Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt
In der neuen Ausgabe der 14-tägig erscheinenden Kolumne Werkbank + Wandel geht es um die fragwürdige Trennung zwischen digitaler und realer Welt.
Dieser Artikel gehört zum Themen-Special Kolumne: "Werkbank & Wandel"
"In real Life oder digital?!"
Immer wieder fällt dieser Satz in Gesprächen, Workshops, bei der Ideenentwicklung oder Konzeption. Als ich vor 16 Jahren in die Kommunikationsbranche einstig war er schon da. Er war damals schon Ausdruck einer Fehlinterpretation, aber dass er sich bis heute hält ist erstaunlich. Ist das Digitale nicht real?
Die Trennung zwischen digitaler und realer Welt ergibt keinen Sinn. Denn "das Digitale" ist kein zusätzlicher Raum, den wir gelegentlich betreten. Digitalisierung ist Teil unseres Lebens. Unseres echten Lebens. So wie das Dingliche, das Physische und das Emotionale. Wir arbeiten digital, informieren uns digital, kaufen digital ein, pflegen Beziehungen digital und treffen Entscheidungen auf Grundlage dessen, was wir digital erleben.
Digital ist Realität
Digitalisierung und im vorläufigen Kulminationspunkt die Integration von künstlicher Intelligenz würde ich mit einer unaufhaltsam rollenden Welle beschreiben, die uns im Grunde nur zur Beantwortung der Frage herausfordert: "Wollen wir sie reiten? Oder wollen wir von ihr überrollt werden?" Erlaube mir bitte die Zuspitzung, wir kommen gleich noch zur Einordnung.
Fakt ist: Wir können jetzt lange darüber diskutieren, ob uns diese Welle gefällt. Wir können sie für übertrieben halten, gefährlich finden oder hoffen, dass der Wind abflaut und sie zwischendurch mal kleiner wird. Nur aufhalten werden wir die Wellen nicht. Entscheidend ist, ob wir die Kompetenz entwickeln mit ihr zu leben, oder schlicht von ihr getrieben, kontrolliert und durchgeschüttelt werden.
Nein, ich empfehle dir nicht, jeder neuen Technologie und jedem Trend blind hinterherzulaufen. Aber es geht um bewusste und selbstwirksame Auseinandersetzung, die diese Zeit von uns verlangt. Gerade weil digitale Systeme immer stärker beeinflussen, welche Informationen wir sehen, welche Meinungen uns begegnen und welche Angebote wir wahrnehmen, müssen wir kritisch bleiben. Algorithmen zeigen uns bevorzugt das, was zu unserem bisherigen Verhalten und Konsum passt. Du kennst das. Du klickst auf einen Beitrag und bekommst zehn ähnliche. Wir interessieren uns für eine Meinung und begegnen bald fast nur noch Menschen oder Inhalten, die diese Meinung teilen. So entstehen die berühmten Bubbles.
Fühlt sich gut an. Alle nicken. Alle sehen die Welt scheinbar genauso wie wir. Der Weg ins "Rabbit Hole" ist frei.
Was wir aber eigentlich als Menschen suchen – hier die Einladung ans Lagerfeuer – ist Dialog. Machen wir uns klar, wozu uns Digitalität befähigt. Zum Dialog. Zum Austausch. Zur Beziehung. Digital ist zunächst nichts anderes als Nullen und Einsen. Ein System, das Menschen mit Systemen, Systeme mit Systemen und Menschen durch Systeme mit anderen Menschen in Beziehung treten lässt.
Digitales schafft Möglichkeiten. Was wir daraus machen, entscheiden wir.
Für dich als Entscheider im Mittelstand und Handwerk bedeutet das: Nicht zuerst fragen, auf welchem Kanal man jetzt auch noch präsent sein muss. Sondern überlegen, mit wem man ins Gespräch kommen möchte. Mit Kunden? Mit Bewerberinnen und Bewerbern? Mit anderen Betrieben? Mit der Gesellschaft?
Und dann: Zuhören, antworten, Teil der relevanten Dialoge werden. Was beschäftigt unsere Kunden? Welche Fragen hören wir jeden Tag? Was möchten junge Menschen über eine Ausbildung wirklich wissen? Welche Erfahrungen aus unserem Betrieb könnten anderen helfen?
Digitalisierung wird dort wertvoll, wo aus Reichweite Beziehung wird. Wo wir nicht nur senden, sondern zuhören. Wo wir nicht nur sichtbar sind, sondern ansprechbar.
Der Filmklassiker "Wag the Dog" mit Robert De Niro und Dustin Hoffman trägt den vielsagenden Untertitel: "Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt." Das Bild, das du jetzt im Kopf hast, beschreibt ziemlich genau, was passiert, wenn Systeme, Plattformen und Algorithmen unser Verhalten bestimmen, anstatt dass wir sie nutzen für das, was wir wollen.
Digital heißt Dialog und der Hund sollte schon noch selbst entscheiden, wann er mit dem Schwanz wedelt.
Eine 14-tägige Kolumne von Daniel-John Riedl und Markus Mazur
DHB jetzt auch digital!Einfach hier klicken und für das digitale Deutsche Handwerksblatt (DHB) registrieren!
Text:
Daniel-John Riedl /
handwerksblatt.de
Kommentar schreiben