Lionel Devlieger, Architekt, Historiker und Gründungsmitglied von Rotor.

Lionel Devlieger, Architekt, Historiker und Gründungsmitglied von Rotor. (Foto: © Rotor)

Mu.ZEE Ostende: Bauen mit recycelten Baustoffen

Rotordb hat entscheidend bei der baulichen Umgestaltung des Mu.ZEE in Ostende mitgewirkt. Lionel Devlieger erläutert im Interview die nachhaltige Konzeption der Spezialfirma, die sich auch mit dem Recycling von Baustoffen beschäftigt.

Rotor hat die Architekturszene Belgiens verändert. Theoretisch wie praktisch befassen sie sich bei den Projekten mit den Themen Nachhaltigkeit, Abfallwirtschaft und Wiederverwertung. Wie das geht und was ihre Ziele sind, beantwortet Lionel Devlieger im Interview.

DHB: Herr Devlieger, was verbirgt sich hinter dem Namen Rotordb?
Lionel Devlieger: Der Name Rotor wurde 2005 von Maarten Gielen und Tristan Boniver erdacht, als ein Name, der sicher eher der Idee, dem Prinzip der Materialwiederverwendung verschreibt, als dass er genau beschreiben sollte, wofür Rotor als Organisation steht. Der Name wurde zusammen mit dem Logo entwickelt. Ursprünglich war Rotor der Name einer Datenbank mit einer Übersicht über stabil verfügbare Reststoffe aus der Industrie (Produktionsrückstände, industrielle Abfallstoffe). Aus dieser Zeit ist noch die db in der Url von Rotor, für DataBase. Aber später begann Rotor als Organisation, sich auf Reststoffe im Bausektor (als Industriezweig) zu konzentrieren, und Rotor ging in eine andere Richtung als in jenen frühen Tagen.

Foto: © RotorFoto: © Rotor

DHB: Welche Art von Referenzprojekten haben Sie betreut?
Devlieger: Ich war selbst innerhalb von Rotor an einer Reihe von großen Ausstellungsprojekten beteiligt, wie Usus/usures in Venedig, OMA/Progress in London, Behind the Green Door in Oslo und Kopenhagen, Recicprocity in Lüttich, Who's eating the Chinese Mitten Crab in Brügge, Underground in the City in Gent, etc. Ich war auch für eine Reihe von Innenausstattungsaufträgen verantwortlich, wie z.B. das Kulturzentrum Abattoir de Bomel in Namur, die Zonnige Kempen in Westerlo, den Bruegel-Pavillon in Dilbeek, die Umgestaltung von Mu.ZEE, etc.

Diese Ausstellungs- und Designaufträge bilden letztlich nur einen Teil der heutigen Tätigkeit von Rotor; ein abgespaltener Zweig von Rotor beschäftigt sich nun ausschließlich mit dem Abbau und Verkauf (RotorDC).

Rotor ist auch und vor allem in Beratungsaufträgen für Großkunden und Behörden tätig. Ein Teil des Teams arbeitet auch an internationalen Forschungsprojekten, um die Wiederverwendung von Bauteilen zu erleichtern und anzuregen. In diesem Zusammenhang sind wir zum Beispiel der Hauptpartner einer europäischen Partnerschaft, rund um das Projekt FCRBE.

Lese-Tipp Das Mu.ZEE in Ostende hat sich auf die moderne und zeitgenössische Kunst in Belgien ab 1880 konzentriert. Jetzt ist es wieder geöffnet und lädt zu einem Besuch bei James Ensor (1860 bis 1949) ein. Lesen Sie hier Wegbereiter der Moderne – der Bodenständige von der belgischen Küste. 

DHB: Vor welchen Herausforderungen standen Sie mit dem Mu.ZEE-Haus?
Devlieger: Die große Herausforderung war das Timing. Ende Januar wurden wir offiziell beauftragt, und die Eröffnung war für Ende Mai geplant: Wir hatten also 4 Monate Zeit, um das Gebäude kennenzulernen, ein Design zu entwickeln und es umzusetzen. Und das alles im Kontext eines denkmalgeschützten Gebäudes, mit einer sehr wertvollen Kunstsammlung, die auch Zeit für die Demontage und Neuinstallation benötigt. Zum Glück war das Team von Mu.ZEE besonders proaktiv.

DHB: Die geschwungene Glasfassade an der Rückseite ist jetzt zu sehen - war das eine Idee von Ihnen?
Devlieger: Ja, das war es. Vor diesem Fenster wurde ein Projektionsraum installiert, eine echte Blackbox, so dass das Fenster komplett abgedichtet und nicht mehr sichtbar war. Tatsächlich war vom gesamten hinteren Flügel, dem so genannten Astrid-Flügel, nur sehr wenig zu sehen, obwohl er architektonisch einer der spannendsten Räume des gesamten Komplexes ist. Wir haben versucht, so viele dieser ursprünglichen Qualitäten wie möglich wiederherzustellen. 
 
DHB: Wie haben Sie die Raumplanung entwickelt - haben Sie eine bestimmte Philosophie verfolgt? Früher gab es enge Räume, heute gibt es ein anderes Gefühl von Freiheit.
Devlieger: Für uns ging es darum, die Balance zu halten zwischen einerseits dem Wunsch nach möglichst viel Offenheit, die es dem Besucher so viel leichter macht, sich in den Räumen zu orientieren, und andererseits dem Wunsch, nicht zu viele Wände aufzugeben, weil man sie natürlich braucht, um Werke aufzuhängen. Wir merkten schnell, dass es besonders wichtig war, von den seitlichen Balkonen, die wir inzwischen als Paketbootbalkone bezeichnen, einen Blick auf den gesamten Raum zu haben. Das ist der Punkt, an dem man wirklich dieses Panorama-Gefühl bekommt, das vorher nicht da war.

DHB: Welche Projekte werden Sie demnächst in Angriff nehmen?
Devlieger: Wir werden uns mit dem Bau einer Tanzflächenüberdachung für ein elektronisches Musikfestival beschäftigen. Die Struktur dieses Daches ist ein wiedergewonnenes Gewächshaus, das wir selbst in der Normandie (Frankreich) abgebaut haben. Es gehörte einem pensionierten Gemüsehändler, der keine Verwendung mehr dafür hatte.

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Text: / handwerksblatt.de

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