Zwei lachende junge Frauen, die nebeneinander stehen und einen Arm eingehakt haben, halten eine irische Flagge hinter ihrem Rücken hoch. Anlässlich des irischen Nationalfeiertags St. Patrick Day tragen sie einen dunkelgrünen Zylinder.

Das europäische Förderprogramm Erasmus+ ermöglicht Auszubildenden, jungen Fachkräften und Ausbildern einen Auslandsaufenthalt. Der Brexit hat dafür gesorgt, dass Großbritannien seinen Spitzenplatz als beliebtestes Zielland verloren hat. Inzwischen ist Irland die erste Wahl in puncto Auslandspraktikum. Kristin Wilkens von der NA beim BIBB geht im Interview mit dem DHB auf die neuesten Entwicklungen bei den Förderprogrammen Erasmus+ und AusbildungWeltweit ein und gibt Tipps, welche weiteren Programme für das Handwerk von Interesse sind. (Foto: © serezniy/123RF.com)

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Irland hat Großbritannien den Rang bei Auslandsaufenthalten abgelaufen

Bei den Auslandsaufenthalten haben der Brexit und Corona ihre Spuren hinterlassen. Im englischsprachigen Raum gibt es eine neue Nummer 1. Nachdem die Pandemie überwunden wurde, ist der Drang ins Ausland stärker denn je.

Lange hat Großbritannien die Liste der beliebtesten Länder für ein Auslandspraktikum in der beruflichen Bildung angeführt. Dies hat sich seit dem Austritt aus der Europäischen Union (EU) geändert. Im Interview mit dem Deutschen Handwerksblatt (DHB) zeigt Kristin Wilkens, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Erasmus+ -Team Mobilität und Internationalisierung der Berufsausbildung der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB), wie sich die Zahlen bei den Förderprogrammen Erasmus+ und AusbildungWeltweit entwickelt haben.

DHB: Die meisten Auszubildenden in Deutschland dürften Englisch als erste Fremdsprache gelernt haben. Entsprechend groß war das Interesse an einem Auslandsaufenthalt in Großbritannien. Wie hat sich der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union auf die Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung in Deutschland ausgewirkt?
Wilkens: Es gab zwar kurzfristig einen Rückgang der Teilnehmendenzahlen, der auf den Brexit zurückzuführen ist, aber der Rückgang war weitaus geringer als zunächst angenommen.

Tatsächlich war das Vereinigte Königreich (UK) noch bis 2020 Programmland. In der Praxis bedeutete das, dass teilweise noch bis 2023 Auslandsaufenthalte nach UK über Erasmus+ der alten Programmgeneration gefördert wurden. Ab 2021 können Bildungseinrichtungen, die über eine sogenannte Erasmus-Akkreditierung verfügen, 20 Prozent ihres Budgets für Auslandsaufenthalte in Nicht-Programmländer verwenden, also auch für Entsendungen nach UK. Auch wenn eine Finanzierung möglich ist, so bringt die Organisation des in der Regel notwendigen Visums für UK Hürden mit sich, was für Verunsicherung sorgt. Die Anzahl der Teilnehmenden, die nach UK gehen, ist um ein Vielfaches gesunken und lag im Jahr 2022 bei 1,5 Prozent aller Aufenthalte, in 2018 waren es im Vergleich 19,5 Prozent.

Seit 2021 können Auslandsaufenthalte für Auszubildende und betriebliches Bildungspersonal nach UK jedoch auch mit dem nationalen Förderprogramm AusbildungWeltweit stattfinden. Das Vereinigte Königreich ist hier mittlerweile auf Platz 5 der gefragtesten Zielländer gerückt – hinter den USA, China, der Schweiz und Kanada.

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DHB: Konnten andere Länder der Europäischen Union wie Malta oder Irland in die Bresche springen?
Wilkens: Ja, Irland hat als Destination für Auslandsaufenthalte in der Berufsbildung die Spitzenposition inne mit einem Anteil von 19,5 Prozent im Jahr 2022. Gefolgt von Spanien (18 Prozent), dahinter liegen Italien und Malta mit einem Anteil von 7 Prozent gleich auf. Die Anzahl der Teilnehmenden, die nach Spanien gehen, hat sich seit dem Brexit um mehr als 4 Prozentpunkte erhöht. Die Entsendungen nach Italien und Malta sind konstant geblieben.

DHB: Während der Corona-Pandemie dürften Auslandsaufenthalte gegen Null gegangen sein. Wie haben sich die Zahlen seitdem entwickelt? Hat die Abstinenz vielleicht sogar zu einem neuen Boom geführt? 
Wilkens: Während der Corona-Pandemie brachen die Auslandsentsendungen von Auszubildenden und Ausbildungspersonal aus den bekannten Gründen stark ein, auf ein Drittel der Aktivitäten vor der Pandemie. Danach ist die Nachfrage aber ganz schnell wieder angestiegen.

In 2023 wurden im Programm Erasmus+ insgesamt über 33.000 Auslandsaufenthalte bewilligt, über 25.000 für Lernende und fast 8.000 für Personal. Das sind die bisher höchsten Werte überhaupt. Dabei bleiben die Zahlen für die Lernenden noch etwas unter den Förderungen von 2019 (94 Prozent), während sie beim Personal deutlich höher sind (+29 Prozent) als 2019. Aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage war es 2023 in der Berufsbildung nicht möglich, alle Anträge zu Vertragsbeginn in voller Höhe zu bewilligen, obwohl im Vergleich zum Vorjahr deutlich mehr Fördermittel zur Verfügung standen.

DHB: Wie verteilen sich die Mobilitäten mit Blick auf die Programme? Welchen Anteil hat Erasmus+, welchen Anteil hat AusbildungWeltweit? 
Wilkens: Mit Blick auf die beiden Förderprogramme der NA beim BIBB fördert Erasmus+ den Löwenanteil der Auslandsaufenthalte in der Berufsbildung mit mehr als 95 Prozent. Auch das noch junge Programm AusbildungWeltweit hat nach dem Pandemieknick wieder das Niveau von 2019 erreicht und die Nachfrage steigt weiter an. Mit voraussichtlich über 1.000 geförderten Auslandsaufenthalten kann das Programm in 2024 einen Anteil von 3 Prozent erreichen. Mittelfristig sind weitere Steigerungen möglich. Die meisten Förderanträge kommen direkt von Unternehmen. Viele geförderte Auszubildende stammen aus exportorientierten Branchen.

DHB: Welche anderen Programme – neben Erasmus+ und AusbildungWeltweit – könnten interessant für das Handwerk sein?
Wilkens: Neben Erasmus+, was das den absoluten Hauptteil an Auslandsaufenthalten in der Berufsbildung finanziert, hat sich das Programm AusbildungWeltweit zu einem bedeutenden Förderprogramm entwickelt. Neben diesen Programmen eignen sich für das Handwerk auch folgende Serviceangebote und Programme:

Der Beratungsservice für Auslandsaufenthalte in der Ausbildung der Nationalen Agentur beim BIBB bündelt Informationen rund um Auslandsaufenthalte während der Ausbildung. Auszubildende finden ein umfassendes Service-Angebot auf dem Portal "MeinAuslandspraktikum.de" und den dazugehörigen Kanälen auf Instagram und YouTube. Ausbildungsverantwortliche in Betrieben, beruflicher Schulen, Kammern und Kreishandwerkerschaften finden auf dem Portal "Auslandsberatung-Ausbildung.de" umfassende Informationen zum Mehrwert von Auslandsaufenthalten.

Beide Service-Portale umfassen Informationen rund um Auslandsaufenthalte in der Ausbildung und bieten einen Überblick über die Chancen, Rahmenbedingungen und konkrete Planungsschritte. Der auf beiden Portalen integrierte Stipendienfinder bündelt zudem alle Förderprogramme, die Auslandsaufenthalte in der Berufsbildung finanzieren. Erfahrungsberichte und Praxisbeispiele runden das Beratungsangebot ab.

Betriebe, Auszubildende und Berufsschulen, die regional eine persönliche Beratung zu Auslandsaufenthalten in Anspruch nehmen möchten, können sich an regionale Beratungsstellen wie zum Beispiel die Mobilitätsberaterinnen und -berater, die unter anderem bei Handwerkskammern arbeiten, und rund um Planung, Beantragung und Durchführung von Auslandsaufenthalten in der Berufsbildung auch förderprogrammübergreifend beraten, wenden.

Mobilitätsberatung In unserem Online-Beitrag "Auslandspraktikum kann Weichen für Azubis, Gesellen und Meister stellen" auf handwerksblatt.de berichten die Mobilitätsberaterinnen der Handwerkskammer Potsdam und der Handwerkskammer der Pfalz über ihre Arbeit und geben Tipps zur Planung eines Auslandsaufenthalts. Weitere Artikel zu Auslandspraktika in der beruflichen Bildung sind in unserem Themen-Special "Berufserfahrung im Ausland sammeln" zu finden.

Das deutsch-französisches Programm "ProTandem" fördert dreiwöchige Aufenthalte dualer Auszubildender. Die Programmlinie "Praxes" des Deutsch-Französischen Jugendwerks fördert freiwillige Praktika während oder nach der Ausbildung in Frankreich.

Bei der Programmlinie "Team works!" des Deutsch-Afrikanischen Jugendwerks bilden Auszubildende oder junge Fachkräfte ein Tandem mit einem Senior Experten oder einer Senior Expertin und hospitieren zweieinhalb bis sechs Wochen auf dem afrikanischen Kontinent.

Für Auszubildende aus den Metropolregionen Hamburg, Berlin und Bayern sowie aus Sachsen fördert die Joachim-Herz-Stiftung Betriebspraktika oder Collegeprogramme in den USA und Kanada.

Bei Freiwilligendiensten wie "weltwärts", "kulturweit" oder dem ASA-Programm können Auszubildende ebenfalls teilnehmen und ihre Kenntnisse im Rahmen von 6- bis 12-monatigen Aufenthalten mit Fokus Entwicklungszusammenarbeit oder Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik einbringen und festigen.

Für das Handwerk gibt es das Pilotprogramm "Weltwalz" für Aufenthalte nach mehr als einem Jahr nach Ausbildungsabschluss. Die Zielländer sind Ruanda, Uganda, Südafrika und Georgien. 

DHB: Auszubildende, die über ihre Erfahrungen im Ausland berichten möchten, können sich als EuroApprentice schulen lassen. Gibt es genug Bewerber – auch aus dem Handwerk?
Wilkens: Ja, definitiv. Für das letzte Training im Oktober 2023 gab es mehr Bewerberinnen und Bewerber als Plätze zur Verfügung standen. Die Gruppe der EuroApprentices ist vielfältig, zum Beispiel was die Zielländer und die Berufe, die sie repräsentieren, angeht. Es gibt einige EuroApprentices, die einen Handwerksberuf erlernen oder erlernt haben, aber die Gruppe kann ruhig noch wachsen. Aktuell gibt es neun EuroApprentices aus dem Handwerk. Dabei ist ein Tischler, eine Schornsteinfegerin, eine Zimmerin eine Mechatronikerin und zwei Mechatroniker, ein Elektroniker und zwei Bootsbauer.

Wir freuen uns über weitere Bewerberinnen und Bewerber aus dem Handwerk für das Training im Oktober 2024. Bewerbungen sind das ganze Jahr möglich. Mittlerweile gibt es EuroApprentices in elf anderen europäischen Ländern. Ein Highlight sind die jährlichen europäischen Netzwerktreffen der jungen Botschafterinnen und Botschafter. Hier erwerben sie gemeinsam Kompetenzen für ihre Rolle als EuroApprentice und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus. Im aktuellen Journal "Bildung für Europa" der NA beim BIBB finden Sie einen Artikel über das europäische EuroApprentices-Netzwerk und Interviews mit vier EuroApprentices.

Die Fragen stellte Bernd Lorenz.

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Text: / handwerksblatt.de

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