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"Die Aufgaben werden uns nicht ausgehen"

Über seine neue Profession, aber auch über die Zukunft des Baugewerbes in Zeiten von schwindenden finanziellen und personellen Ressourcen, spricht Reinhard Quast, der seit sechs Monaten Präsident des ZDB ist.

Der ZDB-Präsident und diplomierte Bauingenieur (RWTH Aachen) Reinhard Quast ist ehrenamtlich stark engagiert und kümmert sich seit zwölf Jahren als Sprecher um die Siegerland-Stiftung. Foto: © ZDB/Pflug
Der ZDB-Präsident und diplomierte Bauingenieur (RWTH Aachen) Reinhard Quast ist ehrenamtlich stark engagiert und kümmert sich seit zwölf Jahren als Sprecher um die Siegerland-Stiftung.

Das Baugewerbe steht vor großen Aufgaben. Materielle, finanzielle und personelle Ressourcen werden rar. Wichtige Rohstoffe verteuern sich, Fachkräfte fehlen und starre Vorschriften verdichten die Städte. Entsprechend ambitioniert ist das Programm des neuen ZDB-Präsidenten Reinhard Quast. Sein Unternehmen, die familieneigene Otto Quast Bau AG in Siegen mit 600 Mitarbeitern, leitet Reinhard Quast schon seit 1985. An der Spitze des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB) steht der 61-Jährige erst seit sechs Monaten. Im Interview mit dem Deutschen Handwerksblatt skizziert Quast seine Forderungen an die Politik und beschreibt die anspruchsvolle Situation der deutschen Bauwirtschaft.

Handwerksblatt: Welche Kernaufgaben haben Sie sich für Ihre Präsidentschaft vorgenommen? Gehört die Lobbyarbeit für die Entbürokratisierung auch dazu?
Quast: Ja, natürlich, und es macht sich fest an dem Punkt, dass ich als Bauunternehmer mit 35 Jahren Berufserfahrung einfach die notwendigen Informationen in die Politik tragen möchte, damit man auch dort den Blick des Praktikers versteht. Als ZDB haben wir viele Informationen und die wollen wir in gut verständlicher Form an alle unsere Mitgliedsbetriebe geben. Wir müssen die Kommunikation zu unseren Betrieben so gestalten, dass sie einfach alle technischen, politischen, steuerlichen Informationen haben, damit ihnen das Leben erleichtert wird. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist dann die Öffentlichkeit. Wir müssen das, was Handwerk ist, breiten Kreisen der Bevölkerung auch wieder klar machen: Handwerk ist letztlich die Basis unseres Wohlstands, unseres täglichen Lebens.

Handwerksblatt: Wird es trotz des Abkühlens der Konjunktur weiterhin einen Bauboom geben? Oder wird sich die Lage wegen des Fachkräfte- und Rohstoffmangels durch weiter steigende Preise verschlechtern?
Quast: Wir sehen in der Industrie einen Rückgang. Und im Wohnungsbau kann ich nur hoffen, dass all die Maßnahmen, die die Bundesregierung jetzt ergreift – Grundstücke des Staates und der Kommunen günstig zur Verfügung zu stellen, sozialen Wohnungsbau dauerhaft wieder fördern, die energetische Verbesserung des vorhandenen Wohnbestands –, dass all dies wirklich umgesetzt wird und dann auch greift, so dass der Wohnungsbau doch noch etliche Jahre läuft.

Handwerksblatt: Das geht tatsächlich nur mit den Maßnahmen, die die Bundesregierung plant?
Quast: Ja. Bei dem heutigen Mietniveau wird es, zumindest in der Fläche, immer unrentabler werden, in Wohngebäude zu investieren. Wir haben eine Rohstoffverknappung, Sand, Kies werden immer teurer. Das Thema Preissteigerung bei Baustoffen, wie Dämmmaterialien, Bitumen im letzten Jahr um knapp 30 Prozent, Stahl um rund 15 Prozent, wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen. Damit ist der Quadratmeter Wohnfläche, schon ohne Grundstückskosten, in einigen Jahren so teuer, dass es sich einfach ohne Fördermaßnahmen nicht mehr lohnt zu investieren. Und wir kriegen den Druck auf die Wohnungsmieten nur herunter, indem der Staat den Bau neuer Wohnungen und die energetische Ertüchtigung fördert.

Handwerksblatt: Für die Städte ist ja Verdichtung offenbar ein zentrales Instrument, um neuen Wohnraum zu schaffen. Sind die rechtlichen und sonstigen Rahmenbedingungen hierfür passend?
Quast: Man sollte die Dachgeschosse auf jeden Fall besser nutzen. Aber auch da wieder: Es müssen die örtlichen Genehmigungsbehörden mitspielen, weil die Bebauungspläne häufig schon vieles vorgeben, wie Gauben oder Dachformen. Da muss man flexibler sein, man muss auch mal einen Dachstuhl herunternehmen können oder einen etwas anders geformten Dachstuhl aufsetzen können.

Handwerksblatt: Viele Aufgaben also für die Politik in Bund, Ländern und Kommunen – und für Ihren Verband ...
Quast: Ja, die Aufgaben werden uns nicht ausgehen. Wesentlich für die Bauwirtschaft ist aber eine kontinuierliche Nachfrage. Und die kontinuierliche Nachfrage speist sich aus Industrie und Handel und der Nachfrage der öffentlichen Hand. Wobei die Kommunen sehr starke Nachfrager sind. Und sie speist sich aus der Nachfrage im Wohnungsbau. Da kann die Politik Rahmen setzen: Entsprechende Abschreibungsmöglichkeiten, die geplant waren, aber gesetzlich noch nicht realisiert sind, müssen als starkes Motivationsinstrument an den Start gehen. Das Normenwerk muss entschlackt werden, und es muss möglich sein, wieder schneller zu planen, zu genehmigen und zu bauen.

Zitat: "Wir haben in der Baubranche überhaupt keine Möglichkeit mehr, flexibel auf Auftragsspitzen zu reagieren." Reinhard Quast, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes

Handwerksblatt: Wie wirkt sich das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz auf die Bauwirtschaft aus? Gehen Sie von der erhofften Entlastung aus?
Quast: Man muss beim Fachkräfteeinwanderungsgesetz sehen, dass es nicht sofort greift. Das wird viele Jahre dauern, weil die Menschen, die eine Grundqualifikation haben und zu uns kommen wollen, ja erst einmal fertig ausgebildet werden müssen. Der Baubedarf, speziell im Wohnungsbau, ist natürlich jetzt da. Uns sind die Schwellen im Gesetz außerdem zu hoch. Wenn wir es nehmen, wie es geplant ist, dann können eigentlich nur Abiturienten von deutschsprachigen Schulen im Ausland in den Genuss von Zuwanderung nach Deutschland kommen. Das sind nicht die, die bei uns dann den Bauberuf lernen wollen. Man muss also über eine Absenkung der Anforderungen und über Länderquoten nachdenken.

Handwerksblatt: Fachkräftemangel ist also das zentrale Thema für das Baugewerbe?
Quast: Ja, denn es gibt ja noch einige andere rechtliche Hürden, die uns das Leben schwer machen: Zum Beispiel wird die sachgrundlose Befristung für Arbeitsverträge stark eingeschränkt. Das war für den Bau immer ganz wichtig, bei großen Auftragsschüben auch mal befristet einstellen zu können. Wir sind ja gebeutelt von der "Wellblechkonjunktur", die den Bau ganz stark getroffen hat, und die Wellen im Blech sind eben sehr tief. Das wird auch auf Dauer so bleiben. Und deswegen brauchen wir die sachgrundlose Befristung. Wir sind auch davon betroffen, dass viele gute Fachkräfte durch früheren Renteneintritt jetzt schneller weg sind, als wir gehofft hatten. Und deswegen muss jetzt die Westbalkan-Regelung erst einmal bleiben. Mit der Westbalkan-Regelung können Arbeitskräfte aus dem ehemaligen Jugoslawien befristet zu uns kommen. Dazu muss das Genehmigungsverfahren an den Botschaften dort beschleunigt werden. Wartezeiten von zwölf oder 17 Monaten vom Antrag bis zur Genehmigung können nicht sein. Sonst kriegen wir keine 350.000 Wohnungen im Jahr gebaut. Die Entsenderichtlinie und das Werkvertragsrecht bedürfen auch einer weiteren Vereinfachung, weil der Papierkram, der dort zu leisten ist, ungeheuerlich ist. Und auch durch Aufenthaltsbefristungen entstehen immer wieder Arbeitspausen. Das Dilemma zeigt sich jetzt bei den A1-Bescheinigungen.

Handwerksblatt: Wie könnte eine Lösung aussehen?
Quast: Ich wäre natürlich froh, wenn wir mehr Flexibilität zur Abdeckung von Auftragsspitzen im Baugewerbe bekommen könnten. Wir haben zwar die Möglichkeit der Kollegenhilfe, die aber in Zeiten der Hochkonjunktur nicht greift, weil alle gut zu tun haben. Etwa 2,5 Prozent der Arbeitnehmer sind heute, dort, wo es möglich ist, Zeitarbeiter. Gerade jetzt, wo die Bundesregierung darüber nachdenkt, auch noch die sachgrundlose Befristung zu erschweren, haben wir in der Baubranche überhaupt keine Möglichkeit mehr, flexibel auf Auftragsspitzen zu reagieren. Es geht den Baufirmen nicht darum, mit Zeitarbeit etwas "billig" zu machen, es geht um Flexibilität bei Auftragsspitzen. Gerade die kleinen Firmen betrifft das. Wenn ein Betrieb fünf oder zehn Mitarbeiter hat und zwei Baustellen und ein Mitarbeiter krank wird, dann muss man einfach einen zweiten oder dritten Mann auf der Baustelle zustellen können. Daher denken wir über ein passgenaues Modell von Zeitarbeit für unsere Branche nach, ein Modell, bei dem alle Tarifverträge, einschließlich der Beiträge zur Soka-BAU und zur BG Bau, verbindlich wären.

Text: / handwerksblatt.de
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