Die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig, appelliert an Auszubildende, dass auch sie vermehrt berufliche und persönliche Erfahrungen im Ausland sammeln sollen.

Die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig, appelliert an Auszubildende, dass auch sie vermehrt berufliche und persönliche Erfahrungen im Ausland sammeln sollen. (Foto: © Stefan Sämmer)

"Auslandspraktikum kann eine unglaubliche Bereicherung sein"

Bildung

Junge Menschen müssen die europäischen Werte selbst erfahren. Deshalb setzt sich die KMK-Präsidentin Stefanie Hubig dafür ein, dass auch Azubis einige Zeit im Ausland verbringen können.

Anfang 2020 hat Rheinland-Pfalz turnusgemäß die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz (KMK) übernommen. Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig hat ihre Amtszeit unter das Motto "Europa – (er)leben und gestalten" gestellt. Im Interview mit handwerksblatt.de erklärt sie, wie auch Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung dazu beitragen können, die europäischen Ideale erfahrbar zu machen.

DHB: Frau Hubig, wie sahen Ihre ersten Auslandserfahrungen aus?
Hubig: Anfang der 80er-Jahre war ich als 14- bzw. 15-Jährige für einige Wochen in Frankreich und in Großbritannien. Als Deutsche, mit dem Wissen um unsere Vergangenheit, war das nicht immer einfach. Inzwischen hat sich das für unsere jungen Leute heute glücklicherweise verändert. Dass wir die lang gehegten Vorurteile und Stereotypen in Europa überwunden haben, macht mich sehr dankbar.

Heutzutage nehmen viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene den Wohlstand und das friedliche Zusammenleben als etwas Selbstverständliches wahr. Damit laufen wir aber Gefahr, dass sie den Wert dessen, was sie haben, nicht mehr zu schätzen wissen. Mir ist es wichtig, diesen Wert erfahrbar zu machen. Sie sollen erleben, dass die Jugendlichen in Frankreich oder Großbritannien die gleichen Interessen, aber auch die gleichen Probleme wie sie haben. Diese Erfahrung kann man allerdings nur machen, indem man in andere Länder reist, dort auf Menschen seines Alters zugeht und Freundschaften schließt.  

DHB: Ist das der Grund dafür, dass Sie als Motto Ihrer KMK-Präsidentschaft "Europa – (er)leben und gestalten" gewählt haben?
Hubig: Teilweise: Ich habe schon im Januar 2019 eine Regierungserklärung zur Demokratiebildung gemacht. Dazu gehören drei Teile: Die Erinnerung, also der Umgang mit der eigenen Geschichte; die Gegenwart, dazu zählt Demokratie in der Schule leben und lernen; und die Zukunft – unsere Zukunft ist Europa.  

Im Rahmen der rheinland-pfälzischen KMK-Präsidentschaft überarbeiten wir die Richtlinie zur Europa-Bildung. Wir müssen uns davon lösen, Europa immer nur mit Bürokratie gleichzusetzen. Europa ist eine Gemeinschaft, die uns alle mit ihrer Vielfalt an Sprachen und Kulturen bereichert. Um das zu vermitteln, brauchen wir aber Menschen, die sich und andere für die europäischen Ideale begeistern können.

DHB: Konnten Sie während Ihrer Schulzeit oder Ihres Jura-Studiums selbst einige Zeit im Ausland verbringen?
Hubig: Leider bin ich nie längere Zeit im Ausland gewesen. Ich wollte schnell studieren, und nach dem Abschluss hat es sich nicht ergeben. Deshalb ermuntere ich junge Menschen dazu, dass sie diese Chance mindestens für einige Monate während der Ausbildung oder für ein Semester während des Studiums ergreifen. Ich denke, dass es eine unglaubliche Bereicherung für sie ist. Deshalb will ich jetzt auch allen jungen Menschen, die ihre Auslandserfahrung aufgrund der Corona-Pandemie aktuell nicht machen können, gerne sagen: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Ihr werdet eine andere Gelegenheit dazu finden.

DHB: 2013 hat der Deutsche Bundestag das Ziel formuliert, dass bis 2020 mindestens zehn Prozent der Auszubildenden eine Auslandserfahrung ermöglicht wird. Zuletzt lag die Quote bei etwas mehr als fünf Prozent. Wie erklären Sie sich die Lücke?
Hubig: Ich glaube, dass es immer noch nicht Usus bei den Firmen ist, einen Azubi ins Ausland zu entsenden. Es müsste selbstverständlicher werden, so wie im Studium. Deshalb müssen wir dafür werben und unseren Azubis wie unseren Ausbildungsbetrieben erklären, wie stark beide Parteien von einem Auslandsaufenthalt profitieren können – und die Strukturen weiter schaffen. 

DHB: Wie lässt sich mehr Interesse für einen Auslandsaufenthalt wecken?
Hubig: Zum einen über die Mobilitätsberaterinnen und Mobilitätsberater bei den Kammern. Sie beraten und unterstützen die Ausbildungsverantwortlichen und die Auszubildenden. Den Betrieben müsste man noch schmackhafter machen, dass ein Praktikum im Ausland einen jungen Menschen bereichert. Und den jungen Menschen müssen wir Mut machen, wir müssen ihnen Zuversicht zusprechen. Hier könnten Gleichaltrige helfen.    

DHB: Sie spielen auf die EuroApprentice an – also Auszubildende, die anderen jungen Menschen von ihrem Auslandspraktikum berichten und sie anregen sollen, selbst für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Hubig: Ich finde ihn super. Wenn junge Menschen auf Augenhöhe miteinander sprechen ist das hilfreicher als ein einstündiger Fachvortrag von Herrn X oder Frau Y. Und es zeigt: Wenn sie es sich zutrauen, dann können andere es auch.

DHB: Die Mittel für das EU-Förderprogramm Erasmus+ sollen für den Zeitraum 2021 bis 2027 deutlich erhöht werden. Ist es alleine damit getan, mehr Geld für die Mobilität junger Menschen bereitzustellen?
Hubig: Das reicht natürlich nicht aus. Von den berufsbildenden Schulen hören wir etwa, dass die Antragstellung sehr kompliziert ist. Das ist eine Zwickmühle. Bei den Projekten von Erasmus+ geht es um viel Geld. Deshalb kann man auch verstehen, dass es ein entsprechendes Antragsverfahren geben muss. Dieses muss aber so gestaltet sein, dass man die Anträge auch unkompliziert stellen kann. Unser Ziel ist, den Schülerinnen und Schülern Auslandsaufenthalte zu ermöglichen. Deshalb will die Kultusministerkonferenz das Verfahren vereinfachen und den Schulen möglichst viele Hilfestellungen geben.  

DHB: Zuletzt wurden knapp 17.000 Auslandsaufenthalte von Lernenden der beruflichen Bildung in Deutschland gezählt. Etwas mehr als 40 Prozent von ihnen haben als Ziel Großbritannien gewählt. Befürchten Sie ab 2021 durch den EU-Austritt der Briten einen Rückschlag für den deutschen Part des Programms Erasmus+?
Hubig: Ich bedauere es sehr, dass Großbritannien aus der EU ausscheidet. Viele junge Briten haben sich jedoch für den Verbleib ausgesprochen. Ihnen sollten wir nicht die Botschaft vermitteln "Jetzt seid ihr weg, Pech gehabt!", sondern weiterhin einen engen Austausch pflegen. Ich gehe davon aus, dass die Teilnahme an Erasmus+ ein wichtiger Punkt bei den Brexit-Verhandlungen sein wird. Mein persönlicher Wunsch wäre, dass Großbritannien weiterhin daran teilnimmt und deutsche Schüler, Auszubildende und Studierende dort auch in Zukunft ihren Auslandsaufenthalt verbringen können.  

DHB: Einer unserer wichtigsten Handelspartner und politischen Verbündeten in Europa ist als Zielland dagegen nicht sonderlich attraktiv. Vergleichsweise wenige Azubis verbringen einen Auslandsaufenthalt im Rahmen von Erasmus+ in Frankreich. Warum ist das so?
Hubig: Rheinland-Pfalz hat traditionell sehr intensive Beziehungen zu Frankreich, was natürlich daran liegt, dass wir direkt an Frankreich grenzen. Grundsätzlich vermute ich, dass es bei vielen Jugendlichen aber an der sprachlichen Barriere liegt. Sie trauen sich den Auslandsaufenthalt nicht zu, weil sie vielleicht nicht so sicher im Französischen sind. Im Englischen ist das bei vielen anders, auch weil sie in ihrem Alltag durch englischsprachige Serien oder Musik geprägt sind.  

Letztendlich ist es wichtig, dass Deutsche und Franzosen die Sprache des jeweiligen Nachbarlandes beherrschen. Ich bin froh, dass Emmanuel Macron zu Beginn seiner Präsidentschaft entschieden hat, dass Deutsch wieder an den Schulen in Frankreich gelehrt wird. In Rheinland-Pfalz legen wir ebenfalls sehr viel Wert darauf, dass Französisch möglichst früh vermittelt wird. Wir beginnen damit bereits in den Kitas, vor allem entlang der Grenze in der Pfalz. Beim Programm "Lerne die Sprache des Nachbarn" lernen die Kinder Französisch und die französische Kultur kennen. Dieses Programm gibt es auch im grenznahen Gebiet in Frankreich.

Ansonsten kann ich nur aus eigener Erfahrung sprechen: Meine Schwester hatte immer französische Austauschschülerinnen zu Gast. Dadurch bin auch ich Frankreich näher gekommen. Die Beziehungen zwischen zwei Ländern funktionieren immer über einzelne Begegnungen. Sobald man einen ersten Kontakt geknüpft hat, wird es in der Regel zum Selbstläufer.

DHB: Was daraus wird, wenn eine Freundschaft über viele Jahre gepflegt wird, haben Sie ja gerade erlebt …
Hubig: Das stimmt. Zwei Mitarbeiter meines Hauses haben vom französische Konsulat einen Orden verliehen bekommen. Der eine stammt aus einer deutsch-französischen Familie. Er ist schon als Kind immer mit nach Frankreich gefahren. Dort gab es diese schönen Familienfeste an langen Tafeln. Er hat mir zu mir gesagt: "Meine Großväter sind dafür geehrt worden, dass sie im Zweiten Weltkrieg ihre nationalen Interessen vertreten haben. Ich bin der Erste in meiner Familie, der für die Freundschaft zwischen beiden Völkern ausgezeichnet wird."

Das finde ich unglaublich schön. Es zeigt, wie wir uns entwickelt haben – weg von den nationalen Interessen, hin zu diesem Demokratie- und Friedensprojekt. Diese Entwicklung dürfen wir aber nicht zurückdrehen. Inzwischen ist es völlig selbstverständlich, dass wir uns innerhalb der europäischen Grenzen frei bewegen. Während der Flüchtlings- und Corona-Krise haben uns die Grenzkontrollen vor Augen geführt, dass diese Freiheit aber alles andere als selbstverständlich ist. Wenn junge Menschen merken, dass etwas nicht normal ist, fangen sie auch an, sich dafür zu interessieren.   

DHB: Gibt es in Rheinland-Pfalz denn auch ein Angebot für Auszubildende, die nach Frankreich möchten?
Hubig: Ja, seit ungefähr zwei Jahren haben wir das Programm "AzubiBac-Pro". Es richtet sich an betriebliche Auszubildende aus Deutschland und Frankreich. Sie können mehrere Monate in einem Betrieb des Nachbarlandes verbringen und sich zertifizieren lassen, dass sie sich spezielle berufliche Sprachkenntnisse angeeignet haben. Es ließe sich sehr gut in die Ausbildung integrieren, aber wir werden nicht gerade von Anträgen überhäuft.

DHB: Von jungen Handwerkern, die an einem Austausch teilgenommen haben, hört man oft, dass die Sprachkenntnisse gar nicht so entscheidend waren. Man lernt, indem man sich gegenseitig etwas zeigt. Notfalls helfen ein paar Brocken Englisch oder der Google-Übersetzer. Müsste man diese Botschaft nicht mehr nach draußen tragen: Habt Mut!
Hubig: Genau. Die Berufsbildende Schule 1 in Mainz beispielsweise fährt regelmäßig mit einer Gruppe von Auszubildenden nach Polen. Da sprechen die wenigsten die Sprache des anderen, aber alle improvisieren und das schweißt zusammen. Am Ende kehren die Azubis hellauf begeistert nach Deutschland zurück und berichten davon, wie toll es war.   

DHB: Im Ranking der Bundesländer, die junge Menschen aus der beruflichen Bildung über Erasmus+ ins Ausland entsenden, liegt Rheinland-Pfalz mit einer Quote von 2,1 Prozent auf Platz 12. Wie bewerten Sie das?
Hubig: Offenbar müssen wir noch stärker an sie appellieren, ins Ausland zu gehen. Die jungen Leute werden häufig schon sehr früh mit der Schule fertig. Danach eröffnen sich viele Möglichkeiten – sei es zunächst im Rahmen von Work and Travel oder eines Freiwilligen Sozialen Jahrs, später in der Ausbildung oder im Studium. Ich kann alle immer nur dazu animieren, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Das vergisst man sein ganzes Leben nicht und es bereichert einen persönlich und beruflich.

Das Interview führte Bernd Lorenz.

Text: / handwerksblatt.de

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