Master Professional: Silke Peukert ist erste Raumausstatterin, die den höchsten Abschluss des Handwerks im Bereich der Denkmalpflege erlangt hat. Der Jugendstilstuhl, den sie für ihre Abschlussarbeit restauriert hat, erzählte viele spannende Geschichten.
Wer die Möbelpolsterei und Manufaktur von Restauratorin Silke Peukert in Solingen (NRW) betritt, spürt schnell: Hier geht es um mehr als neue Bezüge. Es geht um Geschichte und Geschichten. Um Stühle, Tische und Sofas, die Jahrzehnte überdauert haben und nun für weitere Generationen zu neuem Leben erweckt werden. Und um Motorräder und Autos: Den Showroom teilt sich die Raumausstatterin mit ihrem Mann Uwe Weis und seiner Fahrzeugsattlerei IndiBike. Daher der Name "Die Restauratorin / Miss Filz & IndiBike".
Hier präsentiert die 56-Jährige auch ihr Abschlusszeugnis als "Geprüfte Restauratorin im Raumausstatterhandwerk / Master Professional". Nach zweieinhalbjähriger Ausbildung an der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld ist Silke Peukert im Juli 2025 die erste Raumausstatterin bundesweit, die zusammen mit drei Kollegen und Kolleginnen den neuen Master-Titel tragen darf. Ihr Projekt für die Abschlussarbeit war ein historischer Armlehnstuhl aus dem Depot der privaten Sammlung von Stuhlliebhaber Werner Löffler. Die Löffler Collection ist eine der größten privaten Sitzmöbelsammlungen Europas. Den Kontakt stellte ihr Dozent an der Akademie in Raesfeld her.
Master Professional Der Master Professional ist der höchste Fortbildungsabschluss im deutschen Handwerk, vergleichbar mit einem akademischen Master. Neu bei der Weiterbildung zum Master Professional für Restaurierung im Handwerk ist vor allem die enge Verbindung von wissenschaftlicher Arbeit und praktischer Umsetzung: Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer muss ein eigenes Restaurierungskonzept entwickeln und dieses am Objekt realisieren.
Abschlussarbeit: Einen Jugendstilstuhl aus den 1920-er Jahren museal restaurieren
Im Depot in Reichenschwand bei Nürnberg wurden sie fündig: Der Jugendstilstuhl aus den 1920-er Jahren befand sich in einem denkbar schlechten Zustand – möglicherweise stammt der Entwurf aber aus dem Umfeld der Wiener Secession oder der Wiener Werkstätte. Vielleicht sogar ein Entwurf des Architekten und Designers Josef Hoffmann – belegbar war das jedoch nicht. Das Polster war komplett aufgerissen. Aber: sämtliche Materialien waren nachweislich bauzeitlich; der Stuhl war nie neu bezogen worden.
Ein ideales Studienobjekt für die angehende Restauratorin. Ihre Aufgabe für die nächsten knapp 24 Monate war es, den Stuhl museal zu restaurieren. Das heißt: Der Stuhl musste nicht wieder benutzbar sein, sondern ein Ausstellungsstück für die Löffler Collection werden. "Spuren der Geschichte dürfen erhalten bleiben", erzählt Silke Peukert.
Nach ihrer Ausbildung zur Raumausstatterin in Düsseldorf studierte sie zunächst Innenarchitektur und schloss 1999 mit dem Diplom ab. "Wir haben noch mit der Hand gezeichnet, mit Tusche", erzählt sie. Das damals aufkommende Zeichnen am PC war nie ihre Welt. "Ich konnte mir nicht vorstellen, Zeichnungen am Computer im Büro zu machen."
Schon während des Studiums polsterte sie in den Semesterferien, gewann eigene Kundschaft. 2009 machte sie sich in Solingen selbstständig. Zunächst arbeitete sie in den Güterhallen, einer Ateliergemeinschaft in einem umgebauten Bahnhof. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen, der damals als Koch arbeitete. Eine schwere Erkrankung führte dazu, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. Gemeinsam entwickelten sie eine neue berufliche Perspektive: Polsterei und Sattlerei.
Heute kommen Kunden aus ganz Deutschland – aber auch aus Norwegen, Schweden oder Portugal – in die Manufaktur "Miss Filz & IndiBike", wenn es um individuell gefertigte Motorradsitze, ergonomisch perfektioniert, und hochwertige Innenausstattungen von Oldtimern geht.
Den entscheidenden Impuls für die Restauratorenausbildung gab ein Artikel im "Deutschen Handwerksblatt". Vorgestellt wurde dort die Ausstellung "Besessen" im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig. Kuratiert worden war sie von Restauratoren im Handwerk, die zugleich an der Akademie Schloss Raesfeld lehren. Die Solingerin recherchierte, informierte sich – und entschied sich für die zweieinhalbjährige berufsbegleitende Weiterbildung. Sie war nicht nur Teil dieses 2023 gestarteten Pilotjahrgangs zum Master Professional: "Ich war auch die Erste, die in Raesfeld in meinem Gewerk geprüft wurde."
Der Stuhl, mit dem sie sich während der gesamten Zeit beschäftigte, verlangte Detektivarbeit. Zunächst erstellte sie ein Restaurierungskonzept. Dann wurde das Möbel sorgfältig abgepolstert, mit Maske und Handschuhen auf möglichen Schädlingsbefall (Mäuse- und Taubenkot etc.) untersucht, sämtliche Materialien wurden bis ins kleinste Detail dokumentiert und archiviert.
Stoffe, Füllmaterialien und auch die Nägel wurden analysiert. Brandproben gaben Aufschluss über Fasertypen – tierische Fasern im Velours, vermutlich Seide, pflanzliche Fasern im Grundgewebe. Metallanalysen zeigten, ob es sich um gehärteten Stahl oder spätere Ergänzungen handelte. Fadenzähler, Mikroskop, Pinzette und Endoskopkamera kamen zum Einsatz. Ein wichtiges Thema in der Weiterbildung sind gesundheitliche Risiken und der sachgerechte Umgang zum Beispiel mit arsenhaltigen Mottenmitteln wie Eulan, mit Kapokfasern oder Schädlingsrückständen.
Besonders spannend waren die kleinen Funde im Inneren des Stuhls: "Ich habe im Rücken Kaugummipapier der tschechischen Marke Pedro gefunden, dass ich auf das Jahr 1968 datieren konnte. Außerdem habe ich elf Münzen aus den 1950er- und 1960er-Jahren gefunden, einen Knopf, Streichhölzer und Drahtstücke." Alles hat Silke Peukert recherchiert, fotografiert, beschriftet und archiviert. Daraus konnte sie folgern, dass sich der Stuhl offenbar längere Zeit in der früheren Tschechoslowakei befand, bevor er in die Sammlung gelangte.
Bei der musealen Restaurierung bleiben Gebrauchsspuren erhalten
Bei der behutsamen, musealen Restaurierung blieben alle Gebrauchsspuren sichtbar. Ein früherer, vermutlich improvisierter Überwurf wurde mithilfe eines lose fixierten Bezugs simuliert – ohne neue Eingriffe ins Holz vorzunehmen.
Auch die Schnürung der Federung hat sie genau analysiert. "Sie entsprach nicht der bei uns erlernten klassischen Technik, was meine Vermutung stützte, dass das Möbel möglicherweise nicht im deutsch-österreichischen Raum gefertigt wurde." Vielleicht doch ein Hinweis auf Josef Hoffmann? Das ließ sich nie abschließend klären. Ihre zeichnerische Ausbildung aus dem Studium kam Silke Peukert zugute. Sie fertigte maßstäbliche Handzeichnungen des Stuhls an, dokumentierte Materialgewichtungen farblich, erstellte exakte Aufmaße. "Auch das Zeichnen ist ein Handwerk", sagt sie.
Wertvolle Kontakte zu Restauratoren aus anderen Gewerken geknüpft
Fotografie, Bauphysik, Baustoffechemie, Schädlingskunde – all das gehörte zur Ausbildung in Raesfeld, die als Blockunterricht und Prüfungsphasen in Präsenz erfolgte. Im ersten Jahr in Raesfeld war man gewerkeübergreifend mit Stuckateuren, Steinmetzen, Malern, Maurern, Zimmerern, Tischlern und Metallbauern zusammen. "Hier haben wir wertvolle Kontakte geknüpft." Es ging unter anderem um Denkmalschutz und Denkmalpflege, Kunst- und Kulturgeschichte, naturwissenschaftliche Grundlagen und wissenschaftliche Methoden.
Der zweite Teil der Ausbildung war fachspezifisch. "Hier lernten wir alte Handwerkstechniken kennen: speziell Polstertechniken mit Rosshaar, Hanf, Flachs oder Langstroh, aber auch den Umgang mit historischen Fensterdekorationen und Stoffen. Alles, was man zum Beispiel für die Arbeit für Schlösser oder Museen benötigt." Modernere Materialien waren ebenfalls ein Thema. "Auch Schaumstoffe aus den 1960er- und 1970er-Jahren können heute restaurierungswürdig sein."
Werterhalt der historischen Möbel
Silke Peukert sensibilisiert ihre Privatkunden für den Werterhalt ihrer Möbel. "Insbesondere bei Biedermeier-Möbeln erlebe ich Offenheit." Gerade hat sie sechs Stühle für eine Kundin aus Berlin mit Rosshaar restauriert und ein Biedermeiersofa mit einer Federschnürung im Sitz und Rücken neu aufgebaut. "Auch fand ein Kunde durch Empfehlung mit einem Jugendstilschreibtisch den Weg in unsere Werkstatt. Dieser hatte einen filigranen Aufbau, den ich rückseitig und auf der Schreibplatte mit einem epochentypischen Stoff neu bezogen habe." Zu jeder dieser Arbeiten gehört, je nach Anforderung des Kunden, eine mehr oder weniger umfangreiche Dokumentation.
Ein Faible für Joseph Beuys und seine Filzarbeiten
Bleibt die Frage: Warum nennt Silke Peukert ihren Betrieb "MissFilz"? Schon seit ihrer Ausbildung in den 90ern habe sie eine besondere Verbindung zu einem Künstler, der Filz als Material weltbekannt machte, erzählt sie: Joseph Beuys. "In der Werkstatt meines Ausbilders hing eine Fotografie eines von Beuys in Filz eingenähten Konzertflügels – ein Werk, das heute im Centre Pompidou in Paris steht." Der Bezug dieses Flügels war nach einer Performance erneuert worden – von ihrem damaligen Chef. Diese Erzählung, die Begegnungen im Geschäft mit Beuys Witwe und das Foto prägten die Auszubildende.
Filz wurde bis heute zu einem ihrer liebsten Materialien: Sie entwarf modulare Teppiche, Taschen, Möbelpolster. Den Teppich stellte sie auch auf einer Design-Sonderschau im Rahmen der Internationale Handwerksmesse in München aus. Von der Weiterbildung zurückgeblieben sind eine zentimeterdicke schriftliche Masterarbeit, zahlreiche Fotos und Zeichnungen und die Abschlussurkunde.
Ihr Meisterstück – der Stuhl aus den 1920er-Jahren – ist zurück in Bayern. Jetzt steht er aber nicht mehr im Depot, sondern in der Sammlung.
Info zur Weiterbildung: Der Geprüfte Restaurator im Handwerk / Master Professional für Restaurierung im Handwerk bei der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld ergänzt die klassische Ausbildung um Kompetenzen wie Denkmalschutz und Denkmalpflege, Materialkunde, Bau- und Möbelstilkunde, Dokumentationstechniken, konservatorische Techniken und Provenienzforschung. Angesprochene Gewerke sind Maler und Lackierer, Maurer- und Betonbauer, Metallbauer, Steinmetz- und Steinbildhauer, Raumausstatter, Stuckateur, Tischler und Zimmerer.
Der nächste Lehrgang startet Mitte Oktober 2026 und dauert etwa 24 Monate. Zulassungsvoraussetzung ist die Meisterprüfung. Auf Antrag kann man auch vergleichbare Berufsabschlüsse anerkennen lassen. Mehr Infos hier.
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