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So finden Handwerker Fachkräfte für ihren Betrieb!

Der Fachkräftemangel verbreitet Panik, Initiativen schießen wie Pilze aus dem Boden. Nach aktuellen Studien werden in Deutschland bis zum Jahr 2035 etwa vier Millionen Arbeitskräfte fehlen. Das Handwerk ist stark betroffen.

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen bekommen das zu spüren, weil sie sich in puncto Lohn- und Personalpolitik nicht gegen die Konkurrenz aus der Industrie durchsetzen können. Aber das Drehen an der Lohnschraube alleine wird nicht reichen. Langfristige Strategien sind gefragt und eine Unternehmenskultur, die für Mitarbeiter attraktiv ist.

Viele Branchen verzeichnen Engpässe

Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums mangelt es in einigen Regionen bereits an Rohrinstallateuren, Kraftfahrzeuginstandsetzern, Fräsern und Drehern. Auch das Elektrohandwerk – mit über 57.000 Unternehmen und über 470.000 Mitarbeitern eine der größten Branchen im Handwerk – verzeichnet Engpässe. Es fehlen vor allem Elektroinstallateure, so eine Umfrage des Zentralverbands der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH).

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Ein Drittel der befragten Unternehmer hat noch offene Stellen, 80 Prozent gaben an, die Qualifikation der Bewerber entspräche nicht den Anforderungen. "Die Bundesagentur für Arbeit meldet, dass 27.000 Fachkräfte in dem Bereich fehlen", sagt ZVEH-Hauptgeschäftsführer Ingolf Jakobi. Die Konkurrenz sei groß, denn auch Elektroindustrie und Großhandel bemühten sich um gute Köpfe. Einem Acht-Mann-Betrieb aber fielen Personalentwicklung und Selbstmarketing wesentlich schwerer als einem Großkonzern.

Junge Spanier für eine Lehre gewinnen

Der Verband springt dabei ein, außerdem versucht er, das Image der Berufe zu steigern, um sie für Schüler attraktiver zu machen. Erreichen soll das die groß angelegte E-Marken-Kampagne, zu der auch die Nachwuchswerbung E-Zubis.de gehört. "Wir merken bereits, dass die Wertschätzung gestiegen ist", so Jakobi. "Wir leben in einer elektrotechnisch geprägten Welt. Bei den Eltern hat sich herumgesprochen, dass es sich um eine Zukunftsbranche handelt."

Dazu beigetragen habe auch die sogenannte Lehrermappe, eine umfassende Informationsgrundlage, die vom Verband an Schulen verteilt wird. Weitere Maßnahmen sollen auch mehr Frauen, Abiturienten und Studenten für die Elektrobranche interessieren oder junge Spanier für die Ausbildung gewinnen. Darüber hinaus bieten die Kompetenzzentren Umschulungen für Quereinsteiger an, die ein Grundverständnis von Mathematik und Physik mitbringen. "Die Branche boomt. Noch steigen die Umsatzzahlen. Aber fehlen die Kräfte, können Aufträge nicht so schnell bearbeitet werden wie Kunden sich das wünschen", sagt Jakobi.

Zwar machen sich Verbände, Innungen und Kreishandwerkerschaften für ihre Mitglieder stark, doch auch die Unternehmer sind gefragt. Eine empirische Analyse vom Ludwig-Fröhler-Institut in München hat untersucht, warum sich junge Fachkräfte für Handwerk oder Industrie entscheiden. In den Punkten "Aufstiegsmöglichkeiten", "Verhältnis zum Vorgesetzten und zu Kollegen" hat das Handwerk klar die Nase vorn. Doch was "selbstbestimmte Arbeitsorganisation" und "Weiterbildungsmöglichkeiten" betrifft, schneidet die Industrie besser ab.

Wenn die Mundpropaganda funktioniert!

Foto: © Jörg Knappe
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Ein Unternehmen, das hier punktet, ist die Firma Lettermann aus Viersen. Zum Betrieb mit Orthopädie-Technik, Orthopädie-Schuhtechnik, Reha-Technik und Sanitätshaus gehören 76 Mitarbeiter, davon 16 Auszubildende. Die Lehrlinge übernehmen vom ersten Tag an Verantwortung. "Im Sanitätshaus haben sie Kundenkontakt und übernehmen unter Anleitung das Handling mit der Krankenkasse", erklärt Marian Hiepen, Leiter der Marketingabteilung. Es gibt eine Azubi-Beauftragte, an die sie sich jederzeit wenden könnten und ein monatliches Azubi-Meeting.

Lettermann organisiert für die Auszubildenden Ausflüge, Wettbewerbe und extra Fortbildungen. Das spricht sich herum. "Wir müssen kaum Anzeigen schalten, um Auszubildende zu finden. Die Mundpropaganda funktioniert", freut sich Hiepen. Von Fachkräfte- oder Nachwuchsmangel keine Spur. Auch weil Lettermann ungewöhnliche Wege nicht scheut, um Mitarbeiter zu finden. "Wir suchen Charaktere, die Lust auf die Arbeit im Gesundheitswesen haben, egal ob alt, jung, mit Behinderung oder ohne, Mann oder Frau", betont Hiepen. Auch Langzeitarbeitslose oder Quereinsteiger bekämen eine Chance.

Eine der Auszubildenden ist über 30 und stammt aus dem Irak. "Sie hat uns als Typ sehr gefallen, darum haben wir sie eingestellt", erklärt Hiepen. Die Firma hat eigens einen Deutschkurs für sie organisiert. 2010 erhielt Lettermann die Auszeichnung "Bester Arbeitgeber im Mittelstand". Ein klarer Wettbewerbsvorteil im Kampf um die Fachkräfte.

Checkliste: Zehn Tipps, wie Sie Fachkräfte für Ihren Betrieb finden können!

  1. Überprüfen Sie mit dem Demografie-Check auf der ZIH-Internetseite, wie stark Ihr Unternehmen in den kommenden Jahren vom demografischen Wandel betroffen sein wird: Wie ist die Altersstruktur der Mitarbeiter? Gibt es genug Nachwuchs?
  2. Auf dieser Grundlage können Sie systematisch Ihren Personalbedarf für die nächsten Jahre planen. Welche Positionen wollen Sie im Unternehmen wann besetzen? Welche Qualifikationen müssen Bewerber mitbringen?
  3. Finden Sie Ihre Zielgruppe: Brauchen Sie Meister oder Gesellen mit Erfahrung oder eher Auszubildende? Je nachdem, müssen Sie auf andere Art oder an anderer Stelle suchen. Suchen Sie mittel- bis langfristig Nachwuchs, können Schulkooperationen in Frage kommen, brauchen Sie schnell eine Fachkraft, helfen eher Jobbörsen oder Empfehlungen.
  4. Was kann Ihr Unternehmen den Fachkräften bieten? Mit welchen Pfunden können Sie Handwerkwuchern? Falls Sie sich darüber nicht im Klaren sind, hilft eine Stärken-Schwächen-Analyse des Unternehmens.
  5. Gibt es eine Möglichkeit, das Firmenimage oder das des Berufsstandes zu steigern? Lohnt es, einen Marketingplan aufzustellen oder in Pressearbeit zu investieren? Verbinden Sie Ihren Betrieb oder Ihre Maßnahmen mit Kampagnen von Berufsverbänden oder der Imagekampagne des Handwerks für mehr Durchschlagskraft.
  6. Überlegen Sie, unter welchen Voraussetzungen Sie Stellen auch mit Wiedereinsteigerinnen oder Wiedereinsteigern, Langzeitarbeitslosen, Menschen mit Behinderung oder Geringqualifizierten besetzen können.
  7. Entwerfen Sie eine detaillierte Strategie, wie und auf welchen Kanälen Sie die gewünschten potenziellen Mitarbeiter ansprechen wollen. Nutzen Sie Wege, die zu Ihren Bedürfnissen passen, z. B. Jobbörsen der Kammern, Schülermessen der Kreishandwerkerschaften.
  8. Lassen sich Stellen und Positionen auch von eigenen Mitarbeitern ausfüllen? Investieren Sie in gezielte Weiterbildung!
  9. Versuchen Sie, Ihre Fachkräfte zu halten und an das Unternehmen zu binden. Hilfreiche Tipps liefert unter anderem der Leitfaden zur Mitarbeiterbindung vom Ludwig-Fröhler-Institut.
  10. Gibt es eine Möglichkeit, Mitarbeiter länger im Unternehmen zu beschäftigen oder aus der Rente zurückzuholen? Welche Beschäftigungsformen sind denkbar? Kümmern Sie sich um Gesundheitsförderung und Innovationen für einen schonenden Arbeitsplatz.
Text: / handwerksblatt.de

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