Jochen Renfordt ist Präsident der Handwerkskammer Südwestfalen und führt einen Malerbetrieb mit 29 Mitarbeitern. Eines seiner wichtigsten Anliegen ist der Kampf gegen den Facharbeitermangel.

Jochen Renfordt ist Präsident der Handwerkskammer Südwestfalen und führt einen Malerbetrieb mit 29 Mitarbeitern. Eines seiner wichtigsten Anliegen ist der Kampf gegen den Facharbeitermangel. (Foto: © Boris Golz)

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"Wir erreichen leider nicht die Studienabbrecher"

Jochen Renfordt, Malermeister und Präsident der Handwerkskammer Südwestfalen, über die Schwierigkeit, Nachwuchskräfte zu finden.

Jochen Renfordt ist Chef eines Malerbetriebes mit 29 Mitarbeitern in Iserlohn und Präsident der Handwerkskammer Südwestfalen. Die zurückgehenden Ausbildungszahlen sind ein Alarmzeichen. Um langfristig dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müssen Handwerker auch neue Zielgruppen erschließen, etwa Studienabbrecher.

DHB: Herr Renfordt, wie haben Sie bislang Corona erlebt?
Renfordt: Im Handwerk ist die Betroffenheit höchst unterschiedlich. Das ist von Gewerk zu Gewerk und selbst innerhalb eines Gewerks höchst unterschiedlich. Wer wie wir im Privatkundengeschäft unterwegs ist, hat in der Regel Kunden über 50. Die sind entsprechend vorsichtig, weshalb wir viele Terminverschiebungen und eine Nachfragezurückhaltung erleben. Aber dort wie auch bei Haus- und Wohnungsverwaltern hat die Nachfrage wieder angezogen. Problematisch wird es aber für Gewerke im Auf- und Ausbau, die bislang noch wenig betroffen waren. Sie hängen von der Arbeit in den Bauverwaltungen ab. Weil es aber keine digitalen Bauakten gibt und die Mitarbeiter vermutlich Akten nicht ins Homeoffice mitnehmen dürfen, gibt es ein großes Loch für Um- und Neubauten. Wenn die Corona-Krise vorbei ist, fängt die Krise vor allem für die Unternehmen, die im Neubau- und Umbaubereich tätig sind, erst an ...

DHB: ... was sich dann auf die Auftragslage und die Umsätze auswirkt.
Renfordt: Natürlich. Das ist eine Gefahr, die viele gar nicht sehen.

DHB: Die Betriebsberatung hatte sicher viel zu tun, um Fragen der Handwerker zu beantworten ...
Renfordt: ... und zwar so viel, dass wir alle Ausbilder, die einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund haben, mit in die Beratung genommen haben. Das ging, weil wir das Berufsbildungszentrum zunächst schließen mussten. Aber das Eigenengagement, die Loyalität gegenüber unseren Betrieben, war sensationell. Sie haben selbst Schichtdienst organisiert, um auch am Wochenende erreichbar zu sein.
Wir haben 12.500 Betriebe im Bestand und rund 4.000 Beratungen am Telefon abgewickelt. Dahinter stehen aber 4.000 Einzelschicksale mit vielen Mitarbeitern. Es gab Menschen, die haben geweint, weil sie nicht mehr wissen, wie es weitergeht. Das war auch für die Kammermitarbeiter eine echte Belastung. Aber wir haben sehr viele positive Rückmeldungen bekommen, und sicher ist vielen Betrieben in der Krise deutlich geworden, wofür eine Kammer da ist und wie wichtig sie ist.

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DHB: Wie hat sich Corona auf die Aus- und Weiterbildung ausgewirkt?
Renfordt: Wir haben es geschafft, fast alle Lehrgänge nachzuholen. Das hat geklappt, weil wir auf digitalen Unterricht umgestellt haben, insbesondere unsere Meisterkurse. Ich schätze, dass wir es aktuell zu 90 Prozent schaffen, unseren Lehrgangsplan durchzuziehen, so dass keine Prüfungen ausfallen müssen und relevante Inhalte auch ankommen.

DHB: Wie sieht es denn mit der Nachwuchsförderung aus?
Renfordt: Katastrophal, weil kein Matching stattfindet! Wir können niemanden treffen, wir können niemanden einladen, selbst Praktika können wir kaum durchführen. Klar, es gibt Betriebe, die wollen sich derzeit keine Fremden in den Betrieb holen. Aber man bekommt den Eindruck, dass ein Jahrgang Jugendlicher komplett abgetaucht ist. Ohne persönlichen Kontakt kann man niemanden fürs Handwerk begeistern. In einem Handwerksbetrieb gibt es eine Fa- milienstruktur, da zählt die Person mehr als das Zeugnis. Das darf man den Jugendlichen zwar nicht unbedingt sagen. Aber wie geeignet ein Azubi ist, zeigt sich im Praktikum.

DHB: Fürchten Sie einen Rückgang der Ausbildungszahlen?
Renfordt: Ja, leider. Schon im letzten Jahr waren es bereits rund zehn Prozent weniger. Wir haben einen doppelten Rückgang, bedingt durch die demoskopische Entwicklung, aber auch durch die stets steigende Sucht nach einem Studium. Wir werden mit unserer Modernität und der Vielfalt der Berufe nicht wahrgenommen.

DHB: Ist das eine Frage des Handwerksimages oder eine der schwierigen Erreichbarkeit der Zielgruppe?
Renfordt: Beides. Ich glaube, dass das Image des Handwerks immer noch als antiquiert angesehen wird, auch wenn die Handwerkskampagne ein richtiger und guter Schritt war, das Image zu verbessern. Ich selbst habe die Erfahrungen gemacht, dass ein Studium der Farb- und Lackchemie nach zwei Semestern besser ohne mich stattfindet und bin dann den Weg über die Meisterausbildung gegangen. Aber diese Klientel der Studienabbrecher erreichen wir leider nicht, und viele rätseln, wo die tatsächlich abbleiben. Wir brauchen ein funktionierendes Vehikel, um Zweifler schon auf dem Weg vom und zum Hörsaal anzusprechen. Da will ich, sobald Corona das zulässt, in einem Arbeitskreis mit der Agentur für Arbeit, aber auch den Hochschulen, etwas bewegen.

DHB: Das klingt spannend, weil Sie darüber eine ganz neue Klientel erreichen.
Renfordt: Richtig. Wer aus einer Familie kommt, in der niemand handwerklich tätig oder mit dem Handwerk verbunden ist, der sieht die Möglichkeiten nicht. Es kann nicht sein, dass wir viele Taxifahrer mit Abitur haben, das ist Ressourcenverschwendung! Wir haben zum Beispiel eine Schulpartnerschaft mit der Hauptschule vor Ort. Dort erzähle ich im Wirtschaftskundeunterricht in der neunten Klasse, wie ein Bewerbungsverfahren abläuft, was das Handwerk bietet, welche Zukunfts-, Aufstiegs- und Einkommenschancen es im Handwerk gibt. Nur sitzen dort Jugendliche, die wollen Rechtsanwälte und Ärzte werden! Die Schule begeht das Verbrechen, den Kindern zu vermitteln, dass das für jeden möglich ist. Klar, theoretisch ist das für jeden möglich, geht aber völlig an der Realität vorbei.

DHB: Lehrer sind aber oft keine Hilfe, weil sie nur Schule und Studium kennen.
Renfordt: Das stimmt, aber ich glaube nicht, dass Lehrer beratungsresistent sind. Die Lehrkräfte, die in den berufsentscheidenden Klassen unterrichten, haben einfach keine Möglichkeit, sich vernünftig zu informieren. Ein interessanter Ansatz ist das Modell eines Lehrerpraktikums. Da müssen wir als Handwerker auch mehr tun, uns anbieten, in den Unterricht kommen oder von Kammerseite vielleicht Lehrertage in den Werkstätten organisieren. Dann können die Lehrkräfte auch mal mit einem Ausbildungsmeister sprechen.

DHB: Solche Tage gibt es in den Ausbildungsstätten zum Teil schon ...
Renfordt: ... aber machen wir uns nichts vor: Das ist für die Schüler ein interessanter freier Tag. Gleiches gilt für Ausbildungsmessen. Das könnte man in einer Region besser koordinieren – auch im Interesse der Jugendlichen. Handwerker können schon mit wenig Aufwand viel zeigen und Anreize setzen, aber wir haben zu wenig Gelegenheiten.

DHB: Müsste der Staat da nicht mehr tun, etwa in der Bildungspolitik?
Renfordt: Sicherlich, das wäre eine Hilfe. Aber der Staat sollte erst einmal etwas für die Betriebe direkt tun. Die versprochenen Hilfen für Betriebe, die in Corona-Zeiten weiter ausbilden, müssen dort erst einmal ankommen – und auch leichter zu erhalten sein.

DHB: Betrieben fehlt aber auch die Zeit.
Renfordt: Mit der Chance auf gute Fachkräfte wecke ich eher die Bereitschaft, sich einzubringen und einen Mitarbeiter für einen ganzen Tag freizustellen. Die Kleintei- ligkeit des Handwerks ist sicher ein Nachteil. Industrieunternehmen haben ganze Abteilungen, bei uns bildet eine Person alle Abteilungen. Nur: Selbst die besten Mitarbeiter gehen irgendwann in Rente – und da gilt es, frühzeitig gegen den Know-how-Schwund anzugehen. Gleiches gilt für Wachstum: Handwerksbetriebe können in der Regel nur durch Externe, durch neue Mitarbeiter wachsen. Aber es dauert rund ein Jahr, bis ein Externer komplett eingearbeitet ist.

DHB: Für gute Kräfte gibt es die Chance einer Betriebsübernahme.
Renfordt: Natürlich. Nach der Meisterschule kann ich einen funktionierenden Betrieb übernehmen, der fünf oder sechs Mann hat, die Durchschnittsgröße eines Handwerksbetriebes. Der hat in den letzten 30 Jahren immer seinen Meister ernährt und bietet das, wonach angeblich alle streben – persönliche Freiheit. Aber auch das ist noch viel zu wenig bekannt.

DHB: Ist die nachwachsende Generation bereit, Verantwortung zu übernehmen?
Renfordt: Zugegeben: Die freizeitorientierte Schonhaltung, die ständig als erstrebenswert kommuniziert wird, prägt die Leute. Arbeit ist leider so negativ belastet, auch wenn eine gesunde Work-Life-Balance für jeden wichtig ist. Ich glaube aber, dass man bei der jungen Generation die Bereitschaft zur Verantwortung, zur Leistung nur wecken muss. Wenn man sieht, was junge Leute auf die Beine bringen, wie sie eine App programmieren oder sich in einem komplexen Spiel zurechtfinden. Das ist kein Spielen, die meistern echte Herausforderungen. Und dass ich diese Dinge auch in einem Handwerksberuf finden kann, das müssen sie nur erkennen.

Die Fragen stellte Stefan Buhren

Text: / handwerksblatt.de

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