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Die perfekte Kaffee-Welle

Kaffee gehört zu den beliebtesten Getränken der Welt. Kein Wunder, dass sich jährlich Hunderte von Studien mit dem Heißgetränk beschäftigen. Kaffeeexperte Jörg Diehl bringt ein wenig Licht in den Kaffeedschungel.

Kaffee ist das aromatischste Getränk der Welt. Nicht die braune Brühe, die in der Thermoskanne stundenlang auf der Wärmeplatte blubbert und dabei unangenehme Bitterstoffe freisetzt. Die einzigartige Geschmacksvielfalt, der über 800 nachgewiesene Aromen im gerösteten Kaffee - etwa doppelt soviel wie im Wein - muss erst aus der Bohne herausgeholt werden. Das ist die Bewegung und Kunst, die häufig als "Third wave of coffee“ beschrieben wird. Ein perfekt zubereiteter, cremig in die dickwandige Tasse fließender Espresso oder ein mit exakter Temperatur aufgegossener Brühkaffee mit fruchtigen Aromen nach Rhabarber, Orange oder Blaubeere hat heute nur noch wenig gemeinsam mit dem Kaffee, den unsere Großeltern kannten.

Deutsche trinken Badewanne leer

Der Kaffeekonsum des Lieblingsgetränks der Deutschen, mit einem pro Kopf Jahresverbrauch von 165 Liter - soviel passt in eine volle Badewanne - wird in unserem Alltag überall konsumiert. Doch das war nicht immer so. Kaffee war als sehr teure Kolonialware lange Zeit der Oberschicht vorbehalten. Erst mit der Industrialisierung begannen auch ärmere Schichten Kaffee zu trinken, häufig als Nahrungsersatz: als Kaffeesuppe mit eingeweichten Brotstücken. Diese hielt die Menschen warm, die Fabrikarbeiter wach und stillte zumindest den Hunger.

Die erste Welle (1930 bis 1960)

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Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich mit der Erfindung von Vakuumverpackungen der Kaffeehandel für Endkunden rasant. Statt Muckefuck konnte Rohkaffee jetzt von Händlern in großen Mengen geröstet und überregional vertrieben werden. Der Geschmack und Qualität der Bohnen standen im Hintergrund, allein der Preis zählte. In den Zeiten des Wirtschaftswunders luden plüschige Cafés mit Torten und Kuchen zum gemütlichen Kaffeeklatsch. Kaffee wurde verfügbar. Es blieb nur die Frage: Tasse oder Kännchen? Der Kaffee wurde schnell günstiger und schwappte mit der ersten Welle in Büros und Haushalte der Deutschen, und nicht nur sonntags. 

Die zweite Welle (1960 bis 1990)

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In den 1980er-Jahren kam man auf den Geschmack. Beim Italiener genoss man plötzlich Cappuccino oder Latte macchiato, den man aus dem Italienurlaub kannte. Daheim trank man weiterhin Krönungen oder Galas, das Ursprungsland der Röstung interessierte kaum. Die ersten Kaffeehausketten wie Starbucks boten, abseits des klassischen Filterkaffees, ganz neue Kaffeezubereitungen an, im Pappbecher, mit Sirup und "to go“. Die Kaffeevollautomaten und Pad- und Kapselsysteme für zu Hause standen schon in den Startlöchern. 

Die dritte Welle (1990 bis heute)

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Seit 1990 zeichnet sich, aus Skandinavien und Neuseeland kommend, eine ganz neue Bewegung ab: Das Massenprodukt Kaffee entwickelte sich parallel zum individuellen Genuss- und Lifestyle-Produkt. Die dritte Welle propagiert statt flüchtigem Koffein-Konsum echten Genuss und öffnet eine neue Sichtweise auf eines der aromareichsten Naturprodukte: Kaffee. Gleich einem besonderen Wein, der den Jahrgang, die Traubensorte und die Lage des Weinbergs auf der Flasche präsentiert, wird auch beim Spezialitätenkaffee zunehmend auf Sortenreinheit, geografische Zuordnung, die Röstung und die richtige Zubereitung großen Wert gelegt. Da dem Kaffee die Bitterstoffe fehlen, kann auf Zucker getrost verzichtet werden, der pure Kaffee ist der süß-fruchtige oder schokoladige Genuss.

Filterkaffee erlebt Renaissance

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In den Coffee Shops, welche die Zubereitung des Kaffees zelebrieren, erlebt aktuell vor allem der Filterkaffee eine wahre Renaissance. Denn für diesen werden edle Rohkaffees sehr hell geröstet, damit die Fruchtnoten nicht zu zerröstet werden. Um dem Ganzen ein modernes Image zu verleihen, heißt der Filterkaffee nun "Brewed Coffee" und wird stilecht - auch als Kaltgetränk - in Whiskey-Tumblern und Weinkaraffen serviert. Man schmeckt den Unterschied.

Text: Jörg Diehl/Fotos: (c) Deutscher Kaffeeverband Roestkaffeebohnen/Jörg Diehl

 

Fünf Tipps für besseren Kaffeegenuss
Egal ob Filterkaffee oder Espresso. Mit diesen Empfehlungen können Sie die Qualität Ihres Kaffee enorm steigern:

Kaufen Sie nur frisch geröstete ganze Bohnen
Je frischer die Röstung desto besser. Erst beim Mahlen werden die feinen Aroma-Öle der Kaffeebohne freigesetzt. Beim vorgemahlenen Kaffee haben sich diese Geschmacksträger schon überwiegend verflüchtig. Sie erkennen frische Bohnen daran, dass sie leicht ölig glänzen.

Möglichst kleine Portionen Kaffee lagern
Lagern Sie besser Weinflaschen als Kaffee. Bei Kaffeebohnen werden die Aroma-Öle, wie Butter, schon nach etwa drei Monaten ranzig. Die Beutelverpackung mit Ventil bietet zwar einen etwas längeren Aromaschutz, allerdings nur so lange, bis der Beutel geöffnet wird. Mahlen Sie besser immer frisch, nie auf Vorrat und füllen Sie nur so viel Kaffee in den Mühlen-Behälter, wie Sie an einem Tag trinken.

Luftdicht, dunkel und kühl
Falls doch mal Bohnen übrig bleiben, versuchen Sie diese möglichst luftdicht, dunkel und kühl aufbewahren. Niemals sollten Sie diese im Kühlschrank lagern, denn Kaffee zieht wie ein Magnet Gerüche und Feuchtigkeit an. Es sei denn, Sie mögen Knoblauchgeschmack im Kaffee.

Pflegen Sie Ihre Maschine
Jede Zubereitungsart, ob Vollautomat, Siebträger oder Kapselmaschine hinterlässt Kaffeespuren, die früher oder später ranzig werden und den Geschmack ruinieren. Öffnen Sie mal Ihre Maschine, Sie werden erstaunt sein. Nach dem Putzen schmeckt es schlagartig wie früher.

Geben Sie Ihrem Röster vor Ort eine Chance
Er wird Sie gerne über die passende Röstung zu Ihrer Zubereitungsart beraten. Und, bei Ihrem lokalen Röster wird ständig frisch geröstet, im Supermarkt nicht.

 

Text: / handwerksblatt.de