Handwerk

Foto: © CRT Franche-Comté

Entdeckungen in der Franche-Comté

Panorama - Reise

Auch jenseits touristischer Hochburgen wie Besançon oder Belfort gibt es im Osten unseres Nachbarlandes Frankreich viel zu erkunden. Zum Beispiel eine fast vergessene handwerkliche Tradition.

Mit dicken Metallstangen, den Glasmacherpfeifen, entnehmen die Männer vorsichtig ein wenig flüssiges Glas aus den glühenden Öfen, die bis zu 1130 Grad heiß werden. Das zähflüssige Material bearbeiten sie an Werkbänken mit archaisch anmutendem Holzwerkzeug, drehen, blasen und schwenken es so lange, bis es die richtige Form bekommt. In der Werkhalle der Kristallglasfabrik von Passavant-la-Rochère bekommen die Zuschauer hinter der Absperrung zu sehen, wie mundgeblasenes Glas hergestellt wird. Vom Kölblmacher, der das Glas aus dem Ofen nimmt, über den Anfänger, den Stielzieher, den Meister, und die assistierenden Kreier, die immer wieder Masse hinzufügen und formen, bis hin zum Einträger, der es zur Kühlung bringt, sind acht Experten an der Herstellung eines Glases beteiligt.

Zehn Jahre dauert es, alle Stufen zu durchlaufen und ein guter Glasmacher zu werden. Nur noch fünf bis acht Prozent der Produktion in La Rochère ist mundgeblasen, der Rest wird industriell hergestellt. Die älteste Glasmanufaktur Frankreichs, gegründet 1475, bietet neben kunstvoll gefertigten Vasen, Karaffen, Gläsern, Schalen und Lampenschirmen mittlerweile auch Glasbausteine für die Bauindustrie an. Wer weiß, wie lange die Traditionshandwerker hier noch kostbare Einzelteile vor den Augen der Touristen anfertigen werden, denn Nachwuchs wird derzeit nicht ausgebildet.

Kleiner Ort mit viel Geschichte

Der Norden der Franche-Comté nahe Lothringen und dem Elsass hat Besuchern mit den Vogesen nicht nur reichlich Natur zu bieten. Das verschlafene Örtchen Luxeuil-les-Bains lockt beispielsweise mit einem stilvollen Thermalbad aus dem 18. Jahrhundert und mit seinem beeindruckenden historischen Stadtzentrum voller denkmalgeschützter Gebäude der Gotik und Renaissance. Der verwendete rosa Buntsandstein stammt aus den nahe gelegenen Vogesen.

Blick auf Luxeuil-les-Bains; Foto: © CRT Franche-Comté Blick auf Luxeuil-les-Bains; Foto: © CRT Franche-Comté


Zahlreiche Ausgrabungsstätten zeugen von der reichen Geschichte des Ortes, der im ersten Jahrhundert vor Christus von den Römern als Luxovium gegründet worden ist. Auch die im sechsten Jahrhundert vom irischen Mönch St. Kolumban gegründete Abtei sowie die Basilika St. Pierre sind beliebte Touristenattraktionen. Schon jetzt bereitet sich die Stadt darauf vor, das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr des Heiligen Kolumban 2015 mit zahlreichen Veranstaltungen zu feiern.

Flammender Brief gegen die Sklaverei

Maison de la Négritude in Champagney; Foto: © CRT Franche-Comté Maison de la Négritude in Champagney; Foto: © CRT Franche-Comté

Noch mehr Historisches erfährt man in Champagney. Hier steht das „Maison de la Négritude", ein Museum über die Geschichte der Sklaverei. Entstanden ist es, weil die Bewohner des Ortes am Vorabend der Französischen Revolution in einem Beschwerdebrief an König Ludwig den XVI. die Sklaverei anprangerten. Afrikaner, die damals hauptsächlich als Sklaven gehandelt wurden, kannten sie selbst aber nur vom Gemälde eines unbekannten Künstlers, das die Heiligen Drei Könige darstellte, und bis heute in der Kirche von Champagney hängt.

Der Brief lagerte unbeachtet in einem Archiv, bis der Historiker und Journalist René Simonin ihn 1970 fand und zum Anlass nahm, in seinem Heimatort das Museum zu eröffnen. Es dokumentiert die unmenschlichen Bedingungen der Sklaventransporte und -arbeit, aber auch die zahlreichen Aufstände und führt eindrucksvoll vor Augen, dass auch heute noch Geld mit Menschenhandel verdient wird. Champagney ist mit seinem Museum eine von fünf Stationen auf einer französischen Route zur Abschaffung der Sklaverei. Weitere bilden unter anderem die Häuser der Sklavereigegner und Politiker Victor Schoelcher in Fessenheim und Abbé Henri Grégoire in Emberménil.

Eine Kapelle wie ein weißes Schiff

Kapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp; Foto: CRT Franche-Comté Kapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp; Foto: CRT Franche-Comté

Die Franche-Comté birgt zudem eine beliebte Wallfahrtsstätte für Architekturliebhaber. Sie pilgern in das nur wenige Kilometer von Champagney entfernte Ronchamp zur Kapelle Notre-Dame-du-Haut, die 1955 von Le Corbusier vollendet worden ist.
Nur vier Kirchen hat der berühmte Architekt gebaut, und diese ist in ihrer wohldurchdachten und -konstruierten Form längst zur Architekturikone der Moderne geworden. Wie ein gewaltiges weißes Schiff hat sie auf dem grünen Hügel ihre Segel gesetzt und zieht geistliche wie weltliche Pilger aus aller Welt an. Der etwas separat stehende Glockenturm stammt von dem französischen Designer und Architekten Jean Prouvé. 2011 fügte Renzo Piano den neuen Portikus hinzu und baute ein Kloster für die Klarissen in den Hügel hinein. Neun Schwestern leben hier und haben abseits des touristischen Trubels einen Ort der Stille geschaffen. Schön und besonders.
Gourmettipp: Die original Küche der Gegend lässt sich unter anderem im Restaurant „Sucré Salé" in Luxeuil-les-Bains oder im Restaurant Marchal in Ronchamp genießen. „Sucré Salé" ist vor allem für seine opulenten Nachtische und die selbstgemachten Pralinen bekannt. Wer Süßes mag, kommt zudem nicht an den „Griottines" vorbei, kleinen in Kirschwasser eingelegten Wildsauerkirschen, die zu Vanilleeis, Schokoladencreme oder in einem Glas Sekt ihr volles, süß-herbes Aroma entfalten. Mehr Informationen über die Franche-Comté bietet das Fremdenverkehrsamt der Region.

Text: / handwerksblatt.de