut?
Strothmann: Geärgert habe ich mich immer über die Leute, die sich zu Veranstaltungen anmelden und dann nicht kommen. Inzwischen sind das zehn bis 20 Prozent. Das ist eine Unart. Da gab es sogar einmal eine Vollversammlung, bei der wir um die Beschlussfähigkeit bangen mussten.
Worüber habe ich mich gefreut? Ich freue mich jedes Mal, wenn ich im früheren Kammergebäude, der Kammer-Villa, bin, dass es dort eine so schöne Nachnutzung als Kunstmuseum gibt. Mir war es im Vorfeld immer wichtig, dass es ein klarer und sauberer Prozess ist, in dem der Verkauf abläuft. Es ist einfach toll geworden und wird angenommen, nachdem lange diskutiert worden war.

Handwerksblatt: Gibt es ein Projekt, ein Vorhaben, das Sie gerne noch angefangen oder zu Ende geführt hätten?
Strothmann: Ja, da gibt es ja die HPI-Studie zur Struktur der Bildungszentren. Der Prozess ist mitten im Gange und ich hätte gerne gesehen, dass er abgeschlossen ist und die Handwerksfamilie in der Region am Ende eine gute, ausgewogene und zukunftsfähige Bildungslandschaft hat.
Und dann natürlich die Wiedereinführung der Meisterpflicht für einzelne Gewerke. Ich bin damals in den Bundestag gekommen, als die Änderung der HWO gerade lief. Das waren hoch emotionale und heftige Debatten. Der Zorn vieler Gewerke hat mich all die Jahre begleitet, weil wir als damalige Opposition die Novelle von Wolfgang Clement damals nicht verhindern konnten. Dass jetzt wieder Gewerke in die Meisterpflicht zurückkommen, hätte ich gern noch aktiv mitgemacht.

Handwerksblatt: Sie kennen ja die Rahmenbedingungen für Kammern und für die sie regulierende Politik aus dem Effeff: Wo stehen die Kammern in fünf Jahren?
Strothmann: Trotz wechselnder politischer Bestrebungen aus Berlin oder Brüssel hat sich, glaube ich, die Kammerstruktur sehr gefestigt und sie hat auch wieder politische Unterstützung, so dass die Kammern auch in fünf Jahren als Vertreterinnen des vielseitigsten Wirtschaftszweiges im politischen Raum ein Wort von Gewicht haben werden. Am wichtigsten ist aber, dass sie weiter konsequent den Weg von der Behörde zum Dienstleister für ihre Betriebe gehen. Ich sage hier immer: Unsere Aufgabe ist es, dass die Betriebe wirtschaftlich erfolgreich sein können. Da gehört alles dazu: Ausbildung und Qualität, Beratung, Unterstützung bei der Nachfolge, Fachkräftemangel. Wenn man das nach außen sichtbar macht, sind die Betriebe auch zufrieden mit den Kammern. Daneben ist die politische Vertretung wichtig, das wissen wir aus Umfragen. Oft ist das nicht laut, wie das viele Lobbyisten machen, sondern diplomatisch. Aber das ist klug, damit haben wir schon viel erreicht.

Handwerksblatt: Was oder wen werden Sie aus Ihrer täglichen Arbeit in und mit der Handwerkskammer am meisten vermissen?
Strothmann: Meine Truppen. Einmal die Geschäftsführerriege, die sich in den letzten Jahren gefunden hat. Und das Mitarbeiterteam, mit denen ich den ganzen Tag über zusammenarbeite. Das ist eine schöne Zusammenarbeit, eine lockere Atmosphäre, und ich freue mich montags immer auf die Leitungsrunde. Das wird mir schon fehlen. Aber man soll ja gehen, wenn es am schönsten ist. Dann behält man die Zeit in guter Erinnerung.

Handwerksblatt: Was machen Sie jetzt in der Freizeit? Welche Pläne haben Sie?
Strothmann: Erst einmal werde ich das nachholen, wofür ich in den vielen Jahren Ehrenamt und Politik zu wenig Zeit hatte: Familie und Enkelkind, Sport, ein bisschen mehr reisen.

Handwerksblatt: Wenn Sie in fünf Jahren Ihre alte Wirkungsstätte hier in der Kammer besuchen – wie möchten Sie am liebsten begrüßt werden?
Strothmann (lacht): "Du hast dich gar nicht verändert."

Handwerksblatt: Vervollständigen Sie zum Abschluss bitte den Satz: Meiner Nachfolgerin bzw. meinem Nachfolger wünsche ich ...
Strothmann: … dass es ihm gelingt, dass die ostwestfälisch-lippische Handwerksfamilie hinter ihm steht.

 

Vita: Lena Strothmann startete als Damenschneiderin und Modedesignerin im ostwestfälischen Gütersloh. Noch in ihren Zwanzigern übernahm sie ein erstes Ehrenamt im Handwerk – und hat diesem dann gleich mehrere Jahrzehnte gewidmet. Für ihr Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet: Bundesverdienstkreuz am Bande, Goldmedaille des Bundesverbandes der Maßschneider, Handwerkszeichen in Gold des ZDH. Für Lena Strothmann ist das die "Anerkennung meines jahrelangen Engagements für das Handwerk".Das Interview führte Michael Block.

Text: / handwerksblatt.de

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