Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund, erwartet verlässliche und bessere Rahmenbedingungen für das Handwerk. (Foto: © HWK Dortmund / Marcel Kusch)

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"Handwerk gerät als Stabilitätsanker unter Druck"

Noch ist das Handwerk im Bereich der HWK Dortmund stabil. Der Kostendruck - unter anderem durch die hohen Energiepreise - lastet aber spürbar auf den Betrieben. Die Erwartungen sind gedämpft.

Das Handwerk im Gebiet der Handwerkskammer Dortmund – umfasst das östliche Ruhrgebiet und Teile Westfalens – bleibt ein "Stabilitätsanker", gerät aber zunehmend unter Druck. Das zeigt die Frühjahrskonjunkturumfrage der Kammer. Die wirtschaftliche Lage der Betriebe ist demnach noch überwiegend im grünen Bereich. Auftragsbestände, Umsätze und Investitionen gehen aber bei deutlich mehr Betrieben als zuvor zurück. Auch die Zahl der Beschäftigten ist bei einem Viertel der Betriebe rückläufig.

➡️In den vergangenen sechs Monaten meldeten 39 Prozent der Betriebe Auftragsverluste. 17 Prozent verzeichneten eine Zunahme. 37 Prozent berichten von Umsatz-Rückgängen, 17 Prozent von Zuwächsen.

"Vor allem die Investitionszurückhaltung bei den Betrieben ist bedenklich", sagte Berthold Schröder, Präsident der Dortmunder HWK bei der Vorstellung der Konjunkturumfrage. In den vergangenen sechs Monaten haben 29 Prozent der Betriebe ihre Investitionen reduziert, 18 Prozent erhöht. Auch für die kommenden Monate wird mit weiter sinkenden Investitionen gerechnet. Das Problem: Wenn in den Betrieben länger nicht investiert wird, überalterten sie technisch und organisatorisch, was ihre spätere Übergabefähigkeit erschwert.

➡️ Zur Nachfolgesituation hat die Handwerkskammer eine Sonderumfrage erstellt. 

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Die Umfrage lief vom 13. März bis 7. April – also bereits unter dem Eindruck der aktuellen Entwicklungen rund um die Straße von Hormus. 81 Prozent der Betriebe im Kammerbezirk Dortmund bewerten ihre aktuelle wirtschaftliche Situation als gut oder befriedigend. Im Vorjahr waren es noch 84 Prozent. Die durchschnittliche Auftragsreichweite ist von acht auf 7,3 Wochen gefallen.

Laut Kammerpräsident Schröder lasse sich im Handwerk seit 2018, überlagert von "exogenen Schocks" wie Corona und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, eine fast lineare Abwärtstendenz erkennen – analog zur gesamtdeutschen Wirtschaft. Für die kommenden Monate überwiegen vorsichtige Erwartungen: Mehr Betriebe rechnen mit sinkenden Auftrags- und Umsatzzahlen als mit steigenden. 

Jeder zweite Betrieb hat seine Preise erhöht

Besonders bemerkenswert sei die Preisentwicklung. 50 Prozent der befragten Handwerksbetriebe haben ihre Verkaufspreise erhöht, neun Prozent melden sinkende Preise und 41 Prozent konstante. Besonders ausgeprägt ist dieser Trend im Kfz-Handwerk: Dort berichten 63 Prozent der Betriebe von Preissteigerungen, mehr als in allen anderen Gewerken.

Eine solche Breite an Preisanhebungen habe es zuletzt zu Beginn des russischen Angriffskriegs mit den damals explodierenden Energiepreisen gegeben, so Schröder. Er erwartet, dass sich der aktuelle Konflikt um den Iran und die Straße von Hormus ähnlich auswirken wird, denn: Energie bleibt teuer, Lieferketten bleiben belastet.

Dass so viele Betriebe ihre Preise anheben mussten, sei vor allem ein Selbstschutz, um wirtschaftlich stabil zu bleiben und kein Zeichen für Rückenwind, so Schröder. "Das Handwerk kann liefern, wenn die Rahmenbedingungen aus Berlin wieder verlässlicher werden."

Massiv steigende Energie- und Materialkosten

Aus seinem eigenen Holzbau-Unternehmen in Hamm berichtet Schröder von täglichen Preiserhöhungen der Lieferanten im Bereich von fünf bis 15 Prozent. Vor allem Dachdecker würden gerade unter den besonders stark steigenden Bitumen-Preisen leiden. "Ohne eine Lösung des Konflikts wird uns das noch lange beschäftigen", so der Kammerpräsident. Seine Prognose: Baupreise werden schneller steigen als die allgemeine Inflationsrate – mit entsprechenden Rückwirkungen auf die Nachfrage.

Gabor Leisten, Leiter der Unternehmensberatung der HWK Dortmund berichtet, dass die Energiekostenquote bereits deutlich gestiegen ist: Lag sie vor rund fünf Jahren im Handwerk bei etwa 5,7 bis sechs Prozent des Umsatzes, seien es heute im Schnitt fast zehn Prozent, also "fast zehn Cent pro Euro Umsatz".

Angesichts der massiv gestiegenen Energiepreise kritisiert Schröder die Fokussierung der Bundesregierung auf einen subventionierten Industriestrompreis. Nötig sei eine breitere Entlastung. Strom müsse für alle günstiger werden – auch für Handwerk und private Haushalte. Nur so ließen sich zugleich gewünschte Entwicklungen wie Wärmepumpen und Elektromobilität sinnvoll vorantreiben.

Ein weiteres Problem seien die hohen Lohnnebenkosten. Bei einem lohnintensiven Sektor wie dem Handwerk drohten die Leistungen "irgendwann unbezahlbar" zu werden. Schröder kritisiert die geplante Anhebung der Bemessungsgrenzen in der Krankenversicherung um weitere 300 Euro als Belastung für "Leistungsträger", also auch gut verdienende Gesellen und Meister.  

Lage nach Branchen Während sich das Bauhauptgewerbe von einer schwierigen Phase etwas erholt, bleibt die Stimmung im Ausbaugewerbe (unter anderem SHK, Elektro, Dachdecker) mit 84 Prozent positiver Lage weiterhin überdurchschnittlich, wenn auch mit rückläufigem Trend. "Die Gewerke profitieren von Investitionen in die energetische Sanierung und von einem Investitionsstau im öffentlichen Raum." Die personenbezogenen Dienstleister - Friseure und Kosmetiker - spüren die Konsumzurückhaltung der Verbraucher. 

Regional kaum Unterschiede

Die Handwerkskammer Dortmund präsentierte die Zahlen gemeinsam mit der Kreishandwerkerschaft (KH) Ruhr, der KH Hellweg-Lippe sowie der KH Dortmund Hagen Lünen. Große regionale Unterschiede gibt es nicht. Die Lage ist überwiegend stabil und der Ausblick fällt - je nach Branche - eher verhalten aus.

Sonderumfrage Betriebsnachfolge:

Jeder dritte Betrieb vor Übergabe – viele ohne Plan 

Die Sonderumfrage zur Betriebsnachfolge zeigt, dass 30 Prozent der Inhaberinnen und Inhaber 60 Jahre oder älter sind, das mittlere Alter der Befragten liegt bei 52 Jahren. Mehr als die Hälfte der Betriebe ist als Einzelunternehmen organisiert, rund 28 Prozent als GmbH, etwa 15 Prozent als Personengesellschaft (KG, OHG, GbR). 

Gabor Leisten betont: "Die Betriebsnachfolge sei kein Randthema mehr, sondern eine große Zukunftsaufgabe des Handwerks." Ein Drittel der Befragten plant eine Übergabe innerhalb der nächsten fünf Jahre, davon 14 Prozent bereits in den nächsten zwei Jahren, weitere innerhalb von drei bis fünf Jahren. 13 Prozent planen ausdrücklich keine Übergabe, sondern eine Betriebsschließung. Sieben Prozent innerhalb von zwei Jahren, sechs Prozent innerhalb von fünf Jahren. In vielen Fällen ist noch nicht geklärt, wer den Betrieb übernehmen wird. Beliebtestes Szenario ist nach wie vor die Nachfolge innerhalb der Familie (38 Prozent).

Unterstützung holen sich die Unternehmerinnen und Unternehmer in erster Linie bei ihrem Steuerberater (48 Prozent) und/oder bei der Handwerkskammer (33,5 Prozent). Auch beim Thema Preisfindung beziehungsweise Wertermittlung sind das die ersten Anlaufstellen. 

Nicht nur Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

Jeder der betroffenen Betriebe beschäftigt im Schnitt 16 Mitarbeitende. Bei einem Drittel der Betriebe im Kammerbezirk, die in den nächsten fünf Jahren eine Übergabe anstreben, hängen also rechnerisch mehrere tausend Arbeitsplätze an gelingenden Nachfolgen. Schröder unterstreicht: Jede gelungene Übergabe sichere nicht nur Jobs, sondern auch handwerkliches Know-how in der Region.

Um mehr Menschen für die Übernahme bestehender Betriebe zu gewinnen, setzt die Handwerkskammer Dortmund unter anderem auf Kampagnen wie "Ständig du selbst". Ziel sei es, Unternehmertum im Handwerk als attraktive, selbstbestimmte Lebensperspektive darzustellen – jenseits des häufig negativ gezeichneten Bildes, das vor allem Bürokratie und Risiken betont. Schröder verweist in diesem Zusammenhang kritisch auf Befragungen unter Studierenden, bei denen mehr als die Hälfte eine Karriere im öffentlichen Dienst anstrebe: "Deutschland braucht mehr Selbstständige."

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Text: / handwerksblatt.de

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