Handwerk

Die Teilnehmer des Jubiläumsseminars der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld sind fasziniert: Willi Schmidt, seit 25 Jahren Dozent an der Akademie, datiert alte Möbel und Bauteile aus Holz. (Foto: Sven Betz)

Sehen lernen

Panorama

Welches Werk habe ich vor mir, welchen Stil, aus welcher Zeit und wurde es bereits verändert? Willi Schmidt, Schreinermeister und Restaurator im Tischlerhandwerk, gab dazu seine Erfahrungen weiter.

Ein Beispiel aus der Praxis: Willi Schmidt hält ein Zierelement eines Sekretärs im Renaissancestil in der Hand. Es stamm vermutlich aus dem 16. Jahrhundert. Oder vielleicht doch nicht? "Schauen Sie sich die dunkle Leimnaht an, beim Anfeuchten wird sie weich, es handelt sich also um Knochenleim", hat der Restaurator im Tischlerhandwerk überprüft, "ein Indiz, dass das Bauteil älter ist als 70 Jahre." Dazu haben die Schrauben sehr deutliche Schlitze. "Solche Schrauben wurden erst nach 1850 produziert", weiß der Experte. Zudem sind die Abnutzungsspuren eher gering. "Wir haben es bei dem hölzernen Schmuckelement also mit einer Nachbildung zu tun, die nicht älter als 120 Jahre ist", folgert der erfahrene Handwerker und Restaurator.

Eine solche Einordnung des zu restaurierenden Schatzes ist die Grundlage für alle Entscheidungen, die ein Restaurator im Handwerk treffen muss, bevor er mit der Arbeit beginnt. "Wir müssen Stilmerkmale erkennen, Gebrauchsspuren und Patina einschätzen und Wurm- und Pilzbefall bewerten", erklärt Schmidt. "Wir müssen sehen, ob es sich um eine Hand- oder eine Maschinenarbeit handelt, welche Materialien verwandt werden und ob es bereits Ausbesserung gibt – das ist ein anspruchsvoller Prozess, das Sehen zu erlernen."

25 Jahre Erfahrung

HandwerkUnd es erfordert viel Erfahrung, die Willi Schmidt seit nunmehr 25 Jahren als Dozent an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld weitergibt. Zu einem eintägigen Jubiläumsseminar hatte ihn Dipl.-Ing. Eckard Zurheide, seit 1992 in Raesfeld Ausbildungsleiter für Denkmalpflege und Handwerkskultur, Ende März eingeladen. "Meine Anfangszeit in Raesfeld war mit einer Art Generationswechsel im Referententeam verbunden", erinnert sich Zurheide, "und ich bin diesen Schritt mit jüngeren, nicht so erfahrenen, aber engagierten und neugierigen Handwerksmeistern aus der Praxis gegangen." Der erste unter den neuen Referenten war Willi Schmidt, selbst erst seit kurzem Tischlermeister und geprüfter Restaurator im Tischlerhandwerk – seinerzeit Teilnehmer im achten Fortbildungslehrgang der Akademie. Seitdem lehrt er dort als Referent traditionelle Handwerkstechniken im Tischlerhandwerk und Holzrestaurierung.

Zwölf Teilehmer waren nun gekommen, um an der mittlerweile 24-jährigen Erfahrung des Holzexperten teilzuhaben und sich weiterzubilden. "Geprüfte Restauratoren im Handwerk waren darunter, Teilnehmer aus dem aktuellen 58. Fortbildungslehrgang und auch jemand, der für eine Stiftung Nachlässe bewertet", so Eckard Zurheide. Gut 100 Exponate hatte Schmidt aus seiner Tischlerwerkstatt in Hamminkeln am Niederrhein mitgebracht. "Restauratoren gelten ja als Jäger und Sammler, da kommt in so vielen Jahren schon einiges zusammen", schmunzelt Zurheide. Gesägtes Holz gilt es da von gespaltenem zu unterscheiden, Schraubengewinde zu datieren, Hibelspuren in handwerkliche und maschinelle einzuteilen. "Oft befinden sich an einem Möbelstück neben den alten auch erneuerte Teile", so Schmidt. Reine Fälschungen gäbe es eher selten, so seine langjährige Erfahrung.

Wiederholung im Herbst geplant

"Wir müssen immer gemeinsam mit dem Besitzer entscheiden, wie wir vorgehen wollen. Bei sehr wertvollen Stücken, die weitgehend erhalten sind, verbieten sich manche Eingriffe", ist Schmidt überzeugt, "das Möbel eignet sich dann eher für ein Museum." Die Einigung mit den Besitzern sei aber in aller Regel möglich.

Wer das Seminar von Willi Schmidt verpasst hat, dem sei ein Blick in den Veranstaltungskalender von Schloss Raesfeld empfohlen. Im Herbst plant die Akademie eine Wiederholung. "Und ich hoffe, meine Erfahrungen bald in einem Buch zu veröffentlichen", so Willi Schmidt.

 

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Dienen, ohne Diener zu sein

"Ich hatte ideale Bedingungen, um die Vielfalt an künstlerischen Ausformungen zu erfahren und zu begreifen", schildert Willi Schmidt seinen Ausbildungsweg als Tischler und Restaurator. Nach der Lehre in einem sehr guten Innenausbaubetrieb baute und restaurierte er massive Eichenmöbel in einem Betrieb in Isselburg-Werth. Danach durfte er zwölf Jahre lang im Museum der Wasserburg Anholt Wertschätzung und Umgang mit historischem Kulturgut lernen. Parallel zu dieser Anstellung besuchte er bereits den Lehrgang zum Restaurator im Handwerk in Raesfeld. 1992 legte er die Meisterprüfung und die Prüfung zum Restaurator im Tischlerhandwerk ab, machte sich unmittelbar darauf selbstständig und begann die Lehrtätigkeit in Raesfeld.

"Die Schwerpunkte meiner Arbeit liegen in der Erhaltung der Substanz und der Unterordnung unter die Arbeit unserer Vorfahren", skizziert er. "Ich empfinde das als Dienen, ohne Diener zu sein – und das fällt mir bei historischen Objekten ganz leicht." Schmidt liebt seinen Beruf. "Das schöne Gefühl, über eine Idee, die Ausführung – zum Teil mit den Händen – bis zum fertigen Ergebnis gelangt zu sein, bedeutet mir sehr viel. Aber ein historisches Handwerk braucht auch viel Geschicklichkeit", so Schmidt. "Und neben dem Sinn für Vielfalt, Schönheit und das Gestalten auch Kraft, Einfühlungsvermögen, Verstand und viel Geduld." Junge Menschen für das Handwerk und die Denkmalpflege zu begeistern, ist Willi Schmidt ein wichtiges Anliegen. "Die Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld gibt mir seit 25 Jahren die Gelegenheit dazu."

Text: Bettina Heimsoeth; Foto: Sven Betz

Text: / handwerksblatt.de