Mit Highspeed und Spaß durch die Berufsausbildung. Um die Berufsausbildung attraktiver zu machen, plädierte die SPD-Bundestagsabgeordnete Yasmin Fahimi bei einer Online-Veranstaltung von WorldSkills Germany dafür, besonders ambitionierten Azubis Zusatzqualifikationen oder Auslandsaufenthalte anzubieten.

Mit Highspeed und Spaß durch die Berufsausbildung. Um die Berufsausbildung attraktiver zu machen, plädierte die SPD-Bundestagsabgeordnete Yasmin Fahimi bei einer Online-Veranstaltung von WorldSkills Germany dafür, besonders ambitionierten Azubis Zusatzqualifikationen oder Auslandsaufenthalte anzubieten. (Foto: © yanlev/123RF.com)

Wie Schnellboote die Berufsausbildung sexier machen

Bildung

Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl hat WorldSkills Germany fünf Abgeordnete des Bundestages dazu befragt, wie sie die berufliche Bildung voranbringen wollen. Im Fokus stand unter anderem die Förderung von Talenten. 

Unter der Überschrift "Von den Besten lernen: Bildung schafft Zukunft!" hatte WorldSkills Germany fünf Politiker verschiedener Parteien aus dem Bundestag zu seiner Online-Veranstaltung eingeladen. Dr. Birke Bull-Bischoff (Die Linke), Dr. Anna Christmann (Bündnis 90/Die Grünen), Yasmin Fahimi (SPD), Dr. Stefan Kaufmann (CDU/CSU) und Dr. h.c. Thomas Sattelberger (FDP) stellten sich anderthalb Stunden den Fragen der vier Moderatoren. Rund 60 Teilnehmer lauschten ihren Statements. Viele brachten sich mit ihren Kommentaren oder Fragen per Live-Chat ein.

KI und Akademiker sind wichtiger

Zu Beginn der Legislaturperiode hat der Bundestag zwei Enquete-Kommissionen eingerichtet. Die Künstliche Intelligenz ist daraus in puncto Wahrnehmung als Sieger hervorgegangen. "In der breiten Öffentlichkeit wird die berufliche Bildung offensichtlich als nicht so sexy wahrgenommen wie sie sein sollte", gab Stefan Kaufmann zu. Der CDU-Politiker war zwei Jahre lang Vorsitzender der Enquete-Kommission "Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt". Den Imageverlust der beruflichen Bildung erklärte er damit, dass in den vergangenen Jahren vor allem über die in Deutschland zu geringe Akademikerquote diskutiert worden ist.  

Als beruflich Qualifizierter schon jung erfolgreich

Ausbildung versus Studium. Dies kennt Lukas Kohl aus der eigenen Familie. Sein Bruder studiert Mathematik. Er hat Fachkraft für Abwassertechnik gelernt. "Unsere Eltern haben versucht, uns gleichwertig zu behandeln, aber man hat immer den Beigeschmack, dass der Abiturent die Zukunft der Familie ist." Dabei kann der 24-Jährige mit seiner beruflichen Qualifizierung schon auf einen beachtlichen Erfolg zurückblicken. 2019 hat er an den WorldSkills in Russland teilgenommen und im Skill "Water Technology" einen Exzellenzauszeichnung ergattert. Er appellierte an die Politiker, die Berufswettbewerbe wie World- oder EuroSkills mehr Beachtung zu schenken. "Junge Erwachsene mit einer Ausbildung können dort zeigen, was sie können."

Berufsausbildung sollen die anderen Kinder machen

Dass sich Lehrlinge gegenüber Studierenden benachteiligt fühlen, ist kein Einzelfall. Ähnliche Stimmen kennt Hubert Romer aus der laufenden Befragung unter Auszubildenden von WorldSkills Germany. "Man fühlt sich zum Studieren gezwungen. Es wird nur über Abiturienten geredet", zitierte er einen Teilnehmer. Allerdings hielt er den Sonntagsrednern aus Politik und Wirtschaft auch den Spiegel vor, die bei der Berufswahl ihrer eigenen Sprösslinge nach dem Floriansprinzip vorgehen würden. "In die berufliche Bildung sollen die Kinder von anderen gehen. Meine Kinder sollen studieren." Bei einer Veranstaltung hätten nur 29 Prozent seiner Gesprächspartner zugegeben, dass sie ihren Kindern dazu raten würden, eine Ausbildung zu beginnen. 

Vom Abi abzuraten löst kein Imageproblem

Yasmin Fahimi (SPD) Foto: © SPD-ParteivorstandYasmin Fahimi (SPD) Foto: © SPD-Parteivorstand

Yasmin Fahimi warnte davor, Abitur, Studium und Ausbildung gegeneinander auszuspielen. Die SPD-Politikerin bezeichnete die steigende Zahl von Abiturienten als einen bildungspolitischen Erfolg. "Das Imageproblem der beruflichen Bildung werden wir nicht dadurch lösen, dass wir den jungen Leuten vom Abitur abraten, sondern wir müssen ihnen aufzeigen, dass beide Wege eine spannende Option sind." Eine Schlüsselrolle nimmt dabei für sie die Berufsorientierung ein. Diese müsste an allen allgemeinbildenden Schulen verankert, deutlich besser durchgeplant und über einen längeren Zeitraum stringent verfolgt werden. Daran müssten auch die Eltern und alle Schulformen beteiligt werden. 

Dr. Birke Bull-Bischoff ging in diesem Punkt besonders auf die Gymnasien ein. Dort müsste die Berufs- und Studienorientierung als gleichwertig etabliert werden. Eine berufliche Ausbildung dürfe nicht nur den Wackelkandidaten angeboten werden. "Ich wäre froh gewesen, wenn mich jemand während meiner Schulzeit auch auf technische Berufe hingewiesen und nicht nur irgendwelche Horrorgeschichten darüber erzählt hätte, dass man mit langen Haaren in die Drehmaschine kommen kann." Die Bundestagsabgeordnete der Linken setzt sich für mehr Durchlässigkeit zwischen der beruflichen und akademischen Bildung ein. 

Ausbildungsberufe sind gesellschaftlich bedeutend

Dr. Anna Christmann (Bündnis 90/Die Grünen) Foto: © Deutscher Bundestag/Inga HaarDr. Anna Christmann (Bündnis 90/Die Grünen) Foto: © Deutscher Bundestag/Inga Haar

Dies ist auch für Dr. Anna Christmann das A und O. "Wir müssen den Schülerinnen und Schülern vermitteln, dass ihnen auch mit einer Ausbildung alle Möglichkeiten offen stehen", meint die Grünen-Politikerin. Viele Ausbildungsberufe seien etwa relevant für den Klimaschutz. Diese Botschaft müsse man auch in die Schulen hineintragen, denn "viele junge Menschen wollen einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten". Dieses Engagement würde sich Dr. Birke Bull-Bischoff auch für die politische Mitbestimmung wünschen. "Mit Pro und Contra müssen sich die Jugendlichen auseinandersetzen." Als Beispiel nannte sie die Mitarbeit in den Jugend- und Auszubildendenvertretungen. Mit Blick auf die Digitalisierung favorisiert Dr. Anna Christmann Geschlechterneutralität. Auch Mädchen könne man für Informatik begeistern. "Ich bin ein großer Fan davon, dies als verpflichtendes Fach für alle zu unterrichten."

Ausbildungsgarantie für Jugendliche

Aktuell droht dem Ausbildungsmarkt durch die Corona-Pandemie nach Einschätzung von Yasmin Fahimi ein gravierender Substanzverlust. Dieser müsse "dringend aufgehalten" werden. Sie möchte den Jugendlichen jedoch nicht nur in diesen schwierigen Zeiten ein Ausbildungsversprechen geben. Sie schlägt – wie Dr. Anna Christmann und Dr. Birke Bull-Bischoff – eine Ausbildungsgarantie vor.

Unsortierte Verantwortlichkeiten aufräumen

Dr. Stefan Kaufmann (CDU) Foto: © Stefan KaufmannDr. Stefan Kaufmann (CDU) Foto: © Stefan Kaufmann

Um politische Vorhaben besser in die Tat umsetzen zu können, müssen Kompetenzen und Zuständigkeiten in der beruflichen Bildung gebündelt werden. "Es ist nicht sinnvoll, dass die Verantwortungen auf Bundes- und Länderebene ganz unterschiedlich zwischen dem Wirtschafts-, Arbeits- und Bildungsministerium sortiert sind", kritisierte Yasmin Fahimi.

Diese "geteilte Verantwortung" machte Dr. Stefan Kaufmann auch für die Qualifizierung von Lehrkräften aus. "Wenn es um Reformen im Bereich der beruflichen Bildung geht, ist die Aus- und Fortbildung der Berufsschullehrer ist ein zentrales Thema", meint der CDU-Politiker.  

Einig waren sich alle Bundestagsabgeordneten über den hohen Stellenwert von Berufs-Wettbewerben. Für Dr. Stefan Kaufmann sind sie ein guter Gradmesser dafür, wo Deutschland im internationalen Vergleich steht. "Bei den Future Skills waren wir gar nicht dabei, weil es diese Berufsausbildungen zum Teil noch gar nicht bei uns gibt", sagte der CDU-Politiker mit Blick auf die WorldSkills 2019. In diesem Bereich attestierte er der beruflichen Bildung eine gewisse Trägheit. Beim Anpassen bestehender Ausbildungsordnungen und dem Definieren neuer Berufsbilder sei man "noch etwas zu langsam". Um die Ausbildung attraktiver zu machen, hält Yasmin Fahimi breiter aufgestellte Berufsbilder für nötig. 

Berufliche Bildungsstätten engmaschiger ausstatten

Damit die Berufsschulen und überbetrieblichen Ausbildungsstätten nicht nur digital auf dem neuesten Stand sind, sollten die technischen Innovationszyklen "sehr viel engmaschiger" nachgehalten werden. Dr. Anna Christmann geht davon aus, dass die Digitalisierung der Schulen im Wahljahr einen höheren Stellenwert haben wird. "Schulen ohne Breitbandanschluss können wir uns nicht länger leisten", ist sie überzeugt. Auch didaktisch sieht die Grünen-Politikerin Handlungsbedarf. Ihr schwebt vor, nach der Bundestagswahl eine Bundeszentrale für digitale Medienbildung aufbauen zu lassen.

Für eine stärkere Binnendifferenzierung machten sich sowohl Yasmin Fahimi als auch Dr. Birke Bull-Bischoff stark. "Die Berufsschulen brauchen die Ressourcen, um die einen zu einem Wettbewerb wie den WorldSkills zu begleiten, aber auch um anderen die notwendige Unterstützung zu gewähren", so die Abgeordnete der Linken. Man dürfe dabei nicht in eine Elitenbildung abdriften, sondern müsse auch den jungen Menschen, die aus dem Übergangssystem kommen oder die in der Jugendberufshilfe ausgebildet worden sind, die Türen öffnen. 

Schnellboote bringen die Karriere voran

Jungen Menschen, die schon während ihrer Ausbildung mehr erreichen wollen, möchte Yasmin Fahimi "Schnellboote" in Form von Zusatzqualifikationen und Auslandsaufenthalten anbieten. Auch im Anschluss an die Gesellen- und Facharbeiterprüfung müssten weitere Brücken gebaut werden. "Deshalb brauchen wir ein Erwachsenenweiterbildungsförderungsgesetz", forderte die Abgeordnete der SPD. Für Studienabbrecher sollte eine "umgekehrte Durchlässigkeit" organisiert werden. "Wer Kfz-Mechatroniker werden möchte, davor aber schon drei oder vier Semester Maschinenbau studiert hat, sollte Leistungen aus dem Studium auf die Ausbildung angerechnet bekommen." 

Fehlende Exzellenzstrategie für berufliche Bildung

Dr. Thomas Sattelberger (FDP) Foto: © Wolfgang Maria WeberDr. Thomas Sattelberger (FDP) Foto: © Wolfgang Maria Weber

Dr. Thomas Sattelberger hat sich besonders der Förderung von Spitzenbegabungen verschrieben. Herausragende Auszubildende sollten in eigenen Berufsschulklassen unterrichtet werden und vorgezogen die Chance erhalten, die Qualifikation als Meister oder Techniker zu erwerben. Bei der Frage, ob die berufliche und akademische Bildung gleichwertig sind, sieht der FDP-Politiker "ganz viel Rhetorik". Während man eine Exzellenzstrategie für die Hochschulen entworfen habe, sei nichts Vergleichbares für die berufliche Bildung passiert. "Wir müssen das Thema Exzellenz auch in die betriebliche Ausbildung und in die Berufsschulen bringen", verlangte er. Dazu könnte etwa die Begabtenförderung für beruflich Qualifizierte deutlich erweitert werden. 

Pro und Contra der Modularisierung

Am anderen Ende des Spektrums hat Dr. Thomas Sattelberger auch um die 6,9 Millionen ungelernten Arbeitnehmer im Alter von 20 bis 65 Jahren im Blick. Um sie zu qualifizieren, habe Deutschland noch einige Hausaufgaben zu machen. Hier sollte nach der Devise "Lieber etwas Bildung als gar keine Bildung" verfahren werden. Wer keine ganze Berufsausbildung schaffe, könne auch Module absolvieren, die sich später zu einem qualifizierten Berufsabschluss zusammenfügen lassen. Diesem Modell räumt er wegen politischer Vorbehalte jedoch wenig Chancen ein, "weil die Angst zu groß ist, damit die klassische Berufsausbildung zu zerstören".

Nicht mit Teilqualifikationen abspeisen

Diesen Standpunkt vertritt etwa Yasmin Fahimi. Die SPD-Politikerin möchte keinen Menschen, der eine Berufsausbildung nicht im ersten Schritt schafft, mit "irgendwelchen Teilqualifikationen abspeisen". Als Beispiel führte sie Absolventen verkürzter Berufswege an. Sie seien viel höher dem Risiko ausgesetzt, arbeitslos zu werden. "Wenn sie permanent nachgeschult werden müssen, haben sie den Eindruck, versagt zu haben. Das schafft keine positive Stimmung", meint sie. Stattdessen müsse man diese Zielgruppe schon während der Schulzeit individuell fördern und sie auch in der Ausbildung bis zum erfolgreichen Berufsabschluss begleiten. "Wenn wir das Niveau senken, bedeutet das am Ende des Tages nur weniger Lohn und höhere Arbeitslosigkeit", so Fahimi.   

Eliteförderung wird gerne missverstanden

Hubert Romer, Geschäftsführer von WorldSkills Germany Foto: © WorldSkills Germany/Laura HerrmannHubert Romer, Geschäftsführer von WorldSkills Germany Foto: © WorldSkills Germany/Laura Herrmann

Hubert Romer hat den Eindruck, dass in Deutschland die Förderung von Talenten gerne als Förderung von Eliten missverstanden wird. "Wir wollen alle mitnehmen", versichert der Geschäftsführer von WorldSkills Germany. Dies beziehe Menschen mit Migrationshintergrund genauso ein wie Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Am Bildungssystem bemängelt er jedoch, dass nur auf die breite Mitte geachtet werde. "Von den Talenten wird erwartet, dass sie zurückstehen. Das ist nicht richtig!" Man müsse sie als spezielle Gruppe betrachten, die eine eigene Förderung benötige.

Kerninhalt der Arbeit von WorldSkills Germany sei es, jungen Menschen eine Zukunft zu geben, indem man sie fördere, fordere und zu Höchstleistungen bringe. An der Spitze der Pyramide seien dies Wettbewerbe wie die Euro- oder WorldSkills. "Wir haben unterschiedliche politische Ansichten, aber am Ende geht es uns darum, was wir jungen Menschen Gutes tun können", gab Hubert Romer den Abgeordneten am Ende der Online-Veranstaltung mit den Weg.  

Moderatoren

  • Hubert Romer, Geschäftsführer von WorldSkills Germany 
  • Peter Schöler, Mitglied der Geschäftsführung der Viega Holding GmbH & Co. KG sowie Mitglied des WorldSkills Germany Vorstands
  • Theresa Noack, Konditorin, Teilnehmerin der WorldSkills 2019 
  • Lukas Kohl, Fachkraft für Abwassertechnik, Teilnehmer der WorldSkills 2019 

Bundestagsabgeordnete

Text: / handwerksblatt.de