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Handwerk freut sich über Lehrstellen-Plus

Gegen den Trend wurden im Handwerk mehr Lehrverträge neu abgeschlossen. Das zeigt der aktuelle Berufsbildungsbericht. Probleme bereitet, dass sich Ausbildungsplätze immer schwieriger besetzen lassen.

Positiv gegen den Trend hat sich die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsplätze im Handwerk entwickelt. 2016 wurden insgesamt 141.769 neu abgeschlossene Lehrstellen registriert – ein Plus von 257 gegenüber dem Jahr 2015. (Foto: 123rf)

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist im vorigen Jahr erneut leicht gesunken – um 1.800 auf 520.300. Das Bundesinstitut für Berufsbildung erklärt dieses Minus von 0,4 Prozent mit den weiter gestiegenen Besetzungsproblemen von Ausbildungsplätzen.

Berufsbildungsbericht 2017Positiv gegen den Trend haben sich die Zahlen im Handwerk entwickelt. 2016 wurden insgesamt 141.769 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge registriert. Das waren 257 mehr als 2015. Damit sind die Neuvertragszahlen das zweite Jahr in Folge gewachsen. Für Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer ein klares Signal. "Für junge Menschen ist die berufliche Aus- und Weiterbildung im Handwerk eine hervorragende Berufs- und Karrierechance." Als traditionell ausbildungsstarker Wirtschaftsbereich trage es maßgeblich zur Fachkräfte- und Wohlstandssicherung in Deutschland bei.

Sehr gute Chancen für Jugendliche

Insgesamt wurden der Bundesagentur für Arbeit (BA) im vergangenen Jahr 517.789 betriebliche Stellen gemeldet. Das waren 18.386 mehr als im Vorjahr. Aus dem Handwerk gingen bei der BA 122.731 betriebliche Ausbildungsstellenmeldungen ein – ein Plus von 3.465.

547.728 Bewerber haben im Berichtsjahr 2015/2016 die Arbeitsagenturen und Jobcenter bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle eingeschaltet. Das sind 3.182 weniger als im Vorjahr. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage hat sich dadurch weiter zugunsten der Nachfragenden entwickelt.

Rechnerisch standen 100 ausbildungsplatzsuchenden Schulabgängern 104,2 Ausbildungsangebote gegenüber. Ein Jahr zuvor waren es noch 103,8. Für Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz damit für die Jugendlichen so gut wie noch nie.

Bemerkenswert aus Sicht des Bundesinstituts für Berufsbildung: der Anteil der Ausbildungsanfänger mit Studienberechtigung ist in der dualen Berufsausbildung deutlich gestiegen. Aktuell liege der Wert auf einem neuen Rekordniveau von 27,7 Prozent und damit erstmals über dem Anteil von Jugendlichen mit Hauptschulabschluss, der auf 26,7 Prozent gesunken ist.

Genau darin sieht Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) ein großes Problem. Jugendliche mit Hauptschulabschluss hätten kaum noch Chancen auf einen Ausbildungsplatz ihrer Wahl, so die Sprecherin für Jugendpolitik und Ausbildung. Zwei Drittel des Angebots der Industrie- und Handelskammern setze den mittleren Schulabschluss voraus. Doch auch ein guter mittlerer Schulabschluss sei längst keine Garantie mehr für einen Ausbildungsplatz.

Allein im März hätten knapp 300.000 Jugendliche nach Schulabgang keinen Ausbildungsplatz gefunden. "Sie alle fehlen der Wirtschaft damit schon morgen als zukünftige Fachkräfte." Darüber beklage sich die Wirtschaft laut und vernehmlich. Gleichzeitig bilde aber nur noch jeder fünfte Betrieb aus. Das im Koalitionsvertrag aufgeführte Versprechen einer "Ausbildungsgarantie" habe die Große Koalition nicht eingelöst. "Stattdessen haben es sich Union und SPD auf dem Ruhekissen der guten Konjunktur gemütlich gemacht."

Ausbildungsplätze lassen sich immer schwieriger besetzen

Eine zentrale Herausforderung bleiben für das Bundesbildungsministerium die Passungsprobleme zwischen Angebot und Nachfrage. Zum Stichtag 30. September 2016 standen 43.500 bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten unbesetzten Ausbildungsstellen rund 20.600 unversorgte Bewerber gegenüber.

Allein im Handwerk konnten nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks rund 14.000 Ausbildungsstellen nicht besetzt werden. Gerade kleinere Betriebe hätten zunehmend Probleme, Nachwuchs zu finden. "Sie engagieren sich in ihrem Umfeld und unterstützen gegebenenfalls mit Nachhilfeangeboten. Auch die assistierte Ausbildung ist ein Instrument, das Jugendliche mit Förderbedarf und ihre Ausbildungsbetriebe individuell und bedarfsgerecht betreut", so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer.

Der Anteil der unbesetzten Ausbildungsstellen am gesamten betrieblichen Angebot im Handwerk liege mit 9,4 Prozent deutlich über jenem für die Gesamtwirtschaft (8 Prozent). Sieben der zehn Ausbildungsberufe mit starken Besetzungsschwierigkeiten kommen aus dem Handwerk: Fleischer, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk, Bäcker, Klempner, Beton- und Stahlbetonbauer, Gerüstbauer und Gebäudereiniger.

In der einen Region gibt es zu viele Bewerber, in einer anderen zu viele unbesetzte Lehrstellen. Angebot und Nachfrage zusammenzuführen gehört zu den großen Herausforderungen des Ausbildungsmarktes. Seit drei Jahren spreche die Bundesbildungsministerin von den "regionalen Disparitäten", so Beate Walter-Rosenheimer (Grüne). "Bis heute fehlt dieser Regierung aber jede Idee, wie soziale und regionale Unterschiede auf dem Ausbildungsmarkt verringert werden können", merkt die Sprecherin für Jugendpolitik und Ausbildung kritisch an. Es sei nichts zu sehen von einem Wohnheimprogramm, verlässlichen Mobilitätshilfen oder regionalen Netzwerken. Auch der groß angekündigte Digitalpakt, der die Berufsschulen ans Netz und ins digitale Zeitalter bringen sollte, drohe wegen der Erhöhung des Verteidigungsetats unter die Räder zu kommen.

Immer weniger Betriebe bilden aus

Die Quote der Ausbildungsbetriebe ist erneut zurückgegangen. Laut dem Berufsbildungsbericht liegt sie nun bei 20 Prozent. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer erklärt dies vor allem damit, dass Klein- und Kleinstbetriebe ihre Lehrstellen immer schwieriger besetzen können. Eine nachlassende Ausbildungsbereitschaft der Betriebe könne hieraus nicht abgeleitet werden. "Denn wenn ein Kleinbetrieb, der nur einen Ausbildungsplatz zur Verfügung stellt, diesen nicht besetzen kann, hat dies einen negativen Effekt auf die Ausbildungsbetriebsquote. Hingegen verbleibt ein Großbetrieb, der bspw. nur einen von mehreren Ausbildungsplätzen nicht besetzen kann, in der Statistik", verdeutlicht Wollseifer. Des Weiteren sei anzumerken, dass in der Ausbildungsbetriebsquote auch Betriebe berücksichtigt werden, die überhaupt nicht über eine formale Ausbildungsberechtigung verfügen.

"Nicht nur kleine Betriebe ziehen sich aus der Ausbildung zurück, auch große Unternehmen und der Öffentliche Dienst bilden immer weniger Jugendliche aus", hat Rainer Spiering, SPD-Politiker aus Niedersachsen, beobachtet. Die Bundestagsfraktion fordert die Betriebe deshalb auf, wieder mehr auszubilden – auch über den eigenen Bedarf hinaus. Ein weiterer Appell an die Arbeitgeber: Sie sollen auch Jugendlichen eine Chance geben, die auf den ersten Blick nicht wie der ideale Azubi wirken. Das Instrument der assistierten Ausbildung könne hilfreich angewendet werden. "Erfreulich ist, dass die in der Allianz für Aus- und Weiterbildung angestrebten 10.000 Plätze fast erreicht wurden. Daher setzt sich die SPD-Bundestagfraktion für eine Verstetigung der assistierten Ausbildung und der Ausbildungsbegleitenden Hilfen ein", so Rainer Spiering.

Noch im Übergangssystem, bald auf dem Ausbildungsmarkt

Die Bildungsintegration von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive ist Herausforderung und Chance zugleich, so Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Dies spiegle sich auf dem Ausbildungsmarkt noch nicht unmittelbar wider, da die Asylverfahren und die Sprach- und Integrationskurse im Vordergrund standen. Angesichts der hohen Zahl junger Flüchtlinge unter 25 Jahren sei im nächsten Jahr jedoch mit einem deutlichen Anstieg der Nachfrage von Ausbildungsbewerbern zu rechnen. Wichtig seien Maßnahmen, die dabei helfen, die Kompetenzen von geflüchteten Menschen zu messen und anzuerkennen. Als Beispiele nennt sie das Anerkennungsgesetz und die Initiative Valikom zur bundesweiten, standardisierten Kompetenzfeststellung für Berufserfahrene ohne formellen Abschluss.

Vorversion des Datenreports zum Berufsbildungsbericht 2017Die Zahl der Anfänger im Übergangsbereich von der Schule in die Ausbildung ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, so das Bundesinstitut für Berufsbildung. Diese erwartete Zunahme ist im Wesentlichen auf Programme zum Erlernen der deutschen Sprache für jugendliche Geflüchtete und Zugewanderte zurückzuführen.

Besonders das Berufsvorbereitungsjahr habe an Bedeutung gewonnen, wie der Datenreport 2017 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt, der den Berufsbildungsbericht 2017 ergänzt. Nach den Ergebnissen der Schnellmeldung der integrierten Ausbildungsberichterstattung habe die Zahl der Anfänger im Übergangsbereich 2016 mit insgesamt 298.800 Personen – ein Plus von 32.600 – deutlich über dem Vorjahreswert von 266.200 gelegen. Überdurchschnittlich hoch sei der Anteil junger Männer im Übergangsbereich mit 65,3 Prozent.

Bei der Integration von jungen Flüchtlingen in den Ausbildungsmarkt sieht sich der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) gut aufgestellt. 2016 befanden sich bereits knapp 4.600 junge Menschen aus den acht häufigsten Asylzugangsländern – Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien – in Ausbildung. Etliche weitere Tausend junge Menschen mit Bleibeperspektive befinden sich in Praktika, Berufsorientierungsmaßnahmen oder in Ausbildungsvorbereitungskursen.

Die Sprecherin für Jugendpolitik und Ausbildung der Grünen, Beate Walter-Rosenheimer, kritisiert, dass die Bundesregierung ausbildungsinteressierte Geflüchtete "im Regen stehen lässt". Die Integrationsangebote greifen zu kurz und zu spät. Selbst nach zwei Jahren sei die Bundesregierung nicht in der Lage, Integrationsangebote so zu strukturieren, dass der Sprung in die Betriebe gelinge.

Berufsbildung attraktiv und fit für die Zukunft machen

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) will die Attraktivität und die Qualität des Berufsbildungssystems weiter stärken. Hierzu habe ihr Ministerium im vergangenen Jahr die bundesweite Informationskampagne "Du + Deine Ausbildung = praktisch unschlagbar!" gestartet. Mit dem neuen Aufstiegs-BAföG und dem verbesserten Weiterbildungsstipendium seien weitere Schritte unternommen worden, um die berufliche Bildung attraktiver zu machen. Mit der Initiative zur Integration von Studienabbrechern in die berufliche Bildung habe das BMBF ein neues, zielgruppengerechtes Informations-, Beratungs-, und Vermittlungsangebot geschaffen. Außerdem unterstützt es mit dem Programm "Jobstarter plus" Unternehmen bei der betrieblichen Ausbildung. Ziel sei es, dass sich wieder mehr Klein- und Kleinstbetriebe an der Ausbildung beteiligen.

Um das erfolgreiche System der dualen Ausbildung fit für die Zukunft zu machen, bedarf es für Rainer Spiering (SPD) einer Reform des Berufsbildungsgesetzes. Die Bundestagsfraktion setze sich dafür ein, dass ehrenamtliche Prüfer freigestellt und bezahlt werden. Zudem soll es einen Rechtsanspruch auf einen sogenannten Durchstieg geben, bei dem Absolventen einer zweijährigen Ausbildung im Anschluss ohne Zeitverlust noch einen Abschluss in einem dreijährigen Ausbildungsberuf anhängen können. Außerdem sollen Azubis, die älter als 18 sind, für den Berufsschulunterricht freigestellt werden.

Gegen den Trend wurden im Handwerk mehr Lehrverträge neu abgeschlossen. Das zeigt der aktuelle Berufsbildungsbericht. Probleme bereitet, dass sich Ausbildungsplätze immer schwieriger besetzen lassen.

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