Einfach mal treiben lassen. Anker werfen und erst einmal ein gemütliches Frühstück an Deck der Penichette Flying Bridge.

Einfach mal treiben lassen. Anker werfen und erst einmal ein gemütliches Frühstück an Deck der Penichette Flying Bridge. (Foto: © Locaboat)

Hausboot-Touren: Kurs auf Entschleunigung

Eine Bootstour entschleunigt und macht Spaß. Auch Menschen ohne Bootsführerschein kommen mittlerweile in den Genuss, die schönsten Regionen Europas als Freizeitkapitäne zu entdecken.

Heidewitzka, Herr Kapitän! Seit dem Jahr 2000 ist es laut EU-Gesetzgebung möglich, auf bestimmten Kanälen und Flüssen auf einem Hausboot ohne Bootsführerschein die herrlichsten Flecken in Europa aus der Wasserperspektive zu erkunden. Das gilt für Frankreich, Deutschland, Irland und Holland wie auch für Polen und Italien. Einzige Voraussetzung: vor Ort beim Charterer in einer dreistündigen Einweisung den Charterschein ablegen.

Hat man den in der Tasche, steht einer Seefahrt zum Beispiel auf der Mecklenburgischen Seenplatte nichts mehr im Wege. Das Gebiet mit seinen 110 Quadratkilometern Wasserfläche gilt als Naturparadies schlechthin. Nautische Newcomer können sich hier herrlich treiben lassen und im eigenen Tempo die reizvolle Region genießen.

Eine goldene Regel

Die Werder ist ein guter Einstieg in die maritime Welt. Foto: © DHBDie Werder ist ein guter Einstieg in die maritime Welt. Foto: © DHB

Verschiedene Bootstypen sind im Verleih. Eine "Penichette" ist mit ihrem originellen Design und technischen Finessen ein schöner Einstieg in die maritime Welt. Die hübschen Boote gehören zur Flotte von Locaboat holidays. Der Hausboot-Spezialist bietet Touren in ganz Europa an. Das Boot mit der Nummer 1020 ist die "Werder". Das schwimmende Haus im Stil der französischen Hausboote ist für die nächsten sieben Tage unser Zuhause. "Die Navigationsbedingungen auf dem Kanal oder Fluss sind ruhig und angenehm", sagt Nancy Beck von Locaboat und sensibilisiert freundlich, aber bestimmt, jeden Gast für eine goldene Regel: "Ohren auf. Zuhören. Und entspannt bleiben."

Immer die Karten im Blick

Nancy weiß, wovon sie spricht. Seit 1995 betreut sie bei Locaboat Bootsurlauber aus der ganzen Republik. Seit 2010 am Standort Fleesensee. 65 Prozent der Gäste starten ohne Bootsführerschein. "Viele hören nicht zu", sagt die Bootsspezialistin. "Später müssen wir sie dann von der Sandbank ziehen", erzählt sie, und dass in den vergangenen Jahren zu wenig Regen gefallen ist. Die Wassertiefe an manchen Stellen ist dadurch zu niedrig geworden. Inzwischen hat sich die Lage zwar etwas entspannt. Dennoch ist bei einer Fahrt über die Gewässer Umsicht geboten, und die markierten Fahrrinnen sollten nicht verlassen werden. Was passieren kann, wenn das Boot das sichere Fahrwasser verlässt, zeigt auf beeindruckende Weise die Schraubensammlung von Hafenmeister Olli.

Schiffsschraubensammlung

In einem riesigen Regal bewahrt er ramponierte Schiffsschrauben auf. Die Propellerblätter haben alle Bekanntschaft mit dem Sandboden gemacht. Hobbyskippern wird daher geraten, eine App via GPS zu nutzen und intensiv das Kartenwerk zu studieren, das Nancy uns am Ende der Theoriestunde in die Hand drückt. Dann ist es endlich soweit: Bei Sonnenschein und einem azurblauen Himmel entern wir das Schiff. "Macht alles in Ruhe, lasst Euch Zeit." Wir folgen ihrem Rat und beschließen, die erste Nacht zunächst im sicheren Hafen zu bleiben. "Schließlich seid Ihr hier, um unsere wunderschöne Gegend zu genießen", winkt sie uns noch einmal fröhlich zu.

Eng, aber gemütlich

Bei einer Fahrt über die Seenplatte ist es wichtig, auf der gekennzeichneten Fahrrinne zu bleiben. Foto: © LocaboatBei einer Fahrt über die Seenplatte ist es wichtig, auf der gekennzeichneten Fahrrinne zu bleiben. Foto: © Locaboat

Die "Werder" bietet mit zwei Schlafzimmern Platz für vier Personen. Mit Blick auf die Sitzecke und eine komplett ausgestattete Kombüse ist der erste Eindruck "eng, aber gemütlich". Schnell stellen wir fest, dass ein Hausboot wenig Stauraum bietet. Anzug und das kleine Schwarze lässt man daher besser gleich zu Hause. Während unser Gepäck unter Bänken und in Truhen verschwindet, steht gut gelaunt Svenni im Türrahmen der "Werder". Der Techniker ist zuständig für die praktische Einweisung der Neulinge. Was so viel bedeutet: Ran ans Steuerrad.

Praktische Einweisung

Immer gut gelaunt: Svenni ist für den praktischen Teil des Charterbootführerscheins zuständig. Foto: © DHBImmer gut gelaunt: Svenni ist für den praktischen Teil des Charterbootführerscheins zuständig. Foto: © DHB

Wie funktioniert der Anker, wofür ist das Ventil, was bedeutet Neutralstellung? Und vor allem: "bloß nicht nervös werden. Wenn was ist, bin ich da", geben uns diese Worte und seine Mobilnummer eine wohlige Sicherheit. Im gleichen Moment springt auch schon ratternd der Schiffsmotor an. Gemächlich setzt sich die Werder in Bewegung. Svenni gibt uns kurze, knappe Anweisungen, die uns auf den ersten Metern helfen, das Boot kennenzulernen. "Schneller drehen, lenken, jetzt reagiert sie und jetzt wieder langsam zurück, mehr nach links. Sachte, Gang raus". Wenngleich ein wenig Aufregung mitspielt, überwiegt der Stolz darüber, dass die "Werder" nach mehreren Wendemanövern wieder mucksmäuschenstill und heil am Steg liegt.

Abenteuer Hausboottour

Die Mecklenburgische Seenplatte bietet einzigartige Naturschauspiele. Foto: © DHBDie Mecklenburgische Seenplatte bietet einzigartige Naturschauspiele. Foto: © DHB

Am nächsten Morgen starten wir in unser Abenteuer Hausboottour. Bis zu unserem Ziel Fürstenberg liegen 110 Kilometer und sieben Schleusen vor uns. Für unsere sieben Tage eher eine gemütliche Tour. Das noch ungewohnte Steuern der Penichette wird für uns Freizeitkapitäne schnell zur Routine und macht einfach Spaß. Oben an Deck breitet sich vor unseren Augen eine sagenhafte Landschaft aus. Bekannt ist das "Land der 1.000 Seen" für seine Naturschätze. So begegnen wir unterwegs nicht nur Yachten, Segelbooten und Kanus, sondern auch Kranichen, Teichrohrsängern, Krick- und Knäkenten oder Fischadlern.

Alles im Lot

Die Seenplatte teilt sich in vier große Oberseen mit der Müritz im Norden und in die Mecklenburgischen Kleinseen südöstlich der Müritz. Idylle pur, tuckert die Werder an versteckten Badebuchten, grünen Wäldern und bezaubernden Fachwerkhäusern vorbei. Nachdem auch die erste Schleuse geschafft ist, beginnt für die Crewmitglieder rasch die Entschleunigung. Mit einem Lächeln im Gesicht sind wir uns einig: "alles im Lot auf dem Boot" in einer der schönsten Regionen Deutschlands.

 

Tipps für die erste eigene HausbootstourHausboot-Vermietung
Sieben Tage mit der Penichette P.1020FB für vier Personen kosten ab 1.030 Euro. Ausgangspunkt ist in Mecklenburg-Vorpommern Fleesensee oder Fürstenberg. Wer führerscheinfrei unterwegs ist, kann in einer circa dreistündigen Einweisung den Charterschein ablegen. Er gilt für das angemietete Boot und für die Reisezeit.

Corona
Bei der Einweisung werden die hygienischen Sicherheitsvorkehrungen beachtet. Gäste müssen allerdings ihre Betten selbst beziehen. Der Service darf zurzeit nicht angeboten werden.

In der Marina
Wegen der zum Teil geringen Wassertiefe empfiehlt Locaboat, vor dem Anlegen die angestrebte Marina zu kontaktieren und die Möglichkeiten des Anlegens zu besprechen. Jede Marina bietet Sanitärräume zum Duschen an. Ebenso können beim Hafenmeister knackfrische Brötchen bestellt werden.

Routenvorschläge/Bootstypen
Locaboat macht verschiedene Routenvorschläge für die Erkundung der Mecklenburgischen Seenplatte. Die verschiedenen Boots­typen bieten Platz für zwei bis zwölf Personen.

Angeln
Wer sich sein Abendbrot selber fangen möchte, kann dies ebenfalls vom Hausboot aus tun, und zwar ohne Angelschein. In Mecklenburg-Vorpommern sind ein Touristenfischerschein und eine Angelkarte nötig.

Spezial-Spektakel
Da die Region kaum Luftverschmutzung aufweist, ist der Sternenhimmel so klar, wie in kaum einer anderen Region in Deutschland. In einer windstillen Nacht erleben Locaboat-Kapitäne, wie sich die Sterne auf der See­oberfläche spiegeln.

Text: / handwerksblatt.de

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