Würden in den ­deutschen ­Städten alle Dächer ­nachträglich bepflanzt, ­könnten der Natur bis zu zwei ­Drittel der ­versiegelten ­Flächen zurückgegeben ­werden, schätzt der Nabu.

Würden in den ­deutschen ­Städten alle Dächer ­nachträglich bepflanzt, ­könnten der Natur bis zu zwei ­Drittel der ­versiegelten ­Flächen zurückgegeben ­werden, schätzt der Nabu. (Foto: © Fraunhofer IBP)

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Wie Gründächer zur Klimaanpassung beitragen können

Betriebsführung

Ein begrüntes Dach birgt viele Vorteile, dennoch kommt der Ausbau nur schleppend voran.

"Langsam wie ’ne Schnecke gehen wir voran", zetert Jörg Ewald, Dachdeckermeister aus Hannover. "Dabei ist das Potenzial in Deutschland riesengroß". Gemeint ist der Bau von begrünten ­Dächern. Es geht vor allem um das Begrünen von Flachdächern, aber auch Schrägdächer lassen sich bepflanzen, sogar in Kombination mit Solaranlagen. Auf dem Weg zur Schwammstadt leisten solche Dächer einen wertvollen Beitrag.

Seit Mitte der 1970er Jahre werden Dächer professionell begrünt – zu Beginn allerdings in geringeren Dimensionen als in den letzten Jahren. Der Bundesverband GebäudeGrün (BuGG) geht davon aus, dass es in Deutschland einen Bestand von mindestens 170 Mio. bis 200 Mio. m² Gründachfläche gibt. Allein in 2024 kamen etwa neun Millionen m² hinzu.

Neue Gründächer nach Hochwasser

Wie hoch der Prozentsatz von Gründächern unter ­allen Dächern ist, lässt sich schwer sagen. "Beim Neubau werden aber lediglich 12 Prozent aller Flachdächer begrünt", weiß Dachdecker Ewald. Seit 35 Jahren begrünt er Dächer. "Seit etwa 15 Jahren bekomme ich immer mehr Aufträge", erzählt er. Das ginge einher mit den Hochwasserereignissen an Rhein, Elbe und Mosel und der Flutkatastrophe an Mosel und Ahr 2021. Die Gesellschaft ist inzwischen sensibilisiert dafür, dass ein ­kluges Wassermanagement die Folgen von Extremwetter­ereignissen abschwächen kann.

Vor allem Flachdächer lassen sich leicht begrünen. Man hat die Wahl zwischen sogenannter extensiver Begrünung mit kleinen Sedumpflänzchen, die in einem niedrigen Substrat von sechs bis zehn Zentimetern kaum gepflegt werden müssen und auch in praller Sonne lange Trockenphasen überstehen. Intensive Begrünung aus mediterranen Kräutern überleben nur in einem dickeren Substrat von bis zu 16 Zentimetern. "Wer es ganz natürlich haben möchte, kann auch einen Teich auf dem Dach anlegen, der dann je nach Regen mehr oder weniger voll ist", erklärt Ewald.

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Effizienz und Nutzen von Gründächern steigern

"Wir brauchen viel mehr Dachdecker, die ihren Kunden Gründächer empfehlen", ist er überzeugt. Denn die Vorteile liegen für ihn auf der Hand. Wasser von Stark­regen wird aufgenommen und fließt weniger schnell in den Keller. Die Pflanzendecke kompensiert im Sommer die Hitzeeinstrahlung, die Gebäude heizen sich weniger auf. Grüne Dächer speichern Regenwasser und verdunsten es langsam wieder, wobei angenehme Verdunstungskühle entsteht. Vor allem Innenstädte, die sich im Sommer bis zu zehn Grad mehr als das Umland aufheizen, profitieren davon. Und das Grün sei auch ein guter Schutz für das Dach, betont Ewald, "doppelt so lang wird die Abdichtung halten".

Für was sich ein Hausbesitzer entscheidet, liegt natürlich auch am Geldbeutel. Intensive Begrünungen können zwar mehr Wasser speichern, sind aber teurer, auch weil ein Dach zuweilen statisch ertüchtigt werden muss. Schrägdächer brauchen immer einen dickeren Aufbau für das Grün, damit es nicht abrutscht, und auch intensiveres Nachrüsten bei der Statik. "Daher beträgt dieser Anteil an meinen Gründachaktivitäten nur etwa zehn Prozent", sagt Ewald. Aber seit ein, zwei Jahren gibt es spezielle Kunststoffelemente mit dem Gründach-Substrat, die auf Dachpfannen befestigt werden können. Das erleichtere die Konstruktion sehr. Dächer bis 35 Grad Neigung lassen sich damit ganz leicht begrünen, bis 45 Grad ist es mit etwas mehr Aufwand auch noch zu schaffen.

Städte fördern Gründächer: Vorteile und Vorschriften

Um Hausbesitzern finanziell zu helfen, ein Gründach anzulegen, gibt es zahlreiche Förderprogramme. Mehr als die Hälfte der Städte über 50.000 Einwohner biete eine Förderung für Gründächer an, bei 168 Städten (86 Prozent) gebe es beim Abwasser eine Gebührenreduktion für Gründächer, hat der BuGG ermittelt.

Inzwischen fordern Städte und Gemeinden zuweilen auch Gründächer in Bebauungsplänen und Gestaltungssatzungen. Die Stadt Hamburg schreibt sogar ab 2027 Solargründächer für Neubauten und nach Flachdachsanierungen vor. Ein wesentliches Instrument, das zum Ausbau der Dachbegrünung beigetragen hat, ist die bereits seit 2010 wirksame Eingriffs-Ausgleichs-Regelung. Nicht vermeidbare Eingriffe in die Natur sollen durch Maßnahmen des Naturschutzes ausgeglichen werden. Eine Dachbegrünung kann die negativen Effekte durch die Versiegelung von Flächen kompensieren. Und auch für die Seele seien grüne und blühende Dachflächen in großes Plus, betont Dachdecker Jörg Ewald. "Der Blick auf Dachpappe oder Kies ist doch sehr trist, wie viel schöner, wenn Sie morgens das Fenster öffnen und auf eine blühende Wiese schauen."

Die Geschichte des Gründachs

Geplante und angelegte Vegetation an Gebäuden gibt es seit jeher in nahezu allen Regionen der Welt. Die Hängenden Gärten von Babylon, eines der sieben Weltwunder der Antike, sind ein frühes Beispiel für Dach- und Terrassenbegrünungen. Italie­nische Dach- und Terrassengärten der Renaissance brachten die Gebäudebegrünung nach Europa. Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich Le Corbusier mit den ­positiven Effekten von Dachgärten in ­Architektur und Städtebau. Zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Architekt Emilio Ambasz mit seinem begrünten Terrassenbau in der japanischen Stadt Fukuoka zu einem Wegbereiter der Gebäudebegrünung.

Bereits in der Antike entstanden grüne Behausungen in Form von Erdhäusern, bedeckt durch grüne Hauben. Durch Gestein, Erdreich und Pflanzen vor Hitze und Kälte geschützt, konnten diese Bauten Jahrtausende überdauern. Ihnen ähnlich sind Grassoden- und Seegrashäuser aus Island und Dänemark, die ab dem 17. beziehungsweise 18. Jahrhundert aufkamen.

In den 1980er-Jahren entstanden auch in Deutschland vermehrt naturnahe Architekturentwürfe, die von der damaligen Umweltbewegung stark beeinflusst waren. Zu be­deu­tenden Beispielen zählen ­unter anderem die Ökohäuser der Berliner Internationalen Bauausstellung 1984/1987, für die der Architekt Frei Otto die baukonstruktive und versorgungstechnische Infrastruktur entwarf. Diese Gebäude nutzten Sonnenenergie und Grauwasser und wurden vielfach mit Fassaden- und Dachbegrünung geplant.

Seit Mitte der 2000er-Jahre erfährt die Gebäudebegrünung durch den fortschreitenden Klimawandel und die anhaltende ­Urbanisierung stetig mehr Aufmerksamkeit. Sie verbessert das Mikroklima, fördert Biodiversität, verhindert Überhitzung, filtert Feinstaub und Umgebungsgeräusche, entlastet die Kanalisation und dient der CO₂-Neutralität. Daher wird die Begrünung von Gebäuden mittlerweile in vielen europä­ischen Ländern geplant wie gefördert.

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Text: / handwerksblatt.de

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