»Im Team packt’s sich leichter an – was einer allein kaum schafft, gelingt gemeinsam mit Kraft, Köpfchen und Können.« 
Handwerkskammer Hildesheim

"Im Team packt’s sich leichter an – was einer allein kaum schafft, gelingt gemeinsam mit Kraft, Köpfchen und Können." 
Handwerkskammer Hildesheim (Foto: © dolgachov/123RF.com)

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Innungen: Ehrenamtliches Engagement im Handwerk stärken

Innungen sind die berufsständischen, regionalen Vertretungen des Handwerks. Aber sie leiden unter Mitgliederschwund. Das sollte sich ändern – denn ehrenamtliches Engagement lohnt sich.

Viele Hände, schnelles Ende – kaum ein Sprichwort bringt so kurz besser die Erfolgsformel einer starken Gemeinschaft auf den Punkt. Die Handwerkskammer Hildesheim hat diesen zusammen mit anderen Sprüchen auf ihrer Website versammelt und übersetzt ihn so in die heutige Sprache: "Im Team packt’s sich leichter an – was einer allein kaum schafft, gelingt gemeinsam mit Kraft, Köpfchen und Können." Und das könnte auch für die Innungen gelten, vereinen sie doch gleiche oder zumindest ähnliche Gewerke, die gemeinsam für ein starkes Handwerk auf regionaler Ebene auftreten.

Die Aufgaben des "freiwilligen Zusammenschlusses von selbstständigen Handwerkern", wie die Innungen definiert sind, hat das Gesetz für das Handwerk, die Handwerksordnung (HwO), klar formuliert. Sie hat "die gemeinsamen gewerblichen Interessen ihrer Mitglieder zu fördern" (Paragraph 54 HwO), wozu folgende zählen:

– die Regelungen der Lehrlingsausbildung,
– die Abnahme der Gesellenprüfungen inklusive ­Einrichtung der Gesellenprüfungsausschüsse,
– die Förderung des handwerklichen Könnens von Meistern und Gesellen inklusive Einrichtung von Fachschulen,
– Abschluss von Tarifverträgen,
– Einrichtung von Unterstützungskassen und
– Durchführung von Maßnahmen zur Förderung der gemeinsamen gewerblichen Interessen

Innungen sind Verhandlungspartner

Schon dieser Überblick zeigt, warum die Innungen eine ganz wichtige Institution innerhalb der Handwerksorganisation sindund warum es sich auch lohnt, sich in diesen Gremien zu engagieren und sie mit Leben zu erfüllen. "Dies ist tarif- wie auch handwerkspolitisch hoch relevant, insofern die Innungen eine wichtige organisatorische Grundlage für Sozialpartnerschaft und die Verhandlung von Tarifverträgen, aber auch für die Umsetzung arbeitsmarktpolitischer Anliegen und die Gestaltung guter Beschäftigung im Handwerk sind", schreiben die Autoren Detlef Sack und Sebastian Fuchs in ihrer Studie "Die Innungen in den Arbeits- und Tarifbeziehungen des Handwerks. Ergebnisse des Forschungsprojektes "Innungen, Tarifbindung und Mitbestimmung im Wandel".

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Die Realität ist eine andere, wie diese Studie zeigt. Gegenüber 1996 ist die Zahl der Innungen um 35 Prozent eingebrochen. Gab es vor 30 Jahren noch 6.674 Innungen, lag deren Zahl Ende 2024 bei nur noch 4.311. Allerdings verrät diese Statistik nicht, wie viele Innungen mangels eigener Größe mit Nachbar-Innungen fusioniert haben, um weiter als starker Partner in der Region aufzutreten.

Gewerkespezifische Rückgänge spürbar

Tatsächlich sind "alle Gewerbegruppen vom Rückgang betroffen," so Sack. Gleiches gilt für Regionen, wobei es einige mehr, andere weniger trifft. Verloren gegangen ist zum Beispiel die Bindung in den großen Flächenländern Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, die sich in der Vergangenheit durch eine starke, vielfältige Innungslandschaft auszeichneten. Mit Fokus auf Gewerken sind vor allem die Bekleidungs-, Textil- und Lederhandwerke betroffen, die ein Minus von 72 Prozent aufwiesen – allerdings auch beflügelt von der allgemeinen Entwicklung in dieser Branche, die sich bis heute fortsetzt: die hohen Energiekosten, der enorme Importdruck aus Asien, regulatorische Vorgaben und eine schwache Nachfrage seitens der Verbraucher lassen die Zahl der Betriebe generell schwinden.

Auch die Nahrungsmittelgewerke haben gegenüber dem Vergleichsjahr 1996 ihre Innungszahlen halbiert. Ebenfalls bemerkenswert: Der Rückgang hängt nicht von der wirtschaftlichen Stärke ab, denn auch das starke Elektro- und Metallhandwerk ebenso wie das Bau- und Ausbaugewerbe haben ihre Innungszahlen um 15 beziehungsweise um 24 Prozent reduziert.

Tarifpartnerschaft im Handwerk: Herausforderungen und Chancen

Was die Entwicklung besonders dramatisch macht: Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Betriebe nach oben entwickelt. Kein Wunder also, dass die Entwicklung besorgt beobachtet wird. Etwa in der Sozialpartnerschaft, die "sich schon so lange bewährt hat und gut funktioniert", wie Stefan Körzell aus dem geschäftsführenden Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds erst kürzlich auf der 100. Tagung der Arbeitnehmer-Vizepräsidenten in Frankfurt in einer Podiumsdiskussion betonte. "Die Tarif- und Sozialpartnerschaft ist ein Privileg, das uns von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes verliehen wurde. Wir alle, Gewerkschaften wie Handwerksorganisation, ­müssen es jeden Tag mit neuem Leben füllen. Das wirkt dem ­bröckelnden Halt entgegen und stärkt die Demokratie."

Wer sich in einer Innung engagiert, ist in der Lage, Strukturen selber aktiv zu gestalten – und das ist viel konstruktiver und sinnvoller anstatt nur zu kritisieren. Jörg Dittrich, Präsident des ZDH Wer sich in einer Innung engagiert, ist in der Lage, Strukturen selber aktiv zu gestalten – und das ist viel konstruktiver und sinnvoller anstatt nur zu kritisieren. Jörg Dittrich, Präsident des ZDH

Auch Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, weiß: "Die freiwilligen Organisationen sind für die ordnungspolitische Standortbestimmung des Handwerks weiterhin unverzichtbar." Allerdings müsse man prüfen, wie man Menschen findet, die sich künftig ehrenamtlich in diesen Gremien engagieren, auch wenn die Bereitschaft an sich nicht zurückgegangen ist. "Aber man sollte sich Gedanken machen, wie ein Ehrenamt ausgestaltet ist", sagt Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund. "Die Zeiten, dass sich jemand in ein Ehrenamt wählen ließ und es dann die nächsten Jahrzehnte ausfüllte, sind vorbei." Sein Ansatz: "Die Tendenz liegt heute eher bei einem projektorientierten Ansatz mit einem überschaubaren Zeitraum – und solche Angebote müssen wir auch im handwerklichen Ehrenamt schaffen."

Das gilt vor allem für das Prüfungswesen, das ohne dieses ehrenamtliche Engagement überhaupt nicht funktionieren würde. Bundesweit engagieren sich mehr als 300.000 Menschen im handwerklichen Prüfungswesen. "Sie tragen dazu bei, das hohe Niveau der beruflichen Abschlüsse zu sichern", konstatiert zum Beispiel die Handwerkskammer Berlin, die allein jedes Jahr 5.000 Prüfungen durchführt – und zugleich um Nachwuchs wirbt.

Zuverlässigkeit und Verantwortung

Klar ist auch, dass nicht jeder der ideale Kandidat ist, um Prüfungen zu konzipieren, durchzuführen und die Leistungen entsprechend zu bewerten. Es braucht das tiefe Fachwissen im jeweiligen Gewerk, ein sicheres, kommunikatives Auftreten und eine Zuverlässigkeit in Kombination mit Verantwortung. Man häuft dadurch zwar keine Reichtümer an – es gibt eine Aufwandsent­schädigung von bis zu 3.000 Euro sowie bis zu 840 ­Euro für Prüfungsaufsichten, beides steuerfrei je nach indi­vidueller Lage –, aber man baut sich ein Netzwerk innerhalb der Handwerksorganisation auf, das neue Möglichkeiten eröffnet. "Man erweitert seinen Kreis um ganz viele Personen und Persönlichkeiten, die sonst nie im eigenen Bekanntenkreis aufgetaucht wären", fasst Berthold Schröder seine, aber auch die Erfahrungen vieler anderer im Ehrenamt zusammen. "Man investiert nicht nur, sondern bekommt wesentlich mehr zurück, was nahezu alle Engagierte im Rückblick sagen."

Vor allem werden die Engagierten nicht einfach ins kalte Wasser geworfen, sie können sich auf den Job vorbereiten. Ein Beispiel dafür ist die Ehrenamtsakademie des NRW-Handwerks auf Schloss Raesfeld. So bietet die Akademie in diesem Sommer Seminare rund um das Prüfungswesen in den Kammern Köln und Dortmund an, in der Kammer Dortmund thematisiert ein Seminar Kommunikation und Rhetorik, alles "kostenlos, aber nicht umsonst", wie es augenzwinkernd heißt (ehrenamtsakademie-handwerk.de). Auch bei anderen Kammern und in anderen Ländern gibt es Ehrenamtsakademien und Seminarangebote.

Entscheidend ist vor allem das Netzwerk, das sich Menschen innerhalb des Ehrenamts, aber auch als Mitglied einer Innung mit ihrem Betrieb aufbauen. Vor allem kann jeder selbst mit gestalten: "Wer sich in einer Innung engagiert, ist in der Lage, Strukturen selber aktiv zu gestalten – und das ist viel konstruktiver und sinnvoller anstatt nur zu kritisieren", sagt Dittrich klar und deutlich. Sein Beispiel: "Du ärgerst dich über deine Unterstützungskasse? Dann geh in die Innung und rede bei der Ausgestaltung mit!"

Vorteile der Innungsmitgliedschaft für Handwerksbetriebe

Vor allem aber besteht die freiwillige Mitgliedschaft einer Innung nicht nur aus der Zahlung eines Beitrags – man bekommt viel zurück. Das zeigt zum Beispiel die Ofenbauer-Innung der Pfalz, die ihre Mitgliederzahlen in den letzten zehn Jahren verdreifacht hat, von einst sechs auf heute 19 Mitglieder. Das Rezept: ein engagierter Obermeister mit einer klaren Ansage sämtlicher Vorteile der Innungsmitgliedschaft und der Schaffung neuer Angebote – statt bierseliger Ausflüge geht es heute bei Veranstaltungen um Weiterbildung etwa in Fragen der Technik.

Das lohnt sich auch finanziell. Wer die über die Innung ­erhältlichen finanziellen Vorteile nutzt, "holt den Innungsbeitrag der nächsten zehn Jahre rein", sagt Obermeister Stephan Kohl, der zusammen mit seiner Frau Ute und seiner Tochter Nicole Valente die Innungsgeschäfte leitet. Denn durch Rahmenabkommen können Innungsmitglieder deutlich günstiger an Versicherungspolicen, Autos oder Strom herankommen. Hinzu kommen weitere Dienst- und Unterstützungsleistungen, etwa rund um Fragen der Aus- und Weiter­bildung, gewerkspezifische Fach- und Rechtsfragen oder der Betriebsberatung.

Tatsächlich ist das Leistungsangebot der entscheidende Faktor einer Innung. Das belegte schon das Ludwig-Fröhler-Institut 2010 mit der Studie "Erfolgsfaktoren einer Innung" von Markus Glasl. Das Problem: Oft hängt das Angebot mit der Größe zusammen – und die durch eine Vielzahl von Mitgliedern generierten Einnahmen helfen, ein entsprechendes Angebot auch aufrechtzuerhalten. Den Risikofaktor, dass man mit zunehmender Größe die persönlichen Bindungen verlieren könnte, müsse man aber im Auge haben.

Persönlicher Einsatz und Kommunikation

"Deshalb kommt es auf eine möglichst große Transparenz und klare Kommunikation an", sagt Jörg ­Paschedag, Vorsitzender von Wenn Handwerk, dann Innung e.V., kurz WHdI, der in Berlin 25 Innungen vertritt und in der Hauptstadt das Pendant zur Kreishandwerkerschaft bildet (in Berlin und Hamburg gibt es keine Kreishandwerkerschaften; das Hamburger Pendant WHdI vertritt 30 Innungen).

"Das hat uns zum Beispiel die Corona-Zeit gezeigt, als wir für unsere Betriebe als Ansprechpartner da waren und konkret mit Rat und Tat, aber auch mit Masken und Tests helfen konnten", so der Geschäftsführer der Maler- und Lackiererinnung, der auch betont, dass die Wertschätzung einer Innung und der übergeordneten Instanzen von den ehrenamt­lichen Botschaftern und dem, was sie für ihre Mitglieder leisten, abhängt.

Zitat"Du ärgerst dich über deine Unterstützungskasse? Dann geh in die Innung und rede bei der Ausgestaltung mit!"
Jörg Dittrich, Präsident des ZDH
Das hat Obermeister Stephan Kohl auch sehr schnell klargemacht: Er gestaltete die Website seiner Innung neu und bietet bei Veranstaltungen echte Mehrwerte. Mehr noch: Die Interessenten finden eine Liste von 15 Vergünstigungen und Vorteilen, die sie mit einer Mitgliedschaft bei der Kreishandwerkerschaft Westpfalz in Kaiserslautern direkt realisieren. Spätestens dann können kühle Köpfe den finanziellen Vorteil für sich ausrechnen – und zwar noch ohne den zusätzlichen Imagegewinn und das starke Netzwerk, in das sie sich dann einbringen können.

Vorteile einer Innungsmitgliedschaft
Die Mitgliedschaft in einer Innung bietet Vorteile, die je nach Gewerk entsprechend variieren.
– gewerkspezifische beziehungsweise ­technische Beratung
– Rechtsberatung
– Juristische Unterstützung und Vertretung
– Finanzielle Vorteile durch Rahmenverträge 
zum Beispiel bei Kfz, Versicherungen, 
Leasing, Energie
– Inkassostelle
– Regionale Lobbyvertretung
– Ausbildungsberatung
– Tarifberatung
– Schlichtungsstellen
– Regelmäßiger Austausch mit Kollegen

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Text: / handwerksblatt.de

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