Nach 75 Jahren gehört eine Vespa nach wie vor ins Straßenbild. An dem Grunddesign hält der Hersteller fest. Bei der Technik werden neueste Entwicklungen eingebunden.

Nach 75 Jahren gehört eine Vespa nach wie vor ins Straßenbild. An dem Grunddesign hält der Hersteller fest. Bei der Technik werden neueste Entwicklungen eingebunden. (Foto: © Primavera Sean Wotherspoon)

Wespe und Adler: Überflieger aus Italien

Zweiradgeschichte: Gleich zwei Motorrad-Klassiker feiern in diesem Jahr Geburtstag. Die Vespa und die Moto Guzzi stehen für Emotion und Lebensgefühl "Made in Italy".

Petticoat, Rock ’n’ Roll und Vespa. Nach dem Krieg entledigte sich die Jugend mit Beginn der Fünfziger der Schwere der Kriegsjahre. In ganz Europa macht sich ein Lebensgefühl der Heiterkeit und Gelassenheit breit. Es begann die Zeit des Aufschwungs.

In den amerikanischen Filmen avancieren James Dean und Marlon Brando zu Leitfiguren einer neuen Generation. Tanzlokale entstehen. Erste Partys werden gefeiert. Die Reiselust ist geweckt. Deutsche zog es zu Tausenden nach Bella Italia. "Als die Deutschen wieder anfingen zu reisen, gehörte die Vespa (italienisch: Wespe) zum Urlaubsfeeling einfach dazu", blickt Ansgar Schauerte von Piaggio Deutschland auf die Anfänge des Kultgefährts zurück.

Die Anfänge der Vespa

Die beginnen im Jahr 1946 im italienischen Pontedera. 1884 gründete Rinaldo Piaggio das Unternehmen zunächst als Schreinerei. In den darauffolgenden Jahren spezialisierte sich das Unternehmen auf den Bau von Luxusschiffen. Während des Krieges zählte der Betrieb zu den größten Flugzeugherstellern. Nach dem Kriegsende waren es Armando und Enrico Piaggio, die das Unternehmen in eine friedlichere Zukunft führen sollten. Vor allem ist es der Entschlossenheit von Enrico zu verdanken, dass heute, 75 Jahre später, noch immer die farbenfrohen, breiten Motorräder über die Straßen Europas rollen.

Vom Flugzeug zum Roller

Auf der Suche nach einem kostengünstigen Fahrzeug für die Massen beauftragte Enrico den Luftfahrtdesigner Corradino D’Ascanio mit der Entwicklung eines Rollers. Der Prototyp MP5 verfügte über 98 cm3 Hubraum und brachte es immerhin auf 60 km/h. Doch Enrico fand keinen Gefallen an dem Fahrzeug mit dem Spitznamen "Paperino", dem italienischen Namen für Donald Duck. Er bat den Ingenieur, einen anderen Roller zu entwickeln. Der nutzte sein Wissen aus dem Flugzeugbau. Mit einer Kurzschwinge vorn und der Triebsatzschwinge hinten prägte er das Bild aller Vespa-Generationen bis zum heutigen Tag. Am 23. April 1946 meldete Piaggio die Vespa mit der schmalen Taille beim Zentralpatentamt an.

In dem "Herzstück der Vespa" sieht Ansgar Schauerte auch den Erfolg des Zweiradrollers. "Die Vespa wurde so erfolgreich, weil sie so war, wie sie heute noch ist: sympathisch, gepaart mit einer unglaublichen Zweckmäßigkeit." Zwei Versionen der Vespa 98cc gingen in den Verkauf. Für 55.000 Lira gab es eine normale Version. Die "Luxus"-Version für 66.000 Lira bot ihrem stolzen Besitzer einen Tacho, Seitlichständer und stylische White-Trim-Reifen. War es für die einen die Umsetzung einer "genialen Idee", war die Euphorie über die Absatzmöglichkeiten eher gedämpft. Doch das sollte sich schnell ändern. Nur drei Jahre später verließen über 170.0000 Fahrzeuge die Werke. Die Times schrieb dazu: "Ein komplett italienisches Produkt, wie wir es seit dem römischen Wagen nicht mehr gesehen haben."

Eine Vespa zu fahren war gleichbedeutend mit Freiheit, agiler Raumnutzung bis hin zu sozialen Bindungen. Der neue Roller wurde zum Symbol eines Lebensstils. Im Kino, in der Literatur und in der Werbung gehörte die Vespa zum Leitbild einer sich wandelnden Gesellschaft. Bewusst wird bis heute das Kerndesign gepflegt ohne dabei technische Entwicklungen außer Acht zu lassen. Ansgar Schauerte fasst die Sogwirkung der Vespa so zusammen: "Die Vespa verbindet Faszination, Leidenschaft und Design. Bis heute vermittelt sie den Charme 'Made in Italy‘. Wenn Sie gerne kommunizieren, kaufen Sie sich eine Vespa. Damit kommen Sie immer mit anderen Menschen ins Gespräch."

Piaggio schlägt neues Kapitel auf

Im September ist ein großes Fest für die Motorrad-Ikone und ihre Fans geplant. Im September ist ein großes Fest für die Motorrad-Ikone und ihre Fans geplant.

Ein weiterer Jubilar aus dem Hause Piaggio meldet sich zu Wort. Denn seit 100 Jahren lassen die Modelle des Labels Moto Guzzi weltweit die Herzen ihrer Fans höher schlagen. Die Wurzeln der ersten Maschinen sind allerdings in Genua zu finden. In der Kanzlei des Notars Paolo Cassanello wird am 15. März 1921 die "Societá Anonima Moto Guzzi" gegründet. Die Gesellschafter des Unternehmens sind Emanuele Vittorio Parodi, sein Sohn Giorgio und dessen Freund Carlo Guzzi sowie ein ehemaliger Kamerad in der Regia Aviazione (Königlichen Luftwaffe). Dort lernten sie auch ihren späteren Freund und Testpiloten Giovanni Ravalli kennen. Als dieser bei einem Testflug abstürzte, wählte das Unternehmen zur Erinnerung an ihn den Adler mit den ausgebreiteten Schwingen zum Moto-Guzzi-Logo.

ZITAT "Auch im Rennsport können die Maschinen schnell Erfolge vorweisen. Der erste Sieg geht auf das Jahr 1928 bei dem Targa Florio zurück. Bis zum Rückzug im Jahr 1957 verzeichnet Moto Guzzi immerhin vierzehn Weltmeistertitel und elf Siege bei der Tourist Trophy." Ansgar Schauerte

Erste Rennsport-Erfolge und wahre Liebe

Vor dem Krieg zählt die legendäre "Normale" mit 8 PS zu den Erfolgsmodellen. Es folgte die Guzzi G.T. im Jahr 1928 sowie 1939 die Airone 250. Auch im Rennsport können die Maschinen schnell Erfolge vorweisen. Der erste Sieg geht auf das Jahr 1928 bei dem Targa Florio zurück. Bis zum Rückzug im Jahr 1957 verzeichnet Moto Guzzi immerhin vierzehn Weltmeistertitel und elf Siege bei der Tourist Trophy. In den Nachkriegsjahren kann Moto Guzzi an die Erfolgsgeschichte anknüpfen. Die Grundlage für die legendären Maschinen wird allerdings in den 60er Jahren gelegt.

Der 90°-V2-Motor wird zum Wahrzeichen der Marke aus Mandello. Er bildet die Basis für die Modelle Guzzi V7, die V7 Spezial sowie die Guzzi V7 Sport. Was für die einen eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen ist, ruft bei Guzzi-Fans spätestens jetzt wahre Liebe hervor: "Ich habe eine ganz alte V7 700 von 1965 und eine V85 TT. Dazwischen gibt es noch die V11 mit einem schön gemachten Motor", erzählt stolz Ansgar Schauerte im Gespräch mit dem Deutschen Handwerksblatt.

Das lange Warten auf einen neuen Sportler

Ein legendärer Klassiker und einer der ersten Supersportler: Moto Guzzi Le Mans 850. Foto: © Jürgen UlbrichEin legendärer Klassiker und einer der ersten Supersportler: Moto Guzzi Le Mans 850. Foto: © Jürgen Ulbrich

Bezeichnungen, die auch in der Redaktion auf fruchtbaren Boden fallen. Nach einem anerkennenden Nicken kann auch Jürgen Ulbrich mit einer äußerst seltenen 750 S3 von 1975 und der legendären Le Mans 850 gleich zwei Trümpfe auf den Tisch legen und dabei einen Blick auf die Zukunft richten. Denn schon lange warten Guzzi-Fans auf ein neues Sport-Modell mit dem Zeug zur Legende.

Das soll jetzt im Guzzi-Jubiläumsjahr erscheinen, nachdem der Hersteller am 30. Dezember 2004 Teil der Piaggio Group geworden war. Mehr als 50 Jahre nach der Markteinführung der V7 verlässt eine neue V7-Generation die Produktionsstätten. Im klassischen Look und einem luftgekühlten 98°-Kubikzentimeter-V2-Motor möchte die neue V7 mit einem 853-Kubikzentimeter-Hubraum und zahlreichen Neuerungen Fans und Newcomern begeistern. Schneller, kraftvoller und top ausgestattet.

Mehr zum Thema: ARTIFEX Artifex ist das Online-Magazin für Handwerker, Entdecker und Genießer. In der Ausgabe 3/21 stellen wir das Jubiläum der Vespa und Moto Guzzi vor. Zudem berichten wir über die Sondermodelle, das große Moto Guzzi-Fest im September und stellen weitere Neuheiten aus dem Zweiradmarkt vor. Das Artifex – Zweirad-Special erscheint am 31. Mai 2021. Kostenfreie Registrierung erforderlich! vh-kiosk.de

Text: / handwerksblatt.de

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