Fleischermeister Rudolf Jacobs (l.) ist froh, dass er über die Arbeitsagentur mit Lukas Kallen einen zuverlässigen und motivierten Mitarbeiter gefunden hat. Gefördert wird die Umschulung des 22-Jährigen über das Qualifizierungschancengesetz.

Fleischermeister Rudolf Jacobs (l.) ist froh, dass er über die Arbeitsagentur mit Lukas Kallen einen zuverlässigen und motivierten Mitarbeiter gefunden hat. Gefördert wird die Umschulung des 22-Jährigen über das Qualifizierungschancengesetz. (Foto: © Ingo Lammert)

Umschulung: Ein hartes Brot, aber mit bester Wurst belegt

Bildung

Lukas Kallen lässt sich zum Fleischer umschulen. Dafür hat der 22-Jährige aber nur zwei statt drei Jahre Zeit. Doch der junge Familienvater und sein Chef Rudolf Jacobs werden von der Agentur für Arbeit unterstützt.

Schweren Herzens hat Rudolf Jacobs das seit über 120 Jahren bestehende Geschäft im Solinger Stadtteil Gräfrath geschlossen. Dennoch läuft es bestens beim gelernten Koch und Fleischermeister. Er steht mit drei Verkaufswagen auf den Wochenmärkten in der Region. Firmen- und Privatkunden beauftragen ihn mit dem Catering für Veranstaltungen. Gestressten Berufstätigen bietet er küchenfertige Gerichte an, die sie nur noch aufwärmen müssen. Damit peilt er die Marke von 2.000 Portionen an. "Wir haben noch so viele Ideen, aber die Umsetzung scheitert daran, dass wir keine neuen Mitarbeiter finden", bedauert der Geschäftsführer des 30-Mann-Betriebs.

Immer weniger junge Menschen in Deutschland sehen ihre berufliche Zukunft im Fleischerhandwerk. Über alle drei Lehrjahre hinweg zählte der Deutsche Fleischer-Verband zuletzt knapp 3.000 Auszubildende. Um die Jahrtausendwende waren es rund 9.000 gewesen. Noch deutlicher fällt der Rückgang zwischen 2000 und 2018 bei den Fleischereifachverkäufern aus – von 12.500 auf etwa 3.350. Die Metzgereien müssen sich inzwischen also anderweitig umschauen, wie sie an neue Mitarbeiter kommen.

Leidenschaft wird zum Beruf

Rudolf Jacobs hat über die Jahre gute Kontakte zur Arbeitsagentur Solingen-Wuppertal aufgebaut. Von Qualifizierungsberaterin Martina Wildförster bekam er Ende 2018 den Tipp, einen jungen Mann zum Probearbeiten einzuladen. Wegen eines Unfalls konnte Lukas Kallen seine Ausbildung zum Mechatroniker nicht abschließen. Da der zweifache Familienvater gerne kocht, wäre Jacobs Catering der perfekte Arbeitgeber. Doch dem 22-Jährigen fehlt die entsprechende Ausbildung. Die könnte er zwar nachholen, würde dabei aber kaum etwas verdienen.

Großteil der Kosten wird übernommen

"Die Ausbildungsvergütung reicht nicht aus, um davon eine Familie zu ernähren", war sich Rudolf Jacobs bewusst. Das Qualifizierungschancengesetz ermöglicht Lukas Kallen jedoch, seinen Berufsabschluss durch eine deutlich besser bezahlte Umschulung zu machen. Der Vorteil für Rudolf Jacobs: Sie wird größtenteils von der Agentur für Arbeit finanziert. Grundlage ist ein Arbeitsvertrag als Helfer, in dem die Weiterbildung zum Fleischer vereinbart wird. Der Betrieb erhält von der Arbeitsagentur einen üppigen Zuschuss zum Lohn und zu den Sozialversicherungsbeiträgen. "Netto kommt Herr Kallen monatlich auf etwa 1.200 Euro", erklärt Fleischermeister Jacobs.

Darüber hinaus übernimmt die Agentur für Arbeit weitere Kosten. Sie zahlt die Gebühren für die überbetrieblichen Lehrgänge und für die Prüfung. Auch Fachliteratur und Lehrgänge, die auf die Prüfung vorbereiten, werden von ihr finanziert. Müssen Defizite in der Theorie behoben werden, stehen den Umschülern – vergleichbar zu den Auszubildenden – umschulungsbegleitende Hilfen zu. Dieses Rundum-sorglos-Paket gibt es nicht ohne Grund. "Eine Umschulung ist um ein Drittel gegenüber der regulären Ausbildungsdauer zu verkürzen", beruft sich Martina Wildförster auf das Sozialgesetzbuch. Statt in drei muss Lukas Kallen seine Weiterbildung zum Fleischer also in zwei Jahren schaffen. Dies sei für viele Umschüler ein hartes Brot. "Im ersten Vierteljahr sind sie mental schon mal richtig müde, weil sie das Lernen nicht mehr gewohnt sind", weiß die Qualifizierungsberaterin aus langjährigen Beobachtungen.

Neben dem Betrieb und der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU) vermittelt auch die Berufsschule das fachliche Wissen. "Herr Kallen ist im zweiten Halbjahr des ersten Lehrjahres eingestiegen, macht das komplette zweite Jahr mit und wird nach dem ersten Halbjahr des dritten Lehrjahres die Berufsschule verlassen", sagt Rudolf Jacobs. Beim Schulstandort ist die Wahl auf die Bildungsstätte im Frischezentrum Essen gefallen. Dort werden auch die ÜLU-Lehrgänge angeboten.

Arbeitsagentur zahlt auch den Anhängerführerschein

Lukas Kallen hat seine Umschulung vor einem Jahr begonnen. Bislang ist Rudolf Jacobs sehr zufrieden mit ihm. Dessen Stärken sieht er vor allem im Verkauf. Nach der Weiterbildung könnte er sich ihn gut auf einem der Verkaufswagen vorstellen. Um die mobile Ladentheke selbst zu den Wochenmärkten fahren zu können, bräuchte Lukas Kallen aber noch den Anhängerführerschein. Der Fleischermeister hat darüber mit Martina Wildförster gesprochen. Die Arbeitsagentur Solingen-Wuppertal übernimmt auch dafür die Kosten. "Wenn sich durch den Erwerb des Anhängerführerscheins die Chancen von Herrn Kallen auf eine Weiterbeschäftigung verbessern, dann wären wir doch verrückt, dies nicht auch noch fördern", erklärt die Qualifizierungsberaterin.

Betriebe können sich zu allen Fragen, die das Qualifizierungschancengesetz betreffen, an den Arbeitgeber-Service der Bundesagentur für Arbeit wenden. Er ist unter anderem online über ein Kontaktformular oder telefonisch unter 0800/ 4 555520 gebührenfrei zu erreichen. Neben einer Umschulung werden auch Anpassungsqualifizierungen finanziert, die wegen des Strukturwandels in einer Branche oder aufgrund der Digitalisierung nötig sind. "Dazu gehören etwa Fortbildungen, wie sich Unternehmen in den sozialen Medien präsentieren können", nennt Martina Wildförster als Beispiel. Eine Anpassungsqualifizierung muss mehr als 160 Stunden umfassen. Die Höhe der Förderung hängt von der Größe der Firma ab. "Je kleiner, desto höher der Zuschuss", so die Qualifizierungsberaterin. Bei Betrieben unter zehn Mitarbeitern etwa übernimmt die Agentur für Arbeit bis zu 100 Prozent der Lehrgangskosten und beteiligt sich bis zu 75 Prozent am Arbeitsentgelt.

Text: / handwerksblatt.de

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