Heiße Schmiedearbeiten sind notwendig, wenn die zentralen Werkzeuge in der Manufaktur, die Schmiedehämmer, instand gesetzt werden.

Heiße Schmiedearbeiten sind notwendig, wenn die zentralen Werkzeuge in der Manufaktur, die Schmiedehämmer, instand gesetzt werden. (Foto: © Gerhard Daniels)

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Laut, heiß und voller Kultur

Von Hand gefertigt wurde in grauer Vorzeit, selbst in den ersten industriellen Manufakturen. Das Industriemuseum "Freudenthaler Sensenhammer" macht es heute noch erfahrbar.

Wissen Sie was ein Breiter ist? Kennen Sie den Beruf des Reckers? Können Sie mit dem Begriff "Bröckel" etwas anfangen? Nein? Dann sollten Sie das Museum "Freudenthaler Sensenhammer" in Leverkusen-Schlebusch besuchen, vorzugsweise eine Schmiedevorführung.

Anschauungsunterricht für die Besucher

Allein die historischen Fabrikgebäude lohnen schon den Besuch des Sensenhammers. Foto: © Martin-WienkenhoeverAllein die historischen Fabrikgebäude lohnen schon den Besuch des Sensenhammers. Foto: © Martin-Wienkenhoever

Da wird es laut und heiß, wenn live vor Publikum eine Sense geschmiedet wird. Ausgestattet mit Mickymäusen auf den Ohren und in respektvollem Abstand zu den Funkenwolken der historischen Schmiedehämmer, erleben die Besucher mit Museumsdirektor Jürgen Bandsom mit seinem Museumsschmied Michael Schmidt hautnah die Arbeitsschritte, mit denen hier bis Mitte der 1980er Jahre Sensen und Sicheln gefertigt wurden.

Aus einem kleinen Stück glühenden Stahl, dem "Bröckel", entsteht durch Längen – der "Recker" bewegt das heiße Stahlstück geschickt unter dem mit ohrenbetäubendem Lärm automatisch schlagenden Hammer hin und her bis aus klein und dick lang und schmal geworden ist – ein langer Rohling. Beim "Breiten" und in weiteren Arbeitsschritten an den Schmiedehämmern entsteht dann aus der dünnen Stange eine scharfe Sense oder Sichel.

Vom industriellen Betrieb zum Museum

In der Manufaktur, deren Wurzeln bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zurückreichen, gab es für jeden Arbeitsschritt einen darauf spezialisierten Arbeiter. "Wir haben es also mit einem industriellen Betrieb zu tun", interpretiert Bandsom, "im Handwerksberuf des Schmieds – heute wäre das der Metallbauer – sind all diese Tätigkeiten aber zusammengefasst." Im Freudenthaler Sensenhammer wurde hingegen für alle Tätigkeiten einzeln ausgebildet und die gelernten Sensenarbeiter dann auch dort beschäftigt.

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Die Arbeit an den Schmiedehämmern im 19. Jahrhundert. Foto: © SensenhammerDie Arbeit an den Schmiedehämmern im 19. Jahrhundert. Foto: © Sensenhammer

2019 übernahm Bandsom als Direktor das Museum, dessen Träger und Eigentümer ein Verein ist. Als Handwerker und Diplom-Restaurator war Bandsom jahrelang im Düsseldorfer Restaurierungszentrum für Museen tätig und bringt jene Leidenschaft mit, die gefordert ist, um einem Industriemuseum wie dem Sensenhammer neues Leben einzuhauchen. "Als Schlebuscher seit 25 Jahren im Förderverein des Museums kenne ich die Herausforderungen, habe selbst mitgeschmiedet und die Chance gesehen, in den alten denkmalgeschützten Backsteingebäuden und dem dazugehörenden Wiesengelände eine Kulturstätte zu etablieren".

Ausbau noch in der Corona-Zeit

Noch während der Corona-Zeit überzeugte er die Stadt Leverkusen, drei unbefristete Vollzeitstellen für das Museum einzurichten. Die wichtigste Basis für die Zukunft des Museums seien jetzt neben dem Förderverein – mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich vor allem um die Wartung und Instandsetzung der Maschinen kümmern – ein Schmied, eine Museumspädagogin und er selbst.

Ein spannendes Angebot hat das Trio bereits auf die Beine gestellt. "Unsere monatlichen Schmiedevorführungen sind gut besucht – von Groß und Klein", freut sich Bandsom. "Kinder haben meist großen Respekt vor den riesigen, lärmenden und archaisch anmutenden Maschinen. Aber wenn sie buchstäblich Feuer fangen, bieten wir ihnen einen Schmiedekurs, in dem sie etwas für sich schmieden dürfen."

Auf Spurensuche im Museum

Dieses Jahr an Ostern durften Kinder auch Elektromotoren bauen und auf Spurensuche im Museum gehen. "Unsere weitläufigen und verwinkelten Gebäude sind ein wahrer Abenteuerspielplatz", schmunzelt der Museumschef. "Viele Räume und auch viele alte Werkzeuge und Maschinen schlafen aber noch einen Dornröschenschlaf und wollen von uns hergerichtet und restauriert werden."

Die alte, große Fabrikhalle birgt wahre Schätze an historischen Schmiedewerkzeugen. Foto: © Jürgen BandsomDie alte, große Fabrikhalle birgt wahre Schätze an historischen Schmiedewerkzeugen. Foto: © Jürgen Bandsom

Indes, ein Teil der Räume bietet bereits einen wunderbaren Rahmen für interessante Exponate. Da treten den Besuchern Arbeiter und Fabrikanten auf lebensgroßen Fotografien entgegen und lassen die Firmengeschichte lebendig werden, es gibt Sicheln und Sensen ganz unterschiedlicher Formen zu entdecken und die Darstellung des Themas in der Malerei zu verfolgen. Mit Gemälden von Munch, van Gogh, Marc oder Spitzweg, aber auch auf Bildern der Antike, in der Sensen und Sicheln Symbolbilder für der Ackerbau und den Bauernstand waren. "In einer Wechsel-Ausstellung greifen wir außerdem unserem Museum verwandte Themen auf", erzählt Bandsom.

Mutgeschichten von elf Frauen

"Derzeit zeigen wir Stahlblechskulpturen von Elena Büchel, mit denen sie 'Mutgeschichten' von elf Frauen erzählt. Das Material Blech ist ja ohnehin schon im Sensenhammer gut aufgehoben, aber auch diese Manufaktur erlebte die mutige Frau 'Maria', die Anfang des 20. Jahrhunderts in die Fußstapfen ihres verunglückten Mannes trat und als Schleiferin und einzige Frau in einer Männerdomäne den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder verdiente."

Mit Theateraufführungen und Musik- oder Literaturabenden lockt der Museumschef auch Menschen in die Werkshalle, die nicht in erster Linie wegen der Sicheln und Sensen kommen. "Nicht selten wächst Interesse, und daher wollen wir bald auch Schmiedekurse für Erwachsene anbieten." Die Leidenschaften der Besucher sollen direkt bedient werden, "um das Erlernen von Grundtechniken soll es gehen und um kreatives und künstlerisches Schmieden."

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Text: / handwerksblatt.de

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