Der Kontrast von Moderne und Tradition ist mit das größte Merkmal Südkoreas.

Der Kontrast von Moderne und Tradition ist mit das größte Merkmal Südkoreas. (Foto: © parksang118/123RF.com)

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Vom Alltag zur Erleuchtung: Erlebnisse im Jogyesa-Tempel

Inmitten der modernen Stadtsilhouette der Millionenmetropole Seoul steht ein majestätischer Tempel: Über die Jahrzehnte trug er mehrere Namen, heute ist er als Jogyesa-Tempel bekannt.

Einst diente der Jogyesa-Tempel als Zuflucht für gläubige Koreaner während der japanischen Besetzung. Noch heute folgt er der "Jogye Order", die repräsentativ für den 1.700 Jahre alten koreanischen Buddhismus steht. Die Doktrin dieses Glaubens lautet: "Direkt auf den eigenen Geist zu weisen, die eigene Natur zu erkennen und die Buddhaschaft zu erlangen, um buddhistische Jugendliche zu religiösen Aktivitäten zu führen." Den Mönchen des Jogyesa-Tempels nach folgt man dieser Doktrin, und sie bieten Besuchern mit einem Templestay einen ganz besonderen Einblick in ihren Alltag.

Obwohl die heutigen Gebäude im Vergleich zu vielen alten Tempeln eher modern wirken, hat Jogyesa eine enorme symbolische Bedeutung als geistiges Zentrum des koreanischen Buddhismus. Mitten im Herzen von Seoul gelegen, ist der Tempel zugleich ein Ort lebendiger Praxis und eine ruhige Oase im hektischen Stadtleben.

Die Daeungjeon-Haupthalle wurde 1938 aus Kiefernholz vom Baekdu-Gebirge errichtet und erfüllt sich täglich mit dem Klang von Gebeten und Gesängen. Davor steht eine achtseitige, zehnstöckige Steinpagode, die 2009 fertiggestellt wurde und heilige Reliquien von Shakyamuni Buddha bewahrt, die bereits 1913 durch den sri-lankischen Mönch Ven. Dalmabara nach Korea gebracht wurden. Ganz in der Nähe erinnert eine große Metalltafel mit dem Herz-Sutra an die tiefe spirituelle Verwurzelung des Ortes.

Auch die Natur spielt auf dem Tempelgelände eine stille, aber starke Rolle. Zwei alte Bäume prägen den Innenhof: eine rund 500 Jahre alte Kiefer und ein hoher Schnurbaum, der über das Gelände zu wachen scheint. Gemeinsam mit dem Klang der Tempelglocke und der großen Dharma-Trommel bei Sonnenauf- und -untergang entsteht eine Atmosphäre, die inmitten der Großstadt fast unwirklich ruhig wirkt.

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Koreanischer Buddhismus: Schamanismus und Geisterwelt

Im Zuge der Lotuslaternenparade wird die Geburt Buddhas zelebriert. Foto: © kobby_dagan/123RF.comIm Zuge der Lotuslaternenparade wird die Geburt Buddhas zelebriert. Foto: © kobby_dagan/123RF.com

Südkorea wirkt heute auf den ersten Blick sehr modern und säkular, doch der Buddhismus ist weiterhin tief im Land verwurzelt und prägt seine Kultur bis heute. Etwa 16 bis 17 Prozent der Bevölkerung sind offiziell Buddhisten, aber sein Einfluss geht weit über diese Zahl hinaus. Seit seiner Einführung im 4. Jahrhundert begleitet der Buddhismus die koreanische Geschichte und hat Kunst, Architektur und Denkweisen stark geprägt.

Auch wenn inzwischen rund die Hälfte der Menschen keiner Religion angehört und das Christentum die größte organisierte Glaubensgemeinschaft ist, begegnet man dem Buddhismus überall im Land. Besonders eindrucksvoll sind die alten Tempel wie Haeinsa oder Bulguksa, die in den Bergen und Landschaften oft fast zeitlos wirken – als ruhige Orte mitten in einer sehr schnellen, urbanen Gesellschaft.

Der buddhistische Einfluss zeigt sich aber nicht nur in Tempeln oder Ritualen, sondern auch im Alltag vieler Menschen. Werte wie Ruhe, Achtsamkeit, Harmonie und Respekt vor dem Leben sind tief in der Kultur verankert, selbst bei denen, die sich nicht aktiv als Buddhisten sehen. So ist der Buddhismus in Südkorea weniger nur eine Religion, sondern eher ein stiller, aber lebendiger Teil der Identität des Landes, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet.

Einblicke in den koreanischen Schamanismus

Doch worüber redet man, wenn man über den koreanischen Buddhismus spricht? Der koreanische Buddhismus entstand, als der Buddhismus im Jahr 372 nach Christus aus China nach Korea gelangte, wo der Schamanismus das grundlegende Glaubenssystem war. Der Schamanismus basiert auf einer zentralen Idee: Alles besitzt einen Geist. Dies betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Dinge wie Berge, Flüsse, Bäume oder Sterne – die Welt wird als lebendig verstanden – voller Geister, die entweder helfen oder Chaos verursachen können.

Man glaubte, dass diese Geister das Leben der Menschen sowohl positiv als auch negativ beeinflussen könnten. Gute Geister hätten Gesundheit, Erfolg oder Schutz bringen können, während zornige Geister Unglück, Katastrophen oder Krankheiten verursachen könnten. Wenn also etwas schiefgegangen ist, habe es dafür eine spirituelle Ursache gegeben. Zwischen diesen Geistern und den Menschen standen Vermittler, die sogenannten Schamanen. Sie führten Rituale durch, um Krankheiten zu heilen, wütende Geister zu besänftigen oder mit den Ahnen zu kommunizieren.

Aus diesen Vorstellungen entstand auch die Idee, dass die Natur heilig ist. Besonders Landschaften wie Berge galten als Wohnorte mächtiger Geister, und es war entscheidend für das Überleben, sich mit ihnen gutzustellen. Der Berggeist, auf Koreanisch Sanshin, wird oft als alter Mann dargestellt, begleitet von einem Tiger. Das Wort setzt sich zusammen aus San (山 - Berg) und Shin (神 - Gott/Geist), was wörtlich "Berggottheit" bedeutet.

Kurz erklärt: Was ist Buddhismus?Der Buddhismus entstand etwa im 5. Jahrhundert vor Christus mit den Lehren Buddhas – Siddhartha Gautama, dessen Name sinngemäß "der Erwachte" bedeutet. 

Im Mittelpunkt steht dabei weniger der Glaube an eine bestimmte höhere Macht als vielmehr die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Geist und den eigenen Erfahrungen. Ziel ist es, das Leiden des Menschen – im Buddhismus auch Dukkha genannt – zu verstehen und zu überwinden. Gemeint sind damit nicht nur Schmerz, sondern auch Stress, Unzufriedenheit und die ständige Rastlosigkeit des Alltags. 

Nach buddhistischer Auffassung entsteht dieses Leiden vor allem durch Anhaftung: durch das Festhalten an Besitz, Wünschen, Erwartungen oder dem Versuch, Veränderungen aufzuhalten. Wer lernt, diese Anhaftungen loszulassen, kann innere Freiheit finden.

Der Weg dorthin wird als "Edler Achtfacher Pfad" beschrieben. Sein Ziel ist das Nirwana – ein Zustand frei von Verlangen, Leid und dem Kreislauf der Wiedergeburt.

Jährliche Festlichkeiten

Impressionen des Lotuslaternenfests. Foto: © kobby_dagan/123RF.comImpressionen des Lotuslaternenfests. Foto: © kobby_dagan/123RF.com

Der Jogyesa‑Tempel ist jährlich Schauplatz von verschiedenen Festen. Im Frühling findet eines der farbenprächtigsten buddhistischen Ereignisse Koreas statt: das Lotuslaternenfest Yeondeunghoe zur Feier des Buddha‑Geburtstags. Es geht auf einen über 1.300 Jahre alten Brauch zurück, bei dem zum achten Tag des vierten Mondmonats Laternen angezündet werden, um Buddha zu ehren und für Licht, Hoffnung und Einheit zu stehen.

Das Lotuslaternenfest dauert meist mehrere Tage um den Geburtstag Buddhas und verwandelt nicht nur den Tempel, sondern das gesamte Stadtviertel Jongno in ein Meer von farbenfrohen Laternen. Wochen vor dem Fest werden traditionelle Papier‑Lotuslaternen (Hanji‑Laternen) an Straßen, in Parks und besonders rund um den Jogyesa‑Tempel aufgehängt.

Der Höhepunkt des Festes ist die große Laternenparade, bei der Tausende Teilnehmer – Einheimische wie Besucher – Laternen durch die Straßen von Seoul tragen, vom alten Stadttor Heunginjimun bis zum Jogyesa‑Tempel. Die Parade wird von Musik, traditionellen Darbietungen und buddhistischen Gesängen begleitet und symbolisiert den Wunsch nach Erleuchtung und innerem Frieden.

Nach der Parade finden rund um den Tempel kulturelle Veranstaltungen statt, darunter traditionelle Musik‑ und Tanzvorführungen, Workshops zur Laternenherstellung sowie gemeinschaftliche Feierlichkeiten im Eoulim Madang – einem offenen Festplatz im Umfeld des Tempels. Dieses Fest ist nicht nur eine religiöse Zeremonie, sondern öffnet sich bewusst der Allgemeinheit: Auch Nicht‑Buddhisten können teilnehmen und Laternen tragen, was die gemeinschaftsfördernde und gemeinschaftliche Bedeutung der Veranstaltung unterstreicht.

Im Jogye Buddhism gilt die Natur als direkter Ausdruck von Wahrheit und Verbundenheit, in der Menschen durch Achtsamkeit und Meditation zur Erleuchtung gelangen können. Foto: © Anna SponagelIm Jogye Buddhism gilt die Natur als direkter Ausdruck von Wahrheit und Verbundenheit, in der Menschen durch Achtsamkeit und Meditation zur Erleuchtung gelangen können. Foto: © Anna Sponagel

Jeden Herbst feiert man im Jogyesa‑Tempel das Chrysanthemen‑Fest und schmückt den Tempel mit Chrysanthemen sowie buddhistischen Statuen, die von Blumen und Bäumen umgeben sind. Ein echter Blickfang für jeden Tempelbesucher.

Dass das Chrysanthemen-Festival so eng mit dem Jogyesa-Tempel verbunden ist, hat auch eine tiefere symbolische Bedeutung. Buddha soll in einem Garten geboren worden sein und seine Erleuchtung unter einem Baum gefunden haben. Bis heute spielt die Natur im Buddhismus eine zentrale Rolle – nicht als Ablenkung, sondern als Ort der Klarheit und Erkenntnis.

Besonders Blumen gelten im Buddhismus als Sinnbild für Vergänglichkeit: Sie blühen prachtvoll auf, verwelken jedoch nach kurzer Zeit wieder. Gerade darin zeigt sich eines der wichtigsten buddhistischen Prinzipien – dass nichts dauerhaft bleibt. Das Chrysanthemen-Festival greift genau diesen Gedanken auf. Zwischen kunstvollen Blütenarrangements und stillen Tempelhöfen wird Besucherinnen und Besuchern die Philosophie des koreanischen Buddhismus auf eindrucksvolle Weise nähergebracht.

Leben wie im buddhistischen Tempel: Templestay in Korea

Eine stille Oase des Rückzugs inmitten der Millionenstadt. Foto: © Anna SponagelEine stille Oase des Rückzugs inmitten der Millionenstadt. Foto: © Anna Sponagel

Der Templestay im Jogyesa-Tempel bietet die Möglichkeit, die traditionelle koreanische Kultur und den koreanischen Buddhismus kennenzulernen. Zum Programm gehören Gesänge, Meditation, Teezeremonien sowie buddhistische Mahlzeiten.

Im Jogyesa-Tempel werden drei Arten von Templestays angeboten:

  • eine eintägige Erfahrung mit verschiedenen Aktivitäten
  • ein Wochenendprogramm mit Übernachtung und abwechslungsreichen Programmpunkten
  • eine Erholungsvariante zum Stressabbau, Naturerleben und Krafttanken

Das Leben im buddhistischen Tempel gewährt Einblicke in den Alltag und die disziplinierte Praxis der Mönche. Der Tag beginnt meist mit Morgengesängen und 108 Verbeugungen, gefolgt von traditionellen Mahlzeiten und Meditation. Weitere Aktivitäten umfassen Meditation in der Natur, das Basteln von Lampen aus Reispapier – wie sie auch bei Festen verwendet werden – sowie traditionelle Teezeremonien. Auch die Pflege der Tempelanlage gehört zum Alltag.

Video: Ein Blick auf den Jogyesa-Tempel

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Über den Jogyesa-TempelÖffnungszeiten
Montag bis Sonntag von 4 bis 23 Uhr

Allgemeine Infowebsite: Templestay
Reservierungen (verschiedene Tempel sowie Programme stehen zur Auswahl)

Preise für eine Nacht im Templestay
50.000 bis 70.000 Won (durchschnittlich 29 bis 40 Euro)
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Text: / handwerksblatt.de

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