Ankunft der Oldenburger Innungsmitglieder in Bad Neuenahr-Ahrweiler im SHK-Unternehmen von Kreishandwerksmeister Frank Wershofen (vordere Reihe 3.v.r.), der mit seinem Familienbetrieb auch "abgesoffen" ist. (Foto: © HwK Koblenz)

Zwei Oldenburger Innungen im Ahrtal-Einsatz

48 Fachhandwerker aus Oldenburg helfen auf Deutschlands größter Wiederaufbaustelle. Sie installieren Heizkessel, verlegen Rohre und sind auch ein bisschen Seelenklempner. Lesen Sie, was sie über ihre Arbeit, die extremen Rahmenbedingungen und ihre Erfahrungen berichten.

Acht Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal stehen Bastian Darsow und 47 Kollegen der Innung Sanitär- und Heizungstechnik Oldenburg sowie der Elektro-Innung Oldenburg im Epizentrum dieser Krise und verlegen Rohre, installieren Heizkessel, hören zu, machen Mut. Manchmal trösten sie. Ein Hilfsprojekt hat die 48 Fachhandwerker nach Bad Neuenahr-Ahrweiler geführt. Hier packen sie nun kräftig an und bereiten warme Wohnungen vor.

Gemeinsam initiiert haben die Hilfsmaßnahme Oldenburgs Innungsobermeister Erhard Lamberti sowie Dieter Meyer mit dem Ahrweiler Kreishandwerksmeister Frank Wershofen, selbstständiger SHK-Meister.

Auch ein bisschen Seelenklempner

Arbeiten in der Tiefgarage, von der es in die hochwassergeschädigten Heizungskeller geht. Die gefluteten Heizkessel wurden bereits demontiert. Nach einer Woche Oldenburger Arbeitseinsatz sind die neuen Heizungen installiert und können, wenn das Gasversorgungsnetz in der Stadt wieder funktioniert, sofort Wärme für die Mehrfamilienhäuser liefern. Foto: © HwK KoblenzArbeiten in der Tiefgarage, von der es in die hochwassergeschädigten Heizungskeller geht. Die gefluteten Heizkessel wurden bereits demontiert. Nach einer Woche Oldenburger Arbeitseinsatz sind die neuen Heizungen installiert und können, wenn das Gasversorgungsnetz in der Stadt wieder funktioniert, sofort Wärme für die Mehrfamilienhäuser liefern. Foto: © HwK Koblenz

Bastian Darsow, stellvertretender SHK-Obermeister, ist Handwerksmeister, Organisator, Promoter und auch ein bisschen Seelenklempner. "Eine über 80-jährige Frau wird nun dank unserer Installationsarbeiten nach zwei Monaten zurück in ihre Wohnung kehren können. Es gibt nun wieder eine Heizung." Da sind auch reichlich Freudentränen geflossen und die Dankbarkeit beschreibt auch eine emotionale Dimension dieser Naturkatastrophe.

"Das geht einem schon sehr unter die Haut, wenn man die Geschichten der Betroffenen hört, ihren Mut spürt, ein Lächeln sieht und die dankenden Worte hört", gibt Darsow Einblick in sein Gefühlsleben. Einfach ist dieser Einsatz nicht. Er dauert eine Woche und die helfenden Oldenburger gehen körperlich an ihre Grenzen.

Todesfalle Tiefgarage

Noch immer stehen Autos herum, die einen braunen Schlammüberzug haben. Foto: © HwK KoblenzNoch immer stehen Autos herum, die einen braunen Schlammüberzug haben. Foto: © HwK Koblenz

Aber auch seelisch werden Extreme erreicht, wenn man an den Heizungsanlagen in einer Tiefgarage arbeitet, die für mehrere Bewohner der darüber liegenden Häuser zur Todesfalle wurde. Sie wollten in der Nacht vom 14. zum 15. Juli ihre Autos vor den anrollenden Wassermassen retten. Doch die fluteten die Tiefgarage rasend schnell – für mehr als zehn Menschen zu schnell, um heraus zu kommen.

Noch immer stehen Autos herum, die einen braunen Schlammüberzug haben und mit magentafarbenen Kreuzen versehen sind: Schrott. Dazwischen haben Darsow und seine Mannschaft Werkbänke aufgebaut und ein kleines Materiallager, damit sie nicht für jede Schelle oder Zange zum Auto oben müssen.

Extrem schwierige Rahmenbedingungen

Es gibt keinen Strom, kaum Licht, ist feucht, stinkt nach den Resten der braunen Flut. Trotzdem kommen sie zügig voran, bringen die Heizungsanlagen in Position und schließen alles wieder an die Haustechnik an. Die Rahmenbedingungen sind "suboptimal", doch die Handwerker sind hochmotiviert und die Fortschritte deutlich sichtbar. Auch wenn der Gasanschluss noch nicht bis zum Haus liegt – die Heizung ist startklar nach diesen fünf Tagen Extremeinsatz.

Eine andere Gruppe packt in einer Bäckerei an. "Handwerker helfen Handwerkern. Das lässt sich wohl momentan nirgendwo besser und deutlicher beschreiben, als hier und jetzt", ist Darsow stolz auf diesen Einsatz. Das Fernsehen fragt an, Zeitungen wollen wissen, wie es den Oldenburgern geht und wie sie vorankommen. Bastian Darsow gibt so auch Interviews, wechselt dann flott in den Organisationsstab, dann geht es wieder in die Bäckerei zum Arbeiten.

Grundvoraussetzung dafür ist der bauliche Wiederaufbau

"Wir haben den Inhabern eine 5.000 Euro-Sofortspende unserer Innung überreicht. Die Freude lässt sich in Worten nicht beschreiben." Damit werden wichtige Dinge beschafft, damit die Bäckerei wieder loslegen kann. Grundvoraussetzung dafür ist der bauliche Wiederaufbau, denn momentan sind alle Räume leer und der Putz wie auch die Fliesen sind abgestemmt, damit die Wände trocknen können. Dafür braucht es Wärme, "und die wird morgen wieder da sein!" Das ist die eigentliche Sensation dieses Tages!

handwerk-baut-auf.de Hilfestellungen, Angebote und Abfragen koordiniert die Internetplattform www.handwerk-baut-auf.de

In kleinen Schritten geht es im Ahrtal zurück Richtung Normalität. Ein langer Weg, das wissen alle. Doch wenn Hilfe wie die aus Oldenburg da ist, kommt Tempo in die Sache. "48 Fachleute, die gut koordiniert mit anpacken und unsere Innungsbetriebe bei der Arbeit unterstützen – das bringt uns deutlich voran!", sagt auch Frank Wershofen, Kreishandwerksmeister in Ahrweiler und mit seinem SHK-Betrieb selbst "abgesoffen", wie er das in einem Wort schnörkellos beschreibt.

Lebenswerk ist über Nacht davon geschwommen

Foto: © HwK KoblenzFoto: © HwK Koblenz

"In einer Nacht ist unser berufliches Lebenswerk davon geschwommen." Nun muss er den Betrieb wieder aufbauen, seine Kunden versorgen und die Hilfe von außerhalb koordinieren.

Ganz ohne Vorbereitung und Krisenmanagement-Seminare, ohne Anleitung und zig-köpfigen Krisenstab ging es in wenigen Stunden aus einer Betriebsführung mit guter Auftragslage in ein Worst-Case-Szenario. Zeit zum Nachdenken, zum Innehalten, gab es seitdem nicht.

"Schlafen werden wir später", sagt er. Was auch für die Oldenburger Kollegen gilt. Doch sie können nach einer Woche wieder zurück in ihren Alltag, der sich wesentlich entspannter und übersichtlicher gestaltet als der von Wershofen und seinen Ahrhandwerkern. Ein Absetzen in die heile Welt ist die Abreise gen Norden dennoch nicht.

"Wir werden garantiert wiederkommen!", verspricht Darsow für seine Mannschaft. Und fordert andere Handwerker auf, diesem Beispiel zu folgen. "Allein können die Handwerker im Ahrtal das nicht schaffen! Das lässt sich nur als Gemeinschaftswerk bewältigen" und dem Motto von Deutschlands größtem Wiederaufbauprojekt kann Darsow nur zustimmen. 

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Text: / handwerksblatt.de

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