Präsident Hans Hund (l.) und Hauptgeschäftsführer Matthias Heidmeier vom Westdeutschen Handwerkskammertag blicken zuversichtlich in das neue Jahr.

Präsident Hans Hund (l.) und Hauptgeschäftsführer Matthias Heidmeier vom Westdeutschen Handwerkskammertag blicken zuversichtlich in das neue Jahr. (Foto: © WHKT)

Zukunftsfähigkeit des Handwerks unter Beweis stellen

Politik

Interview. WHKT-Präsident Hans Hund und WHKT-Hauptgeschäftsführer Matthias Heidmeier über die berufliche Bildung und die Corona-Folgen.

Die Ausbildungszahlen 2020 sind gegenüber 2019 zurückgegangen, die Lehrlingswerbung für das kommende Ausbildungsjahr gestaltet sich auch schwierig. Dabei stehen die Chancen zur Nachwuchsgewinnung gut: Mit den Zukunftsthemen Digitalisierung und Nachhaltigkeit, aber auch den Aufstiegs- und Erfolgsperspektiven hat das Handwerk gute Argumente, sagen Präsident Hans Hund und Hauptgeschäftsführer Matthias Heidmeier vom Westdeutschen Handwerkskammertag (WHKT).

DHB: Das Bundesinstitut für Berufsbildung BiBB hat die neuesten Ausbildungszahlen vorgelegt. Für das Handwerk ging die Zahl der Lehrverträge bundesweit um 11,0 Prozent herunter. Ist das dem Virus geschuldet?
Hund: Natürlich spielt das Virus eine wichtige, längst aber nicht die einzige Rolle. Den Betrieben fehlt aktuell allerdings das entscheidende Moment in der Lehrlingsgewinnung: der persönliche Kontakt. Ausstellungen, Messen, Jobbörsen – diese Präsentationsmöglichkeiten der Betriebe sind weggefallen. Auch 2021 wird uns das begleiten, deswegen müssen wir uns jetzt intensiv auf das kommende Ausbildungsjahr vorbereiten. Wir müssen alles dafür tun, damit sich der Rückgang bei den Zahlen nicht in gleicher Weise fortsetzt. Sonst wird aus dem Fachkräfteengpass schnell eine Fachkräftekrise. Die vor uns liegende Aufgabe ist groß, denn den nötigen Gesundheitsschutz nehmen wir gerade im Handwerk sehr ernst.
Heidmeier: Das Paradoxe ist ja, dass die Aufstiegs- und Sicherheitsperspektiven des Handwerks dieser schwierigen Lage entgegenstehen. Wer im Handwerk heute mit einer Ausbildung startet, hat beste Berufschancen – das hat ja auch die Corona-Krise gezeigt, dass wir insgesamt im Vergleich zu vielen anderen Branchen gut dastehen. Gute Aussichten für junge Leute!

DHB: Diese Perspektiven lassen sich zum Beispiel in Rahmen von Praktika vermitteln …
Hund: … deren Nachfragen auch eingebrochen sind – ungeachtet der Hygieneanforderungen, die die Betriebe erfüllen. Es fehlt tatsächlich an diesen Plattformen, um den jungen Menschen bei der Berufsauswahl Entscheidungshilfen zu geben, sich gegenseitig kennenzulernen und den entscheidenden Anstoß zu initiieren. Das Kernproblem ist wirklich, dass die Kontakte der jungen Menschen zu den Betrieben nicht bestehen. Auch Betriebe sind verunsichert und haben sich zum Teil zurückgezogen. Dem müssen wir entgegenwirken und beide Vertragspartner mit digitalen Angeboten besser erreichen und zusammenführen.
Heidmeier: Da setzen wir an und versuchen, Eltern und Lehrkräfte mit ins Boot zu holen, stellen aber immer wieder fest, dass das Handwerk zu selten eine Option darstellt. Was wir brauchen, ist ein realistisches Selbstverständnis davon, was duale Ausbildung und Höhere Berufsbildung im Handwerk tatsächlich zu bieten hat. Wir müssen im Handwerk weiter dicke Bretter bohren, um auch alte Vorurteile abzuräumen.

DHB: Aber müssten Sie nicht schon in der Universität ansetzen, um in der Ausbildung der Lehrkräfte das Handwerk zu verankern?
Heidmeier: Sie haben recht, an der Universität ist das Handwerk nicht präsent. Wir haben das Problem, dass die Schulformen verschwinden, aus denen das Handwerk früher Nachwuchs akquiriert hat – und in den Konzepten der weiterführenden Schulen kommt das Handwerk nur wenig oder gar nicht vor. Immer mehr machen daher das Abitur mit einer weitergehenden Akademisierung. Das sind Nachwuchskräfte, die wir für uns gewinnen müssen. Hierfür wäre es wichtig, dass gerade Lehrkräfte bereits in ihrer Ausbildung mehr über das duale Berufsbildungssystem, das Handwerk und den Chancenreichtum erfahren.

DHB: Uni ist Theorie, Handwerk Praxis, da treffen zwei unterschiedliche Konzepte aufeinander. Aber haben Sie nicht eine Chance durch die viel gerühmte Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung?
Heidmeier: Seit der letzten Modernisierung des Berufsbildungsgesetzes hat das Handwerk mit den drei Fortbildungsstufen die Chance, sehr deutlich nach außen zu zeigen, dass Fortbildungsangebote wie Meister, Betriebswirt, Restaurator auf gleichem Niveau wie akademische Bachelor- und Masterabschlüsse sind. Die Anrechnung von Berufsbildungsabschlüssen auf Hochschulstudiengänge bleibt ein Dauerthema, weil sich gerade staatliche Hochschulen hier oft verweigern. Zur Stärkung der betrieblich verantworteten Berufsbildung im Handwerk haben wir zwar Verbündete in der Politik, aber noch zu wenig in den Kultus- und Wissenschaftsministerien der Bundesländer.

DHB: Stärkt die Krise damit nicht auch das Image des Handwerks?
Hund: Das hängt sicherlich auch mit unserer Imagekampagne zusammen. Sie hat einer breiten Öffentlichkeit gezeigt, wie viele positive Botschaften es aus dem Handwerk gibt. Aber es gibt immer noch viel Unwissenheit über das Handwerk. Es geht dabei nicht um schmutzige, simple Arbeiten. Die Betriebsinhaber und ihre Mitarbeiter sind hochqualifiziert, allein auch schon deshalb, weil die Anforderungen und Tätigkeiten sehr komplex geworden sind.
Heidmeier: Imagebildend fürs Handwerk ist natürlich vor allem auch die Arbeit an den großen Zukunftsthemen, die auch dem WHKT neben der Fachkräftesicherung besonders wichtig sind: Wir sprechen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Viele Betriebe arbeiten bereits mit modernen digitalen Lösungen. Handwerk kann Digitalisierung. Da wollen wir weiter mutig nach vorne gehen. Wir arbeiten derzeit intensiv an einer digitalen Agenda im nordrhein-westfälischen Handwerk. Und als nachhaltiger Wirtschaftszweig sind wir natürlich eine gute Adresse für junge Menschen, die sich sinnvoll engagieren wollen.
Hund: … und wir sind gerade mit Blick auf den Klimaschutz eben nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung. Nachhaltigkeit gehört zum handwerklichen Selbstverständnis. Nicht nur in der Leistungserstellung, sondern auch in der Ausbildung von Nachwuchskräften, auch für die Führungsebene und die Selbstständigen im Handwerk von morgen.

DHB: Gibt es einen Effekt durch Corona oder eben diesen Zukunftsthemen auf die Gründerzahlen im Handwerk?
Hund: Das lässt sich noch nicht genau sagen, auch wenn die Zahl der Neugründungen aktuell rückläufig ist. Aber das Pendel schlägt auch wieder zur anderen Seite aus. Was oft übersehen wird, gerade von Außenstehenden, ist das Thema der Betriebsübernahmen. Damit muss keiner neu anfangen und selbst Strukturen aufbauen, kann aber dennoch seine Akzente setzen und erfolgreich am Markt agieren. Damit landen wir wieder bei den Chancen im Handwerk.
Heidmeier: Für Gründer und Betriebsübernehmer im Handwerk gibt es zudem die Meistergründungsprämie, die das Land NRW jetzt noch einmal stark verbessert hat. Sie wird einfacher, digitaler, und es gibt mehr Geld. Diese Förderung ist ein wichtiges Signal für das nordrhein-westfälische Handwerk. Und sie ist gut für unseren Wirtschaftsstandort, denn Gründung im Handwerk ist ein chancenreicher Weg aus der Krise. Für den Rückenwind gebührt dem Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart und seinem Ministerium ein dickes Lob.

DHB: Gilt das auch für die Corona-Hilfen im Frühjahr 2020 und beim aktuellen Lockdown?
Hund: Wir sind dankbar, dass Bund und Land so schnell und unbürokratisch Hilfen in der ersten Krisenphase bereitgestellt haben. Bei den aktuellen Hilfen für November und Dezember haben wir allerdings große Auszahlungsprobleme. Zudem zeigt sich nun, dass wir gerade für betroffene kleine Unternehmen, mit wenigen Beschäftigten, wie das zum Beispiel bei vielen Frisörbetrieben der Fall ist, eine echte Unterstützungslücke haben. Hier müssen Bund und Land dringend nachsteuern. Da wird es schon für manche Betriebe eng.
Heidmeier: Es ist natürlich auch ein Kommunikationsproblem: Wenn etwas November-Hilfe heißt, dann aber erst ab Januar ausgezahlt wird, verliert man Vertrauen. Für die vom Lockdown betroffenen Betriebe brauchen wir weiterhin konkrete Unterstützung. Sie haben sich ihre Schließung ja nicht ausgesucht, sondern sie bringen hier ein großes Solidaropfer. Doch was wir jetzt vor allem auch brauchen, sind verlässlichere Perspektiven für die Zukunft. Es geht nicht darum, die aktuellen Lockdown-Maßnahmen infrage zu stellen. Im Gegenteil: Hier brauchen wir gesamtgesellschaftliche Solidarität und auch Durchhaltevermögen, um den Virus zu bekämpfen. Es geht aber schon darum, jetzt Strategien für die Zukunft auf den Weg zu bringen. Wirtschaft braucht Perspektiven. Mit der Impfung muss die Debatte jetzt an Fahrt gewinnen.

DHB: Was ziehen Sie für Lehren aus der Krise?
Hund: Corona hat sich niemand gewünscht. Wir sind alle froh, wenn die Krise vorbei ist. Doch auch in einer Krise zeigen sich Chancen. Insgesamt haben wir allen Grund zur Zuversicht. Das Handwerk war und ist der Stabilitätsanker in der Krise. Der Zusammenhalt des nordrhein-westfälischen Handwerks, das gute Miteinander von Arbeitgebern und Arbeitnehmern und die exzellente Zusammenarbeit innerhalb der Handwerksorganisation – das alles ist gut für unsere Betriebe und ihre Beschäftigten. So können wir uns gerade für jene stark machen, die unter der Krise leiden. Für den WHKT bleibt auch im neuen Jahr entscheidend: Wir organisieren weiterhin ein effizientes Krisenmanagement, wollen aber gleichzeitig bei den großen Zukunftsthemen des Handwerks wichtige Schritte nach vorn machen. Unser Ziel ist es, in diesem Jahr besonders, Corona zu trotzen und die Zukunftsfähigkeit des Handwerks unter Beweis zu stellen.

Das Interview führte Stefan Buhren.

Text: / handwerksblatt.de

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