Handwerksmeistern Kirsten Dubs steht unter dem Rumpf des Seefahrtkreuzers "Mutafo" und kalfatert das Unterwasserschiff. Mit kräftigen und gezielten Schlägen treibt Sie das Werg in die Fugen. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Handwerksmeistern Kirsten Dubs steht unter dem Rumpf des Seefahrtkreuzers "Mutafo" und kalfatert das Unterwasserschiff. Mit kräftigen und gezielten Schlägen treibt Sie das Werg in die Fugen. (Foto: © Jürgen Ulbrich)

Bootsbauerin aus Leidenschaft

Panorama

Kirsten Dubs, Handwerkmeisterin im Boots- und Schiffbau, erfüllte sich ihren Lebenstraum. Im April 2017 feierte ihre "Bootswerft-Freest" in Mecklenburg-Vorpommern das zehnjährige Jubiläum.

Die Frau kann zupacken, das merke ich auf Anhieb, als Kirsten Dubs mich mit festem Händedruck begrüßt. "Herzlich willkommen auf der ‘Bootswerft-Freest‘", sagt sie lächelnd. Dubs ist eine der wenigen deutschen Handwerksmeisterinnen im Boots- und Schiffbau und seit über zehn Jahren Besitzerin und Geschäftsführerin der 1889 gegründeten, ehemaligen "Jarling Bootswerft" an der Peenemündung am Greifswalder Bodden. Freest gehört zur Gemeinde Kröslin im Landkreis Vorpommern-Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern und liegt auf dem Festland gegenüber dem Historisch-Technischen Museum Peenemünde auf Usedom.

Schiffe und Boote als Landratten

Die Werft neben dem idyllischen Fischereihafen von Freest bietet rund 30 Liegeplätze, im Winter finden hier bis zu 40 Schiffe eine Bleibe. Mit dem alten Kran "17. Oktober", den laut Berufsgenossenschaft nur die Meisterin selbst bedienen darf, werden bis zu zehn Tonnen schwere Boote manövriert. Vor der durch Wind und Wetter in die Jahre gekommenen hölzernen Werfthalle sorgt eine so genannte Slipanlage dafür, dass auch größere und schwerere Boote aus dem Wasser geholt oder hineingelassen werden können. Nun warten Segelboote, aber auch Fischkutter und Zeesboote auf Kiel geholt als Landratten in scheinbarer Unordnung auf ihre Reparatur. Überall wird renoviert, restauriert, gehämmert, gesägt, gebogen und lackiert.

Existenz-Gründerpreis Mecklenburg-Vorpommern

"Die Fischer haben mich belächelt, als sich mein Plan herumsprach, die alte Jarling-Werft zu übernehmen", erinnert sich Dubs, die aus Bremen stammt. Eineinhalb Jahre Planung kostete sie ihre außergewöhnliche wie mutige Idee und gegen alle Unkenrufe verwirklichte sie ihren Lebenstraum: am 30. April 2007 übernahm sie die Werft. "Der Mut war eigentlich Wahn", grinst Dubs, "ich hatte kein Geld, keine Sicherheit, aber ich griff zu." Ihr Konzept, nicht nur alte Holzboote instand zu setzen, sondern auch Schulungen und Workshops anzubieten, wurde noch im gleichen Jahr mit dem Existenz-Gründerpreis Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet, Dubs selbst wurde von der Kreditanstalt für Wiederaufbau als Gründer(-in) des Jahres geehrt.

Mit überbetrieblicher Ausbildung zur Handwerksmeisterin

Zu diesem Zeitpunkt hatte Dubs schon eine abgeschlossene Lehre als Schifffahrtskauffrau in Bremen hinter sich. ”Aber eigentlich wollte ich schon immer ins Handwerk", sagt sie. So machte sie eine zweite Ausbildung als Bootsbauerin bei der damaligen Bremer Bootsbau Vegesack. 1995 zog sie als Ausbilderin in ein Umschulungsprojekt nach Wolgast, vier Jahre später bestand sie – trotz der zwischenzeitlichen Geburt ihres Sohnes – mittels einer überbetrieblichen Ausbildung ihre Prüfung zur Handwerksmeisterin im Boots- und Schiffbau. Seit der Übernahme durch Dubs ist neues Leben eingezogen in die historische Bootsbau-Schmiede. Zur Zeit arbeiten drei Gesellen, fünf Lehrlinge – darunter zwei weibliche Azubis – und drei so genannte Silver Worker für die Unternehmerin. "Außerdem leistet ein junger Mann bei uns sein freiwilliges Jahr in der Kultur und Denkmalpflege über die Jugendbauhütte Stralsund, und ein Umschüler aus Südafrika ist in einer ‘integrativen Maßnahme‘ beschäftigt", erklärt Dubs.

Kein Auftrag gleicht dem anderen

"Wir leben hauptsächlich von Reparaturen, fertigen aber auch eine 2,50-Meter-Sperrholz-Jole, ein 12-Meter-Kutter wird bereits seit zwei Jahren umgebaut", sagt Dubs. "Zeitgleich können wir aber nur an fünf bis sechs Objekten arbeiten", ergänzt sie, "für mehr fehlt die Manpower – und den Kunden oft das Geld." Die Arbeit in ihrem Handwerk ist schwer, "sie ist sehr zeitintensiv, die Materialkosten sind eher zweitrangig. Das besondere an der Arbeit als Bootsbauer ist, dass kein Auftrag dem anderen gleicht, außerdem macht die Arbeit mit dem schönen Werkstoff Holz Spaß und jedes Boot hat seine Geschichte", erklärt Dubs.

Bekannt für Qualitätsanspruch

Die Boots- und Schiffbaumeisterin kann dank des Standortes Freest ihre Dienste kostengünstiger anbieten als etwa in Hamburg oder Bremen. So hat sich die Bootswerft nach zehn Jahren einen sehr guten Namen in der Szene gemacht. "Wir sind bekannt für unseren Qualitätsanspruch", betont Dubs nicht ohne Stolz. Die Ausbildung von Lehrlingen, die aus dem ganzen Bundesgebiet stammen, ist ihr dabei sehr wichtig und macht ihr viel Spaß, besonders die Arbeit mit den weiblichen Azubis. "Ich weiß ja selbst, wie schwierig es war, damals einen Ausbildungsplatz zu bekommen, deshalb freut es mich, heute jungen Leuten, die etwas lernen möchten, ein Chance geben zu können. Obwohl man bedenken muss, dass bei ihnen alles zwei- oder dreimal länger dauert. Für ein Lukendeckel brauchte einer unserer Lehrlinge zwei Versuche, das hat drei Wochen gedauert, ein guter Geselle macht den in dreieinhalb Tagen", erklärt sie. "Grundsätzlich gibt es in unserem Gewerk sehr viel zu lernen, man wird zum Spezialisten für Holz, Stahl, alle Formen von Kunststoffen und Lacken, deshalb beträgt die Ausbildung auch dreieinhalb Jahre." Während der Grundausbildung zum Bootsbauer lernen alle die ersten eineinhalb Jahre zusammen, nach der Zwischenprüfung geht’s weiter als Bootsbauer oder Bootstechniker.

Entschleunigung vom hektischen Leben

Die Berufsschule besuchen ihre Auszubildenden in Lübeck oder Travemünde – im Blockunterricht. Und ist die Ausbildung erst einmal einmal abgeschlossen, kann man als Geselle um die Welt reisen und überall arbeiten. Dazu gehört natürlich wie immer im Leben auch ein wenig Glück. Glück, das auch Dubs hatte, das Geschäft floriert, ihre Kunden kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, ihre Workshops sind immer gut besucht. "Aktivurlaub in der Werft" ist eines der Angebote, die Dubs Schiffs- und Handwerksliebhabern bietet, eine "Entschleunigung vom hektischen Leben", sagt sie. Bisher hat Dubs bereits über 20 Workshops (mit maximal vier Personen) organisiert. Kosten pro Kopf : etwa 750 €, da immer ein Geselle dabei sein muss. Die Workshops für das Jubiläumsjahr stehen mittlerweile fest, alle haben noch mehr zu tun, "es überschlägt sich alles", erzählt Dubs. So wird das zehnjährige Bestehen der "Bootswerft-Freest" am 1. Juli 2017 auf dem großen Sommerfest – verbunden mit dem Tag der offenen Tür – gefeiert, inklusive Lustboot-Regatta und Live-Musik.

"An Träumen dran bleiben"

Im Rückblick würde Kirsten Dubs "alles noch einmal so machen, man muss an seinen Träumen dran bleiben und nichts unversucht lassen", sagt sie. Ihre schönste Erinnerung ist die tolle Unterstützung von Familie, Freunden und Bekannten, Mitarbeitern, Presse und Medien und natürlich von ihren Kunden, wobei es unter ihnen auch unehrliche und nicht zahlende gab. Nichts desto trotz verfolgt Dubs weiter ihr Ziel: ihre Werft als Freizeit- und Erlebnispark zu etablieren! Mit ihrem Gründergeist und ihrem eisernen Willen wird die Powerfrau und Bootsbauerin aus Leidenschaft sicherlich auch dieses Ziel erreichen.

Fotos: © Jürgen Ulbrich

Hier geht es zu den Urlaubs-Infos Mecklenburg-Vorpommern. Infos zur "Bootswerft-Freest" und zu den kommenden Workshops. Dorfstraße 21, 17440 Freest, Telefon: 038370-25748, E-Mail: info@bootswerft-freest.com
Unterkunft Das familiengeführte Hotel & Fischrestaurant Leuchtfeuer bietet großräumige Zimmer und leckere Fischgerichte. Dorfstr. 1, 17440 Freest, Tel. 038370-20710, Fax: 038370-20711, E-Mail: hotel-leuchtfeuer@t-online.de
 
Sehenswert Das Heimatmuseum Freest mit seiner Sammlung Freester Fischerteppiche. Dorfstraße 67, 17440 Freest, Tel.: 038370-20339. Freest ist zudem ein idealer Urlaubsort zum Surfen, Segeln, Mitsegeln, Baden am Strand, Radfahren oder Angeln. Sehr beliebt sind Ausflugsfahrten mit einem original Freester Fischkutter, nicht weit ist es zu den Inseln Rügen, Ruden, Oie und Usedom. Interessant sind zudem Tagesausflüge nach Wolgast, Greifswald oder Stralsund.

Text: / handwerksblatt.de

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