Kulturwandel im Handwerk: Einige Innungen und Landesverbände lassen ihre Auszubildenden bereits am Rechner prüfen, denn die digitale Gesellenprüfung bietet einige Vorteile.
Der Name verrät, wo alles begann: Institut für Qualitätsmanagement in der universitären Lehre – kurz IQUL. "Wir sind vor über 20 Jahren in den Hochschulen groß geworden, doch inzwischen prüfen auch Justizministerien, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer sowie das Gros der Industrie- und Handelskammern mit unserer Software", blickt Daniel Möbs auf die Entwicklung der IQUL GmbH zurück.
Digitale Prüfungen im Handwerk
Seit 2020 gehört auch das Handwerk zu seinen Kunden. "Der Landesverband des hessischenKfz-Gewerbes ist auf uns zugekommen, um das digitale Prüfen im Rahmen eines Pilotprojekts zu erproben", so der geschäftsführende Gesellschafter. Seitdem ist viel passiert. Zurzeit nutzen 14 Landesverbände die IQUL-Prüfungssoftware und -plattform – mal flächendeckend im ganzen Bundesland, mal nur einzelne Innungen im Verbandsgebiet. Voriges Jahr wurden insgesamt 34.000 Kfz-Prüfungen digital absolviert.
Im Frühjahr 2024 folgte die Premiere beim Südwestdeutschen Augenoptiker- und Optometristen-Verband. In Mannheim absolvierten über 500 Optiker-Azubis den Teil 1 der Gesellenprüfung (GP) am Laptop. Dieses Jahr stoßen NRW und Südbayern dazu. Als Nächstes steht der Fachverband Leben Raum Gestaltung Hessen/Rheinland-Pfalz in den Startlöchern. Voraussichtlich ab 2027 werden die Tischler-Azubis beider Bundesländer an vier Standorten zum ersten Mal die GP 1 digital durchlaufen. "Es entsteht gerade eine gewisse Dynamik. Die guten Erfahrungen haben sich schnell herumgesprochen, so dass mittlerweile drei, vier weitere Gewerke auf uns aufmerksam geworden sind", sagt Daniel Möbs.
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Den Umstieg von analogen zu digitalen Prüfungen beschreibt der IQUL-Geschäftsführer als "sehr disruptiven Prozess". Das betrifft zum einen die Auswahl der Aufgabentypen. Ein großer Vorteil liegt dabei im Einsatz geschlossener Aufgabenformate wie Multiple- oder Single-Choice, die eine besonders schnelle Auswertung ermöglichen. Gleichzeitig lassen sich auch Freitextaufgaben effizient digital korrigieren. Veränderungen gibt es jedoch auch bei der Organisation der Prüfungen. Sie können an ausgewählten Standorten gebündelt und damit Ressourcen gespart werden.
Damit die Implementierung gelingt, verfolgt IQUL deshalb einen ganzheitlichen Ansatz. "In unseren Workshops lernen wir die Kunden erst einmal kennen, stellen ihnen die Software und die Prüfungsadministrationsplattform vor und beraten sie zur didaktischen Gestaltung von Prüfungen, darunter wie man gute geschlossene Aufgaben kreiert", erklärt Daniel Möbs. IQUL sei in der Lage, die Umstellung von analogen zu digitalen Prüfungen für Innungen innerhalb weniger Wochen zu ermöglichen.
Das Herz der digitalen Prüfung ist die Software Q-Exam. Über eine cloudbasierte Plattform lässt sich der komplette Prüfungsprozess steuern – von der Aufgabenerstellung bis zur Auswertung. Den Nutzern können bestimmte Rollen und Rechte zugewiesen werden. "Mit diesem 'Need-to-know-Prinzip' stellen wir sicher, dass jeder nur das sieht, was er sehen darf." Um Manipulationen vorzubeugen, werden Möbs zufolge alle Änderungen an den Prüfungsaufgaben, während der Prüfung und bei der Bewertung per Hashfunktion und Log-Dateien dokumentiert.
Handwerk nutzt "Full Service"
IQUL bietet die Prüfungsformate "Full Service", "Testcenter" und "Online-Prüfungen" an. Die Kunden aus dem Handwerk haben sich bislang für die erste Option entschieden. Beim Full-Service-Angebot lädt das Softwareunternehmen aus Bergisch Gladbach die komplette IT-Infrastruktur wie Laptops, Server, Access Points für das WLAN und starkstromfähige Ladeeinrichtung in Transporter, baut sie vor Ort auf und betreut die Prüfung.
Nur noch ein Stück Papier
Jeder Prüfling sitzt alleine an einem Tisch. Darauf befinden sich ein Laptop und gegebenenfalls eine Bluetooth-fähige Maus. "Wir machen unsere Rechner dumm: Auf der Festplatte befinden sich keine Programme, die USB-Ports sind verschlossen. Sie dienen lediglich als Tastatur und Monitor", betont Daniel Möbs. Das einzige Stück Papier ist ein Blatt mit den Login-Daten, mit denen sich die Auszubildenden verifizieren. Die Computer sind über WLAN mit dem IQUL-Server verbunden, auf dem die Prüfung liegt. Bei Bedarf erhalten die Prüflinge noch eine technische Einführung, wie das System bedient wird.
Ende und Korrektur der Prüfung
Sobald die vorgegebene Zeit abgelaufen ist, erscheint auf dem Bildschirm die Meldung, dass die Prüfung beendet ist. Eingaben sind nun nicht mehr möglich. Ein zeitlicher Nachteilsausgleich kann berücksichtigt werden. Mit dem Ende der Prüfung werden die Ergebnisse verschlüsselt vom Server auf die jeweilige Plattform des Kunden hochgeladen. Von dort können die Prüfer sie mit ihrem Passwort "vom Sofa aus" herunterladen – als Excel-Datei oder PDF, je nachdem, was vereinbart wurde. Geschlossene Aufgaben werden automatisch von der Software bewertet. "Freitextaufgaben lassen sich mit einem Korrekturmodus, wie man ihn von Word oder Acrobat kennt, bearbeiten", verdeutlicht Daniel Möbs. Abschließend muss das Prüfpersonal die korrigierte Fassung freigeben.
Digital Prüfen Die Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk (ZWH) nutzt die Software des Umbrella Consortium for Assessment Networks (UCAN) für digitale Meister- und Fortbildungsprüfungen. Sie arbeitet bereits mit zahlreichen Partnern aus dem Handwerk zusammen, darunter vielen Handwerkskammern. Wie die ZWH schneller, einfacher und rechtsbeständiger mit der UCAN-Software prüft, ist in einem ausführlichen Artikel online nachzulesen.
Bei den IQUL-Kunden aus dem Handwerk bestehen die Prüfungen nahezu vollständig aus geschlossenen Aufgaben. Das bringt Vorteile mit sich. Die Ergebnisse liegen dank der automatischen Auswertung schnell vor. "Dies wissen die Prüfer sehr zu schätzen, da die praktische Prüfung häufig direkt im Anschluss auf die theoretische folgt", hat Daniel Möbs erfahren.
Zudem liefert die Software statistische Kennwerte zu jeder Aufgabe (zum Beispiel die Bearbeitungsdauer oder die Erfolgsquote). Bei Freitextaufgaben müssen die Prüfer nicht mehr mühsam die Handschrift entziffern. "Das spart ebenfalls sehr viel Zeit."
In die Prüfung können verschiedene Medienformate wie hochauflösende Fotos, Grafiken oder Videos eingebaut werden. Selbst fallbasiertes Prüfen ist möglich, indem die Auszubildenden – wie bei der ärztlichen Anamnese – eine Reihe aufeinander aufbauender Fragen beantworten müssen. "Dieses Format hat das Kfz-Handwerk übernommen, um damit einen Kundenauftrag zu simulieren. Je länger unsere Kunden mit der Software und der Plattform arbeiten, desto mehr schöpfen sie deren Möglichkeiten aus", freut sich Daniel Möbs.
Das digitale Prüfen bringt auch organisatorisch einen Mehrwert. So sei es technisch "gar kein Problem", dass Akteure verschiedener Regionen oder Bundesländer einen gemeinsamen Aufgaben-Pool erstellen, um damit bundeseinheitlich zu prüfen. "Die Mediziner haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht", so Möbs. Um die Kosten zu senken, wäre es auch denkbar, dass unterschiedliche Gewerke zusammen eine Messehalle mieten. "Bei einem großen Event mit mehreren Tausend Prüflingen müssten wir vielleicht noch einige Lkw mieten, aber das kennen wir schon von anderen Berufen."
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