Nimmst du das Werkzeug in die Hand?!
1. Oktober 2026
Aktualisiert am 30. September 2026, 15:19
Markus Mazur kann sich gut vorstellen, dass auf der ein oder anderen Baustelle schon mal gebrüllt wurde: "Nimmst du das Werkzeug eigentlich auch in die Hand?"
Dieser Artikel gehört zum Themen-Special Kolumne: "Werkbank + Wandel"
Kein Handwerker käme auf die Idee, eine lange Reihe Schrauben von Hand einzudrehen, wenn daneben ein Akkuschrauber liegt. Nicht, weil er sein Handwerk verlernt hat. Sondern weil er ein Werkzeug nutzt, das ihm die Arbeit erleichtert. Das war nicht immer so. Auch der Akkuschrauber war einmal neu. Vermutlich gab es Menschen, die den Schraubendreher für verlässlicher hielten. Die sagten, dass es von Hand genauer gehe. Oder dass man dieses elektrische Ding nun wirklich nicht brauche.
Heute diskutiert darüber kaum noch jemand.
Werkzeuge gehören zum Handwerk. Akkuschrauber, Stichsäge oder Bohrmaschine sorgen dafür, dass Arbeit schneller, präziser und weniger anstrengend wird. Sie nehmen dem Experten nicht seinen Beruf.
Warum betrachten wir digitale Werkzeuge eigentlich so anders? Beispielsweise wiederholende Aufgaben im Büro. Stundenzettel übertragen, Rechnungen erstellen, Materialbestände prüfen, Bestellungen auslösen, Termine koodinieren. In kleineren Betrieben übernimmt das eine Kollegin oder ein Kollege. Manchmal sitzt nach Feierabend sogar der Inhaber selbst am Schreibtisch.
Viele dieser Aufgaben werden bis heute mit dem "Schraubendreher" erledigt: von Hand, Schritt für Schritt und immer wieder aufs Neue. Da liegt ein Akkuschrauber!
Automatisierung. Manchmal steckt darin künstliche Intelligenz, manchmal braucht es sie überhaupt nicht. Oft reicht ein sauberer digitaler Prozess: Arbeitszeiten werden direkt erfasst. Verbrauchtes Material wird automatisch dem Auftrag zugeordnet. Angebote und Rechnungen generieren sich aus den vorhandenen Daten. Der Lagerbestand meldet rechtzeitig, wenn etwas fehlt.
Ok, Zeitersparnis. Und was passiert dann mit den Leuten, die diese Arbeit vorher gemacht haben?
Vielleicht passiert genau das Richtige.
Die Kollegin im Büro muss nicht mehr stundenlang schwer lesbare Stundenzettel übertragen. Stattdessen kann sie einen Kunden anrufen, dessen Rechnung noch offen ist. Sie kann ans Telefon gehen, wenn jemand dringend einen Servicetermin benötigt. Sie kann zuhören, nachfragen und eine Lösung finden, die nicht in ein standardisiertes Formular passt. Mehr Raum für Kundenzentrierung
Gerade mit dem Hype um KI befinden sich viele aktuell in einem riesigen Missverständnis.
Es wird versucht, mit künstlicher Intelligenz ausgerechnet die komplexesten Aufgaben zu lösen. Schwierige Gespräche führen, Kunden beraten oder Entscheidungen treffen, für die Erfahrung, Einfühlungsvermögen und Verantwortung nötig sind. Wir sollten woanders anfangen. Nicht bei den Aufgaben, die besondere menschliche Faktoren voraussetzen, sondern bei denen, die Menschen jeden Tag davon abhalten, Mensch und nicht Maschine zu sein.
Der Akkuschrauber hat den Tischler nicht arbeitslos gemacht. Er fordert ihn heraus, das neue Werkzeug in seine Arbeitsabläufe zu integrieren und zum Vorteil zu nutzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass auf der ein oder anderen Baustelle schon mal gebrüllt wurde: "Nimmst du das Werkzeug eigentlich auch in die Hand?"
Eine 14-tägige Kolumne von Daniel-John Riedl und Markus Mazur
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Text:
Markus Mazur /
handwerksblatt.de
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