Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz.

Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz. (Foto: © Fotostudio Reuther)

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Digitalisierung: Große Chance, Abläufe und Prozesse zu vereinfachen

Handwerkspolitik

Im Interview: Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz, über die Herausforderungen der Digitalisierung für die Betriebe und die Chance, über die Sozialen Medien den Nachwuchs für sich zu gewinnen – und deren Know-how zu nutzen.

Handwerk steht für Nachhaltigkeit. Mit dieser Botschaft die "Friday-for-Future"-Generation zu erreichen, ist nur eine Herausforderung für das Handwerk. Was die Digitalisierung und die Nachwuchsgewinnung für Betriebe und Handwerkskammer bedeutet, dazu nimmt Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz, Stellung.

Handwerksblatt: 2004 halbierte die Bundesregierung die Zahl der Meisterberufe. Löst die aktuelle Ausweitung der Meisterberufe wieder Genugtuung aus – und reicht diese Ausweitung?
Hellrich: Die Ausweitung der Meisterpflicht bedeutet, notwendige Korrekturen vorzunehmen, um Qualität, Qualifikation und Schutz der Handwerkskultur in einigen Berufen wieder herzustellen. Die Einsicht des Gesetzgebers in die Notwendigkeit, bestimmte Berufe wieder meisterpflichtig zu machen, wurde dabei auch durch Aufklärungsarbeit der Handwerksorganisation begleitet. Insofern ist ein Ziel erreicht, und das verschafft Erleichterung und eine gewisse Zufriedenheit. Ob die Ausweitung ausreicht, wird die weitere Entwicklung zeigen. Ich glaube aber, das Machbare ist erreicht.

Handwerksblatt: Wie werden sich mit den alten, neuen Meisterberufen die Betriebszahlen und die künftigen Gründerstrukturen vor diesem Hintergrund verändern?
Hellrich: Vor dem Hintergrund von Bestandsschutzregelungen werden bis zum Eintritt der neuen Rechtslage die Eintragungszahlen noch deutlich steigen. Allerdings sind dies dann oft keine Neugründungen, sondern bestehende Betriebe, die im Rahmen von Tätigkeitserweiterungen zusätzliche Gewerke ausüben.
Ab Jahresbeginn 2020 wird die Zahl der eingetragenen Betriebe in den zwölf neuen Meistergewerken sinken. Grund ist die nachweislich geringere Nachhaltigkeit von Betrieben ohne Meister und das Fehlen einer fast ganzen Meistergeneration in den zuvor zulassungsfreien Handwerken. Die Anzahl der Auszubildenden und die Zahl der Meisterprüfungen war schließlich 15 Jahre stark rückläufig.

Handwerksblatt: Handwerk lebt von regionaler Verwurzelung, muss sich aber auch ganzheitlichen, nationalen wie internationalen Herausforderungen stellen. Worauf muss das Handwerk Ihrer Sicht nach die Prioritäten legen?
Hellrich: In der Tat entstehen die meisten Regelungen heute auf europäischer Ebene. Nicht nur die Handwerke für den gewerblichen Bedarf sind verpflichtet, neben den erforderlichen persönlichen Qualifikationen der Inhaber und Mitarbeiter auch zunehmende systemische Qualifikationen zu erfüllen. Ob im Rahmen eines zertifizierten Systems vorwiegend für Industriekunden oder als besonderes Leistungsangebot für jeden Kunden – die Herausforderung für Zukunftsfähigkeit liegt in der Weiterentwicklung des Leistungsangebotes und damit in der Qualifikation von Chef und Mitarbeitern.

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Handwerksblatt: Die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz wälzen einen Lebensbereich und einen Beruf nach dem anderen um. Worin sehen Sie die Chancen, worin die Risiken für das Handwerk?
Hellrich: Die starke Dynamik und der exponentielle Zuwachs an technologischen Möglichkeiten bieten Handwerksbetrieben viele Chancen, ihre Abläufe und Prozesse zu vereinfachen und mehr in der gleichen Zeit abwickeln zu können.  Das Problem ist der Aufwand des Lernens und die dafür notwendige Zeit. Die haben viele Betriebe aufgrund der hohen Arbeitsbelastung nicht. Digitalisierung macht einen Prozess nicht besser, der muss schon vorher passen. Also besteht das Risiko in erster Linie darin, weiterhin mit nicht optimierten Abläufen in einer Spirale suboptimaler Prozesse festzuhängen und Zeit zu verschwenden. Man könnte auch sagen: "Nicht immer wieder die Hühner einfangen, sondern anfangen, Zäune zu bauen." Sonst können nämlich weder die Erwartungen von Kunden noch die Bedürfnisse von Mitarbeitern zufriedengestellt werden.

Handwerksblatt: Einer der Kernbereiche, in denen das Handwerk mit der Digitalisierung umgehen muss, ist die Nachwuchsgewinnung. Wie kann klassisches Handwerk den Nachwuchs für sich gewinnen und obendrein noch sein Know-how rund um die Digitalisierung nutzen?
Hellrich: Um die Aufmerksamkeit junger Menschen auf das Tun im eigenen Unternehmen zu lenken, bietet die Digitale Welt Vorteile. Einige Betriebe nutzen erfolgreich die Verbreitung von Botschaften aus der eigenen Arbeitswelt der Mitarbeiter und Lehrlinge. Bewegte Bilder über Ergebnisse der Arbeit – und die sind ja im Handwerk viel beeindruckender als im Büro, – können Lust auf Handwerk machen. Also Mitarbeiter zu Botschaftern machen, ist in der Welt der Sozialen Medien wohl ein wirksames Instrument. Viele junge Handwerker sind stolz auf ihre Arbeit, und gerade durch eine gesellschaftliche Entwicklung, in der ihre Arbeit geringgeschätzt wird, sind diese Botschaften ein gutes Mittel, diese unsinnigen Ressentiments zu widerlegen. Eine sehr positive Bewegung findet mit jungen Handwerkern statt, die unter #lustaufhandwerk in sozialen Netzwerken ihre Freude an der Arbeit dokumentieren.

Handwerksblatt: Sehen Sie in der sich ändernden Einstellung der Jugendlichen zur Umwelt, wie sie die aktuelle Shell-Jugendstudie belegt, einen Ansatz? Der Umweltschutz ist eine der Antriebsfedern für den Nachwuchs geworden, sich verstärkt gesellschaftlich und politisch zu engagieren. Das Handwerk wiederum steht wie kein anderer Wirtschaftszweig für einen ökologischen, nachhaltigen und verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen …
Hellrich: Genau, die Sinnhaftigkeit der Arbeit und die Nachhaltigkeit der Leistungen und Produkte im Handwerk stehen eigentlich für das, was viele junge Menschen heute einfordern. Leider haben wir noch nicht den richtigen Weg gefunden, die Herstellung von wertigen und dauerhaften Erzeugnissen in die Verbindung mit der Berufswahl von Schulabgängern zu stellen.
Wir setzen uns deshalb mit jungen Menschen zusammen, um zu erfahren, wie die richtigen Botschaften lauten müssten, damit Handwerk gerade in der Zielgruppe ökologisch orientierter Jugendlicher stattfindet. Ich denke, es sollte uns gelingen, mit authentischen Beiträgen in die Erlebenswelt junger Menschen vorzudringen. So können wir Interesse an den Lösungen wecken, die Handwerk bereits bietet und für die jeder Handwerker steht.
Das wäre dann der wichtige Schritt, um jungen Menschen das Handwerk als Teil einer nachhaltigen Gesellschaft näherzubringen. Handwerk muss als Problemlöser für ökologische Herausforderungen erkennbarer werden.

Handwerksblatt: Was können gestandene Handwerker Jugendlichen entgegnen, die erst einmal nach der Work-Life-Balance fragen und nicht nach den Aufgaben? Mehr noch: Was sollen Eltern ihren Kindern raten, wenn sie den Betrieb übernehmen sollen – aber nur selten erlebt haben, wie die Eltern Freizeit genießen?
Hellrich: Handwerker zu sein, hat etwas mit Berufung zu tun. Ohne inneren Antrieb wird weder eine Ausbildung, noch eine Karriere oder Betriebsübernahme erfolgreich sein. Je größer die Freude am handwerklichen Tun, desto leichter ist es, die Balance zu halten. Erkennt der Chef, dass der Jugendliche Lust hat, sich auf Handwerk einzulassen, wird er die Frage nach Work-Life-Balance in diesem Sinne beantworten.
Was Handwerk geben kann, ist Begeisterung und Erfüllung in der Arbeit. Klar ist aber auch, dass die Freizeit der Mitarbeiter, und übrigens auch der Chefs, nicht übermäßig durch Überstunden und Not­einsätze geschmälert werden kann. Sind die Betriebe auf der Höhe der Zeit, dann ist auch betriebliches Gesundheitsmanagement tatsächlich gelebte Praxis.
Viele Handwerksmeister sind fortschrittlich und finden in der Regel gerade bei körperlich anspruchsvollen Einsätzen Ausgleich für die Mitarbeiter. Wird dieser Ausgleich ernst genommen, so muss auch den Kindern und Nachfolgern nicht bange um die Freizeit und Gesundheit sein.

Handwerksblatt: Welchen Einfluss haben diese Trendthemen, aber auch die Digitalisierung, auf die Arbeit einer Handwerkskammer? Können Sie dafür auch Beispiele aus Ihrer Handwerkskammer geben?
Hellrich: Die Handwerkskammer Koblenz nimmt das Thema betriebliches Gesundheitsmanagement sehr ernst. Dazu gehört auch, es klar in der Geschäftsleitung zu leben. Dabei stehen nicht der Obstkorb und kostenfreies Mineralwasser im Vordergrund, sondern ein ganzheitliches Angebot. Information und Mitmachaktionen – auch in der überbetrieblichen Ausbildung – sollen eine dauerhafte Verhaltensanpassung begleiten. Wichtig ist dabei, den Mitarbeiter nicht nur zum Konsumenten solcher Angebote zu machen, sondern einen Antrieb herbeizuführen, selbst etwas für die Erhaltung der Gesundheit zu tun.
Für die Handwerkskammer ist es ein Weg, die Mitarbeiter gesund zu erhalten und mehr Freude an der Arbeit zu vermitteln. Gerade diese weicheren Themen sind es, die Handwerksbetriebe und Handwerkskammern zu attraktiven Arbeitgebern machen können. Die Erfahrungen in der Handwerkskammer lassen sich auch auf unsere Betriebe übertragen. Wir geben über die Betriebsberatung und unsere Projekte "Handwerk attraktiv" und "Vital im Handwerk" wichtige Erkenntnisse und Umsetzungshinweise an unsere Betriebe. Die Krankenkassen unterstützen diese Aktionen – auch, weil die Ergebnisse positiv sind und Gesundheitsmanagement funktioniert.
Auch bei der Digitalisierung geht nichts ohne eine Verankerung in der Geschäftsleitung. Wie im Betrieb, so müssen auch in der Handwerkskammer die Prozesse vor der Digitalisierung zuerst überdacht und oft verändert werden. Das muss natürlich auch Chefsache sein. Auch hier helfen Erfahrungen in der Handwerkskammer, um die richtigen Anstöße in die Betriebe zu geben. Mit Digitalisierungsberatern, technischen und kaufmännischen Betriebsberatern sind wir in den Betrieben und bei vielen Veranstaltungen präsent. Dabei helfen auch Erfahrungen aus dem Schaufenster des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk bei der Handwerkskammer Koblenz. Die Nähe zu den Zukunftsthemen in unserer Denkfabrik bleibt nicht ohne Einfluss.

Handwerksblatt: Wenn Sie im lokalen, aber auch überregional etwas für das Handwerk positiv verändern könnten, egal ob Rahmenbedingungen, die Gesetzgebung oder in der Gesellschaft – welche Aufgabe würden Sie als erstes angehen?
Hellrich: Es zählt zu unseren Aufgaben, notwendige Änderungen in Rahmenbedingungen und Gesetzgebung aufzuzeigen und durch politische Einflussnahme dort, wo möglich, zu verändern. Wo gesellschaftliche Akzeptanz für Veränderungen gegeben ist, führt Einflussnahme oft zu positiven Ergebnissen. Ein gutes Beispiel sind die Bemühungen zur Änderung der Handwerksordnung. Der Schlüssel für den Erfolg ist damit immer auch, gesellschaftliche Akzeptanz für die angestrebte Veränderung zu schaffen. Umgekehrt lässt sich gesellschaftliche Akzeptanz nicht verordnen.
Eines unserer wichtigsten Anliegen im Handwerk wäre das Erreichen gesellschaftlicher Veränderungen, die der beruflichen Bildung eine höhere Akzeptanz verschafft. Also Einsicht herbeizuführen, ohne Voreingenommenheit auch Aufstiegswege jenseits der akademischen Bildung als wertvoll anzuerkennen.

Text: / handwerksblatt.de

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