Sofa, Bocca, Entwurf: Studio 65, 1971, Gufram, ­Balangero, Turin, Löffler-Collection, Reichenschwand.

Sofa, Bocca, Entwurf: Studio 65, 1971, Gufram, ­Balangero, Turin, Löffler-Collection, Reichenschwand. (Foto: © Löffler-Collection, Reichenschwand)

"Besessen. Die geheime Kunst des Polsterns."

Polsterkunst: Das Grassi Museum in Leipzig richtet in einer Gemeinschaftsaktion mit Raumausstattern den Blick auf das wunderbare Innenleben ganz unterschiedlicher Sitzmöbel.

Gemeinsam mit dem Fachbereich Raumausstatter der Fachgruppe Restauratoren im Handwerk e. V. Schloss Raesfeld zeigt das Grassi-Museum für Angewandte Kunst noch bis März über 100 Polstermöbel aus handwerklicher Sicht von der Renaissance bis zur Neuzeit.

Die Idee wurde vor sechs Jahren auf der denkmal-Messe in Leipzig geboren. Raumausstattermeister und Restaurator im Handwerk Reinhardt Roßberg sprach dort in einem Fachvortrag über Polstertechniken im Wandel der Zeiten. 

Wieviel Wissen und handwerkliches Können unter dem schönen Bezug eines Stuhls steckt, wissen meist nur die Experten. Dies wollten die handwerklichen Restauratoren ändern. Die Wertigkeit ihrer Arbeit sollten auch interessierte Laien erkennen können. Verborgenes sollte sichtbar werden.

Armlehnsessel, Modell H-91, Entwurf: Jindrich Halabala, um 1930, Spojené UP Závody, Brünn, Löffler-Collection, Reichenschwand. Foto: ¬© L√∂ffler-Collection, ReichenschwandArmlehnsessel, Modell H-91, Entwurf: Jindrich Halabala, um 1930, Spojené UP Závody, Brünn, Löffler-Collection, Reichenschwand. Foto: ¬© L√∂ffler-Collection, Reichenschwand

Der Leipziger Reinhardt Roßberg knüpfte den Kontakt zum Grassi-Museum und stieß auf Interesse. Nach einigen vorbereitenden Überlegungen war aber auch klar, dass die Handwerker für die Umsetzung ihrer Idee einen Kurator brauchen. Ein Mitglied der Gruppe vermittelte den Kontakt zu Dr. Thomas Schriefers, mit dem sie ein "museumstaugliches" Konzept entwickeln konnten. 

Vier Jahre Vorbereitungszeit für eine Ausstellung, das schien uns anfänglich unendlich viel Zeit, wir haben gedacht wie Unternehmer. Reinhardt Roßberg, Restaurator und Obermeister der Leipziger Innung des Raumaustatterhandwerks

Klubsessel, Frankreich oder Deutschland um 1925, Löffler-Collection, Reichenschwand. Foto: ¬© L√∂ffler-Collection, ReichenschwandKlubsessel, Frankreich oder Deutschland um 1925, Löffler-Collection, Reichenschwand. Foto: ¬© L√∂ffler-Collection, Reichenschwand

"Vier Jahre Vorbereitungszeit für eine Ausstellung, das schien uns anfänglich unendlich viel Zeit, wir haben gedacht wie Unternehmer", sagt der Restaurator und Obermeister der Leipziger Innung des Raumausstatterhandwerks, Torsten Otto. Zwischen zehn und 15 Mitglieder der zur Vorbereitung der Ausstellung gebildeten Arbeitsgruppe trafen sich mehrmals in Leipzig, auf Schloss Raesfeld und bei Zoomkonferenzen, tauschten sich fachlich aus und füllten das Konzept mit Leben. Jedes Mitglied suchte nach potenziellen Ausstellungsstücken, die Zeugnis der zeit- und regionaltypischen Polstertechniken aus den verschiedenen Jahrhunderten ablegten. Gesucht wurde im eigenen Fundus und in den Depots von Museen. Um Wesentliches sichtbar zu machen, durften die Originalmöbel möglichst noch nicht restauriert sein. Selbst für die Fachleute gab es dabei manch Überraschendes. So entdeckte Torsten Otto beispielsweise eine Polsterung aus Rehhaar. Und im Norden Deutschlands wurde üblicherweise oft Seegras zum Polstern verwendet. Erstmals fest gepolstert wurden Sitzmöbel übrigens erst in der Renaissance. Zuvor nutzte, wer es sich leisten konnte, Kissen, um es auf dem harten Holzstuhl bequemer zu haben.

Mit viel Sitzgefühl

Sessel, Tugendhat-Sessel, MR 70/9, Entwurf: Ludwig Mies van der Rohe, um 1930/31. Foto: © Löffler-Collection, ReichenschwandSessel, Tugendhat-Sessel, MR 70/9, Entwurf: Ludwig Mies van der Rohe, um 1930/31. Foto: © Löffler-Collection, Reichenschwand

Was die Experten an Möbelstücken zusammengestellt haben, ist beeindruckend: vom Renaissance-Stuhl über den Ratssessel des frühen 17. Jahrhunderts, vom ersten Fitnessgerät "Chamber Horse" des späten 18. Jahrhunderts bis zu Designobjekten der Moderne. Ergänzt wird die Ausstellung noch durch Exponate der Löffler-Collection Reichenschwand, die im Wintergarten zu sehen ist.

Damit die Besucher das Sitzgefühl nachvollziehen können, gibt es einen Ausstellungsbereich, in dem man Sitzmöbel verschiedener Epochen und Polsterungen ausprobieren kann. So erhält auch der Laie einen Einblick in die sich stetig verändernden Polstertechniken.

Die Ausstellung wendet sich sowohl an interessierte Laien als auch an Fachbesucher und wird deshalb von zahlreichen Fachführungen und Workshops flankiert. "Die Vorbereitungszeit für die Ausstellung mit coronabedingt insgesamt sechs Jahren war eine Herausforderung für alle beteiligten Kollegen und verdient Hochachtung für ihr Engagement. Die Kollegen opferten nicht nur viele Stunden ihrer Freizeit – sie kamen auch für notwendige Übernachtungen und benötigte Materialien auf und bemühten sich um Sponsoren. Hätten wir von Anfang an gewusst, was auf uns zukommt, wer weiß, ob wir uns der Aufgabe gestellt hätten", resümiert Reinhardt Roßberg. Aber er sei wie alle mitwirkenden Handwerker  sehr stolz auf das Ergebnis, setzt er hinzu.

Foto: ¬© L√∂ffler-Collection, ReichenschwandFoto: ¬© L√∂ffler-Collection, ReichenschwandPünktlich zum Beginn der Ausstellung erscheint ein begleitendes Fachbuch, zu dem auch alle beteiligten Restauratoren im Raumausstatterhandwerk beigetragen haben. Dass die Ausstellungseröffnung zeitgleich mit der Eröffnung der "denkmal – Europäische Leitmesse für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung", 24. bis 26. November, stattfindet, ist überdies kein Zufall.

Ausstellung
"Besessen. Die geheime Kunst des ­Polsterns", bis 26. März 2023 im Grassi-Museum für ­Angewandte Kunst, ­Johannisplatz 5 bis 11, 04103 Leipzig.

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Text: / handwerksblatt.de

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