Im Interview: Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld.

Im Interview: Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. (Foto: © Thomas F. Starke)

"Wir wollen das Handwerk in unserer ­Region digital aufstellen"

Politik

Kampf gegen die Schattenwirtschaft, mehr Nachwuchsgewinnung für das Handwerk, bildungstechnische Leuchttürme in den Regionen und die Digitalisierung der Betriebe – Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe, formuliert eine anspruchsvolle Agenda.

Peter Eul ist Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe. Der Friseurmeister besitzt zwei Salons in Enger und Herford, ist Friseursachverständiger und Meisterprüfer. In seinem Ehrenamt widmet er sich den Themen Digitalisierung, Ausbildung und Nachwuchsgewinnung sowie dem Kampf gegen Schwarzarbeit. Nach einem Jahr Präsidentschaft zieht er im DHB-Interview eine erste Zwischenbilanz.

DHB: Die Ordnungsämter kontrollieren heute das Maskentragen statt Schwarz­arbeit. Ist der Kampf gegen die Schattenwirtschaft an Corona gescheitert?
Eul: Nein, natürlich nicht, aber er ist natürlich etwas ins Hintertreffen geraten – wie viele andere Dinge auch.

DHB: Trotzdem haben die Bemühungen etwas vom Kampf gegen Windmühlen …
Eul: … was ich so nicht stehen lassen kann. Bevor es mit Corona so richtig losging, haben wir alle Beteiligten, die gegen die Schattenwirtschaft ankämpfen, in unserem Kammerbezirk in Regionalveranstaltungen an einen Tisch geholt. Wir reden hier von Vertretern seitens der Arbeitsagentur, der Zollverwaltung, der Finanzbehörden, der Sozialversicherungsträger, der Berufsgenossenschaft, der Bauwirtschaft, des Amtes für Arbeitsschutz, der kommunalen Behörden, der Staatsanwaltschaft und natürlich der Handwerkskammer. Jetzt kennen sich die Protagonisten und seitdem kommunizieren wir wesentlich besser miteinander, kooperieren enger und haben es geschafft, dass wir schwarze Schafe schneller aussortieren.

DHB: Kammern und Kommunen ziehen an einem Strang?
Eul: Absolut: Die Kommunen sagen explizit, wir wollen mit der Kammer, mit dem Handwerk zusammenarbeiten. Das funktioniert ganz hervorragend, auch wenn die Ordnungsämter derzeit den Fokus auf andere Themen legen müssen. Aber die Sinne sind geschärft, beim Kampf gegen Schwarzarbeit blicke ich optimistisch in die Zukunft. 

Zitat Wir von der ­Kammer ­verstehen uns als Dienstleister unserer Mitgliedsbetriebe. Dazu ­gehört die Kommunikation in alle Richtungen, auf ­allen Ebenen, nicht von oben nach unten, sondern stets auf Augen­höhe. Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe DHB: Werfen wir aber zunächst den Blick in die Vergangenheit. Sie sind gut ein Jahr Präsident. Welche Bilanz ziehen Sie noch?
Eul: Klammern wir erst einmal Corona aus. An erster Stelle nenne ich das herausragend gute Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in Ostwestfalen-Lippe. Gerade mit Blick auf die handwerklichen Ausbildungsstätten in Ostwestfalen-Lippe haben Kammer, Kreishandwerkerschaften und Innungen eine tolle Arbeit geleistet. Ausgehend vom Leitthema "Konzentration in der Fläche“ haben wir es gemeinsam geschafft, in der gesamten Region Ostwestfalen-Lippe Leuchttürme der beruflichen Bildung im Handwerk zu benennen. Natürlich zieht man gern an einem Strang, wenn es um viele Fördergelder für diese Stätten geht. Aber diese Zusammenarbeit zwischen Kammer und Kreishandwerkerschaften in dieser Kombination, in dieser Intensität und vor allem auch in dieser Offenheit ist meiner Einschätzung nach bundesweit einmalig.

DHB: Da höre ich heraus, dass Kommunikation, das Zusammenholen unterschiedlicher Akteure an einen Tisch, eines Ihrer Leitmotive ist.
Eul: Ja, und das findet sich auch als Tenor unserer Zielsetzung "Zukunftskammer 2025“. Diese spiegelt unser Selbstverständnis wider: Wir als Kammer verstehen uns als Dienstleister unserer Mitgliedsbetriebe. Dazu gehört die Kommunikation in alle Richtungen, auf allen Ebenen, nicht von oben nach unten, sondern stets auf Augenhöhe.

DHB: Wobei Kommunikation in Corona-Zeiten nicht ganz so einfach ist. Sie haben gerade die Ausbildungsstätten angesprochen. Gibt es denn genügend Nachwuchs?
Eul: Bei jeder Gelegenheit müssen wir das Thema Nachwuchsgewinnung oder Nachwuchsförderung in der öffentlichen Wahrnehmung platzieren. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter: Die Zielgruppe junger Menschen mit ausgeprägtem Klima- und Umweltbewusstsein ist nicht klein. Hier sehe ich viel Potenzial für das Handwerk: Wenn wir der "Fridays-for-Future“-Bewegung verdeutlichen, dass wir im Handwerk deutschlandweit über 200.000 Betriebe haben, die direkt oder indirekt schon in der Ausbildung mit Umweltschutz oder Klimaschutz zu tun haben, könnte sich das positiv auf die Ausbildungszahlen nicht nur in unserem Kammerbezirk auswirken.

DHB: Sie glauben, über den Umwelt- und Klimaaspekt junge Menschen zu erreichen?
Eul: Immerhin geht die Zielgruppe dafür sogar auf die Straße, sie will etwas bewegen. Einen aktiven Beitrag leistet nun mal unbestritten das Handwerk, allen voran die Branchen Elektro, Bau, SHK und selbst Automobil. Man darf nicht vergessen, dass sich im Handwerk gutes Geld verdienen lässt – und das im Bewusstsein, noch etwas für die Umwelt zu tun. Das allein sind schon zwei sehr attraktive Anreize. Mal abgesehen von den Chancen, die sich generell im Handwerk auftun. Wer die Karriereleiter hinaufklettern will, kann es bis zum eigenen Chef bringen und ein Unternehmen erfolgreich führen. 

DHB: Wie ist denn derzeit die Ausbildungssituation in Ihrem Kammerbezirk?
Eul: In den letzten drei Jahren konnten wir Steigerungen bei den Ausbildungszahlen verzeichnen, aber unsere Bemühungen haben durch Corona einen Dämpfer bekommen. Aktuell liegen wir bei acht Prozent minus verglichen mit 2019. Aber mit neuen Aktionen wie einem digitalen Speeddating für Azubis bin ich sehr optimistisch und hoffe – nicht zuletzt durch unsere digitale Ansprache in die Schulen hinein – noch auf ein besseres Jahresendergebnis.

DHB: Wobei das allein nicht reicht. Sie müssen auch die Eltern überzeugen, dass für ihre Kinder eine Ausbildung im Handwerk eine echte Alternative zum Studium ist. 
Eul: Das Erreichen der Eltern ist mindestens genauso wichtig. In meinen Gesprächen mit Jugendlichen und deren Eltern stoße ich immer wieder auf Vorurteile und Klischees, die einfach nicht stimmen. Viele glauben leider immer noch, dass Handwerk schmutzige Hände und draußen auf der Baustelle stehen bedeutet. Aber die meisten kennen nicht mehr als zehn Handwerksberufe, was nicht als Vorwurf gemeint ist. Woher sollen sie das auch wissen? Daher muss die Aufklärungsarbeit, was Handwerk alles ist, eine Herzenssache sein. Setzen wir da an,  sind wir auf einem guten Weg.

DHB: Glauben Sie nicht, dass Corona das Bewusstsein geschärft haben könnte? 
Eul: Für Teilbereiche mag das stimmen, aber ich glaube nicht, dass das durchgängig ist. Auch hier hat Corona vieles überschattet. Alle haben für die Pflegeberufe applaudiert, aber übersehen, dass das Handwerk genauso systemrelevant war. Wir Handwerker hatten das Vertrauen unserer Kunden und standen stets parat. Mir ist in der ganzen Zeit besonders aufgefallen, wie sehr das Handwerk insbesondere durch seine schnelle Reaktion auf Corona gezeigt hat, wie wandlungsfähig es sein kann. 

DHB: Vor allem im Vergleich mit anderen Bereichen …
Eul: ... wie etwa das Hickhack im Öffentlichen Dienst etwa in den Kfz-Zulassungsstellen, weil dort, so unterstelle ich mal, das optimale Krisenmanagement fehlte. Wir im Handwerk haben schnell Teams gebildet, Hygienekonzepte erarbeitet – und weitergemacht. Mein Handwerk, die Friseure, waren mit ihrer Berufsgenossenschaft bei der Erarbeitung der Hygienekonzepte seitens der Bundesregierung gefragte Experten. Klar: Jedes Jahr kommt die Grippewelle und eine Branche wie die der Friseure musste sich daher schon immer auf eigene Hygienekonzepte verlassen.

DHB: Trotzdem hat Corona das Handwerk mit voller Wucht getroffen.
Eul: Das ist unbestritten. Aber die befürchteten schlimmsten Auswirkungen sind bislang weitgehend ausgeblieben. Dieses gilt auch für die Angst vor einer Insolvenzwelle. Wobei man auch sagen muss, dass die politische Unterstützung mit ihren Soforthilfen und der unbürokratischen Durchführung sensationell war. Das hätte ich nie für möglich gehalten, dass so schnell bürokratische Hürden genommen werden können, um den Menschen, den Betrieben kurzfristig und schnell zu helfen.

DHB: Dazu hat auch die Handwerksorganisation beigetragen.
Eul: Wir haben schnell unsere Beratung umgestellt und unsere Kammerorganisation leicht verändert. Binnen kürzester Zeit haben wir über 5.000 Beratungen durchgeführt. Das hat auch dazu beigetragen, dass unsere Mitglieder positiv und sehr wohlwollend registriert haben, was Kammer ist und sein kann. Vergessen wir nicht: Eine Handwerkskammer führte oft ein sehr kritisch gesehenes Schattendasein. Aber jetzt, in der Krise, konnte die Kammer zeigen, was in ihr steckt – und da hat die Handwerksorganisation ganz viel für ihre Mitglieder getan.

Blick nach vorn: Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe. Foto: © Thomas F. StarkeBlick nach vorn: Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe. Foto: © Thomas F. Starke

DHB: Sie sehen sich selbst als Zukunftskammer. Sehen das Ihre Mitglieder auch so?
Eul: Als Kammer wollen wir natürlich ganz vorne dabei sein und fühlen uns als die Zukunftskammer in Deutschland. Das haben wir als Ziel in unserem Konzept der "Zukunftskammer 2025“ festgeschrieben. Dabei geht es um den nächsten großen Baustein, die konsequente Digitalisierung unserer eigenen Prozesse, die Fortsetzung der Digitalisierung unserer Bildungsangebote und die Digitalisierung der Betriebe. Wir haben Mitarbeiter eingestellt, die sich um nichts anderes kümmern als um die Unterstützung der digitalen Transformation der Betriebe. Wobei die einen mehr, die anderen weniger Beratungsbedarf haben. Unser Ziel ist es, das Handwerk hier in unserer Region digital aufzustellen. Vergessen wir nicht: Ostwestfalen-Lippe ist eine einzigartige Region, nicht nur handwerklich, sondern auch technologisch weit vorn. Sie finden hier das Spitzencluster it’s OWL und Unternehmen, die weltweit führend in ihren Branchen sind – und das Handwerk ist Teil davon. Voller Stolz kann ich sogar unser Gebäude im Zusammenhang mit technologischem Vorsprung nennen. Wir zählen zu den Leuchttürmen im Bereich intelligenter Gebäudetechnologie. 

DHB: Wie geht es denn weiter, was sind die nächsten Punkte in Ihrer Agenda?
Eul: Mal abgesehen von unserem Weg zur Zukunftskammer 2025, auf dem wir schon viel erfolgreich umgesetzt haben, geht es erst einmal um einen Neustart nach der Krise. Corona hat das Bewusstsein für besondere Situationen geschärft. Wir müssen nun aufpassen, dass wir nicht in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Dann können wir auch die Fäden wieder aufnehmen, die seit Corona lose am Boden liegen – und wenn es nur das Thema Schwarzarbeit ist, bei der wir das Zusammenspiel aller Beteiligten noch enger ausgestalten können, um die Betriebe zu schützen, die ehrlich ihrer Arbeit nachgehen.

Das Interview führte Stefan Buhren.

Text: / handwerksblatt.de

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