Interview: "Firmen mit Liquiditätsengpässen haben jede Menge Möglichkeiten"
Im Interview spricht Konrad Lüke, Unternehmensberater aus Reken, über das Vorgehen bei finanziellen Engpässen.
Konrad Lüke, Bankkaufmann, Unternehmensberater und Manager aus Reken, berät seit rund 20 Jahren mittelständische Unternehmen in der Unternehmensführung mit den Schwerpunkten Finanzen und Betriebswirtschaft. Er kennt die Probleme vieler Mittelständler, die bei finanziellen Engpässen häufig ratlos dastehen. Dazu kommt, dass Sie kein vertrauensvolles Verhältnis zu Ihren Hausbanken aufgebaut haben. Aber ganz gleich, wie groß die Probleme und wie stark der Druck ist, es gilt: Kühlen Kopf bewahren und Probleme anpacken. Es gibt viele Stellschrauben, an denen ein Unternehmen drehen kann, um Liquiditätsschwierigkeiten von vorneherein zu vermeiden.
DHB: Herr Lüke, wo können Unternehmen ansetzen, wenn Sie Liquiditätsengpässe vermeiden wollen?
Lüke: Eine Unternehmensanalyse, die alle Abteilungen unter die Lupe nimmt und Schwachstellen aufdeckt, ist der erste Schritt, wobei man den folgenden drei Punkten besondere Aufmerksamkeit schenken sollte:
- Verfügt mein Unternehmen über genügend Eigenkapital?
- Ist mein Forderungsmanagement optimal organisiert?
- Verfügt das Unternehmen über eine gute Organisation?
DHB: Stichwort Eigenkapital: Welche Möglichkeiten gibt es für Betriebe, das Eigenkapital zu erhöhen?
Lüke: Häufig zeigen die Bilanzen bei Mittelständlern, dass das Anlagevermögen nicht durch Eigenkapital gedeckt ist, sondern mitunter sogar durch Kontokorrent-Kredite finanziert ist: Das führt immer zu angespannter Liquidität. Da gibt es zum einen den Weg, das Eigenkapital durch die Aufnahme weiterer Gesellschafter zu erhöhen. Dass dadurch fremder Einfluss auf die Geschäftsführung erhöht wird, muss man in Kauf nehmen. Eine andere Möglichkeit ist die Mitarbeiterbeteiligung. Diese Möglichkeit wird im Mittelstand zwar wenig genutzt, stellt aber durchaus eine vernünftige Alternative bei der Geldbeschaffung dar und bindet obendrein die Mitarbeiter ans Unternehmen. Etwas anonymer gestaltet sich das Crowd-Investing, bei dem Betreiber von Internetplattformen bei einer Vielzahl privater Investoren kleinere und größere Beträge einsammeln, die den Unternehmen als Eigenkapital zur Verfügung gestellt werden. Die Anleger erhalten im Gegenzug eine vorab zu vereinbarende Verzinsung ihrer Geldanlage.
DHB: Gibt es weitere Maßnahmen jenseits der Eigenkapitalerhöhung, wenn ich dringend Investitionen für Anlagegüter tätigen muss?
Lüke: Auch hier ist die Bandbreite der Möglichkeiten groß. Zum Beispiel bietet Leasing eine Reihe von Vorteilen. Es schont das Obligo bei der Hausbank, der Abfluss von Liquidität ist auf einen längeren Zeitraum verteilt. Zudem sind Leasingraten Betriebsausgaben, und geleaste W.-Güter sind in der Regel auf dem neuesten Stand der Technik und die Ausgaben sind planbar. Steht die Anschaffung von Fahrzeugen an, gibt es überdies Dienstleistungsgesellschaften, die bei der Anschaffung von Fahrzeugen erhebliche Preisnachlässe einräumen. Im Mittelstand wenig genutzt: Das Leasen von Anlagevermögen, eine durchaus realistische Alternative. Auch lohnt es sich, im Warenbestand nach sogenannten Ladenhütern zu schauen und diese zu verkaufen, ebenso wie nicht mehr benötigte Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens. Beides spült kurzfristig Geld in die Kassen. Eventuell dabei entstehende Abschreibungsverluste muss man in Kauf nehmen, denn wenn Not am Mann ist, gilt: "Liquidität geht vor Wirtschaftlichkeit".
DHB: Häufig bringen ausstehende Forderungen gerade kleine und mittelständische Betriebe in Bedrängnis. Was raten Sie diesen?
Lüke: Ein professionelles Forderungsmanagement ist unerlässlich. Das beginnt bei neuen Kunden mit einer Bonitätsprüfung und mit laufender professioneller Bearbeitung der offenen Kundenforderungen. Nach der ersten Mahnung rate ich dringend, nach dem Hörer zu greifen und mit der Geschäftsführung oder leitenden Mitarbeitern des Kunden zu telefonieren u. Vereinbarungen über den Ausgleich der offenen Beträge zu treffen. Ein solches persönliches Telefonat hat meistens Erfolg. Bei größeren Aufträgen und längeren Lieferzeiten ist die Vereinbarung von Vorauszahlungen darüber hinaus üblich. Beim Forderungsmanagement kann man auch das Factoring anwenden, das heißt, ein Unternehmen verkauft seine offenen Forderungen an eine Factoring-Gesellschaft. Dies führt in der Regel zu einem schnellen Geldeingang und es reduziert das Ausfallrisiko von Kundenforderungen erheblich.
DHB: Wie bekommen Mittelständler eine gute Organisation hin?
Lüke: Es muss klar sein, wer für was zuständig ist. Nur Aufgaben, die eindeutig zugewiesen sind, können auch erfolgreich erledigt werden. Ein vernünftiges Organigramm/Organisationsplan ist die Voraussetzung, um über Unternehmensprozesse den Überblick zu behalten. Hinzu kommt, dass nur so eine gute, den Mitarbeitern zugewandte Personalpolitik und Mitarbeiterführung gelingen kann. Das ist gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Fachkräftemangels nicht zu unterschätzen. Ein gut organisiertes Warenmanagement reduziert Anforderungen an die Liquidität. Dabei geht es um die optimale Synchronisation der Warenbestände und -vorräte in Bezug auf die Fertigung und den Verkauf durch gute Disposition und effiziente Lagerverwaltung. Zum guten Schluss würde ich gern noch einen Abschlusssatz zitieren: "Wichtig ist vor allem, nicht vor lauter Panik den Kopf in den Sand zu stecken, sondern die Dinge strukturiert anzugehen und alle Möglichkeiten durchzugehen, um dann ins Handeln zu kommen. Und: Fachkundige Unterstützung von außen kann unter Umständen schnell weiterhelfen!
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Text:
Claudia Stemick /
handwerksblatt.de
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