"Handwerk ist modern, digital, innovativ und klimarelevant – und das ist mein Appell an die Fridays-for-Future-Generation: Belasst es nicht dabei, nur über die Zukunft zu diskutieren, sondern gestaltet Eure Zukunft aktiv mit." Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks

"Handwerk ist modern, digital, innovativ und klimarelevant – und das ist mein Appell an die Fridays-for-Future-Generation: Belasst es nicht dabei, nur über die Zukunft zu diskutieren, sondern gestaltet Eure Zukunft aktiv mit." Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (Foto: © ZDH / Boris Trenkel)

Meisterausbildung sollte komplett kostenfrei sein

Politik

Interview: ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer über die Berufsbildung und die Zukunftsfähigkeit des Handwerks.

Alle wichtigsten Zukunftsfelder, vom Klimaschutz inklusive Nachhaltigkeit und Energie über die Digitalisierung und Überalterung der Gesellschaft mit allen ihren Folgen – ohne das Handwerk geht es nicht. Eine Schlüsselfunktion kommt dabei der Berufsbildung zu, doch das ist noch immer nicht überall angekommen, sagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, im Interview.

DHB: Herr Wollseifer, die Flutkatastrophe hat gezeigt, wie elementar das Handwerk helfen kann. Aber hat das Handwerk vor Ort genügend Unterstützung?
Wollseifer:
Uns bedrücken natürlich die Auswirkungen von Katastrophensituationen wie jetzt bei Flut und Hochwasser. Das Handwerk hat tatkräftig geholfen und hilft immer noch. Absolute Priorität hat aktuell natürlich, die Grundversorgung mit Wasser, Strom oder Gas sicherzustellen, Telekommunikation zu ermöglichen und rasch dafür zu sorgen, dass es wieder nutzbare Verkehrswege gibt. Für den Wiederaufbau brauchen wir die Unterstützung der Kommunen. Sie müssen künftig in der Lage sein, etwa im Straßenbau, Dringlichkeitsvergaben zu machen, um die Infrastruktur möglichst schnell wiederherzustellen. Allein im Ahrtal sind 62 Brücken zerstört. Da können wir uns keine langen Ausschreibungen und Planungsphasen erlauben, sondern die Verfahren müssen verschlankt und verkürzt werden.

DHB: Vor dem Hintergrund knapper Materialien und entsprechenden Preissteigerungen reicht das alleine doch nicht aus?
Wollseifer:
Das stimmt, es gab im letzten halben Jahr exorbitante Preissteigerungen und Materialknappheit. Daher sollte es zumindest bei öffentlichen Aufträgen auch keine Vertragsstrafen geben, wenn es Handwerkern nicht gelingt, wegen fehlenden Materials einen Auftrag termin- und preisgerecht fertigzustellen. Auch Preisgleitklauseln gehören dazu. In den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten geht es oft um die nackte Existenz der Menschen. Da noch mehr als anderswo muss man dann auch der Situation angepasst vorgehen und sich flexibel zeigen.

DHB: Wie sehr belastet die Materialknappheit die Betriebe?
Wollseifer:
Sie trifft besonders Betriebe, die sich in der Corona-Zeit als konjunkturstärkend erwiesen haben. Manchmal lohnt es sich nicht einmal, einen Auftrag anzufangen, weil der Betrieb am Ende draufzahlen muss. In so einer Situation kann es dann schwer sein, Beschäftigung zu sichern oder auszubauen oder sich dafür zu entscheiden, einen Auszubildenden zu nehmen. Auch wenn unsere Betriebe im Handwerk nach wie vor – wie unsere Umfragen zeigen – immer noch sehr ausbildungswillig sind.

DHB: Wie sieht denn die Situation auf dem Ausbildungsmarkt aus?
Wollseifer:
Wir haben kein Angebots-, sondern ein Nachfrageproblem. Ende Juni waren noch rund 31.000 Stellen frei. Und mit 62.251 neuen Lehrverträgen lagen wir schon 13,1 Prozent besser als 2020. Wir sind daher sehr zuversichtlich, dass wir mit unseren vielfältigen Maßnahmen im Sommer der Berufsbildung viele junge Menschen, aber auch deren Eltern, ansprechen und sie überzeugen, dass es im Handwerk, unabhängig von Corona, immer sichere Arbeitsplätze und Karrierechancen gibt.

DHB: Sie zielen auf die Zukunftsfähigkeit des Handwerks ab.
Wollseifer:
Richtig, denn ob es sich um E-Mobilität und Infrastruktur, Gebäudesteuerung und Smart Home, Nachhaltigkeit, Klimaschutzmaßnahmen oder Überalterung der Gesellschaft dreht – das geht alles nur mit dem Handwerk. Schon heute arbeiten etwa 450.000 Handwerksbetriebe mit fast 2,5 Millionen Beschäftigten in knapp 30 Gewerken täglich in fast allen Bereichen an der Energiewende mit und setzen Umwelt- und Klimaschutz um, sei es im Ausbaubereich, an der Gebäudehülle, in der Anlagen- und Gebäudetechnik oder beim Netzausbau und bei der Mobilität. Und ganz sicher werden für die großen Zukunftsaufgaben noch mehr qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker gebraucht.

Zitat "Handwerk ist modern, digital, innovativ und klimarelevant – und das ist mein Appell an die Fridays-for-Future-Generation: Belasst es nicht dabei, nur über die Zukunft zu diskutieren, sondern gestaltet Eure Zukunft aktiv mit." Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen HandwerksDHB: Trotzdem muss das Handwerk um ein gutes Image kämpfen.
Wollseifer:
Ja, leider sind in den Köpfen immer noch zu viele überholte und längst nicht mehr zutreffende Klischees vom Handwerk verankert. Handwerker genießen zwar hohes Vertrauen in der Gesellschaft, aber es mangelt an der Wertschätzung. Unser Ziel ist es, dass diese Anerkennung für die Leistung des Handwerks auch in eine entsprechende Wertschätzung übergeht. Dazu braucht es auch die Hilfe der Politik.

DHB: Müssen Sie nicht in der Lehrerausbildung ansetzen, damit schon Lehrer die Zukunftsfähigkeit des Handwerks im Unterricht den Schülern vermitteln können?
Wollseifer:
Wir brauchen eine generelle Offenheit gegenüber der Berufsbildung, um unsere Ausbildungsbotschaften überall zu vermitteln. In den allgemeinbildenden Schulen und vor allem den Gymnasien müsste deutlich mehr über die tollen Chancen im Handwerk informiert werden. Handwerk ist in der Realität völlig anders als das eine oder andere immer noch verbreitete Klischee: Es ist modern, digital, innovativ und klimarelevant – und das ist mein Appell an die Fridays-for-Future-Generation: Belasst es nicht dabei, nur über die Zukunft zu diskutieren, sondern gestaltet Eure Zukunft aktiv mit. Wie wäre es mit einem Praxis- oder Freiwilligenjahr im Handwerk? Das kann als Praktikum gewertet und, wenn die jungen Leute den Beruf komplett erlernen wollen, in Absprache mit dem Ausbildungsbetrieb auf die Ausbildung angerechnet werden.

DHB: Sprechen wir über das Gesamthandwerk?
Wollseifer:
Handwerk ist Praxis und sollte praktisch ausprobiert und erlebt werden. Ein Praxisjahr kann ich mir zumindest in allen klimarelevanten Berufen gut vorstellen. Energieeffizienz, Klimaschutz, Nachhaltigkeit geht nur mit dem Handwerk, das muss ins Bewusstsein der Bevölkerung. Allein im weiten Feld Energie arbeiten mehr als 450.000 Betriebe mit rund zwei Millionen Mitarbeitern – sie installieren, warten, reparieren und sorgen dafür, dass alles läuft.

DHB: Lehrer als Multiplikatoren bleiben außen vor?
Wollseifer:
Auch ihnen muss die Rolle des Handwerks bewusst sein. Wir brauchen aber auch eine Lehrerausbildung an Fachhochschulen, die bislang fehlt. So eine Initiative für Berufsschullehrer möchte ich mit anstoßen. Die Ausbildung ist dann nicht so sehr akademisch, sondern mehr fachlich geprägt, und man bekommt eine ganz andere Sichtweise auf die beruflichen Dinge.

DHB: An weiterbildenden Schulen wäre das auch nicht verkehrt …
Wollseifer:
… weil dann mehr Praxis hineinkäme, richtig. Ich finde es gut, dass zum Beispiel in Baden-Württemberg und Nordrhein- Westfalen das Fach "Wirtschaft" gelehrt wird. Wir müssen auch schon in der Grundschule das Fachwerken stärker betonen und wieder im Unterricht einführen. Generell muss die Schule lebens- und praxisbezogener werden.

DHB: Was ist mit den Studienaussteigern?
Wollseifer:
27 Prozent aller Studenten hören vorzeitig mit ihrem Studium auf, bei den Ingenieurswissenschaften sind das sogar 35 Prozent. Dieses Potenzial ist natürlich bei uns hochwillkommen. Wir bieten Studienaussteigern erstklassige Karrieremöglichkeiten an. Wer schon einschlägige berufliche Kompetenzen im Studium erworben hat, kann seine Ausbildungszeit auch verkürzen

DHB: Dann hätten Sie auch potenzielle Betriebsübernehmer!
Wollseifer:
Das stimmt, die Situation ist nicht zufriedenstellend. Schließlich geht es in den nächsten fünf Jahren um rund 125.000 Handwerksbetriebe, die altersbedingt an die nächste Generation übergehen müssen. Aber Betriebsübernehmer brauchen Unterstützung, etwa Bürgschaftsbanken, die Sicherheiten geben, über langfristige Förderkredite mit günstigen Konditionen bis hin zu Meistergründungsprämien, von der Übernahmewillige profitieren können. Eine der wichtigsten Forderungen ist, dass die Meisterausbildung komplett kostenfrei ist.

DHB: Der ewige Streit um die Gleichwertigkeit der beruflichen mit der akademischen Bildung.
Wollseifer:
Genau, wir streiten für die Gleichwertigkeit! Denn Bildung muss in unserer Gesellschaft für die Bildungsteilnehmenden kostenfrei sein. Wenn jemand zum Beispiel Medizin bis zu einem Alter von 30 Jahren studiert und nichts zahlen muss, sollte das ebenfalls für die berufliche Bildung gelten. Wer die Meisterprüfung ablegt und damit auf Bachelor-Stufe landet, wer anschließend mit dem Restaurator im Handwerk seinen beruflichen Master ablegt, für den sollte das komplett kostenfrei sein. Die durchgängige Kostenfreiheit der beruflichen Bildung gibt es noch immer nicht, und die fordern wir ein.

DHB: Was auch ein Beitrag wäre, den Fachkräftemangel zu lindern.
Wollseifer:
Ein Thema, dessen Brisanz die Politik immer noch nicht so richtig erkannt hat oder jedenfalls nicht entschieden genug angeht. Fehlende qualifizierte Fachkräfte können zu einer richtigen Konjunkturbremse führen. Die technologischen Ansprüche werden immer größer. Die Betriebe müssen daher ihre Mitarbeiter qualifizieren, um zum Beispiel im Klimaschutz die hochkomplexen Aufgaben zu übernehmen. Dafür braucht es genügend beruflich qualifizierte und talentierte junge Menschen, die bereit sind zu lernen. Aber schauen Sie mal in die Wahlprogramme der Parteien: Zum Klimaschutz findet sich viel, aber wenig bis gar nichts im Zusammenhang mit beruflicher Bildung. Das zeigt deutlich, dass die Politik noch nicht erkannt hat, wie wichtig berufliche Bildung zur Erreichung der Klimaschutzziele ist. Und ich fordere gerade in dieser Frage von der Politik mehr Weitblick.

Das Interview führten Irmke Frömling und Stefan Buhren.

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Text: / handwerksblatt.de

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