Schwammstadtkonzepte: Anpassung an den Klimawandel
Von groß bis klein, von Nord nach Süd, von Ost nach West: Überall setzen Städte Schwammstadtkonzepte um. So etwa Berlin, Hamburg, Münster, Düsseldorf, Leipzig, Cottbus, Halle, Trier oder Neustadt an der Weinstraße.
Der Begriff der "Schwammstadt" bezeichnet in der Stadtplanung ein Konzept, bei dem Regenwasser nicht über die Kanalisation in Kläranlagen abgeleitet, sondern zwischengespeichert wird, vor Ort versickert oder verdunstet. Eine Schwammstadt ist eine Stadt, die Wasser "wie ein Schwamm" aufnehmen kann, wenn viel da ist, und zeitverzögert wieder abgeben kann, wenn es benötigt wird. Starkregen kann damit aufgefangen und Überschwemmungen verhindert werden, in Trockenzeiten steht das Wasser zur Verfügung und kann in Hitzewellen kühlen.
Effiziente Regenwassernutzung in Schwammstadtquartieren
Die Maßnahmen, die dahin führen sollen, sind die Speicherung von Regenwasser in Sickergruben, Regengärten und Kanälen, Entsiegelung und Begrünung von Bodenflächen und Dächern, das Anlegen großer Baumscheiben mit Baumrigolen, die das Wasser unter der Erde auffangen und die Bäume bewässern. Und natürlich das Pflanzen von Bäumen. Große Laubbäume können mehrere 100 Liter Wasser pro Tag aufnehmen und an heißen Tagen bis zu 500 Liter Wasser verdunsten.
In Neubaugebieten lassen sich solche Maßnahmen relativ leicht umsetzen. So etwa in Leipzig im neu entstehenden Quartier 416 am früheren Eutritzscher Freiladebahnhof. Das Projekt "Leipziger BlauGrün – Blau-grüne Quartiersentwicklung in Leipzig" wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Programm "Ressourceneffiziente Stadtquartiere RESZ" gefördert. Dr. Roland Müller, Professor für Umweltbiotechnologie am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, hat für das Quartier ermittelt, welche Wassermengen das Viertel aufnehmen und wieder abgeben kann – quasi den Schwamm berechnet. "Immer ist das Gesamtsystem entscheidend", betont er. Einfach bauen nutze meist wenig. Bis 2030 soll das Schwammstadtviertel fertig sein.
Im Bestand liegen die Dinge komplizierter. Aber auch dicht bebaute Siedlungen mit viel Beton und Asphalt auf dem Boden und Dächern mit Kunststoffabdeckungen und Dachpappe lassen sich in Richtung Schwammstadt umbauen. Hier ist das Handwerk gefragt: Das Umweltbundesamt hat 2024 in einer Studie die Berufe ermittelt, in denen Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu einem zusätzlichen Bedarf an Fachkräften führen. Unter den relevantesten Berufsgruppen sind die Bau- und Ausbauberufe.
Dachdecker legen Gründächer an
Zuallererst ist da die Dachbegrünung zu nennen. "Würden in den deutschen Städten alle Dächer nachträglich bepflanzt, könnten der Natur bis zu zwei Drittel der versiegelten Flächen zurückgegeben werden", schreibt der Nabu auf seiner Website. Neben Dachdeckern, die Gründächer anlegen, sind am komplizierten Wassermanagement auch andere Gewerke beteiligt. Das Siegener SHK-Unternehmen Rübsamen ist spezialisiert auf Dachentwässerung. "Große Gründächer können als Regenrückhaltebecken dienen", erklärt Jan Bublitz, der mit seinem Vater und seinem Bruder den Handwerksbetrieb leitet. "Diese sogenannten Retentionsdächer haben einen hoch liegenden Auslauf, so dass auf dem Dach immer Wasser steht."
Das Wasser kann zur Bewässerung von Fassadenbegrünungen dienen oder auch verdunsten und damit in heißen Sommern angenehm kühlen. "Wir planen und bauen die Überläufe, die notwendig sind, wenn zu viel Wasser anfällt und abgeleitet werden muss – bestenfalls in einen See oder eine Zisterne." Mancherorts wird das schon zur Pflicht: Städte und Gemeinden beginnen, das Einleiten von Niederschlagswasser in das Kanalsystem per Satzung drastisch zu beschränken und die Grundstückseigentümer zu zwingen, solche Konzepte umzusetzen.
Rückbau von Schottergärten: Neue Gesetze
Aber auch der Rückbau von Schottergärten und die Entsiegelung von Asphalt- oder Betonflächen können eine Aufgabe für Handwerker sein. Versiegelte Flächen, die leicht zu Grünflächen umgestaltet werden können, befinden sich oft in den Hinterhöfen von Mehrfamilienhäusern. Aber auch wasserdurchlässige Verkehrsflächen sowie naturnahe Rückhalteräume im öffentlichen Raum sind möglich. Parkplätze aus Asphalt können aufgebrochen werden und stattdessen eine wasserdurchlässige Decke bekommen.
Inzwischen gibt es Gesetze, die solche Maßnahmen fordern. Der Bund schuf 2023 das Bundes-Klimaanpassungsgesetz (KAnG), das Mitte 2024 in Kraft trat und die Anpassung an die Folgen des Klimawandels verbindlich regelt. In der Deutschen Klimaanpassungsstrategie wurden im Dezember 2024 messbare Ziele für die Klimaanpassung in Deutschland festgelegt. Explizit wird da etwa gefordert, die Fähigkeit der Landschaft zur Wasserspeicherung wiederherzustellen.
Förderung für Begrünung und Entsiegelung nutzen
Zum Nulltarif ist das alles nicht zu haben. Um Eigentümern von Grundstücken finanzielle Anreize zu bieten, bieten viele Kommunen daher Prämien für den Rückbau von Schottergärten und die Entsiegelung an, auch für den Einbau von Regenwasserzisternen oder die Begrünung von Dächern, Fassaden und Freiflächen. Bereits seit 2016 fördert Düsseldorf im Rahmen des Programmes "Dach-, Fassaden- und Innenhofbegrünung" (DAFIB) die Begrünung privater Haus- und Hofflächen sowie Gewerbeflächen.
Die Stadt Köln etwa übernimmt im städtischen Förderprogramm "GRÜN hoch 3" aktuell 50 Prozent der als förderfähig anerkannten Kosten für den Rückbau von Schottergärten und versiegelten Flächen. Neben privaten Eigentümern von Grundstücken sind auch KMU bis 250 Mitarbeiter und 50 Mio. Jahresumsatz antragsberechtigt.
Es gibt viel zu tun, das Handwerk kann loslegen.
DHB jetzt auch digital!Einfach hier klicken und für das digitale Deutsche Handwerksblatt (DHB) registrieren!
Text:
Dr. Bettina Heimsoeth /
handwerksblatt.de
Kommentar schreiben