Susanne Wingertszahn ist Bezirksvorsitzende des DGB Rheinland-Pfalz/Saarland.

Susanne Wingertszahn ist Bezirksvorsitzende des DGB Rheinland-Pfalz/Saarland. (Foto: © Kristina Schäfer)

Ausbildungsgarantie zur Not auch überbetrieblich ermöglichen

Politik

DGB-Chefin Susanne Wingertszahn will mehr Ausbildungsplätze. Sie fordert, die Lehre im Betrieb soll mittels Umlage gefördert werden.

Anfang November trat Susanne Wingertszahn die Nachfolge von Dietmar Muscheid als Bezirksvorsitzende des DGB Rheinland-Pfalz/Saarland an. Zuvor hatte sie acht Jahre lang als Geschäftsführerin für den Bezirksverband gearbeitet. Mit dem DHB sprach Wingertszahn über ihre ersten Monate im Amt, die Arbeitnehmervertretung im Handwerk und über einen langgehegten Wunsch der Gewerkschaft: die Ausbildungsplatzgarantie.

DHB: Wie haben Sie die ersten Monate in Ihrem neuen Job erlebt?
Wingertszahn:
Ich habe jetzt natürlich viel mehr Verantwortung, aber das ist sehr spannend und sehr schön. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. Der Einstieg war sicher nicht langweilig, aber er war nahtlos.

DHB: Wie soll sich Ihre Amtsführung von der Ihres Vorgängers unterscheiden?
Wingertszahn:
Ich habe sicher meinen eigenen Stil, aber ich habe mir nicht vorgenommen, dieses oder jenes gezielt anders zu machen. Der Grund ist, dass ich den DGB Rheinland Pfalz/Saarland in einem guten Zustand übernommen habe. Da müssten Sie irgendwann die Kolleginnen und Kollegen fragen, ob sich etwas verändert hat.

DHB: Wie ist Ihr Eindruck vom Zustand der Arbeitnehmervertretungen in den vier rheinland-pfälzischen Handwerkskammern?
Wingertszahn:
Mit das Erste, was ich in den 100 Tagen gemacht habe, war ein Treffen mit den Vizepräsidenten der Arbeitnehmerseite der Handwerkskammern. Wir haben uns einen Abend Zeit genommen, um durchzugehen, was die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Handwerk bewegt und was für Erwartungen sie haben. Das war ein sehr guter Austausch.

DHB: Und wie lautet das Fazit? 
Wingertszahn:
Ich bin froh, dass wir gut in den Kammern vertreten sind und dass wir dort Kolleginnen und Kollegen haben, deren Herz für das Handwerk schlägt. Alle sind sehr aufmerksam, was aktuelle Herausforderungen wie die Digitalisierung und die Transformation der Arbeitswelt angeht.

DHB: Dass das Ehrenamt Nachwuchssorgen hat, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wie sind die Arbeitnehmervertretungen im Handwerk aufgestellt? 
Wingertszahn:
Sowohl den Arbeitnehmervertretern in den Kammern als auch uns als DGB ist das Problem bewusst und wir sprechen darüber, wie wir mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für ein Ehrenamt begeistern können, wie wir Jüngere ansprechen und auch weiblicher werden können. Wir haben zum Beispiel das Projekt PerSe Plus, bei dem es darum geht, die Alten mit den Neuen zu vernetzen und zu schauen, wie man neue Zielgruppen ansprechen kann.

DHB: Die Ausbildungsplatzgarantie, die es jetzt auch in den Koalitionsvertrag auf Bundesebene geschafft hat, ist eine langjährige Forderung des DGB. Gerade viele kleinere Arbeitgeber erfüllt das mit Sorge – nicht zuletzt, weil die Diskussion oft auf der abstrakten Ebene bleibt. Wie also sollte eine Ausbildungsgarantie aus Sicht des DGB konkret ausgestaltet sein?
Wingertszahn:
Das ist für mich ein großes Herzensthema! Was wir wollen ist, dass viel mehr junge Menschen eine duale Ausbildung machen und dass alle, die das wollen, es auch machen können. Dafür muss das Verhältnis zwischen angebotenen Ausbildungsstellen und Bewerberinnen und Bewerbern stimmen. Deshalb ist es für uns wichtig, dass das Angebot höher liegt als die Nachfrage. Dafür brauchen wir mehr Ausbildungsplätze.

DHB: Laut der Bundesagentur für Arbeit standen im Beratungsjahr 2020/2021 im Rheinland-Pfalz 24.700 Ausbildungsstellen 21.600 suchenden jungen Menschen gegenüber. Am 30. September kamen auf 3.300 unbesetzt Stellen 1.100 unversorgte Bewerber. Ist das nicht genug?
Wingertszahn:
Über Statistiken streite ich mich seit 20 Jahren, oft mit der Landesregierung oder auch mit der Arbeitsagentur. Dabei geht es unterm Strich immer um den Begriff ‚versorgt sein‘. Für mich bedeutet das, dass jede und jeder einen Ausbildungsplatz nach Kompetenz und Interesse findet. Es ist aber auch so, dass ich die Leute nicht verschieben kann. Ich kann einem jungen Mann, der Friseur werden will, nicht sagen, dass er jetzt Mechatroniker werden muss.

DHB: Und die konkrete Ausgestaltung? 
Wingertszahn:
Jugendliche, die sich für eine Ausbildung entscheiden, sollen nicht in Warteschleifen geraten, sondern die Garantie bekommen, dass sie direkt ins erste Ausbildungsjahr kommen. Dazu gehört, dass wir sie spätestens nach dem ersten Ausbildungsjahr in eine betriebliche Ausbildung bringen. Und wenn auch das nicht klappen sollte, gibt es weitere, überbetriebliche Möglichkeiten – aber am Ende steht immer eine abgeschlossene Berufsausbildung.

DHB: Eine schulische Ausbildung, die man hier als Ultima Ratio heraushören kann, wird im Handwerk kritisch gesehen...
Wingertszahn:
Wie wertvoll die Ausbildung im Betrieb ist, stellt niemand von uns infrage. Wenn das aber nicht möglich ist, muss es überbetriebliche Lösungen geben. Ausbildungsplatzgarantie klingt immer ein bisschen nach Zwang, aber wir können niemanden zwingen, auszubilden. Unsere Priorität liegt darauf, die Betriebe zu motivieren, mehr Ausbildungsstellen anzubieten und sie dabei auch wirtschaftlich zu unterstützen.

DHB: Dafür muss natürlich jemand in Vorlage gehen. Wer sollte das aus Ihrer Sicht sein?
Wingertszahn:
Die notwendigen Unterstützungsleistungen könnten über ein Umlagesystem finanziert werden. Wir sprechen von einem Zukunftsfonds, in den die Betriebe einzahlen. Für uns ist dabei wichtig, das etablierte tarifvertragliche Regelungen zur Umlagefinanzierung wie bei der SOKA-Bau nicht in Konkurrenz zu diesem Ausbildungsfonds stehen, sondern weiter gefördert werden sollen.

DHB: Kurz: Wer nicht ausbildet zahlt ein, aber alles, was eingezahlt wird, soll der Ausbildung zugutekommen?
Wingertszahn:
Genau.

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Text: / handwerksblatt.de

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