Der e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge.

Der e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge. (Foto: © Martin Bärtges)

Auf(ge)laden: der Volkswagen e-Crafter

Groß und rein elektrisch – der e-Crafter ist erste emissionsfreie Transporter bei Volkswagen Nutzfahrzeuge. Wir haben ihn getestet.

Die erste Vorstellung erfolgte bereits im Herbst 2018, gedacht ist der City-Transporter mit seinen 100 kW / 136 PS Leistung vor allem als emissionsfreies Liefer- und Verteilerfahrzeug für die letzte Meile. Nach NEFZ soll der knapp sechs Meter lange e-Crafter eine Reichweite von bis zu 183 Kilometer haben. Da müssen allerdings viele ideale Rahmenbedingungen zusammenkommen, realistisch ist eher eine Reichweite von etwa 120 Kilometer. Vorausgesetzt, der kleine fiese Reichweitenklau ist nicht unterwegs. Der zeigt sich zwar nicht, aber sein Wirken wird am Morgen klar, wenn man den Crafter starten will.

Im Testzeitraum (März 2022) herrschen im Rheinland in der Nacht noch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Und schwupp, sind am nächsten Morgen schon mal zehn, fünfzehn Kilometer der am Abend zuvor noch angezeigten Rest-Reichweite einfach verschwunden. Einfach so. Womit sich wieder einmal bestätigt, dass E-Transporter Kälte einfach nicht mögen. Ebenso wenig wie längere Steigungsstrecken. Da schmelzen die angezeigten Rest-Kilometer wie Butter in der Sonne. Damit muss man - bei einem E-Fahrzeug - eben leben.

Tempo auf 90 km/h begrenzt

Der e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge. Foto: © Martin BärtgesDer e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge. Foto: © Martin Bärtges

Beim e-Crafter muss man sich ebenso mit der maximalen Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h anfreunden. Die hat Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) bewusst so gewählt, rechnet man doch beim e-Crafter mit dessen Einsatz als City-Transporter. Und für einen solchen langen die 90 km/h im täglichen Einsatz. Damit ist klar, wo der e-Crafter hingehört: In die City, in geschlossene Ortschaften, bevorzugt in wärmeren – und nicht zu bergigen – Gegenden. Und irgendwo hin, wo er über Nacht ans Ladekabel kann. Denn, seien wir ehrlich, die so oft bemängelte und angeblich nicht ausreichende Infrastruktur bei den Ladstationen ist ein eher theoretisches Problem. Kaum ein Handwerker dürfte den e-Crafter für die Langstrecke zwischen Flensburg und Garmisch erwerben. Und in der Nacht parkt der Transporter ohnehin meist auf dem Firmengelände oder dem Betriebshof, wo oft auch eine eigene Photovoltaikanlage vorhanden ist. Und wo sich der elektrische Crafter – während der nächtlichen Standzeit – an die Wallbox stöpseln lässt. Eine gewisse Nachfrage scheint es zu geben, denn 2020 konnte VWN immerhin 1.100 Exemplare des e-Crafter an Fans der Elektromobilität verkaufen.

Überhaupt ist in der Europäischen Union die Nachfrage nach alternativ angetriebenen Transportern deutlich gestiegen. Die Zahl der neu zugelassenen elektrisch-aufladbaren leichten Nutzfahrzeuge und Plug-In-Hybride ist 2021 im gesamten Gebiet um fast zwei Drittel auf 46.853 Exemplare gestiegen. Das teilte der europäische Herstellerverband Acea mit. Mit 25.496 Exemplaren habe sich die Zahl der hybrid-elektrischen Transporter sogar verdoppelt. Allerdings: Selbst wenn man alle alternativ betriebenen leichten Nutzfahrzeuge zusammenaddiert, kommen sie im vergangenen Jahr nur auf sechs Prozent aller neu zugelassenen Nutzfahrzeuge. Damit werden also immer noch neun von zehn der in 2021 neu zugelassenen Nutzfahrzeuge mit Diesel oder Benzin betrieben. Vermutlich wird also der Diesel dank seiner großen Reichweite und hohen Nutzlast auch in absehbarer Zeit für Transporter die Antriebsart Nummer eins bleiben – vor allem für längere Strecken. Einen weiteren Schub könnten die Verkaufszahlen der lokal emissionsfreien E-Transporter jedoch durch steigende Kraftstoffpreise oder eventuelle Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in den ersten größeren Städten bekommen.

 

VW hat Markt analysiert

Der e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge. Foto: © Martin BärtgesDer e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge. Foto: © Martin Bärtges

Die Nutzfahrzeugsparte von VW hat im Vorfeld der Entwicklung des e-Crafters eine Mobilitätsanalyse durchgeführt und über 210.000 Fahrprofile von mehr als 1500 Kunden ausgewertet. Das Ergebnis ist überraschend: Das Gros der Fahrer von Handwerksbetrieben, Shuttle-Diensten, Paketzustellern oder Einzelhändlern legt täglich zwischen 70 und 100 Kilometer mit einem Transporter zurück. So sind bei den Paketzustellern Fahrer und Fahrzeuge im Durchschnitt an sechs Tagen wöchentlich je neun Stunden unterwegs, legen im überwiegend innerstädtischen Verkehr täglich 70 Kilometer mit 50 bis 100 Stopps zurück und bewegen dabei im Schnitt eine Nutzlast von 875 Kilo.

Und: Rund 90 Prozent der Transporter stehen über Nacht auf einem Betriebshof. Da kann dann auch ein e-Crafter wieder geladen werden. Der Akku (Energiegehalt 35,8 kWh) ist an einer CCS-Ladestation mit 50 kW (Gleichstrom) unter idealen Bedingungen nach einer dreiviertel Stunde wieder auf 80 Prozent geladen. Mit einer AC-Wallbox mit 7,2 kW (Wechselstrom) ist der Akku in gut fünf Stunden wieder zu 100 Prozent "voll". An einer Schuko-Steckdose dauert es erheblich länger, bis zu 17 Stunden können vergehen, bis der Akku wieder zu 100 Prozent aufgeladen ist.

Nutzlast knapp über 900 kg

Der e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge, der Blick in den Laderaum. Foto: © Martin BärtgesDer e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge, der Blick in den Laderaum. Foto: © Martin Bärtges

Da der rund 350 Kilogramm schwere Akkupack des im polnischen Werk Września gefertigten e-Crafter unter dem Laderaum liegt, kann das Ladevolumen des 2,59 Meter hohen Kastenwagens mit seinem Hochdach voll genutzt werden. Bis zu 10,7 Kubikmeter können eingeladen werden, gut 900 Kilogramm darf die Zuladung bei dem Dreieinhalb-Tonner wiegen.

Zwischen den Radkästen ist der Laderaum 1,38 Meter breit (maximale Breite 1,83 Meter), die maximale Länge beträgt 3,45 Meter und die Laderaumhöhe 1,86 Meter. Im Kastenaufbau bietet der e-Crafter Platz für vier Europaletten. Eingeladen werden kann über die seitliche Schiebetür (1,31 Meter breit) oder über die anderthalb Meter breiten Heckflügeltüren. Sehr angenehm ist, dass der e-Crafter sowohl im Fahrerhaus als auch an der Schiebetür und den Heckflügeltüren über große, robuste Einstiegsgriffe verfügt. Das ist bei Transportern mancher Wettbewerber heutzutage keineswegs mehr selbstverständlich.

Erst anschnallen, dann starten

Der e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge: Platz für das Ladekabel ist unterm Beifahrersitz. Foto: © Martin BärtgesDer e-Crafter von Volkswagen Nutzfahrzeuge: Platz für das Ladekabel ist unterm Beifahrersitz. Foto: © Martin Bärtges

Wie alle E-Mobile tritt auch der e-Crafter ordentlich an. Sein Elektromotor leistet 100 kW / 136 PS, das maximale Drehmoment liegt bei 290 Newtonmetern und steht nahezu verzögerungsfrei zur Verfügung. Im e-Crafter ist der Motor, den VW auch im e-Golf einsetzt, mit einem einstufigen und speziell auf Nutzfahrzeuge ausgelegtem Automatik-Getriebe EQ 290 gekoppelt und treibt die Vorderräder an. In der Stadt ist ein zügiger Start an der Ampel ebenso problemlos drin wie Mitschwimmen im Verkehr. Nach dem Ortsschild sieht das dann schon anders aus, wir erinnern uns an die Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h. Etwas ungewohnt sind die erzieherischen Maßnahmen von VWN, wenn man den e-Crafter in Betrieb nehmen und losfahren will. Das klappt nämlich nur dann, wenn die Türen geschlossen sind, der Fahrzeuglenker angeschnallt ist und auf die Bremse tritt. Nur dann startet der Motor, selbstverständlich geräuschlos. Im Zweifel hilft ein Blick auf die leuchtenden Anzeigen im Armaturenbrett des dreisitzigen Transporters. Unter der Doppelsitzbank für die Beifahrer finden die Ladekabel gut und rasch zugänglich ihren Platz.

Das robust wirkende Cockpit zeigt sich VW-typisch, die Bedienung gibt keine Rätsel auf. Und der e-Crafter fährt sich trotz seiner Abmessungen beinahe wie ein Pkw. Die im Testwagen in der Schiebetür verbaute aufpreispflichtige Scheibe (155 Euro) erleichtert das Einfädeln in den rollenden Verkehr. Anders als die mit Diesel betriebenen Crafter – der in verschiedenen Konfigurationen geordert werden kann – gibt es das elektrische Modell nur in einer Variante: Als Kastenwagen L3 (mittlerer Radstand) und H3 (Mittel-Hochdach), mit Frontantrieb und der Schiebetür auf der Beifahrerseite. Bei Kauf dabei ist ein Mode-2-Ladekabel mit 2,3 kW zum Laden an der Haussteckdose, ein Mode-3-Ladekabel mit 7,2 kW für das Laden an öffentlichen AC-Ladestellen gibt es optional. Zur Ausstattung des e-Crafters zählen das Umfeldbeobachtungssystem "Front Assist" mit City-Notbremsfunktion, die Rückfahrkamera, der Spurhalteassistent, das Radio-Navigationssystem mit acht Zoll großem Touchdisplay und das Dreispeichen-Multifunktions-Lenkrad.

Zehn Jahre Garantie auf Batterie

Foto: © Martin BärtgesFoto: © Martin Bärtges

Auf den Stromspeicher, die Lithium-Ionen-Batterie, gibt VWN eine Garantie von zehn Jahren. Über diesen Zeitraum sollen mindestens 70 Prozent der vollen Ladeleistung abrufbar sein. Mit gut 900 Kilo Zuladung liegt der Stromverbrauch kombiniert bei 21,54 kWh / 100 km. Mit seiner Nutzlast ist der E-Crafter einer der derzeit kräftigsten und vom Ladevolumen her größten Elektrotransporter auf dem Markt. Sein Einsatzzweck ist der emissionsfreie Betrieb in der Innenstadt, wo er auch unbeschränkten Zugang zu städtischen Umweltzonen hat.

Als Partner für längere Strecken über Land taugt er wegen seiner relativ geringen Reichweite nicht. Aber dafür ist er auch nicht gedacht. Sein Grundpreis liegt bei 53.900 Euro, mit einigen Extras ausgestattet muss man für den Testwagen 59.230 Euro zahlen. Teuerster Einzelposten ist dabei die schicke Zweifarb-Lackierung, die mit 2.655 Euro zu Buche schlägt. Das Geld ist an anderer Stelle sinnvoller investiert, etwa für den Universalboden mit Verzurrösen und Verzurrschienen in Längsrichtung (950 Euro) oder für die Seitenverkleidung im Laderaum aus Hartfaserplatten (204,24 Euro).

 

VW e-Crafter 35 MR EM85 Transporter – Technische Daten:

  • Lkw-Zulassung, drei Sitze
  • permanent-magneterregte Synchronmaschine
  • Leistung 100 kW / 136 PS
  • maximales Drehmoment 290 Nm
  • Eingang-Automatik
  • Frontantrieb
  • Höchstgeschwindigkeit 90 km/h
  • Lithium-Ionen-Akku Nennkapazität 35,8 kWh, Nennspannung 323 V
  • Länge 5.986 mm, Breite (ohne Außenspiegel) 2.040 mm, Höhe 2.565 mm
  • Radstand 3.640 mm
  • Stromverbrauch kombiniert: 29 kW/100 km (nach WLTP), Stromverbrauch City: 20,8 kW/100 km (nach WLTP)
  • maximale elektrische Reichweite (nach WLTP) 114 km, Reichweite 173 km, Electric Range City 156 km
  • Co2-Emission kombiniert: 0 g / km
  • Ladedauer AC 2,3 kW 100% SOC 17.00 h
  • Ladedauer AC 3,6 kW 100% SOC 10.50
  • Ladedauer AC 7,2 KW 100% SOC 05.20 h
  • Ladedauer DC 40 kW 80% SOC 00.45 h.
  • Laderaum 3.450 mm lang, 1.832 mm breit, 1.861 mm hoch
  • seitliche Schiebetür 1.311 mm breit, 1.722 mm hoch
  • Heckflügeltüren 1.552 mm breit, 1.740 mm hoch
  • Leergewicht 2.583 kg
  • Dachlast 150 kg
  • maximale Zuladung 917 kg
  • Ladevolumen 10,7 Kubikmeter
  • zulässige Achslast vorne 2.100 kg, hinten 2.100 kg
  • zulässiges Gesamtgewicht 3.500 kg.

Preise

  • Grundpreis: Ab 53.900 Euro.

Sonderausstattungen:

  • Candy-Weiß / Mojave Beige Metallic: 2.655 Euro
  • Verkehrszeichenerkennung: 301,60 Euro
  • Universalboden mit Verzurrösen und Verzurrschienen in Längsrichtung: 950 Euro
  • Trennwand mit Verkleidung und festem Fenster: 320 Euro
  • Schwingsitz links: 575 Euro
  • Seitenfester Laderaum rechts: 155 Euro
  • Seitenverkleidung im Laderaum aus Hartfaserplatten: 204,24 Euro
  • Ladekabel Mode 3 Typ 2 3 32 A: 160 Euro

Gesamtpreis Sonderausstattungen: 5.330 Euro

Gesamtpreis Testfahrzeug: 59.230 Euro

(Alle Preise Nettopreise)

Text: / handwerksblatt.de

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