Trotz eines leichten Anstiegs bei der Zahl neu abgeschlossener Verträge für eine duale Berufsausbildung 2022 kommt bei BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser keine Freude auf. Die Gewinnung von Jugendlichen für eine duale Ausbildung bleibe eine der zentralen Herausforderungen zur Sicherung des künftigen Fachkräftebedarfs der deutschen Wirtschaft. (Foto: © Jörn Wolter/BIBB)

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Ausbildungsmarkt hat Corona-Schock noch nicht verdaut

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Trotz der leicht gestiegenen Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge bangt BIBB-Präsident Esser um die duale Ausbildung. Der Fachkräfteengpass werde sich weiter verschärfen. Der ZDH fordert rasches Handeln.

Die Zahl der neu abgeschlossenen dualen Ausbildungsverträge ist im Ausbildungsjahr 2022 zwar mit insgesamt 475.100 Verträgen gegenüber dem Vorjahr um 2.100 Verträge beziehungsweise 0,4 Prozent leicht gestiegen. Damit verbleibt die Zahl der Neuabschlüsse laut einer aktuellen Analyse des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) jedoch weiterhin um 49.900 Neuabschlüsse beziehungsweise 9,5 Prozent deutlich unter dem Niveau von 2019 vor Ausbruch der Corona-Pandemie. 

Auch wenn das Angebot an Ausbildungsstellen im Jahr 2022 – wie schon 2021 – mit 544.000 erneut leicht gestiegen sei (1,4 Prozent), bleibe das Angebot an Ausbildungsplätzen mit 5,9 Prozent deutlich unter dem Niveau von 2019. Als "besonders besorgniserregend" bezeichnet das BIBB in einer Pressemitteilung, dass die Zahl der jungen Menschen, die 2022 eine duale Berufsausbildung nachfragten, erneut zurückgegangen sei. Gegenüber 2021 sei die Nachfrage nach einem Ausbildungsplatz um 5.300 beziehungsweise 1 Prozent auf 535.500 Nachfragende gesunken. Verglichen mit 2019 falle die Nachfrage nach einer dualen Ausbildung um 10,6 Prozent geringer aus.
 
"Die Gewinnung von Jugendlichen für eine duale Ausbildung bleibt damit eine der zentralen Herausforderungen zur Sicherung des künftigen Fachkräftebedarfs unserer Wirtschaft", erklärt BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Die Corona-Pandemie habe bei der Berufsausbildung zu "erheblichen Attraktivitätsverlusten" bei Jugendlichen geführt, die nur schwer aufzuholen seien und die die zukünftige Fachkräfteentwicklung mehr und mehr behindern werde. Von daher seien "dringend" erfolgswirksame Impulse mit Lenkungswirkung vonnöten, die das Interesse junger Menschen an einer Berufsausbildung erhöhen.

Neben der Herausforderung, wie junge Menschen für eine duale Ausbildung gewonnen werden können, bleibe es mindestens genauso wichtig zu klären, wie ausbildungsinteressierte Jugendliche unter Berücksichtigung ihrer Berufswünsche erfolgreich bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt und wie Ausbildungsangebot und -nachfrage besser zusammengebracht werden können.
 
Durch das gestiegene Ausbildungsplatzangebot und die sinkende Nachfrage habe sich der Ausbildungsmarkt im Jahr 2022 allerdings zugunsten der Jugendlichen weiterentwickelt. Laut der Analyse fällt der Anteil der noch eine Ausbildungsstelle suchenden Bewerberinnen und Bewerber an der Gesamtnachfrage mit 11,3 Prozent niedriger aus als 2021 (12,5 Prozent) und erstmals auch niedriger als 2019 (12,3 Prozent).

Dagegen haben die Besetzungsprobleme der Betriebe sich weiter vergrößert. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen stieg gegenüber 2021 um 5.700 beziehungsweise 9,0 Prozent auf 68.900 unbesetzte Stellen an. Damit ist auch der Anteil der unbesetzten betrieblichen Stellen an allen betrieblichen Ausbildungsplatzangeboten um 0,8 % auf einen neuen Höchststand von 13,0 % gestiegen. Die Quote der unbesetzten betrieblichen Ausbildungsstellen fiel erstmals größer aus als die Quote der noch suchenden Ausbildungsstellenbewerber/-innen. Sowohl bei der Besetzung der Ausbildungsstellen als auch bei der Versorgung der Jugendlichen mit Ausbildungsstellen müssen jedoch regionale und berufliche Unterschiede beachtet werden.

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Karrierechancen im Handwerk

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer Foto: © ZDH/SchueringZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer Foto: © ZDH/Schuering

Für Hans Peter Wollseifer machen die rückläufigen Ausbildungsvertragszahlen im Jahr 2022 eines sehr deutlich: "Wir müssen die Karriere- und Berufschancen im Handwerk bei jungen Menschen noch viel bekannter und sichtbarer machen, damit sie sich mit einer Ausbildung im Handwerk auf einen zukunftsgestaltenden und zukunftssicheren Berufsweg machen", erklärte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) mit Blick auf die aktuelle Ausbildungsmarktbilanz.

Angesichts eines enormen Fachkräftebedarfs im Handwerk könne es nicht sein, dass jedes Jahr Tausende von Ausbildungsplätzen, die Handwerksbetriebe anbieten, unbesetzt bleiben. Als Wirtschaft und Gesellschaft könne man es sich nicht leisten, dass diese Potenziale zur Fachkräftesicherung einfach nicht genutzt werden. Die großen Schwierigkeiten, Auszubildende zu finden, zeigen die aktuell noch knapp 20.000 offenen Ausbildungsplätze im Handwerk.

Der ZDH-Präsident forderte die Bundesregierung und Bundesländer zu raschem Handeln auf. So müsse die Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen, bundesweit und vor allem auch an Gymnasien, gestärkt und ausgebaut werden. "Junge Menschen müssen von der ganzen Bandbreite an Optionen, an zukunftsrelevanten Berufen und Karriereperspektiven im Handwerk erfahren." Um die überregionale Mobilität von Jugendlichen zu unterstützen, regte Wollseifer an, bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende zu schaffen und für kostengünstige überregionale Azubi-Tickets zu sorgen.  

Azubi-Ticket und Internatszuschuss Eine Übersicht, welche Bundesländer bereits ein landesweit gültiges und günstiges Ticket anbieten, enthält unser Online-Artikel "Azubi-Ticket: Kostengünstig durchs ganze Bundesland" auf handwerksblatt.de. Auszubildende, die für den Blockunterricht an einer Berufsschule eine auswärtige Unterbringung brauchen, können in vielen Bundesländern einen Zuschuss beantragen. Unser Online-Artikel "Zuschüsse zum Blockunterricht der Berufsschule – das zahlen die Bundesländer" führt auf, welche Bundesländer einen Zuschuss für Unterkunft, Verpflegung und Fahrtkosten zahlen und wo er beantragt werden kann.

Um Herausforderungen wie die Klima- und Energiewende anzugehen, müssten wieder mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk gewonnen werden. Wollseifer forderte ein gesellschaftliches Umdenken: "Wir brauchen eine Bildungswende hin zu mehr Wertschätzung und Anerkennung der beruflichen Bildung und der berufspraktischen Arbeit." Der ZDH-Präsident setzt sich deshalb für die gesetzliche Verankerung und Festschreibung der Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung ein. Für ihn steht fest: "Die unbesetzten Ausbildungsstellen von heute sind die fehlenden Fachkräfte von morgen."

Exzellenzinitiative des BMBF

"Zwar gibt es einen geringen Anstieg der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge, jedoch verbleibt die Zahl auf dem niedrigen Niveau der Corona-Pandemie", kommentierte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) die Ausbildungsmarktbilanz 2022 des BIBB. "Das ist ein Warnsignal, dass wir dringend mehr junge Menschen in Ausbildung bringen müssen. Denn sie ist ein tolles Sprungbrett für ein erfolgreiches Berufsleben und ein wichtiger Baustein zur Bekämpfung des Fachkräftemangels."

Die Bundesbildungsministerin will der beruflichen Bildung mit der vor kurzem gestarteten "Exzellenzinitiative Berufliche Bildung" einen neuen Schub geben. Bestehende Aktivitäten würden dazu gezielt weiterentwickelt und mit neuen Initiativen gebündelt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nehme dafür bis zum Jahr 2026 insgesamt rund 750 Millionen Euro in die Hand. "Damit werden wir die berufliche Bildung deutlich attraktiver machen."

Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung, Zentralverband des Deutschen Handwerks, Bundesministerium für Bildung und Forschung

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Text: / handwerksblatt.de

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