Eher Trutzburg als eine Kathedrale. Die Sankt-Cäcilia-Kathedrale in Albi.

Eher Trutzburg als eine Kathedrale. Die Sankt-Cäcilia-Kathedrale in Albi. (Foto: © Ville d'Albi)

Südfrankreich: Die Kathedrale der Angst

Panorama - Reise

Begleiten Sie uns auf eine spannende Tour durch das Land der Katharer – Albi, die Perle des Tarn im Herzen Südfrankreichs.

Dieser Kleriker muss von Angst zerfressen gewesen sein. Vor uns türmen sich Tausende von Backziegeln auf. Ein rotes Ungeheuer, eher eine Trutzburg als eine Kathedrale. Sankt-Cäcilia-Kathedrale, so feminin grazil heißt die Kathedrale von Albi. Fast 80 Jahre nach dem Kreuzzug gegen die Albigenser, die Katharer, beauftragte Bischof Bernard de Castanet den Bau dieser katholischen Festung. Die Katharer, eine puristische Glaubensgemeinschaft, hatte den Papst herausgefordert. Und da es so gut in das Machtstreben des französischen Königs passte, diesen gleich mit. Der wirtschaftlich interessante Süden war schon länger das Ziel des Monarchen.

In jahrzehntelange Auseinandersetzung metzelten die anstürmenden Kreuzritter im Auftrag des Papstes alles und jeden nieder, Kinder, Frauen, Männer, Alte und Jüngere und so fatal für die Menschen der Region: wenn die Ritter die Attackierten nicht auseinanderhalten konnten, schlachteten sie gleich alle ab. All dies ist Jahrhunderte her, und dennoch durch die übermächtige Kathedrale im Stadtbild der Hauptstadt der Tarn-Region präsent. Nie wieder sollten Sektierer die katholische Kirche herausfordern.

Horrorbilder im Chorschiff

Die Wandgemälde im Chorschiff erinnern an eine düstere Zeit. Foto: © CDT du Tarn C. Rivere
Die Wandgemälde im Chorschiff erinnern an eine düstere Zeit. Foto: © CDT du Tarn C. Rivere

Heute muss es den Touristen schwerfallen, nachzuempfinden, was die Repräsentanten des Papstes und des Königs den Menschen antaten. Sie stehen staunend vor dem roten Koloss. Sie laufen durch das ausladende Chorschiff bis zum Altar, wo in einem mehrere Meter großen Ölgemälde das mittelalterliche Weltbild dargestellt ist.

Die Gottesfürchtigen im 13. Jahrhundert müssen vor Angst erstarrt in den Kirchenbänken gehockt haben. Horrorbilder, in denen menschliche Verhaltensweisen mit Schlangen und Feuer bestraft werden, die Hölle im bildlichen Sinne - schlimmer geht es nicht. Die seinerzeitige Obrigkeit wusste um die Macht von Propaganda und Einschüchterung.

Verborgenes Juwel

Ganz so eingeschüchtert, wie der Erzbischof gehofft hatte, waren die Leute von Albi aber nicht immer. Kleine Türme zierten die Seiten der Kathedrale einstmals – heute sind nur noch zwei übrig, der übrige Teil wurde auf Geheiß der Bürger Albis geschleift. Wer vor dem Tourismusbüro von Albi mit seinen 50.000 Einwohnern steht, ganz im Schatten der Kirchentrutzburg, fragt sich: Warum ist diese Stadt bisher so wenig von den Touristen entdeckt worden? Als die Tour de France mit ihren Hunderten Rennrädern über die Pont Neuf rollte, stand Albi kurz im Fokus. Ansonsten ist die Stadt unbemerkt, ein verborgenes Juwel, und das völlig zu Unrecht.

Ein Maler mit teuflischen Zügen

Für die katholische Kirche müsste der maler Toulouse-Lautrec durch seine Zeichnungen teufliche Züge besessen haben. Foto: © Vijorovic D
Für die katholische Kirche müsste der maler Toulouse-Lautrec durch seine Zeichnungen teufliche Züge besessen haben. Foto: © Vijorovic D

Der große Maler Toulouse-Lautrec hat hier gelebt, seine Familie, ein Großteil seines Werkes ist heute im bischöflichen Palast ausgestellt. Die Meisterwerke des Pariser Nachtlebens. Die Ausstellung mit ihren 1000 Gemälden, Zeichnungen und Plakaten ist ein Genuss und man kann nur froh sein, dass Paris seinerzeit die Räumlichkeiten für die Exponate nicht zur Verfügung stellen wollte. Für die katholische Kirche muss der kleine Maler teuflische Züge gehabt haben.

Szenen aus dem Pariser Nachtleben liebte der Mann aus dem Südwesten Frankreichs. Dirnen, Chansonniers, Bohémes mussten den Klerikalen als Provokation von seinen Werken entgegenstarren. Insofern ist die Unterbringung im erzbischöflichen Palast ein Paradoxum der besonderen Art. Die Inquisition des Papstes wäre mit Freude zu Werk gegangen. Der Teufel und Albi gehören eng zusammen.

Handwerker bescherten Wohlstand

Die kleinen Dörfer nördlich von Albi wirken dagegen wie himmlische Zeugen. Cordes sur Ciel ist ein solcher Ort. Seile am Himmel lautet die profane Übersetzung dieser Bastide, dieser Festungsstadt mit ihrer wunderbaren gotischen Architektur. Hier ist die Zeit stehengeblieben. Cordes sur Ciel hatte im Mittelalter als Handelszentrum Strahlkraft, vor allem für Lederware und als Bindeglied zur Handelsmacht Spaniens. Die Prunkbauten gegenüber der Markthalle zeugen von dieser guten alten Zeit. Handwerker und Händler bescherten dem kleinen Ort Wohlstand. Das Kopfsteinpflaster ist zwar nicht rollatorgerecht, aber authentisch zwischen den vielen Häuser aus Ziegeln und Bruchstein. Die kleinen Läden sind touristisch ausgerichtet und immer ein gutes Ziel für kunsthandwerklich orientierte Shopper und Schmuckverliebte.

Zeitzeugnis einer Besiedelung

Aussicht auf Albi Foto: © Ville d'Albi
Aussicht auf Albi Foto: © Ville d'Albi

Von diesem Punkt sind es 87 Kilometer bis zur Klosterschule von Sorèze. Sorèze verdankt seinen Ursprung der Entwicklung der Benediktiner-Abtei Notre-Dame de la Sagne. Sie wurde 754 von Pépin d'Aquitaine unterhalb des Wehrortes Verdininius gegründet, das später Puyvert hieß und heute Berniquat, Zeugen einer sehr alten Besiedelung. Die im 9. Jahrundert von den Normannen zerstörte Abtei wurde im 10. Jh. wieder aufgebaut. Dort entstand die Unterstadt von Sorèze, die als "Ville Vieille" bezeichnet wird.

Wandteppich inspiriert durch die Natur

Im Museum Dom Robert in der Abtei-Schule von Sorèze sind Wandteppiche zu bewundern, die zum immateriellen Welterbe der UNESCO gehören. Der Teppichweber und Mönch aus der benachbarten Abtei En Calcat war ein Freund des bekannten Künstlers und Webers Jean Lurçat. Dom Robert trug mit seinen zeitlosen Kreationen, inspiriert von der Natur der Montagne Noire, zu einer Renaissance der Teppichweberei von Aubusson auf typischen Webstühlen bei.

Hervorragende AOC-Weine

Über 200 Winzer und drei Winzergenossenschaften sorgen für hervorragende AOC-Weine. Foto: © Ville d'Albi
Über 200 Winzer und drei Winzergenossenschaften sorgen für hervorragende AOC-Weine. Foto: © Ville d'Albi

Wer das Kloster verlässt, fährt durch die Weinanbaugebiete der ältesten Lagen Frankreichs. In der Vorgeschichte wuchsen die Reben wild an den Hängen des Tarn, die Römer kultivierten den Weinbau, dem die Mönche später zur Perfektion und Blüte verhalfen. Schon 972 gelang es den Ordensbrüdern der Abtei St. Michel in Gaillac sogar Schaumwein zu produzieren, lange bevor ein gewisser Dom Pérignon den Champagner erfand. Heute sorgen 200 Winzer und drei Winzergenossenschaften in den Weinlagen von Gaillac mit sieben lokalen Rebsorten für hervorragende AOC-Weine.

Insgesamt bringt das Anbaugebiet vielseitige Weine hervor, kräftige Rotweine, süße, trockene und natürlich perlende Weißweine, Rosés, sowie Schaumweine und Primeurs. Die Winzer und Weinlagen im Anbaugebiet von Gaillac gehörten mit zu den ersten in Frankreich, die aufgrund ihres Engagements für den Weintourismus das landesweite Label "Vignobles et Découvertes" erhielten. Diese Auszeichnung umfasst ein breites Angebot rund um den Wein, von Weinstraßen, Kellerei-Besichtigungen, önologischen Kursen, Unterkünfte auf Weingütern bis hin zu Freizeitaktivitäten.

Die Region des Tarn muss in vielerlei Hinsicht keine Konkurrenz fürchten, das Angebot ist breit und vielseitig. Wer das Flair der Großstadt sucht, sollte Toulouse nicht auslassen. Die rote Universitätsstadt gilt nicht umsonst als eine der schönsten Städte Frankreichs.

Restaurant Lou Cantoun
Wer den Gaumenschmaus pflegen möchte, sollte im Lou Cantoun einkehren. Der Ort Cestayrols ist so klein, dass man fast vorbeifährt. Dabei zeigt der Küchenchef Bernard Gisquet mit besonderer mediterraner Küche, was der kulinarisch drauf hat. Reservierung ist bei der Beliebtheit dieses Restaurants empfohlen.

Das Alchimy
Das Hotel und Restaurant Alchimy ist ein feines Art-deco-Hotel aus den 20erJahren des vergangenen Jahrhunderts. Nicolas und Laura Miquel führen diese Herberge in Albi. Den beiden Geschwistern hat Onkel Laurent Miquel den Weg geebnet, als er das Haus kaufte und sanierte. Die Küche des mediteranen Restaurants ist formidabel, die Bar klein, aber fein. Das Frühstück ist exquisit, aber französisch karg. Die Hotelzimmer sind im Stil des Hauses eingerichtet und so herausragend vom Interieure wie die Lage des Hotel in der Altstadt von Albi.

Restaurant Le Pont du Tarn
In der Nummer 1 der Rue d’Engueysse findet sich ein kleines und besonderes Restaurant, das seinen Name von der naheliegenden Brücke über den Tarn hat. In diesem vor einem Jahr eröffneten Restaurant IN Albi wird eine Küche mit Produkten fast ausschließlich aus der Region Tarn serviert. Kleine Produzenten und Züchter werden für die Zutaten bevorzugt. Die Gerichte zaubert Maggy Debeaulieu, die Geschäfte führt ihr Mann Philippe. Le Pont du Tarn bietet von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr abends Brunch, Tapas und Menüs, sieben Tage in der Woche.

Restaurant und Hotel Château de Salettes, Lieu-dit Salettes –Tel. 05 63 33 60 60
Das Viersterne-Haus Château de Salettes (Hotel-Restaurant mit der Auszeichnung «Logis d’Exception») in Cahuzac-sur-Vère. Das Schloss gehörte der Familie des Malers Toulouse-Lautrec und ist noch immer ein traditionelles Weingut der Gaillac-Lagen. In einem der schönsten Landstriche des Departements Tarn werden im Château de Salettes nach wie vor hervorragende Tropfen produziert. Das Restaurant darf sich seit einigen Jahren mit einem Michelin-Stern schmücken. Der Außenpool mit seinem Panorama bietet Erholung pur. Die Zimmer sind überaus großzügig, unter anderem im Turm des Chateaus, was ein mittelalterliches Flair gibt.  

Text: / handwerksblatt.de

Das könnte Sie auch interessieren: