Integration

Sami Ahmadi beim Reifenwechseln. Sein Chef Dimitri Martens ist begeistert vom Engagement des Azubis. Foto: © Kai Mehn

"Ich brauche gute Mitarbeiter"

Sami Ahmadi macht eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Für seinen Chef Dimitri Martens ist der Junge aus ­Afghanistan ein echter Gewinn.

So viel Eigeninitiative hat Dimitri Martens selten erlebt: Sami Ahmadi hat den Inhaber von Autohaus Krismayer in Neustadt nach einem Praktikum gefragt, eine Woche in der Werkstatt gezeigt, was er kann, und signalisiert, dass er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker machen möchte. Von den beiden Praktikanten, die zeitgleich mit Ahmadi angefangen haben, ist der erste schon nach kurzer Zeit abgesprungen, der zweite wollte sich melden, hat es aber nie getan. Keine Seltenheit, klagt Martens. Es sei schwer, an gute und motivierte ­Auszubildende zu kommen. "Die Ausbildung ist mit viel Arbeit verbunden. Man muss Verantwortung übernehmen“, erklärt der Unternehmer. Viele Jugendliche scheuten sich davor. Umso mehr begeistert ihn der Einsatz von Ahmadi.

Erst im Nachhinein hat Martens erfahren, dass der Junge Mitte November 2015 hätte abgeschoben werden sollen. Dank des Ausbildungsvertrags darf er vorerst bleiben. "Wenn er weiterhin so gute Arbeit leistet, würde ich ihn gerne übernehmen, denn ich brauche gute Mitarbeiter“, sagt Martens.

Flucht aus Afghanistan

Ahmadi stammt aus Baghlan, einer Provinz im Norden Afghanistans, etwa 60 Kilometer von Kundus entfernt. Die Gegend gerät immer wieder in die Schlagzeilen. 2007 wegen eines Bombenattentats in einer Zuckerfabrik mit vielen Toten und immer wieder wegen Selbstmord-attentaten. Seit 2012 ist der jetzt 19-jährige Ahmadi in Deutschland. Geflohen ist er alleine, ohne seine Familie – über den Iran, die Türkei und Griechenland. Drei Monate hat das gedauert. Die Eltern und eine Schwester leben noch in Afghanistan, telefonisch hält er Kontakt.

In Deutschland kannte er niemanden. Sechs Monate lang hat er einen Sprachkurs besucht, dann den Hauptschulabschluss gemacht und viele Bewerbungen geschrieben, bevor er das Praktikum bei Krismayer bekam. Er ist sehr froh über die Chance, sagt er. Die Arbeit mache ihm Spaß, die Kollegen seien sehr nett, auch die Schule laufe gut. Zwar hat er eine Betreuerin, aber er versucht so viel wie möglich selbstständig zu erledigen, sagt Ahmadi.

Wer Ziele hat, kann es schaffen

Die Einstellung gefällt Martens. Er weiß, wie es ist, in einem fremden Land einen Neustart zu schaffen. 1995 ist er mit seinen Eltern aus Russland nach Pirmasens gekommen. Die Sprache hat er sich selbst beigebracht. Seine Ausbildung als Kfz-Technik-Mechaniker wurde nicht anerkannt, darum hat er eine neue gemacht. "Als ich den Gesellenbrief bekam, habe ich mir das Ziel gesetzt, irgendwann ein eigenes Autohaus zu leiten“, sagt Martens. 2010 hat er die Meisterprüfung in Mannheim bestanden, dann als Werkstattleiter gearbeitet, bevor er am 1. Januar 2015 das Autohaus Krismayer übernahm.

Heute beschäftigt er acht Mitarbeiter, davon zwei Auszubildende. "Wenn man Ziele hat, kann man es schaffen“, ist sich der Unternehmer sicher. Auch Sami Ahmadi sei zielstrebig, zudem technisch begabt. Er passe gut ins Team, das ohnehin sehr "multikulti“ sei. Martens beschäftigt Mitarbeiter mit ungarischen, albanischen, türkischen und deutschen Wurzeln, und das funktioniert sehr gut, wie er betont. In seinem Betrieb werde jeder wie ein Familienmitglied behandelt, das sei auch gut für Ahmadi, meint Martens. Da das Team klein ist, kann der Junge von Anfang an produktiv mitarbeiten. Er bereitet mittlerweile schon Autos auf die Inspektion vor, wechselt Reifen oder Zahnriemen aus, setzt Bremsanlagen instand. So gut läuft es laut Martens auch, weil er einen erfahrenen Meister beschäftigt, der viel Einfühlungsvermögen besitzt.

Unterstützung von der Flüchtlingsnetzwerkerin

Kompliziert sei es nicht gewesen, Ahmadi einzustellen. Doch um auf Nummer sicher zu gehen, hat Martens sich an die Handwerkskammer der Pfalz gewandt. Simone Brandt, Flüchtlingsnetzwerkerin der Kammer, habe sich viel Zeit genommen, so Martens. "Sie hat geprüft, ob alles in Ordnung ist und alle Genehmigungen da sind.“ Auch jetzt meldet sie sich regelmäßig, fragt, ob für Ahmadi im Betrieb und in der Berufsschule alles gut läuft. Martens ist froh über seinen engagierten Azubi und sicher, dass er die Ausbildung schaffen wird. Anderen Unternehmern könne er nur empfehlen, in die Menschen, die kommen, zu investieren. "Achten Sie nicht auf die Medien und treffen Sie eine eigene Entscheidung“, rät Martens.

Simone Brandt ist Flüchtlingsnetzwerkerin der Handwerkskammer der Pfalz. Sie berät und unterstützt Flüchtlinge im Alter von 18 bis 35 Jahren, die nicht mehr schulpflichtig sind und eine konkrete Bleibeperspektive haben, bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz, bei der Bewerbung und während der Aus­bildung. Sie unterstützt Flüchtlinge und Asylbewerber dabei, herauszufinden, wo ihre Kompetenzen liegen und welche Perspektiven sie im Handwerk haben könnten. Dazu informiert sie über Handwerksberufe, Ausbildungsmarktchancen, alternative Angebote und Fördermöglichkeiten – in enger Abstimmung mit den Berufsberatern von der Arbeitsagentur. Brandt hilft auch dabei Bewerbungsunterlagen zu erstellen und Praktikumsstellen zu finden. Beim Abschluss des Ausbildungsvertrags steht sie beratend zur Seite und begleitet die Ausbildung als Ansprechpartnerin, sollten sich Fragen oder Probleme ergeben. Gefördert wird das Projekt "Flüchtlings-Netzwerker“ aus Mitteln des rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministeriums, der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit Rheinland-Pfalz-Saarland sowie aus Eigenmitteln der Handwerkskammer. Momentan gibt es zwölf Auszubildende in dem Projekt, die sie eng coacht. Seit ­August 2015 liegen die Anfragen zu dem Thema im dreistelligen Bereich, erzählt sie. Flüchtlinge, Ehrenamtliche und Betriebe nehmen Kontakt auf, stellen Fragen oder zeigen Interesse an einer Ausbildung, sagt Brandt. Die Rückmeldung der Betriebe aus dem Projekt ist durchweg gut, vor allem, was die Fachpraxis und die Sozialkompetenz der Auszubildenden angeht, weiß die Netzwerkerin. Das Projekt richtet sich an Handwerks­betriebe in der ­gesamten Pfalz.

Kontakt: Simone Brandt, Tel.: 0631/ 36 77-216,
Fax: 0631/36 77-265,
E-Mail: sbrandt@hwk-pfalz.de.

Foto: © Kai Mehn

Text: / handwerksblatt.de

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