"Frauen sind kein Zusatz im Handwerk", betonte die Bestattermeisterin, Unternehmerin und zweifache Mutter Jessica Beitzel aus Dormagen.

"Frauen sind kein Zusatz im Handwerk. Sie sind ein Teil seiner Zukunft." Jessica Beitzel ist Bestattermeisterin, Unternehmerin und zweifache Mutter. Sie war Speakerin beim "Bundesweiten Netzwerktreffen der Frauen im Handwerk". (Foto: © Kirsten Freund)

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Mehr Sichtbarkeit für Frauen im Handwerk

Das "Bundesweite Netzwerktreffen der Frauen im Handwerk" in Bielefeld setzte ein starkes Zeichen: Es ging um mehr Sichtbarkeit, Rollenbilder und die Bedeutung von Netzwerken.

Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet kamen auf dem Campus Handwerk der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe (HWK OWL) zum "Bundesweiten Netzwerktreffen der Frauen im Handwerk" zusammen. Die HWK hatte gemeinsam mit dem Bundesverband der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) eingeladen. Die zentrale Botschaft: Frauen im Handwerk wollen keine Sonderrolle, sondern echte Gleichberechtigung. Es brauche "keine perfekten Frauen sondern sichtbare Frauen."

Frauen machen inzwischen rund ein Drittel der 5,6 Millionen Beschäftigten im Handwerk aus; fast jeder vierte Betrieb wird von einer Frau geführt, in vielen weiteren Familienbetrieben steuern Frauen in der Geschäftsleitung mit. Und trotzdem werden sie bis heute noch von vielen männlichen Kollegen, Ausbildern, Lehrern und insbesondere auch den Kunden als Exoten angesehen.

Bildergalerie

Bundesweites Netzwerktreffen der Frauen im Handwerk
(Foto: © Thomas F. Stark )
Bundesweites Netzwerktreffen der Frauen im Handwerk
(Foto: © Thomas F. Starke / HWK OWL )
Bundesweites Netzwerktreffen der Frauen im Handwerk
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Bundesweites Netzwerktreffen der Frauen im Handwerk
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Bundesweites Netzwerktreffen der Frauen im Handwerk
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"Ist das nicht zu schwer für Dich?", "Können wir mal den Chef sprechen?", "Schaffst Du das?", "Wer kümmert sich um Deine Kinder, wenn Du arbeitest?" – Fast jede Frau, die im Handwerk arbeitet, ein Unternehmen leitet oder in der Ausbildung ist, kennt die Sprüche. Die einen schlucken sie runter, die anderen wehren sich – so oder so hinterlassen die Alltagsdiskriminierungen Spuren. Hier brauche es ein neues Rollendenken, hieß es in Bielefeld. 

Peter Eul: "Lassen Sie uns die Zukunft des Handwerks gemeinsam gestalten."

"Frauen sind kein Zusatz im Handwerk", betonte Bestattermeisterin Mutter Jessica Beitzel (Bestattungen Hüsgen) aus Dormagen. "Sie sind ein Teil seiner Zukunft. Nicht besser, nicht schlechter – nur anders. Und dieses Anders ist das, was Transformation möglich macht."  Die Zukunft des Handwerks, da sind sich die Rednerinnen einig, entscheide sich nicht allein an Maschinenparks, KI-Anwendungen oder neuen Baustoffen. "Was bringt uns die beste Technologie, wenn sich die Haltung nicht verändert?", fragt Jessica Beitzel.

Foto: © Thomas F. Starke / HWK OWLFoto: © Thomas F. Starke / HWK OWL

Das erste Grußwort hielt ein Mann, nämlich Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer OWL. Ihm gehe es darum, dass Gleichberechtigung im Handwerk Frauen und Männer gleichermaßen angehe und das Treffen ein "Wir-Gefühl" stiften solle, betonte der Präsident. An diesem Tag stünden zwar weibliche Perspektiven im Fokus, aber, so Eul: "Lassen Sie uns die Zukunft des Handwerks gemeinsam gestalten." Eul dankte auch den Sponsoren der Veranstaltung: Der IKK classic, der Signal Iduna und der Commerzbank. 

Man wolle mehr Frauen in Führungspositionen und im Ehrenamt. Dafür sei die Handwerksorganisation bereit, "die Extrameile" zu gehen. Als ein Instrument nennt er das neue Frauenforum der Kammer, wo sich Frauen von der Auszubildenden bis zur Betriebsinhaberin vernetzen können. Allein im Kammerbezirk Bielefeld seien knapp 17 Prozent aller Auszubildenden weiblich, zuletzt hätten 64 Frauen ihre Meisterprüfung abgelegt und 7.296 Handwerkerinnen führen einen eigenen Betrieb.

"Vernetzen Sie sich!"

Das Stichwort "Netzwerken" zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Netzwerken ist eine Stärke, die in vielen männerdominierten Strukturen seit langem etabliert ist und die auch die Frauen im Handwerk mehr nutzen sollten: Ob bei den "Unternehmerfrauen im Handwerk" oder in WhatsApp-Gruppen: "Vernetzen Sie sich", hieß es immer wieder im Laufe des Tages. 

Dazu rief auch Juana Bleker, Landesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk NRW, auf. Die Tatsache, dass es das UFH-Netzwerk seit inzwischen 50 Jahre gebe, und es seither die Leistungen der Frauen im Handwerk sichtbar macht und sie stärkt, spreche für sich. Auch wie stark die Frauen im Handwerk auf Augenhöhe vernetzt seien. Bleker betonte: "Wir sind eine feste Größe im Handwerk."

Videobotschaften von Jörg Dittrich und Dorothee Bär

Per Videobotschaft richteten sich ZDH-Präsident Jörg Dittrich und Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, an die Gäste.

Handwerkspräsident Jörg Dittrich verwies auf die angespannte Lage im Handwerk: sinkende Umsätze, schmalere Auftragspolster, offene Stellen, für die sich zu wenig Fachkräfte fänden. Gerade deshalb brauche das Handwerk mehr Frauen, die Betriebe übernähmen und Fachkräfte ausbildeten, sowie mehr Frauen im Ehrenamt der Handwerksorganisationen. Der ZDH-Präsident sichert zu, die Perspektiven von Frauen im Handwerk sichtbar zu machen und "die Hände so zu stärken, dass sie ungehindert mit anpacken können".

Ministerin Dorothee Bär begrüßte die Idee des bundesweiten Netzwerktreffens und das Ziel, Frauen im Handwerk sichtbarer zu machen und Klischees von der "Männerdomäne" zu widerlegen. Sie gratulierte den Anwesenden, dass sie ihren Weg ins Handwerk gefunden haben und als "Macherinnen" und Vorbilder für junge Frauen fungieren. 

Dorothee Bär stellte die Hightech-Agenda ihres Ministeriums vor und verwies auf das wichtige Thema Forschung zu Frauengesundheit, zu dem es in ihrem Ministerium inzwischen ein eigenes Referat gebe. Frauen im Handwerk arbeiteten oft körperlich schwer, seien zugleich unterrepräsentiert, und Themen wie Prävention oder geschlechtersensible Medizin kämen häufig zu kurz. Ihr Haus fördere Forschung zur Frauengesundheit "in großer Breite". Das Ziel sei, dass die Ergebnisse allen Frauen, ihren Familien, ihren Betrieben und der Gesellschaft zugutekämen.  

"Die Zukunft braucht keine perfekten Frauen. Sie braucht sichtbare Frauen"

Jessica Beitzel, 37, ist Bestattermeisterin, zweifache Mutter, Inhaberin von Bestattungen Hüsgen - ein Unternehmen, das sie übernommen hat - Familientrauerbegleiterin und unterrichtet an der Meisterschule. Seit 21 Jahren begleitet sie Menschen "in den schlimmsten Momenten ihres Lebens", wie sie sagt. In diesen Situationen  spiele kein Titel, keine Fassade mehr eine Rolle. "Dann zählen echte Worte, echte Menschen, echte Begegnungen." Genau diese Haltung, dieses Feingefühl, seien Stärken, die Frauen ins Handwerk einbringen – und die in den alten Bildern vom "Mann mit Maschine auf der Baustelle" schlicht nicht vorkommen.

Foto: © Thomas F. Starke / HWK OWLFoto: © Thomas F. Starke / HWK OWL

Als sie mit 16 ihre Ausbildung zur Bestattungsfachkraft beginnen möchte, rät die Lehrerin auf dem Gymnasium dringend ab. "Wenn du ins Handwerk gehst, wird nie etwas aus dir." Jessica geht trotzdem. In der Berufsschule sind 75 Prozent der Azubis Männer, auf dem Friedhof ist sie die einzige Frau, mit 16 die Jüngste. "Ich musste nicht nur fachlich lernen, sondern lernen, mich zu behaupten – in einer Welt, in der gar nicht vorgesehen war, dass eine Frau diesen Job gut machen könnte." Sie wird Kammer-, Landes- und Bundessiegerin, später Meisterin und Jahrgangsbeste.

Und erlebt doch immer wieder dieselben Szenen: Wenn sie mit ihrem Mann und dem Team auf Messen ist, wandern die Blicke automatisch zuerst zu den Männern. Eine trauernde Familie mustert sie an der Haustür von oben bis unten und fragt: "Sie wollen mir jetzt erklären, wie das hier funktioniert? Wissen Sie überhaupt, was es heißt, Abschied zu nehmen?" "Das ist der Moment", sagt Jessica Beitzel, "in dem wir uns beweisen müssen, bevor wir überhaupt angefangen haben. In dem wir nicht nach Leistung, sondern nach einem Bild bewertet werden." Diese Bilder, das zeigt die gesamte Tagung, halten sich hartnäckig – quer durch alle Gewerke.

Jessica Beitzel selbst hat im Dachgeschoss ihres Bestattungshauses ein Kinderreich eingerichtet, damit sie - und bei Bedarf auch ihre Mitarbeiterinnen - ihre Kinder mitbringen können. In einer Branche, in der Schwangere keine Verstorbenen mehr versorgen dürfen, schafft sie neue Abläufe, um sie trotzdem im Betrieb zu halten. "Ich glaube, ich bin eine bessere Bestatterin, weil ich Mutter bin. Und eine bessere Mutter, weil ich Bestatterin bin."

Auch sie ruft alle Frauen im Handwerk auf, sich zu vernetzen. Selbst ist sie zum Beispiel Mitglied im Club der Unternehmerinnen der Commerzbank, ein deutschlandweites Netzwerk von Unternehmerinnen.

"Der Wind hat sich gedreht, der Ton wird rauer"

Wirtschaftspsychologin Lisa Schleker Foto: © Thomas F. Stark / HWK OWLWirtschaftspsychologin Lisa Schleker Foto: © Thomas F. Stark / HWK OWL

Wie sehr sich die gesellschaftliche Stimmung gerade verändert, skizzierte die Wirtschaftspsychologin Lisa Schleker. Sie schaut beruflich in viele Branchen – und sieht überall das Gleiche: "Der Wind hat sich gedreht. Der Ton ist rauer geworden. Themen wie Gleichstellung, Diversität und Nachhaltigkeit stehen wieder in Frage." Die aktuellen Polykrisen würden Verunsicherung erzeugen. "Und verunsicherte Menschen neigen dazu, sich nach der guten alten Zeit zu sehnen – mit klaren Rollen, klaren Bildern."

Dieser Wunsch nach Einfachheit sei der Nährboden für den aktuellen Backlash: Gleichstellung werde relativiert ("Haben wir nicht genug erreicht?"), Diversitätsprogramme diffamiert, "Wokeness" zum Schimpfwort. In sozialen Medien und Talkshows würden komplexe strukturelle Probleme auf einfache Schuldzuweisungen heruntergebrochen: "Die Frauen, die Karriere machen, kümmern sich nicht mehr um die Kinder."

Für Lisa Schleker ist das kein Beweis, dass Gleichstellung gescheitert wäre . "Fortschritt auch in der Gleichberechtigung verläuft nie linear", sagt sie und verweist auf die Geschichte der Frauenbewegung. Auf jede Welle der Emanzipation – Wahlrecht, eigenes Konto, Recht auf Arbeit – sei eine Gegenbewegung gefolgt. "Aber es geht nie wieder ganz zurück."

Die aktuelle Aggressivität sei ein Zeichen dafür, wie wirksam Sichtbarkeit geworden sei: "Je lauter wir sind, desto lauter werden die anderen." Anzügliche Sprüche auf der Baustelle, herablassende Fragen, Zweifel an der Kompetenz nennt sie Mikroaggressionen – kleine Nadelstiche, die in der Summe zermürben. 

Es sei ein Spannungsfeld. Gerade im Handwerk würde Tradition auf Innovation treffen und für eine ständige Reibung sorgen. "Frauen werden dringend gebraucht, aber die Strukturen passen oft noch nicht zusammen." Ihre Botschaft: Wir bleiben stabil, auch wenn der Wind sich dreht."

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Text: / handwerksblatt.de

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