Neben zahlreichen beruflichen Eindrücken während seines Auslandspraktikums in Namibia hat Jan-Erik Dicke besonders den Sonnenaufgang in der Namib-Wüste in Erinnerung behalten.

Neben zahlreichen beruflichen Eindrücken während seines Auslandspraktikums in Namibia hat Jan-Erik Dicke besonders den Sonnenaufgang in der Namib-Wüste in Erinnerung behalten. (Foto: © privat)

AusbildungWeltweit: Viele neue Eindrücke in Namibia gesammelt

Jan-Erik Dicke hat sechs Wochen der Ausbildung zum Zimmerer in Afrika verbracht. Das Praktikum im Ausland wurde zum größten Teil über das Programm "AusbildungWeltweit" finanziert.

Das Internet macht’s möglich: Über Google Maps hat Jan-Erik Dicke in Namibia einen Praktikumsbetrieb gefunden, eine E-Mail mit seiner Bewerbung nach Windhoek geschickt und per WhatsApp-Anruf die Zusage vom Geschäftsführer der Holzbau Hess bekommen. "Ich bin noch nie in Afrika gewesen. Namibia erschien mir als der perfekte Einstieg, weil dort neben Englisch auch Deutsch gesprochen wird und das Land als relativ sicher gilt", begründet der Zimmerer-Azubi seinen Entschluss, das Sauerland zu verlassen und für sechs Wochen seine Lehre rund 8.300 Kilometer weiter südlich fortzusetzen

Mindestens drei Arbeitswochen

Finanziert wurde das Praktikum größtenteils über das Programm "AusbildungWeltweit". Es ermöglicht Auslandsaufenthalte während der Ausbildung in Ländern, die vom europäischen Förderprogramm Erasmus+ nicht abgedeckt werden. Auszubildende müssen mindestens drei Arbeitswochen absolvieren und können bis zu 90 Tage im Land ihrer Wahl bleiben. Die Teilnehmer erhalten unter anderem Zuschüsse zu den Fahrt- und Aufenthaltskosten, die je nach dem Zielland variieren. Für den Flug nach Namibia und zurück gibt es pauschal 975 Euro. Für Unterkunft und Verpflegung werden für die ersten 21 Tage je 30 Euro gezahlt, danach 17 Euro. 

Ausbildung im AuslandDas Berufsbildungsgesetz regelt, wie lange Auszubildende während der Ausbildung im Ausland verbringen können. Unter §2, Absatz 3 steht: "Teile der Berufsausbildung können im Ausland durchgeführt werden, wenn dies dem Ausbildungsziel dient. Ihre Gesamtdauer soll ein Viertel der in der Ausbildungsordnung festgelegten Ausbildungsdauer nicht überschreiten." Bei einer Ausbildungszeit von 36 Monaten wäre es einem Azubi also möglich, für neun Monate ins Ausland zu gehen. Eine Datenanalyse des EU-Förderprogramms Erasmus+ zeigt jedoch, dass die meisten Aufenthalte deutlich kürzer ausfallen. Im Jahr 2016 verbrachten demnach 51,5 Prozent der Lernenden mit EU-Förderung 14 bis 20 Tage im europäischen Ausland. Weitere 29,1 Prozent kamen auf 21 bis 30 Tage. 

Katharina Wiese war zu Anfang erst skeptisch. Das hatte jedoch weniger mit dem Reiseziel ihres Auszubildenden als vielmehr mit dem zu erwartenden Papierkrieg zu tun. "Wir kennen das schon aus dem Baubereich: Fördermittel zu beantragen ist immer mit bürokratischem Aufwand verbunden", erklärt die Mitarbeiterin der Wiese und Heckmann GmbH in Olsberg. Es habe einige Zeit gedauert, bis sie sich mit dem Verfahren und den Formularen vertraut gemacht habe. Für Handwerksbetriebe sei dies sehr schwierig. Letztlich war es aber für beide Seiten eine lohnende Investition. "Gerne möchten wir auch zukünftigen Auszubildenden die Möglichkeit geben, ein Auslandspraktikum im Rahmen des Programms ,AusbildungWeltweit’ zu absolvieren", erklärt sie. 

Positive Rückmeldungen von vielen Seiten

Über den Auslandsaufenthalt von Jan-Erik Dicke hat die auf Holzrahmenbau spezialisierte Zimmerei auf Facebook berichtet. "Natürlich haben wir uns auch davon erhofft, dass potenzielle Azubis auf uns aufmerksam werden." Positive Rückmeldung hat Katharina Wiese aber nicht nur von Schülern, sondern auch von Lehrern und Kollegen aus dem Handwerk bekommen. "Schön, dass ihr so etwas anbietet", lautete der Tenor. Da Jan-Erik Dicke als Ausbildungsbotschafter aktiv ist und in Schulen für eine Zimmerer-Ausbildung wirbt, könnte der Afrikatrip sogar noch weitere Kreise ziehen. Denn der junge Handwerker hat viel zu erzählen. 

Als Azubi viel Verantwortung übernommen

Fachliches Highlight in Namibia: Der Praktikumsbetrieb von Jan-Erik Dicke gehört zu den wenigen Firmen weltweit, die aus selbst hergestelltem Leimholz zweifach gekrümmte Freiformbögen herstellen. Foto: © privatFachliches Highlight in Namibia: Der Praktikumsbetrieb von Jan-Erik Dicke gehört zu den wenigen Firmen weltweit, die aus selbst hergestelltem Leimholz zweifach gekrümmte Freiformbögen herstellen. Foto: © privat

"Holzbau Hess ist eine von wenigen Firmen weltweit, die aus selbst hergestelltem Leimholz zweifach gekrümmte Freiformbögen machen und eine eigene Abbundmaschine haben", berichtet Jan-Erik Dicke. Er selbst habe aber nicht daran gearbeitet, sondern sei überwiegend auf Baustellen unterwegs gewesen. Für einen Auszubildenden im zweiten Lehrjahr wurde ihm viel Verantwortung übertragen. "Ich habe den Arbeitern auf Englisch erklärt, wie sie die Bretter für einen Terrassenbelag kappen und vorbohren müssen."

Gerne gibt er auch die Geschichte von der Betonwand zum Besten. "Erst wurde sie hochgezogen, dann aufgestemmt, weil die Schächte für Rohre und Kabel fehlten, wieder zugemacht, verputzt und angestrichen, um dann zwei Wochen später erneut aufgestemmt zu werden, da noch die Fenster reinmussten." Mit der Arbeitssicherheit nehme man es ebenfalls eher locker. "Helme sind nicht vorgeschrieben und Gerüste werden selbst bei Höhen ab fünf Metern nicht gebraucht."

Einladung vom freundlichen Pannenhelfer

Angetan ist der Azubi von der Hilfsbereitschaft der Namibier. Als er einen Unfall mit einem Leihwagen im Etosha-Nationalpark hatte, hat ihn der Fahrer des Abschleppwagens nach zwölfstündiger Fahrt auch noch mit in sein Haus genommen, einen Raum zum Übernachten für ihn freigemacht und selbst mit seiner vierköpfigen Familie in einem Zimmer geschlafen. "Obwohl man selbst wenig hat, einem Fremden so viel zu geben – das hat mich echt beeindruckt!"

Jan-Erik Dicke hat es in Namibia gefallen. Dort arbeiten möchte er jedoch nicht. "Das Material ist teurer als die Leute. Deshalb geht dort alles viel zu langsam voran." Den 20-Jährigen stört es, wenn er am Ende des Tages kaum etwas geschafft hat. Er rät aber jedem Azubi dazu, selbst einmal für mehrere Wochen das gewohnte Umfeld zu verlassen und einen Blick über den Tellerrand zu werfen. "Viele wissen gar nicht, wie gut wir es in Deutschland haben. Wer im Ausland war, weiß die Qualität der dualen Berufsausbildung und die Arbeitssicherheit zu schätzen."

Auslandspraktika außerhalb Europas"AusbildungWeltweit" ist ein Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Darüber werden seit dem Jahr 2017 Auslandspraktika während der beruflichen Erstausbildung in Zielländer gefördert, die nicht durch das europäische Förderprogramm Erasmus+ abgedeckt werden. Ausbildungsbetriebe, Kammern und andere Einrichtungen der Berufsausbildung können Zuschüsse für ihre Auszubildenden und für betriebliches Ausbildungspersonal beantragen. Seit 2020 können auch berufliche Schulen Förderanträge stellen. Voraussetzung für eine Antragstellung ist, dass bereits ein Partnerbetrieb im Ausland gefunden wurde.
Die nächste Antragsfrist für Auslandsaufenthalte bis Ende September 2021 endet am 18. Juni 2020. Für Auslandsaufenthalte bis Ende Januar 2022 können Förderanträge bis zum 15. Oktober 2020 eingereicht werden. Bei Fragen zur Antragstellung steht das Team von "AusbildungWeltweit" per E-Mail oder telefonisch unter 0228/1071611 zur Verfügung. Auskünfte erteilen aber auch die Mobilitätsberater der Handwerkskammern sowie Industrie- und Handelskammern, die über das Programm "Berufsbildung ohne Grenzen" vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert werden.

Text: / handwerksblatt.de

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