Firmengründer Ulf Peschke mit Hund Hugo und seine Tochter Leandra Rau mit Lupin. Das Foto entstand bei der Feier zum 30-jährigen Firmenjubiläum.

Firmengründer Ulf Peschke mit Hund Hugo und seine Tochter und Nachfolgerin Leandra Rau mit Lupin. Das Foto entstand bei der Feier zum 30-jährigen Jubiläum der U.P. Elektro- und Datentechnik GmbH & Co. KG in Haan.. (Foto: © privat)

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Nachfolge im Handwerk: Leandra Rau hat in der Krise Stärke bewiesen

Als ihr Vater plötzlich ins Koma fällt, übernimmt Leandra Rau mit Mitte 20 die Leitung des Familienunternehmens. Viel früher als geplant. Heute, drei Jahre später, geht es ihrem Vater wieder gut, und er lässt ihr freie Hand bei allen Entscheidungen.

Für Leandra Rau beginnt der Tag in ihrem hellen Eckbüro mit Computerarbeit. E-Mails checken, Personalthemen klären, Unterschriften unter Verträge setzen. An ihrer Seite: ihr Hund Lupin, ein Vizsla, der sie täglich ins Büro begleitet. Die 28-jährige ist seit Jahresbeginn alleinige Geschäftsführerin der U.P. Elektro- und Datentechnik GmbH & Co.KG in Haan (NRW) – benannt nach ihrem Vater und Firmengründer Ulf Peschke. Das Familienunternehmen mit rund 50 Mitarbeitern – davon vier Projektleiter – ist spezialisiert auf Elektro- und Datentechnik, auf Kommunikations- und Sicherheitstechnik. Kunden sind Verwaltungen, Schulen, größere Unternehmen und Krankenhäuser im Raum Köln und Düsseldorf.

Mit der Übernahme gehört sie immer noch zu einer Minderheit: Im gesamten Handwerk wird nur etwa jeder vierte Betrieb von einer Frau (mit-)geführt. In technischen Gewerken ist die Quote noch deutlich geringer, so der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Der Verband möchte mehr junge Frauen zu einer Ausbildung beziehungsweise Nachfolge im Handwerk ermutigen und engagiert sich unter anderem in Initiativen wie GirlsDay oder "Klischeefrei". Denn, die Berufsaussichten und Karrierechancen für Frauen im Handwerk seien exzellent. Leandra Rau kann das bestätigen.

Die Nachfolge spielte in der Familie lange keine Rolle

Ihr Vater, gelernter Elektriker, hat seine Firma vor 31 Jahren gegründet – zunächst spezialisiert auf die Datentechnik und Glasfaser – und sukzessive ausgebaut. Am heimischen Esstisch mit den drei Kindern spielte das Thema Nachfolge lange keine Rolle. "Nach dem Abitur habe ich Internationales Business in Venlo studiert. Erst währenddessen kam mir der Gedanke, später vielleicht einmal ins Unternehmen einzusteigen", erzählt Rau.

Leandra Rau hat nach ihrem Business-Studium noch Elektrotechnik studiert, um auch die technische Seite zu verstehen. Foto: © privatLeandra Rau hat nach ihrem Business-Studium noch Elektrotechnik studiert, um auch die technische Seite zu verstehen. Foto: © privat

Dieses "später" lag jedoch in weiter Ferne. Ihr Vater fand die Idee super. "Wir können das ja mal ins Auge fassen", war seine Reaktion. Zunächst sollte seine Tochter Berufserfahrung sammeln. So arbeitete Leandra Rau bei einer Wirtschaftsprüfungskanzlei in Düsseldorf, bei einem Start-up in München und in einem Errichter von Rechenzentren in Offenbach. "Ich habe dort als Projektassistentin ein großes Projekt mit betreut – direkt auf der Baustelle. Da wurde mir klar, dass ich von den technischen Themen einfach zu wenig verstehe."

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Mit Mitte 20 – während der Corona-Zeit - ist sie zurück in die Heimat gekommen und hat in Düsseldorf ein Studium der Elektrotechnik begonnen. Zu der Zeit hat ihr Vater eine benachbarte Firmenhalle hinzugekauft. "Den Umbau habe ich während des Studiums schon begleitet." Die Nachfolge sollte "irgendwann in der Zukunft" sein. "Erst einmal wollte ich mehr Praxiserfahrung in anderen Unternehmen sammeln."

Während einer Argentinien-Reise kam der Anruf: "Du musst ganz schnell zurückkkommen"

Doch dann kam alles anders. "Im Sommer 2023 wollte ich meine Bachelorarbeit abgeben. Vorher bin ich für zwei Wochen mit einer Freundin nach Argentinien geflogen. Und dann kam ein Anruf. Es hieß, dein Vater liegt im Koma. Du musst ganz schnell zurückkommen."

Leandra Rau nahm sofort das Ruder in die Hand. Der Rückhalt der Belegschaft in der Ausnahmesituation war groß. "Ich hatte da wirklich ganz tolle Unterstützung. Alle haben geholfen", sagt sie. Erst einmal den PC zum Laufen bringen, sich einen Überblick über die Ordner und Dokumente verschaffen, Aufgaben priorisieren: "Ich habe einfach alles so gemacht, wie ich meine, damit der Betrieb weiterläuft. Fragen konnte ich ja nicht", erzählt Leandra Rau. Parallel zur Einarbeitung im Betrieb und den Klinikbesuchen hat sie ihre Bachelorarbeit beendet.

Heute geht es ihrem Vater wieder gut, und doch lässt er seiner Tochter freie Hand. "Vielleicht fiel ihm das Loslassen durch die Krankheit leichter, weil er keine andere Wahl hatte", sagt Rau. Ab und zu kommt ihr Vater zum Kaffeetrinken oder zum Frühstücken vorbei. "Wir tauschen uns regelmäßig aus, und bei wichtigen Entscheidungen kann ich mit ihm Rücksprache halten."

Der formale Nachfolgeprozess dauerte zwei Jahre

Für die formale Übergabe wurde ein externer Nachfolgeberater hinzugezogen. Etwa zwei Jahre dauerte der Prozess. Viele Details mussten geklärt werden – auch im Hinblick auf die Geschwister und die langfristige Absicherung des Firmengründers. "Diese Begleitung durch den Berater war enorm wichtig", betont Rau.

"Ich musste mich anfangs schon beweisen", räumt sie ein. "Viele der Mitarbeiter haben Töchter in meinem Alter, einige kennen mich von Geburt an. Das war eine Gratwanderung, aber es hat funktioniert und wir sind ein super Team."

Die junge Unternehmerin sorgt sich um eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Die Firmenräume sind hell und freundlich. Gleich drei Kaffeeküchen dienen als Treffpunkte. Es gibt Firmenfeiern, im Sommer wird der Grill angeschmissen, wenn die Monteure von den Baustellen kommen, und der gemeinsame Kirmes-Besuch ist ein fester Termin. "Wir sind eine große Familie und es wird auch so gelebt."

Damit das so bleibt, arbeitet Leandra Rau an Benefits. Insbesondere die Gesundheit liegt ihr am Herzen. So kommt neuerdings wöchentlich eine Masseurin ins Haus und für alle Mitarbeitenden wurde eine private Zusatzversicherung abgeschlossen. Jede und jeder soll sich wohlfühlen. Daher investiert sie auch in die Digitalisierung – vom Laptop für das Homeoffice bis zur Lagerhaltung.

Auch für ihren Mut, Verantwortung unter schwierigen Umständen zu übernehmen, wurde sie mit der Treue der Mitarbeiter belohnt. Ihre größte Herausforderung für die Zukunft? Das ist die Nachfolgeregelung für diejenigen im Team, die auf die Rente zusteuern. Aber auch das wird sich finden, ist Leandra Rau überzeugt.

Folgende Netzwerke und Organisationen unterstützen Frauen im Handwerk:

Handwerkskammern:

Handwerkskammern bieten Handwerkerinnen Fortbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten und beraten sie zu allen Fragen rund um die Gründung, Nachfolge, Aus- und Weiterbildung und Unternehmensführung. "Auch Studienaussteigerinnen, Quereinsteigerinnen und Akademikerinnen sind im Handwerk willkommen", betont der ZDH. "Für die Entwicklung künftiger Führungskräfte werden neben der Fortbildung zur Meisterin oder zur Betriebswirtin im Handwerk regional in vielen Berufen auch duale Studiengänge angeboten."

Außerdem gibt es Kampagnen und Initiativen wie beispielsweise die der Handwerkskammer Dortmund mit dem Titel "Starke Frauen. Starkes Handwerk.", die mehr weibliche Vorbilder im Handwerk sichtbar machen möchte.

Bundesverband Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH):

Der UFH ist ein bundesweites Netzwerk mit regionalen Landesverbänden und Arbeitskreisen, das sich für Unternehmerinnen, Mitinhaberinnen, Meisterinnen und Nachfolgerinnen im Handwerk einsetzt.

Bundesweite gründerinnenagentur (bga):

Die bga engagiert sich seit über 20 Jahren für die Belange von Gründerinnen, female start-ups, Unternehmerinnen und Betriebsnachfolgerinnen. Es gibt zahlreiche Veranstaltungen und Möglichkeiten für das Netzwerken.

Erfolgsfaktor Familie:

Das Unternehmensprogramm "Erfolgsfaktor Familie", an dem auch der ZDH beteiligt ist, ist die Plattform des Bundes zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Für Arbeitgeber gibt es zum Beispiel kostenlose Unterstützung bei der Umsetzung einer familienbewussten Personalpolitik.

➡️Auf lokaler und regionaler Ebene gibt es noch viele weitere Initiativen, Netzwerke Beratungs- und Förderangebote für Frauen, die gründen möchten oder ein Unternehmen führen. 

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Text: / handwerksblatt.de

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