(Foto: © Steven Cukrov)

Benimm ist wieder "in"

Benimm ist wieder "in". War der Name Knigge vor etwa 200 Jahren gleichbedeutend mit einem streng tugendhaften Leben, so steht er heute für angemessenes Verhalten. Das ist besonders in der Geschäftswelt von zentraler Bedeutung.

Die Nachfrage bei Knigge-Business-Seminaren steigt – und das aus gutem Grund: Immer mehr Leute arbeiten in Betrieben, in denen sie mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun haben.

"Umgangsformen sind ein Teil der Corporate Identity, sie sind für das Unternehmen ein imagebildendes Element", meint Tanja Neumann, Leiterin von Business-Knigge-Seminaren der Europäischen Dienstleistungsakademie. Mit gutem Benehmen kann der Malermeister beim Kunden Vertrauen schaffen. Die Knigge-Umgangsformen zu kennen und umzusetzen sind ein Wettbewerbsvorteil sowohl für den Einzelnen als auch für das Unternehmen. Besonders diejenigen, die vor dem Berufseinstieg, einem Stellenwechsel oder einem wichtigen Kundengespräch stehen, sollten über taktvolles und stilsicheres Verhalten Bescheid wissen.

Die Kleidung als Visitenkarte

Kleider machen Leute, das wusste schon der Schriftsteller Gottfried Keller. Ein schicker Anzug mit Krawatte aber würde bei einem Kfz-Mechaniker in der Werkstatt eher lächerlich wirken. Für den korrekten Stil orientiert man sich am besten an den Umständen, in diesem Fall an der Branche. Ein schmutziger Blaumann ist nicht generell ein "No-No". Er signalisiert dem verzweifelten Kunden: "Der kann sich auch dreckig machen, der kann mir helfen und meinen Wagen auf Vordermann bringen." "Ästhetische Ansprüche spielen in der Kfz-Werkstatt eine untergeordnete Rolle", sagt Neumann.

Der erste Eindruck ist der stärkste und entsteht bereits in den ersten fünf Sekunden: "Wir nehmen jemanden wahr, interpretieren diese Wahrnehmung und urteilen", so die Kommunikationswissenschaftlerin. "Diese Gefühle und Gedanken der ersten Sekunden fließen dann in unsere Absicht und unser Handeln ein."

Wenn man weiß, welche Signale man mit seiner Kleidung setzt, kann sie als Botschaft eingesetzt werden. Grundsätzlich sollte man sich über zwei Dinge klar werden: Wie will ich gesehen werden, und wie werde ich von anderen wahrgenommen? Beispielsweise vermitteln glatte, eng wirkende Stoffe mehr Kompetenz als strukturierte Web- oder Strickstoffe.

Unangebrachte Business-Outfits

Frauen Männer
High Heels abgetretene Schuhe
Leggins weiße Socken
wallende Mähne ungepflegte, unrasierte Nackenhaare
sehr tiefsitzendes Dekolleté Krawatten mit sehr schrillem Muster / Farben
unsaubere oder defekte Kleidung unsaubere oder defekte Kleidung
Schrilles und Protziges Männer-"Handtaschen"
sichtbare Piercings und Tattoos sichtbare Piercings und Tattoos
aufdringliches Parfum aufdringliches Aftershave/ Parfum
extreme Miniröcke kurze Hosen


(Quelle: Business-Knigge kompakt-Script, Tanja Neumann)

Bei der Kleidungsauswahl sind Farben ein entscheidender Faktor. Der Schweizer Architekt, Maler und Kunsterzieher Johannes Itten (1888-1967) gelte als wichtiger Vertreter für Aussagen über die Welt der Farben und ihre Wirkung, erklärt Tanja Neumann. Itten verweise bei seiner Farblehre auf eine enge psychologische Verbindung. Grelle Farben beispielsweise signalisieren "Ich will auffallen", bei dezenten Farben übermittelt der Träger Zurückhaltung und Diskretion, modische Kleidung signalisiert Aufgeschlossenheit und Flexibilität. Starke Kontraste wirken kompetenter als Ton-in-Ton-Kombinationen.

So wirkt die Farbe Ihrer Kleidung

Rot: ist eine starke Farbe und zieht, insbesondere, wenn sie großflächig verwendet wird, die Aufmerksamkeit auf sich. Rot ist optimistisch und aufregend. Wer diese Farbe trägt, signalisiert Energie, Power und Selbstbewusstsein. Das sollte man jedoch nur tun, wenn man sich innerlich tatsächlich stark fühlt.
Rosa: ist eine sehr feminine Farbe und signalisiert Sanftheit und Zugänglichkeit. Jemand, der rosa trägt, wird kaum bedrohlich wirken. Daher für wichtige Geschäftstermine nicht anzuraten.
Blau: Wer sich blau kleidet, zeigt, dass er friedlich und zuverlässig, beständig, ordentlich und treu ist. Auf ihn kann man sich verlassen. Blaue Business-Outfits mögen phantasielos sein, aber damit kann man selten falsch liegen.
Braun: Menschen, die gern Braun tragen, sind erdverbunden, freundlich und gesellig. Sie signalisieren Bodenständigkeit und Verlässlichkeit. Braun ist eine solide und ernsthafte Farbe, kann allerdings zuweilen wie eine Tarnung wirken.
Gelb: stimmt fröhlich und hoffnungsvoll. Menschen in Gelb sind aktiv und offen, optimistisch und positiv. Diese Farbe macht sich gut bei Einzelteilen (wie Bluse oder Hemd, Krawatte oder Schal), sollte aber nicht für das ganze Outfit verwendet werden.
Grün: signalisiert Erdverbundenheit und Harmonie und wird gern von ausgeglichenen Menschen getragen. Wer sich grün kleidet, strahlt auch großes Selbstbewusstsein aus.
Orange: steht für Vitalität, Umgänglichkeit und Aufgeschlossenheit. Menschen mit oranger Kleidung sind meist gesellig und lustig. Die Farbe ist wie gelb meist nur bedingt und für Einzelteile einsetzbar und kann, wenn sie nicht zum Typ passt, etwas vulgär wirken.
Grau: wirkt seriös, neutral und ausgewogen und ist eine der klassischen Business-Farben, bei der nichts schief gehen kann. Allerdings kann grau leicht "mäusig" wirken und sollte daher mit kräftigeren Farben für Einzelteile aufgepeppt werden.
Violett: ist eine starke und extravagante Farbe. Sie steht für Würde und Selbstsicherheit. Doch nur starken und ausgeprägten Persönlichkeiten steht Violett wirklich gut.
Schwarz: gilt wie Weiß als sogenannte Non-Colour-Farbe und wird assoziiert mit feierlich, raffiniert, geheimnisvoll und stark - in manchen Kulturen allerdings mit Trauer und Tod. Schwarz signalisiert manchmal auch Auflehnung und Rebellion und passt ohne Zusatzfarben (in Krawatten, Tüchern oder starkem Make-up) nur zu wenigen Menschen.
Weiß: strahlt Reinheit und Frische aus. In unserer Kultur ist Weiß ein Signal für Unschuld, in manchen östlichen Kulturen die Farbe des Todes. Reinweiß passt ohne Zusatzfarben ebenfalls nur zu wenigen Menschen und macht meistens ziemlich blass.

(Quelle: Business-Knigge kompakt-Script, Tanja Neumann)

Zu einem angemessenen Auftreten gehört immer eine stimmige Körpersprache. "Wie erfolgreich Kommunikation verläuft, hängt zu einem wesentlichen Teil von der Körpersprache ab", so Tanja Neumann. Sie bestimmt mit etwa 60 Prozent das Miteinander, nur zu etwa zehn Prozent zählt der Inhalt des Gesprächs, 30 Prozent fallen auf die Stimme ab. Wem ist das nicht schon einmal passiert: Man unterhält sich mit jemandem, der nie lächelt - das kann einen komplett verunsichern und vom Thema ablenken. Hauptsächlich funktioniert die Körpersprache unbewusst.

Einzelne Verhaltensweisen allerdings lassen sich steuern und trainieren, wie zum Beispiel ein offener Blickkontakt, ein angemessen fester Händedruck zur Begrüßung und eine zugewandte, interessierte Haltung zum Gesprächspartner. Denn eine positive Atmosphäre zu schaffen ist niemals falsch. Ein bestätigendes Zunicken etwa ist eine höfliche Geste, die den respektvollen Umgang miteinander positiv beeinflusst. Grundsätzlich sollte man auf jemanden zugehen und Aufmerksamkeit signalisieren. "Wichtig ist, bei allem, was man tut, authentisch zu bleiben", sagt die Knigge-Expertin.

Was die Gestik bedeutet

Signal Einschätzung
Handbewegung von oben nach unten Demonstration von Macht, Unterwerfung, Unterdrückung
wegschiebende Handbewegung Wegschieben von Gedanken
Aneinanderreiben der Handflächen Zufriedenheit
Haare durchstreichen Werbung
Hand vor dem Mund Zurückhalten von Worten oder Meinungen; mangelndes Vertrauen gegenüber dem Sprechenden
Zeigefinger auf den anderen gerichtet Beschuldigung, Bedrohung
Finger warnen / Kugelschreiber nach oben ins Detail gehen
Hand vor dem Gesicht will allein sein, nachdenken
Hand ans Auge man will das Gesagte nicht wahrnehmen, will Blickkontakte vermeiden, lügt möglicherweise
Hand ans Ohr drückt Skepsis aus, man will nicht glauben, was man da gesagt bekommt






(Quelle: Business-Knigge kompakt-Script, Tanja Neumann)

Neben einer angemessenen Mimik und Gestik spielt das Raumverhalten eine wichtige Rolle. Die Experten sprechen von der Proxemik und haben festgestellt, dass bei förmlichen Beziehungen ein Abstand von 120 bis 170 Zentimetern angebracht ist. Generell gilt: Je geringer die räumliche Distanz, desto enger oder persönlicher ist der Kontakt.

Begrüßen in der Berufswelt

Foto: © Stephen Coburn/123RF.com Foto: © Stephen Coburn/123RF.com

Beim Begrüßen empfiehlt die Etikette: Vorgesetzte haben prinzipiell das Recht der Entscheidung, ob sie Mitarbeiter mit Handschlag begrüßen wollen oder nicht. Im Berufsleben gibt es kein "Ladys first", und auch das Alter einer Person spielt nur eine untergeordnete Rolle. Ranghöchster ist derjenige, der betrieblich höher in der Hierarchie steht. Tritt ein Kunde auf den Plan, bestimmt er die Regeln.

Wollen sich Personen miteinander bekannt machen, gilt auch hier die Hierarchie. Rangniedere werden Ranghöheren vorgestellt. Befindet man sich in der Situation, sich selbst vorzustellen, sollte man auf Phrasen wie etwa "Gestatten Sie, dass ich mich vorstellen?" verzichten. Es empfiehlt sich, freundlich zu grüßen und Vor- und Nachnamen zu nennen - ohne "Herr" oder "Frau". Außerdem ist es sinnvoll, kurz die eigene berufliche Position zu erklären.

Ein kleiner Tipp, um das schlechte Namensgedächtnis zu überlisten: Hat man Probleme damit, sollte man sein Gegenüber direkt nach der Begrüßung mit dem gerade gehörten Namen ansprechen. So prägt er sich besser ein.

Bei einem Geschäftsgespräch ist Folgendes zu beachten: Nach der Begrüßung und der Vorstellung bietet der Gastgeber dem Kunden oder Geschäftspartner einen Platz an, indem er beispielsweise sagt: "Suchen Sie sich bitte einen Platz aus." "Es gilt als unpassend, dem Kunden einen speziellen Stuhl anzubieten, besser ist, ihm die Wahl zu überlassen", erklärt Neumann.

Ein weiterer wichtiger Benimm-Punkt betrifft den Small Talk. Zwar verfolgt jedes geschäftliche Gespräch ein konkretes Ziel, trotzdem fällt man nicht gleich mit der Tür ins Haus. Da bietet sich ein unverfänglicher, oberflächlicher Small Talk an, um langsam in das Gespräch einzutauchen. Der Business-Knigge schlägt dafür die Themen Familie und Kinder, Beruf und Ausbildung, Hobbys und Sport, Wohnort und Urlaub oder auch Haustiere vor. "Das Wetter als Thema langweilt und sollte nach Möglichkeit gemieden werden", betont Tanja Neumann. "Am besten spricht man über etwas, das alle irgendwie beschäftigt, wie im Moment die Fußball-WM oder die Vogelgrippe."

Checkliste: Tischmanieren

  • Das Geschäftsessen ist eine ideale Gelegenheit, um zu zeigen, dass man gute Umgangformen hat. Hier einige Regeln:
  • Die Besteckteile werden immer von außen nach innen benutzt.
  • Ein gekreuztes Besteck auf dem Teller bedeutet: "Ich hätte gern noch etwas."
  • Ein parallel auf dem Teller abgelegtes Besteck, das von rechts unten nach links oben zeigt, bedeutet: "Ich habe den Gang beendet, bitte abservieren." Benutztes Besteck sollte niemals das Tischtuch berühren.
  • Während einer Essenspause wird es auf dem Teller abgelegt.
  • Während der Pause wird die Serviette links abgelegt. (Bedeutet: "Bin noch nicht fertig.")
  • Beim Einschänken wird das Glas stehen gelassen.
  • Wenn man mit dem Essen fertig ist, wird die Stoffserviette rechts neben den Teller gelegt. (Lose, nicht vorher ausschlagen und wieder falten). Papierservietten werden leicht geknüllt auf den Teller gelegt.

(Quelle: Business-Knigge kompakt-Script, Tanja Neumann)

Einfühlungsvermögen, Respekt und Persönlichkeit heißen die Zauberworte für gute Umgangsformen. Erst wer die Etikette genau kennt, kann damit jonglieren, ohne ins Fettnäpfchen zu treten. Außerdem gilt grundsätzlich: Lieber einen Schnitzer riskieren, als unsicher zu wirken. "Eine allgemeingültige Formel gibt es nicht", fasst Neumann zusammen. "Für angemessenes Verhalten muss man ein Gespür entwickeln."

Fotos: © Steven Cukrov/123RF.com;

Text: / handwerksblatt.de

Das könnte Sie auch interessieren: