Crowdfunding eine neue Möglichkeit, für Betriebe an neue Investoren zu kommen, um Projekte oder neue Produkte zu realisieren.

Crowdfunding eine neue Möglichkeit, für Betriebe an neue Investoren zu kommen, um Projekte oder neue Produkte zu realisieren. (Foto: © pasiphae/123RF.com)

Neu: Crowdfunding für Handwerksbetriebe

Finanziert wird aus Eigenmitteln oder durch den klassischen Bankkredit – das ist der Alltag in den meisten Handwerksbetrieben. Wer damit nicht zufrieden ist, sollte sich mal über die Schwarmfinanzierung informieren. Denn Crowdinvesting ist längst nicht mehr nur für etwas für junge, hippe Gründer mit kreativen Geschäftsideen.

Claudius Holler und Daniel Plötz können jetzt endlich durchstarten. Monatelang hatten die beiden Gründer und Geschäftsführer des Limonadenherstellers Leetmate an der Rezeptur ihrer Matebrause getüftelt und sie optimiert: Zitronensäure ersetzten sie durch Zitronensaft, weniger Zucker, aber mehr Koffein sollte drin sein. Nun kann die Firma wieder liefern. Großhändler und Verbraucher stehen in Deutschland bereits Schlange. Möglich machte das die Crowdinvesting-Plattform DMI Deutsche Mikroinvest. Denn dem 2010 gegründeten Unternehmen fehlte vor allem eines für die neue Abfüllung und die geplante Expansion: Kapital.

Über das Internetportal der DMI können Firmen ihr Geschäftskonzept präsentieren und über einen Schwarm von Investoren Kapital einsammeln. Die Deutsche Mikroinvest richtet sich vor allem an kleine und mittelständische Unternehmen – und nicht an junge Startups wie andere große Anbieter wie Seedmatch oder Companisto. Und ist damit nicht die einzige: Im vergangenen Jahr gingen mehrere neue Portale mit einer ähnlichen Zielgruppe an den Start. Zu den jüngsten Anbietern gehört auch Bankless24, das sich nach eigenen Angaben ausschließlich auf den Mittelstand konzentriert. Die Plattform Bergfürst ist ebenfalls seit 2012 am Netz und zielt vor allem auf innovative Wachstumsunternehmen.

"Der große Vorteil ist: Man bekommt nicht nur Kapital..."

164.000 Euro haben Holler und Plötz bisher über DMI an Kapital eingesammelt – bei 108 Investoren. "Wir wollten eine Stufe größer werden", berichtet Claudius Holler. "Gerade die erste Expansionsphase und daraus folgende größere Produktionsmengen erfordert Investitionsbedarf." Mit dem frischen Geld wollen sie in diesem Jahr auch ein eigenes Bier auf den Markt bringen – und im Ausland expandieren. Mehr als 200.000 Flaschen, so der Plan, wollen sie dieses Jahr verkaufen. 2017 soll die Absatzmenge auf fast sieben Millionen Flaschen steigen.

Für eine Finanzierung durch Crowdinvesting hatten sich die beiden Unternehmer ganz bewusst entschieden. "Der große Vorteil ist: Man bekommt nicht nur Kapital, sondern auch Marketing und eine Menge Investoren, die an die Geschäftsidee glauben und ein Interesse daran haben, dass das Projekt Erfolg hat", sagt Holler. "Ein Investor hat 20.000 Euro gegeben – und am nächsten Tag angerufen und gefragt, ob wir Hilfe brauchen." Jeder informiere außerdem seine Freunde darüber: "Das ist ein riesiger Multiplikatoreneffekt."

100 Euro müssen Investoren mindestens bei Leetmate anlegen. Nach fünf Jahren können diese den Vertrag erstmals kündigen. Dafür zahlt Leetmate den Geldgebern steigende Zinsen von sieben bis 11 Prozent pro Jahr. Die Kapitalkosten liegen damit höher als bei einem Bankdarlehen. "Aber so haben wir das Marketing gleich mit dabei, was uns sonst Tausende Euro kosten würde", erklärt Plötz.

"Wir bringen Unternehmen, die Kapital suchen, mit Investoren zusammen", sagt Knut Haake, Geschäftsführer der Deutschen Mikroinvest. Die Betriebe legen fest, wie viel Geld sie insgesamt einsammeln wollen. Und ab welcher Summe Kapitalgeber einsteigen können – also ob sie etwa mindestens 100, 250 oder 1000 Euro anlegen müssen. Auch die Laufzeit, den Zinssatz und die Art der Finanzierung bestimmt das Unternehmen bei DMI selbst: Möglich ist dies zum Beispiel über eine reine Kreditvergabe im Pool wie bei Leetmate oder auch über eine stille Beteiligung oder Genussrechte.

Projekte auf der Plattform vorstellen

Für ihre Dienstleistung verlangt die Deutsche Mikroinvest derzeit nach eigenen Angaben zwischen 6,15 und 8,75 Prozent an Provision von der Investitionssumme und eine Gebühr für die Nutzung der Plattform. Dafür stellt sie die Plattform zur Verfügung, auf der Unternehmen ihre Projekte vorstellen können, sowie ein Netzwerk an potenziellen Investoren und hilft bei der Aufstellung des Projektes und der technischen Abwicklung des Crowdinvestings.

Holler und Plötz wollen insgesamt 250.000 Euro an Kapital einsammeln. Der noch fehlende Restbetrag soll im Laufe des Jahres dazukommen. Die beiden Firmenchefs sind aber optimistisch, dass es klappt.

Was ist Crowdfunding überhaupt

Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern "crowd" (Schar oder Schwarm) und "invest" (investieren) zusammen. Bei Online-Portalen wie Deutsche-Mikroinvest.de können Firmen ihre Geschäftsidee mit Texten, Bildern oder auch Videos präsentieren, um viele Investoren von der eigenen Firma zu überzeugen und so die benötigte Finanzierungssumme einzusammeln. Es gibt verschiedene Varianten:
Auf Gegenleistungen basierende Finanzierungen (Crowdfunding): Das Unternehmen erhält Geld von Investoren und bietet dafür eine Gegenleistung in Form eines ideellen Dankeschöns oder limitierten Produkts. Ein Konditor kann zum Beispiel auch einen Tortenkurs für die Geldgeber durchführen. Anbieter dieser Variante sind etwa das Leipziger Unternehmen VisionBakery und Startnext. Sie richten sich vor allem an Künstler und Kreative, VisionBakery ist aber auch offen für Handwerksunternehmen.
Auf Krediten oder Eigenkapital basierende Finanzierungen (Crowdinvesting): Hier erfolgt die Finanzierung beispielsweise über ein so genanntes Nachrangdarlehen oder über stille Beteiligungen, Genussrechte oder Aktien. Anbieter sind neben der Deutschen Mikroinvest die Unternehmen Bankless24 oder Bergfürst. Die Plattformen Companisto und Seedmatch richten sich, im Gegensatz zu den zuvor genannten Anbietern, vor allem an innovative junge Startups. Einen Überblick über die verschiedenen Plattformen bietet die Website von Startnext.

Interview mit Knut Haake 

Über die Plattform Deutsche-Mikroinvest.de können Unternehmen bei einer Vielzahl von Investoren Kapital einsammeln. Geschäftsführer Knut Haake erklärt im Interview, wie Handwerksunternehmen Geldgeber finden können und worauf es dabei ankommt.
DHB: Was ist das Konzept von DMI Deutsche Mikroinvest?
Haake: Wir bringen Unternehmen, die Kapital suchen, mit Investoren zusammen. Bei uns kann fast jeder Unternehmer, der ein gutes Konzept hat, sein Projekt und seine Geschäftsidee auf unserer Online-Plattform darstellen. Wichtig ist, dass er damit überzeugt.

DHB: Eignet sich Crowdinvesting auch für Handwerksunternehmen?
Haake: Gerade der Bereich Handwerk und lokale Aktivitäten ist etwas, wo wir hin wollen. Wir sind nicht die Plattform, die sagt, dass die Projekte alle High-Sophisticated sein müssen. Unser Ansatz ist: Es darf und sollte jedes mittelständische Unternehmen auf die Plattform. Handwerksunternehmen sollten dabei vor allem auch in ihrer Region nach Investoren suchen, zum Beispiel bei den eigenen Kunden. Wir haben schon Fälle von Unternehmern gehabt, die 200.000 Euro an Kapitel gebraucht haben – und das dann von ihren Kunden bekommen haben.
Man sollte seine Kunden ansprechen, und zum Beispiel einen Flyer drucken lassen, in dem steht: Ich biete dir fünf Prozent Zinsen, wenn du dein Geld für fünf Jahre bei mir anlegst. Das ist nicht so schwer. Aber man muss eben diese Hürde nehmen, auf Investoren zugehen. Das Entscheidende ist die Kommunikation, das muss man ganz klar sagen. Und Transparenz: Damit die Anleger überzeugt werden können, sollte sich das Unternehmen im Detail mit Produkten, Dienstleistungen, Geschäftszahlen und überzeugenden Gründen für die Investition auf der Plattform präsentieren. Damit schafft es Transparenz für den Anleger und Vertrauen.

DHB: Welche Laufzeit hat eine Finanzierung über Crowdinvesting?
Haake: Die Laufzeit liegt in der Regel bei mindestens fünf Jahren, im Schnitt sind es acht Jahre.

DHB: Ab welcher Summe macht es Sinn, ein Projekt über die Online-Plattform zu starten?
Haake: Man muss natürlich sehen: Die Grundkosten sind da, wie zum Beispiel für die Aufstellgebühr und für die Erstellung des Beteiligungs- oder Kreditvertrags. Man kann natürlich mit einem kleinen Projekt starten, zum Beispiel mit 20.000 Euro. Das geht absolut. Aber es muss im Verhältnis zu den Grundkosten stehen.

DHB: Gibt es eine Höchstgrenze für die Finanzierung?
Haake: Grundsätzlich nein. Über Crowdinvesting können inzwischen durchaus auch Finanzierungen im siebenstelligen Bereich gestemmt werden. Auch eine Art Daueremission wird bei uns in naher Zukunft zum Tagesgeschäft gehören. Soll heißen: Bei einer größeren Emission werden laufend Investoren aufgenommen. Dadurch erhält das Unternehmen ständig Liquidität und kann bestenfalls auch deutliche Umsatzsteigerungen durch die öffentliche Präsenz verzeichnen.

Was es bei Crowdfunding beachtet werden muss

Das Leipziger Unternehmen VisionBakery bietet Crowdfunding auf Basis von Gegenleistungen für das eingesammelte Kapital an. Doch wie funktioniert das – und was müssen Unternehmen dabei beachten?

Das Prinzip ist einfach: Investoren, die die Geschäftsidee eines Unternehmens gut finden, geben dem Unternehmen Kapital. Dieses Kapital muss die Firma aber nicht zurückzahlen, sondern sie bietet stattdessen Produkte oder Dienstleistungen an. "Was das Unternehmen genau bietet, ist sehr flexibel", sagt Stephan Popp, Geschäftsführer der Online-Plattform VisionBakery. "Man sollte dabei aber kreativ sein. Sehr gut funktionieren Dinge, die man nicht im Laden kaufen kann. Als Bäcker kann man zum Beispiel einen Back-Workshop anbieten."

Damit das Projekt genügend Unterstützer findet und die angestrebte Kapitalsumme am Ende zusammenkommt, bedarf es guter Planung und viel Engagement. "Das Projekt muss gut vorbereitet und ausgearbeitet werden", sagt Popp. "Crowdfunding ist Arbeit, eine sehr intensive Arbeit. Für die Projektlaufzeit braucht es eine intensive Begleitung durch den Projektinitiator. Man muss über soziale Medien kommunizieren, man muss seine eigenen Netzwerke ansprechen. Bekannte sollten die Idee weitertragen in ihre Netzwerke, damit die Zielgruppe extrem groß wird."

"Nichts ist besser als persönliche Werbung"

Das bringt Unternehmen aber auch große Vorteile: "Ganz viele, die das Projekt unterstützen, fühlen sich auch emotional involviert. Und sagen danach ganz stolz als Multiplikatoren: ‚Ich habe dazu beigetragen, dass das Produkt produziert werden konnte. Ohne meine Hilfe hätte das nie erfolgen können." Und erzählen wiederum Freunden und Bekannten davon: "Und nichts ist besser als persönliche Werbung.", sagt Popp.

Maximal 55 Tage hat ein Unternehmen bei VisionBakery Zeit, seine Geschäftsidee auf der Website zu präsentieren und Kapital einzusammeln. "Wenn innerhalb dieser Zeit mindestens 100 Prozent der Projektsumme zusammenkommt, ist das Projekt erfolgreich finanziert. Das bedeutet: Das Kapital wird an das Unternehmen ausgezahlt." Und falls nicht? "Bei uns gilt das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Dann transferiert das System automatisch alle Beträge wieder komplett an die Kapitalgeber zurück."

Für das Unternehmen bedeutet das: Es erhält kein Kapital, muss aber auch nichts bezahlen. "Wenn das Projekt nicht erfolgreich ist, entstehen keine Kosten für die Firma." Im Erfolgsfall verlangt Vision Bakery eine Provision von zehn Prozent sowie Transaktionskosten von 1,9 Prozent von der Projektsumme. "Wir schlagen diese auf die angestrebte Projektsumme auf und ziehen sie als Gebühr ab, wenn das Projekt erfolgreich finanziert wurde." Dafür erhalten Unternehmen aber auch Hilfe und Beratung bei der Umsetzung und Präsentation auf der Website von VisionBakery.

Text: / handwerksblatt.de